1273 - 1431 1348

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Beerdigt wird  in diesem Jahr etwa jeder zweite Deutsche; in Bern an einem Tag sechzig, in Köln und Mainz je einhundert. 1348 war das Jahr der „großen Pest“. Gottesfürchtige sahen in ihr eine Strafe Gottes. Nichts half. Weder die Empfehlung der Pariser Sorbonne , sich nicht zu erregen und sich nicht dem Morgentau auszusetzen, noch das Aufstellen von Heiligenbildern oder das Abhalten von Prozessionen, auch nicht das Verbrennen von Juden. Einsichtigen war klar: „Wären die Juden arm und die Landesherren ihnen nichts schuldig gewesen, wären sie auch nicht verbrannt worden.“ Ihr Geld „war das Gift, das sie tötete."


Nicht selten kam die Pest auch wieder: In München nach 1349 noch 1356, 1380, 1396, 1412, 1420, 1430, 1439, 1463, 1517 und 1634, insgesamt mehr als zwanzig Mal. Erst 1680 wurde hier die letzte Pestepidemie registriert.


In den Städten hatte es infolge der größeren Infektionsmöglichkeiten und der erschreckenden hygienischen Verhältnisse einen stärkeren Bevölkerungsrückgang gegeben als auf dem Lande. Durch die Abnahme der Konsumenten fällt der Getreidepreis und damit der bäuerliche Lebensstandard. Für den Bauern kommt das Wort vom „armen Mann“ auf. Landflucht setzt ein. Bei den städtischen Gewerben sind die Löhne, stärker noch die Einkommen der Unternehmer, gestiegen. Die reich gewordenen Handwerksmeister treten nach unten – das Gesellenwandern der „Handwerksburschen“ kommt auf – und drücken nach oben – in die Ratsstuben. Vielerorts proben die Zunftmeister den Aufstand gegen den Stadtadel. Nicht zufällig wandert 1368 der Landweber Hans Fugger nach Augsburg ein. In der Stadt konnte man es zu etwas bringen, wenn man auf das Sozialniveau der “Haushäbigen”, der Hausbesitzer, kam. Ohne Haus war man ein einflussloser Niemand, ja sogar ein vielfach Abhängiger.


Zur Pest kam nach 1300 ein weiteres, zwar weniger spektakuläres, aber längerfristig ebenfalls wirkungsmächtiges Übel: eine Klimaverschlechterung. Hatte im 11. und 12. Jahrhundert die Erwärmung zu Bevölkerungswachstum, zu Rodungs- und Siedlungsaktivitäten geführt, so wurden im 14. und 15. Jahrhundert in der "Kleinen Eiszeit" die Winter kälter, die Sommer kühler und verregneter. Vielerorts reifte das Getreide nicht mehr aus. Hungersnöte verstärkten Epidemien, die ganze Landstriche verödeten. Die durchschnittliche Lebenserwartung sank um zehn Jahre.


Die Verelendung der Bauern schlug auf die adeligen Grundherren durch. Wie sein Bauer, verlor oft auch dessen Grundherr seine Selbständigkeit an den Landesherrn. Oft schlossen sich die Ritter in Bünden zusammen, um sich gegen Fürsten und Städte zu verteidigen. Karl betrieb deshalb eine Landfriedenspolitik, um diese Spannungen zu mindern.


In den Pestjahren kommt - da man die Sense erfunden hat - das Motiv vom Totentanz mit dem Sensenmann auf. Der Schauder des Ungewissen rief bei Vielen hektische Lebensgier hervor. Boccacios Decamerone  beschreibt dies. “Da hob die Welt zu leben an und fröhlich zu sein, und es machten die Männer neue Kleidung.” Statt des “Schlupfkleides” trug man jetzt die taillierte, vorn geknöpfte “Schecke”, wovon “Jacke” kommt. Man trug längere Beinlinge, die am Wams befestigt waren. Das Wams war für die nächsten dreihundert Jahre zugleich Hosenträger. Das machte schlank, das gotische Formempfinden machte Mode. Doch Kleidung war teuer: Die Witfrau von Heudorf verkaufte das Dorf Göggingen an der Ablach, weil sie ein Kleid und einen blauen Samtrock haben wollte. Die Farben waren festgelegt: Rot und Gold dem hohen Adel vorbehalten.

Im Pestjahr 1348, das jedoch sein Stammland Böhmen fast verlustlos überstand, gründete Karl IV. die erste Universität Deutschlands in seiner Hauptstadt Prag. Sie soll einem Mangel abhelfen in Böhmen und anderen dem Königreich benachbarten Gegenden und Ländern, sagt die Gründungsurkunde. Sie war also eine Universität für Mitteleuropa. Wie die schon bestehenden in Paris und Oberitalien, teilte auch sie ihre Magister und Scholaren nach den vier Himmelsrichtungen in vier Herkunftsbereiche - “Nationen“: Die böhmische mit den deutschen und tschechischen Landeskindern und den Ungarn; die bayerische mit Bayern, Österreichern, Tirolern, Schweizern, Schwaben, Franken, Kärntnern, Krainern, aber auch Hessen, Rheinländern, Westfalen und Reichsitalienern; die polnische mit Schlesiern, Polen, Preußen und Litauern, schließlich die sächsische mit Norddeutschen und Nordeuropäern. Karl hat nach dieser Universität in anderen Reichsteilen noch neun weitere gegründet - von Cividale 1353 bis zu Lucca 1369. Prag war jedoch nach Lage und Bedeutung sicher  d i e  Universität für das deutsche Königtum.


Karl IV. habe mit der Vergangenheit abgeschlossen, sagt man. Er habe darauf verzichtet, das alte Königtum/Kaisertum wiederherzustellen. Seine Reichsidee beruhte jedoch noch immer auf der Gewaltenteilung zwischen Kaiser und Papst. Und er hatte das gleiche Sendungsbewusstsein wie Ottonen, Salier und Staufer. Er war eher ein Konservativer, wenn auch ein konstruktiver. So hat er das Papsttum als geistige Macht anerkannt, aber geschmeidiger mit ihm verhandelt als viele Vorgänger. Er hatte es allerdings leichter, weil sich der Papst, den der französische König in Avignon festhielt, nach Rom absetzen wollte. Im “König der Römer” sah er den geeigneten Helfer. In Italien hatte Karl keineswegs auf die Reichsrechte verzichtet. Die Stadtherren haben ihn sogar um die Bestätigung der “alten Ordnung” gebeten. Sie zahlten gut dafür: Mailand 150.000 Gulden, Florenz 100.000 Gulden. Das war der Ersatz für jahrzehntelang ausgefallene Reichssteuern. Soviel bekam er von keiner deutschen Reichsstadt. Natürlich war ihm klar, dass seine Bestätigung von den Stadtherren dazu benutzt wurde, um ihr Regiment zu sichern. Aber die Rechte des Reiches waren wieder erneuert.


Er dachte nicht daran, Italien kraft seiner Macht und Autorität zu befrieden und zu einigen. Das hatte schon Dante von seinem Großvater gewollt, jetzt forderte es Petrarca. Dem vielgerühmten Dichter, Humanisten und Gesandten an seinem Hof  schrieb er: “Die alten Zeiten, die Du erwähnst, kannten die schwierigen Bedingungen der Gegenwart nicht. Freund, es ist nötig, mit den Lebenden über das Entschwundene nachzudenken.” Auch Cola di Rienzo, der römische Volkstribun, der versucht hatte, aus Rom eine Republik zu machen, wurde nach seinem Staatsstreich zwar in Prag aufgenommen, doch nicht mehr.


Auch Burgund gab Karl nicht ohne weiteres auf. Als letzter Kaiser hatte er sich zum burgundischen König krönen lassen. Über Savoyen und die Westschweiz herrschte Frankreich sowieso schon, deshalb übertrug er dem französischen Kronprinzen das Reichsvikariat. So war der Rechtsanspruch gewahrt und das Vordringen Frankreichs nach Italien bis zum 15. Jahrhundert gestoppt.

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