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In der fernen Heimat regierte der Barbarossa-Sohn Heinrich VI.  Er war das Gegenteil seines Vaters: dunkel, klein und unscheinbar. Auch ohne Charisma, vielmehr herrisch, heimtückisch und grausam, aber mit staatsmännischem Intellekt. Er war mit Konstanze, der Erbin des unteritalienisch-sizilischen Normannenreiches verheiratet.


Als Heinrich der Löwe vom Tod Barbarossas hörte, kam er unter Bruch seines Eides aus der Verbannung zurück. Der Reichskrieg gegen den permanenten Gewalttäter kam aber nicht recht in Gang, denn Ende 1189 starb König Wilhelm von Sizilien kinderlos. Waren Erbaussichten der Kaisergemahlin Konstanze bei der Hochzeit kaum wahrscheinlich gewesen, so boten sich jetzt für Heinrich VI. und sein Reich epochale Möglichkeiten. Es winkte eine Herrschaftserweiterung um ein reiches, gut verwaltetes, strategisch wichtiges Gebiet. Mit diesem Besitz würde der König ein starkes Übergewicht über die deutschen Fürsten und die anderen europäischen Könige bekommen. Und den Papst würde er von beiden Seiten in die Zange nehmen können.


Um das zu verhindern, ließ er den Halbbruder Wilhelms von Sizilien, Tankred von Lecce, zum sizilischen König krönen. Heinrich wurde zwar zum Kaiser gekrönt, doch sein Griff nach Sizilien misslang fürs erste. In Norddeutschland bildete sich eine Fürstenopposition. Sie nahm Kontakt zu den Welfen auf, hatte Rückhalt beim Papst, bei Sizilien und England. Die Kaiserpartei war auf seinen Bruder, den Herzog von Schwaben, und auf Herzog Leopold von Österreich zusammengeschmolzen. Allein die Reichsministerialen standen treu zu Heinrich. Der in sich widersprüchliche Stand - persönlich unfrei, aber mit adeligen Tätigkeitsmerkmalen - trat jetzt als Machtfaktor auf. Sie waren auch die Bannerträger der staufisch-deutschen Sache in Italien. Ein Prototyp ist Markward von Annweiler aus dem Städtchen, das den Zugang zur Reichsburg Trifels sicherte: Erzieher Heinrichs VI., Reichstruchsess, kaiserlicher Diplomat und Feldherr, Graf der Abruzzen und von Molise, schließlich sogar Herzog der Romagna und von Ravenna sowie Reichsregent in Sizilien. Ein anderer war Heinrich von Kalden oder Kalentin - später nannte sich die Familie Pappenheim - klug, aber jähzornig: “   ein stolzer Mann, denn er hatte den König erzogen.” Er führte eine Gesandtschaft nach Konstantinopel, organisierte den Kreuzzug von 1188, kämpfte in Palästina, eroberte Syrakus und Palermo. Dort eroberte er den Normannenschatz, die Ansammlung des Raubgutes von den Mittelmeerküsten, der mit 160 Packpferden weggeschafft wurde. Der erbeutete seidene Krönungsmantel der Normannen wurde Krönungsmantel der Kaiser.


Jetzt aber schien die Stellung des Kaisers kaum mehr haltbar. Da rettete ihn ein Zufall: Richard Löwenherz , der König von England, fiel in seine Hand. Als Herzog der Normandie und Herr großer Teile Frankreichs war er auch Lehensmann des Königs von Frankreich. Die Feindschaft der beiden eskalierte, als Philipp August von Frankreich nach seiner Normandie griff. Der Kaiser erklärte Richard zum Reichsfeind nicht nur, weil Löwenherz die welfische Verwandtschaft stützte, sondern auch, weil er der Verbündete des sizilischen Königs war, der dem Kaiser das Erbe seiner Frau weggenommen hatte. Der Kaiser und der mit ihm verbündete französische König vereinbarten die Gefangennahme des vom Kreuzzug heimkehrenden Engländers. Richard landete am nördlichsten Punkt der Adria, in oder bei Aquileja und zog, als Mönch verkleidet, nach Norden.


Der mehr als stolze König kam nur bis Erding bei Wien. Dort fiel sein Knecht beim Einkaufen mit den wertvollen Goldsolidi auf. Im Flur des Hauses Erdbergerstraße 41, im 3. Bezirk, kündet eine Tafel davon: “An dieser Stelle stand das Jägerhaus (Rüdenhaus), in welchem im Jahre 1192 Richard I., König von England, durch Leopold von Österreich gefangengenommen und nach Schloss Dürnstein an der Donau gebracht wurde.” Die neue Burg war für den prominenten Gefangenen repräsentativ genug. Im Frühjahr kam er in kaiserliche Haft auf den Trifels in der Pfalz, in die Haupt-Reichsburg, die mit den Burgen Münz und Anebos ein so sicheres Festungsdreieck bildete, dass sie für die Reichskleinodien und bald auch für den Normannenschatz gut war, den Heinrich hierher bringen lassen wird.


Richards Feinde zahlten dem Kaiser erhebliche Summen, damit er den Engländer noch lange gefangen hielte. Der musste fürchten, an seinen französischen Todfeind ausgeliefert zu werden. So konnte ihm der Kaiser ein gewaltiges Lösegeld abpressen: 150.000 “Kölner Mark Silbers”. Das waren mehr als 35.000 Kilogramm Silber, heute nur etwa 5 Millionen Euro wert, damals das Fünffache der Jahreseinnahmen seines Königreiches. Zum Vergleich: Im Reich zahlte Frankfurt mit 280 Mark die höchsten Steuern. Dafür presste man den englischen Untertanen aberwitzige Steuern ab. Jeder Sarg, jedes Grab wurde besteuert, Kirchenschätze eingeschmolzen, die Zisterzienser mussten den Jahres-Ertrag der Schafschur abliefern. Klar, dass die Deutschen in England eine schlechte Presse hatten: “O ungeschlachtes Land, o rohes Volk! Immer hast Du Männer geboren mit großen Körpern, aber kleinen Tugenden ...”


Der Kaiser finanzierte mit seiner Hälfte die bevorstehende Sizilien-Eroberung. Österreich hatte seine erste Gründerzeit, denn der Herzog gründete mit seinem Drittel Wiener Neustadt und andere Städte, befestigte Hainburg und Enns und verstärkte die Befestigungen seiner Residenz Wien. Damals wurde auch das Kirchlein Sankt Stephan in die Stadtmauern einbezogen.


Löwenherz kam erst frei, nachdem er sein England vom Kaiser als Lehen genommen hatte, also formal Vasall des Kaisers geworden war. Dass der ihn laufen ließ, machte den Franzosenkönig sauer, weil Richard für ihn eine ständige Bedrohung war. Solange sich aber die beiden gegenseitig schwächten, war Kaiser Heinrich stark. Um den französischen Philipp zu besänftigen, wollte der Kaiser seine Base, die Erbtochter des Pfalzgrafen bei Rhein, mit ihm verheiraten. Beinahe hätte schon damals Frankreich die Grenze am Rhein erreicht. Doch die Liebe rettete Deutschlands Strom davor, Deutschlands Grenze zu werden: Heinrich „der Lange“ von Braunschweig, ein Sohn des Löwen, soll 1194 im rheinumspülten Pfalzgrafenstein bei Kaub Agnes und die Pfalz gewonnen haben.  Fortan sollten ihn die Pfalzgräfinnen bewohnen müssen, wenn sie sich in anderen Umständen befanden - “als das Reich”, ergänzte ein Spötter, “nämlich in gesegneten”.


Jetzt gelang Kaiser Heinrich die Eroberung von Sizilien und Unteritalien. Der Schwerpunkt der Kaisermacht verlagerte sich nach Süditalien, denn es war reich, Deutschland noch hinterwäldlerisch. Um es zu beherrschen, setzte Heinrich seine schwäbischen und fränkischen Ministerialen ins Land. Er vergab die Mark Ancona und das Herzogtum Romagna an Markward von Annweiler, die Toskana an seinen Bruder Philipp. Als die einheimischen Großen revoltierten, machte der Henker Überstunden. Die Familie Tankreds, des vom Papst gegen Heinrich eingesetzten Königs, wurde deportiert, der Thronanwärter entmannt und geblendet. Er verdämmerte sein junges Leben auf Burg Hohenems am jungen Rhein.


Was die Karolinger und die Ottonen trotz großer Anstrengungen nicht geschafft hatten, war Heinrich VI. gelungen: die Vereinigung Italiens mit Deutschland. Macht fasziniert: Der Kalif von Tunis und Tripolis zahlte Tribut, das goldene Byzanz versprach eine jährliche “Alemannensteuer” von 16 Zentnern Gold. Die Könige von Zypern und von  Kilikien  nahmen ihre Reiche vom Kaiser als Lehen! Zur Herrschaft über die damalige Welt fehlte nur noch Jerusalem. Nicht nur wegen der heiligen Stätten war Kaiser Rotbart ins Heilige Land gezogen. Noch weniger nahm nun der Sohn deswegen das Kreuz. Es war vielmehr der Glaube, dass der, der in Jerusalem einzieht, der „Endkaiser“ sei, der die Menschheit ins Paradies führen würde.

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