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Eineinhalb Jahrzehnte nach Friedrich II. Tod waren die Deutschen in seinem sizilischen Reich ausgerottet. Sie waren eben Landfremde gewesen, die sich verhasst gemacht hatten. Der Papst hatte das Königreich dem Bruder des französischen Königs, Karl von Anjou, übergeben. Bei Benevent verteidigte Friedrichs unehelicher Sohn Manfred sein Erbe. Er verlor Schlacht und Leben. Über die Söhne Manfreds verfügte der Papst: “Sie mögen leben ..., um im Gefängnis zu sterben.”


Der Sohn des deutschen Königs Konrad versuchte sein Erbe dem Anjou zu entreißen. Er verpfändete deutsche Besitzungen, um ein Heer zusammenzubekommen. Von der Meersburg am Bodensee ritt er mit seinem Freund Friedrich, Herzog von Österreich, Markgraf von Baden, nach Italien “wie zur Metzgerbank”. Bei Tagliacozzo in den Abruzzen schlug ihn der französische Rivale und bessere Taktiker. Nach Kerkerhaft und einem Scheinprozess wurde Konradin - Corradino, wie ihn die Italiener nannten - auf dem Marktplatz von Neapel geköpft. Zuvor soll er seinen Handschuh zum Zeichen seines Besitzanspruches in die Menge geworfen haben. Man habe ihn später Peter von Aragon, einem Verwandten, überbracht, der die Franzosen vertrieb und so die Staufer rächte. Das “Stauferglück” war gescheitert, mit ihm das Imperium der Deutschen.


Die “kaiserlose, die schreckliche Zeit”, das “Interregnum” , begann. Die Zeit war jedoch kaum schrecklicher als die vorherige und Könige gab es auch - wenn auch fremde. Aber die Deutschen hatten keine zentrale Repräsentanz mehr.


Noch bevor Kaiser Friedrich II. 1250 im Kirchenbann gestorben war, hatten die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier den Landgrafen Heinrich Raspe von Thüringen zum König gewählt. Wilhelm von Holland, der ihm schon nach einem Jahr folgte, brauchte mehrere Jahre, bis ihn die Königswähler anerkannten. Aber auch Stauferanhänger und ein Landfriedensbund von 70 Städten, den drei rheinischen Erzbischöfen und vier Bischöfen unterstützten ihn dann. Während Wilhelm nur die Ausdehnung seiner Herrschaft über die Friesen betrieb, sorgte dieser Bund dafür, dass das Reich sicherer wurde. Nach seinem Tod kam es zur Doppelwahl. Gewählt wurden Richard von Cornwall und Alfons von Kastilien. Ihren Wählern waren sie als Könige ebenso recht wie Welfen oder Staufer. Beide waren Staufer-Verwandte. Richard, der Bruder des englischen Königs Heinrich III., war der Schwager Kaiser Friedrichs, Alfons der Enkel Philipps von Schwaben. Alfons wurde nie gekrönt und kam nie ins Reich. Nach Richards Tod erinnerte man sich seiner nicht einmal mehr. Richard, der für seine Wahl viel Geld ausgegeben hatte, hat von seinen 15 Königsjahren immerhin fast ein Drittel in Deutschland verbracht. Um die staufische Hinterlassenschaft, die als Reichsgut gelten konnte, hat er sich allerdings nicht gekümmert; die süddeutschen Großen konnten es sich ungestört aneignen.


Das französische Königtum hatte sich gefestigt. Anders als in Deutschland, versuchte der Franzosenkönig die großen Lehensherrschaften zu kassieren. Er riss auch Stück um Stück aus der westlichen Flanke des Reiches. Zuerst ging die Provence verloren, Burgund und Niederlothringen folgten. Einzelne Herrschaften wurden besetzt, durch neue Annexionen miteinander verbunden und behauptet, dass dieses Gebiet schon immer zum französischen Königreich gehört habe. Der französische Machtblock wurde gestützt durch das französische Unteritalien, wo ebenso vorgegangen wurde. Bald sah der Papst, dass der Anjou die staufische Politik fortsetzte und er noch stärker unter Druck geriet.
Deutschland - das war unter den Staufern zunächst ihr Herzogtum Schwaben gewesen, das weit in die Schweiz hineinreichte. Dieser Kraftkern hatte im Südwesten dominiert. Der herrenlose Besitz löste sich nun auf. Die einheimischen, bisher dem Herzog lehenspflichtigen Herren von Württemberg, Baden, Hohenlohe, Leiningen, Rechberg, Kyburg, Habsburg und so weiter, nahmen sich Land, Städte und Burgen. Auch die Bischöfe von Konstanz und Basel, Worms und Speyer, wie auch die Äbte, etwa die von Murbach und St. Gallen, machten es ebenso. Unablässige Fehden waren die Folge. Die Zeche zahlte der wehrlose Bauer.


Das Schwergewicht des Reiches verlagerte sich dadurch nach Südosten. Bereits Friedrich II. hatte nach diesem Raum greifen wollen, als Friedrich “der Streitbare”, Herzog von Österreich und der Steiermark, Herr von Krain, im Kampf gegen die Ungarn fiel. Da ihm die Liebe zu Knaben mehr zusagte als die zu seinen Gattinnen, war er der letzte Babenberger. Kaiser Friedrich wollte aus diesem Länderkomplex ein erbliches Königreich machen. 1245 war in Verona schon die Urkunde dafür aufgesetzt. Doch die Erbin weigerte sich, den ältlichen, dazu gebannten Staufer zu ehelichen.


Zur politischen Potenz kam die geistige: Der “wunneclîche hof ze Wiene”  ließ Walther von der Vogelweide schwärmen, und  der Tannhäuser berichtet, dass zweimal wöchentlich baden, schöne Frauen, guter Wein und Leckerbissen ihn ums Geld brächten. Walther hatte dort, wo auch jetzt noch der “Hof” ist, “unfuoge” gemacht. Der Herzog schmiss ihn hinaus. Nun spürte er “den hornunc an die zêhen”. Denn er hatte nicht einmal etwas Wärmendes. Doch der Bischof von Passau, zu dessen Diözese Österreich gehörte, schenkte “dem Sänger Walther von der Vogelweide bei Zeiselmauer fünf baierische Schillinge” für den Kauf eines Pelzmantels. Die Gabe an den landstreichenden Genius wurde dem Bischof vergolten durch seinen Kaplan Kuonrât. In seinem Nibelungenlied, das das Rittertum verherrlicht und wie die Stauferzeit mit Sturzbächen von Blut und sippenauslöschendem Totschlag endet, hat vermutlich er beide verewigt.


Jetzt wurde die Frau “hoffähig”. Sofort begann jener platonische Dauerflirt, der Minnedienst hieß. Zum Lehensherrn kommt für den Ritter die Dame seines Herzens oder seiner Einbildung. Ein halbes Jahrhundert später ist schon die Dekadenz da. Eine Narretei für viele: Um seiner Angebeteten zu gefallen, vermummte sich der Landrichter und Landmarschall - heute wäre er Ministerpräsident - und Truchsess der Steiermark, Ulrich von Liechtenstein, als Frau Venus und ging auf eine große Reise. Er hackte sich einen Finger ab und schickte ihn seiner Herzensdame. Wir wissen dies nur, weil er schreiben konnte. Die Mehrzahl der Ritter konnte es nicht. Auch das Lesenkönnen war so rar, dass es der zeitgenössische Arme Heinrich  eigens preist. Sie konnten nur draufschlagen und um Damen “turnieren”. Dem Sieger gehörten Ross und Rüstung. Da ein Ritter meist sonst keinen Besitz hatte, galt solche Beute jedoch als unritterlich.


Die Klasse der gepanzerten Reitersoldaten grenzte sich scharf nach unten ab. Aus waffentechnischen Gründen konnte der Ritter nicht mehr Bauer sein. Er wollte es auch nicht. Sein äußeres Kennzeichen war der Rittergürtel, sein soziologisches Kennzeichen seine Turnierfähigkeit. Noch Goethes Adelsbrief von 1782 enthält das Recht, “mit recht geborenen lehens-turnier-genossen adeligen personen zu streiten, zu stürmen, zu turnieren...” Das Klassenbewusstsein brachte neue Verhaltensformen und Ehrbegriffe. Wenn auch der venezianische Brauch, mit einer Gabel zu essen, in deutschen Burgen unbekannt blieb, führte sich wenigstens das Tischtuch ein, an dem man sich die Finger abwischte. Die Umgangsformen der Höfe färbten ab zu “Höflichkeit”, “Courtoisie”. In dieser Verhaltenshülse steckte auch ein ethischer Kern. Es war die Pflicht des Höhergestellten zur Menschlichkeit. Leider war damit das Bewusstsein des Höhergestelltseins verbunden: “Die Beute schenkten wir dem Fußvolk, uns Rittern genügte Ruhm und Ehre.” Das abqualifizierte Fußvolk waren die überzähligen Kinder der unfreien Bauern des Ritters. Sie waren seine Knechte. Die freien Bauern und Bürger fühlten sich soziologisch übervorteilt. Die “Stände”  entfremdeten sich. Krieg war Adelssache, der Nicht-Adelige versuchte sich mit seinem Ohne-mich-Standpunkt herauszuhalten.


Den freien Bauern ging es meist leidlich. Vom 9. bis zum 13. Jahrhundert stieg der Bodenertrag um das Siebzehnfache. Mit der Dreifelderwirtschaft hatte die “Vergetreidung” zugenommen. Die bis etwa 1035 bezeugten Hungersnöte werden für zwei Jahrhunderte zurückgedrängt. Angebaut wird hauptsächlich Dinkel - anspruchsvoller als Roggen, aber weniger als der von Westen kommende Weizen. Bis zum 12. Jahrhundert hatte der Landmann nur für seine und seines Herrn Ernährung geackert. Er war auch Handwerker, der für sich baute, fertigte und reparierte.


Weil das Landleben nur Schinderei und Bedrückung durch den Grundherrn war, ging jeder, der konnte, in die Stadt, denn Stadtluft machte frei, wenn auch nicht ganz frei, da alles reglementiert war. Die Stadt bot höhere Lebens- und Gewinnsicherheit. Ihr Wachstum erzeugte Bedarf, beim Bauern den Anreiz, Überschüsse zu erwirtschaften. Für Handwerkeleien hatte er keine Zeit mehr, doch konnte er sich mit dem Verkaufsgewinn Handwerkserzeugnisse kaufen. Das förderte das städtische Handwerk. Die Spezialisierung setzte ein, damit auch die Konzentration des Wirtschaftslebens.


Größere Märkte waren die “Messen” in den großen Städten, die größte in Frankfurt. Das heutige “Bankfurt” wuchs zum “Kaufhaus der Deutschen” heran. “Des Reiches Straße” hieß damals die, die von hier durch die Wetterau nach Erfurt und Leipzig ging, das der größte Handelsplatz im Osten war. Der Handel wurde international. Man besuchte die noch berühmteren Messen in der Champagne und in Flandern. Die süddeutschen Städte handelten über die Alpen mit den oberitalienischen. Passau, Krems und Wien trieben Handel mit Ungarn und bis nach Byzanz. Der Handel brauchte Kapital und Kredit. Außer prominenten Ausnahmen durften nur die Juden Kredit geben. Da das Risiko hoch war, waren es auch die Zinsen. Manche Juden werden reich. Manche finanzieren ihren Fürsten und seine Kriege. Das macht sie unbeliebt. Ihre Andersartigkeit und die Intoleranz ihrer Umgebung führt zu einem beargwöhnten Nebeneinanderleben.


Der Aufstieg der Städte wurde vom Verfall obrigkeitlicher Macht begünstigt. Viele Städte konnten sich aus ihren herrschaftlichen Bindungen lösen. Die Einwohnerschaft war sozial abgestuft. Alle waren zwar persönlich frei, aber Vollbürger war nur, wer Besitz hatte, alle anderen nur Einwohner. Der Adel der Stadt waren die vermögenden Besitzbürger, die Patrizier. Sie wollten allein den Rat und den Bürgermeister stellen. Die Zünfte, Berufsgemeinschaften der Handwerker, die meist auch Sozial-, Wohn- und Kampfgemeinschaften waren, kämpften um die Stadtregierung, zumindest um die Beteiligung daran. Auch bei den Zunftgenossen war die Ehre des einen die der anderen. Sie ähnelten den heutigen Gewerkschaften, doch war der Einfluss der Zunft auf das berufliche, aber auch auf das private Leben viel stärker. Die Zahl der Handwerksbetriebe war so begrenzt, dass jeder Gewinn machen konnte. Nur bei heißlaufender Konjunktur konnte sich ein nicht „zünftiger“ Handwerker einkaufen. Preis und Qualität der Waren wurden überwacht, günstige Einkaufsquellen für Rohstoffe waren den anderen Genossen bekanntzugeben. Die Ausbildung der Jugend und die Versorgung der Witwen und Waisen war geregelt. Man betete und feierte gemeinsam. Jede Zunft hatte das ihr zugewiesene Stück Stadtmauer zu verteidigen.


Verteidigung war oft nötig, denn der wachsende Reichtum der Städte weckte den Neid der Fürsten. Die Städte schlossen sich daher zusammen. So 1254 Mainz, Worms, Oppenheim und andere zum Rheinischen Städtebund. Er “einte” 70 Städte, der König erkannte ihn als Reichsorgan an. Doch die Interessen waren zu unterschiedlich für beständige Politik. Die Reichsstädte blieben dem König untertan, nur die Freien Städte waren selbständig wie die Reichsfürsten. Aber auch sie durften nur den Landfrieden und die Reichssteuern mitbestimmen, die Reichspolitik blieb Fürstensache. Die Stellung der Städte blieb nachrangig, weil sie zumeist auf das Fleckchen Erde innerhalb ihrer Mauern beschränkt blieben, während die italienischen Städte Flächenstaaten waren. Nur Nürnberg herrschte über 1.500 Quadratkilometer, Ulm zuletzt über fast 1.300. Rothenburg hatte ein Territorium von 400, Schwäbisch Hall besaß 330 Quadratkilometer mit drei Städten und 100 Dörfern. Die schweizerischen Reichsstädte Zürich und Bern waren größer. Das Berner Staatsgebiet erreichte um 1600 rund ein Drittel der Fläche der heutigen Schweiz. Daraus folgte, dass der deutsche Bürger den Adel kopierte, selbst wenn er mehr Geld und Grips hatte. Die städtische Kultur war wenig mehr als ein Abklatsch adeliger Kultur und Lebensform.


Der Machtgewinn der Fürsten ging auch zu Lasten der kleinen Ritter. Für die großen Aufgaben des Reiches, vor allem für die Außenpolitik, wurden sie nicht mehr gebraucht, denn die Fürsten und Städte kämpften immer mehr mit Söldnern. Aus dem Ritter wurde oft der Raubritter, weil er sich auch von den “Pfeffersäcken”, den von ihm zu „Krämern“ herabgewürdigten Kaufleuten, materiell und gesellschaftlich überrundet sah. In ihrem Hass sperrten die Ritter Straßen, überfielen Kaufmannszüge, erpressten Lösegeld für Gefangene. Viele kassierten ungerechtfertigt Zoll. Das ließ sich die Kaufmannschaft nicht gefallen, denn die Wegegebühr zahlten sie ja schon an die großen Schnapphähne, denen dieses Recht verbrieft war, etwa dem Erzbischof von Mainz oder dem Grafen von Katzenellenbogen. Da es - besonders an der Hauptwasserstraße Deutschlands - um viel Geld ging, bewegten die Zölle manchmal sogar die große Politik: "König Ludwig der Bayer, der auch die Pfalz (gemeint ist der Pfalzgrafenstein im Rhein; H.D.) besaß, scheint sie zum Schutz des Rheinzolls, den er sich zu Kaub anmaßte, errichtet zu haben; wenigstens sagt die Bulle des Papstes, der ihn gebannt hatte, er habe einen sehr festen Turm auf einer Rheininsel bei Kaub erbaut, um seine verfluchten Auflagen und Erpressungen ungestört treiben und kräftiger schirmen zu können. Also nicht bloß Ritter, Dynasten und Kurfürsten beeinträchtigten die Freiheit des Stroms, auch der Kaiser gesellte sich zu den Räubern." Und sogar der Papst wollte parasitieren.


Die Zölle und die Unsicherheit der Straßen strangulierten den Handel. Zwischen Bingen und Koblenz etwa verlor zur Zeit Karls IV. ein Weinhändler mehr als die Hälfte des Warenwertes an Zoll. Von Mainz bis zur Rheinmündung gab es 27 Zollstellen. Die meisten von ihnen kassierten ungesetzlich.

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