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Fünftausend Kilometer östlich der Länder, von denen das Abendland wusste, hatte Dschingis-Khan das größte Reich der Erde geschaffen. Er wurde nicht nur zum größten Eroberer, weil er der größte Völkerschlächter war, sondern weil beides durch seine Kriegstaktik möglich wurde: Unheimlich große Reitermassen “operierten” blitzschnell nach präziser Planung und vorheriger Ausspähung des Gegners. Die Armeen marschierten getrennt und schlugen vereint. Das Entsetzen, das die Völker bei ihrem Nahen befiel, gehörte zur psychologischen Kriegführung. “Tataren”  nannte man sie. Schauer-Nachrichten heißen seitdem Tataren-Botschaften. 1236 traten 150.000 Mann unter “Feldmarschall” Batu zur Eroberung Europas an. Sein dicker „Generalstabschef” Subutai, der auf einem Streitwagen gefahren werden musste, hatte dafür achtzehn Jahre vorgesehen. Im Handstreich vernichteten die Mongolen Kiew, die wichtigste Stadt Südrusslands, schlugen drei polnische Heere, äscherten Ende März 1241 Krakau und wenig später Breslau ein und standen am 8. April vor Liegnitz in Niederschlesien. Der Piastenherzog Heinrich II., der Sohn der heiligen Hedwig, hatte sogar Bergknappen aus Goldberg aufgeboten. Er verließ die Stadt, weil er sein Heer mit dem seines Schwagers, des Königs von Böhmen, vereinigen wollte. Kurz darauf existierte es nicht mehr. Die Mongolen schnitten jedem Toten ein Ohr ab - Liegnitz, die “Tausendohrenschlacht”. Zwei Tage danach wird das Heer des Ungarnkönigs Bela vernichtet. Am 11. April hat eine Armee die deutschen Kolonisten Siebenbürgens geschlagen. Von Litauen bis zur Walachei gehört ganz Osteuropa den Mongolen - in einem einzigen Monat erobert und verwüstet.


Jetzt würde die Entscheidungsschlacht kommen, nach der die Eingliederung Mitteleuropas in das Reich des Großkhans anstand. Aufklärungsabteilungen schweiften auch schon um Wien. Doch die Heere des Reichsverwesers Konrad, des Böhmenkönigs Wenzel und des österreichischen Herzogs hatten umsonst gezittert. Die Mongolen waren verschwunden. Eilkuriere hatten gemeldet, der Kha-Khan Ogudai - ebenfalls ein Kaiser mit Weltherrschaftsanspruch, denn der Titel bedeutete Herrscher über andere Herrscher - sei im fernen Karakorum gestorben und das Heer habe zurückzukehren, um einen neuen Kha-Khan zu wählen.


Kaiser Friedrich wusste von alledem nichts. Sein Heer kämpfte in der Lombardei. Erst in letzter Minute hatte er ganze 4.000 Ritter und das dazugehörige Fußvolk geschickt. Er kam sich sehr witzig vor, als er dem Großkhan schrieb, dass er sich natürlich nicht unterwerfen könne, doch wenn er einen Rat in Sachen Falkenjagd brauche, könne er auf ihn zukommen. Darin war Friedrich tatsächlich Experte. Sein Buch “Über die Kunst mit Vögeln zu jagen” ist bis heute immer wieder aufgelegt worden.
Der Gedanke an die drohende Entscheidungsschlacht vor Wien stimmt nachdenklich. Sicher ist, dass uns nicht nur die Mongolenfalte  einen anderen Blickwinkel aufgezwungen haben würde. Nur der Zufall - nämlich der zeitgerechte Tod des Großkhans - ersparte uns diese Art Mongolismus.


Im Vergleich dazu sind die anderen Vorkommnisse in Europa nachrangig. Für Friedrich II. hatte der Ausbau seines Königreiches Sizilien und die Rückgewinnung aller Reichsrechte und Reichsgebiete in Italien Priorität. Das ging vor allem gegen die Lombardei. Die Städte erneuerten auch prompt ihren Bund. Für Rom steigerte sich die neuerliche kaiserliche Umklammerung zur Überlebensfrage. Um den Papst zu beruhigen, hatte ihm der Kaiser einen Kreuzzug versprochen. Sicher war ihm auch selbst daran gelegen, Jerusalem an sich zu bringen. Der Besitz der heiligen Stätten galt nämlich als Vollendung der Weltherrschaft. Der “Endkaiser”, der in Jerusalem einreiten würde, würde Orient und Okzident vereinen und die Welt in das Paradies führen. Auch wenn er daran nicht geglaubt hat, war er sich des ideologischen Wertes bewusst, den ihm Jerusalem bringen würde. Die Krone des Königreiches Jerusalem hatte er sich bereits gesichert, er hatte die Erbin geheiratet. Zwei Jahre danach ging das Heer von Brindisi aus in See. Der Kaiser erkrankte jedoch und musste zurück. Das lieferte dem Papst den Vorwand, ihn wegen Bruchs seines Kreuzzugsgelübdes zu bannen. Ein Jahr später fuhr Friedrich seinem Heer nach, obwohl ein Gebannter einen Kreuzzug gar nicht unternehmen durfte. Er ließ einen Papst zurück, der vor Wut kochte, eine Lombardei, in der es brodelte, und sein Sizilien, in dem es wieder kriselte.


Der Erfolg des Kreuzzuges war ein Lehrstück in Kabinettspolitik. Der Kaiser sprach arabisch, er konnte es auch mit dem Sultan. Der überließ ihm die heiligen Stätten und Bethlehem mit einem Korridor zur Küste auf zehn Jahre. Ohne einen einzigen Toten hatte der Kaiser einen größeren Erfolg erzielt, als ihn ein kriegerischer Kreuzzug hätte bringen können - “Staufertrick, Stauferglück”. Seinen muslimischen Verhandlungspartnern verdanken wir eine realistische Beschreibung des Kaisers: Glatzköpfig und kurzsichtig. “Auf dem Sklavenmarkt wäre er keine zwanzig Dirham  wert gewesen.”


Da er als Gebannter weder Gottesdienste besuchen noch gekrönt werden konnte, setzte er sich die Krone von Jerusalem selbst auf. Als er zur Einschiffung reitet, verfolgt ihn der vom Hass des Papstes vergiftete Pöbel. Die Metzger werfen ihm stinkende Gedärme nach. Zu Hause hatte der Papst verbreiten lassen, er sei tot. Die von ihm Abgefallenen traf seine Rache. Er wird zum Despoten, der niemandem mehr traut. Der Kampf mit Papst und Lombarden geht weiter. In seiner einzigen großen Feldschlacht kann er zwar das Lombardenheer vernichten, doch sie bringt keine Entscheidung.


Als der Papst ein Konzil abhalten will, fängt Friedrich die Flotte mit Kardinälen und Bischöfen ab. Von ihren Besatzungen und Dienern wird die Hälfte ersäuft, die andere in die Sklaverei verkauft. Die Beute verwetten die Matrosen, indem sie ihre Läuse um die Wette laufen lassen. Zur nächsten Papstwahl sperrte der Kaiser die Kardinäle ein. Durch die Dielenspalten der darüberliegenden Wachstube pinkelten die Soldaten auf das Konklave. Das Ergebnis war danach: ein Uraltgreis, der nach sieben Tagen starb.


Der nächste Papst, Innozenz IV., ein Graf von Fiesco, führt den Kampf fort. Er weicht nach Lyon aus, spricht die Absetzung des Kaisers aus und wirbt mit 250.000 Mark Silber für die Wahl eines neuen. Die Propaganda Friedrichs hält mit messianischem Pathos dagegen, doch in Veitshöchheim bei Würzburg wird der Landgraf Heinrich Raspe von Thüringen zum Gegenkönig gegen Friedrichs Sohn Konrad gewählt. Er stirbt bald. Nach Ihm wird der Graf von Holland gewählt.


Langsam spricht es sich in Deutschland herum, dass der Kaiser im fernen Apulien gestorben ist - wohl ebenfalls mit Arsenik vergiftet, da er zuvor “an einer Art von Bauchfluss” litt. - Gift, meist Arsenik, war schon früher ein Mittel der Politik gewesen. Das bleibt so bis ins Barock, als man beispielsweise in Frankreich überlegt, ob man nicht durch Vergiftung des Prinzen Eugen Kriegskosten sparen könne.


Schon lange war der Kaiser den Blicken der Deutschen entschwunden und mit ihm jene Kaiserherrlichkeit, deren Abglanz das Rittertum war. Man glaubte, dass sich der große Federico nach langer und schwerer Regierung nur zu einem Nickerchen in den Ätna auf Sizilien zurückgezogen habe. Je länger die deutsche Misere anhielt, umso größer wurde die Hoffnung auf die Wiederkehr einstiger Größe. Da die Deutschen nur den Großvater Rotbart gekannt hatten, vermengten sich die Erinnerungen. Da auch er im fernen Land begraben lag, nahmen sie ihn in der Sage in ihre Mitte und wiesen ihm den Kyffhäuser nahe dem thüringischen Frankenhausen als Schlafplatz zu.

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