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Österreich hatte beim Papst die Anerkennung der Ehe der Gräfin Maultasch von Tirol mit dem wittelsbachischen Brandenburger durchgesetzt. Der einzige am Leben gebliebene Sohn aus dieser Ehe galt nun nicht mehr als Bastard. Seine Mutter schwor, dies den Österreichern nie zu vergessen. Der Sohn heiratete die Schwester Herzog Rudolfs von Österreich, und es wurde ein gegenseitiger Erbvertrag geschlossen. Kurz darauf holte sich der Neunzehnjährige eine Lungenentzündung. Die Aussicht auf die wichtige Erbschaft beflügelte Schwager Rudolf. Mitten im Winter mussten ihn Salzburger Bauern über die Birnlücke ins Ahrntal tragen. Tirol kam zu Österreich. Für die Habsburger war es als Brücke zwischen ihren westlichen und ihren östlichen Ländern von größtem Wert. Die so schwer geprüfte Landesmutter Margarete wurde nach Wien gebracht. Dort starb sie fast wie eine Gefangene.- Auch zwischen Böhmen und Österreich wurde ein gegenseitiger Erbvertrag geschlossen, und jede Seite hoffte, recht bald in den Besitz der Länder der anderen zu kommen.


Obwohl Kaiser Karl IV. schon eine ahnsehnliche Hausmacht hatte, ließ sein Bestreben zu ihrer Mehrung keineswegs nach. Da war zunächst der alte Familienbesitz Luxemburg. Dazu kamen die Herzogtümer Limburg und Brabant. Der größere und wichtigere Teil war Böhmen mit Mähren. In der Goldenen Bulle gab er ihm den ersten Platz unter den Fürstentümern. Das ehedem im Südwesten liegende Kraftfeld des Reiches hatte sich nach Böhmen verlagert. Darum gruppierten sich "die Länder der Böhmischen Krone”. Er kaufte viele Landinseln hinzu, vielleicht, um sich eine Landbrücke in sein Stammland Luxemburg zu schaffen. Doch als der Kauf der Mark Brandenburg winkte, musste er sich von der Hälfte dieses “Neuböhmen” trennen. Mehr noch als das Land, schien ihm dessen Kurstimme den Einsatz wert. Obendrein versprach der Besitz Brandenburgs die Anwartschaft auf die Königskronen von Polen und von Ungarn. Diese Aussichten waren atemberaubend.- Karl hatte die Territorien seiner Familie um zwei Drittel vergrößert, sie herrschte über ein Viertel des deutschen Reichsgebietes.


Durch seine Universitätsgründung hatte Karl Prag zur geistigen Mitte Europas gemacht. Dann machte er es zum “goldenen Prag”. Damit gab er auch dem Reich eine Metropole.

Das war neu. Bis dahin war das Königtum ein ambulantes Gewerbe gewesen. Jetzt ging das nicht mehr; der Verwaltungsapparat war schon zu groß. Die 182 kaiserlichen Sekretäre – Heinrich I. hatte anfangs nur einen einzigen - haben schließlich 7.500 Urkunden ausgefertigt. Karl machte seine Hauptstadt zur drittgrößten Europas nach Konstantinopel und Rom. Sie war um das Doppelte gewachsen. Er gründete die Prager Neustadt, ließ die Karlsbrücke über die Moldau bauen und auf dem Burgberg den Königspalast mit allem was dazugehörte, daneben den Veitsdom und den Sitz des Erzbischofs. Er hatte seine östlichen Länder vom Mainzer Erzstift gelöst und sie verselbständigt. Der fromme Mann und Reliquiensammler baute sich zum Beten und Meditieren einen Tagesritt von Prag entfernt die Burg Karlstein, in der er die Reichskleinodien deponierte. Schnell verbreitete sich der Ruf des königlichen Mäzenatentums. Die Prager “Malerzeche”, eine Künstlerkolonie, zog auch kunstschaffende Baumeister, Goldschmiede und Erzgießer an.


In der Kanzlei Karls wurden Urkunden schon auf Deutsch geschrieben. Deutsch war auch, neben Latein, die Amtssprache. Dieses Frühneuhochdeutsch verband süd- und norddeutsche Sprachformen. Über die Hofgesellschaft und die Klöster drang diese Sprache ins Volk. “Der Ackermann aus Böhmen”, ein Streitgespräch des Bauern mit dem Tod, um 1400 entstanden, ist die erste große Dichtung in dieser Sprache.


Karls Böhmen war auch ein Wirtschaftszentrum. Böhmen hatte in seinem Silber ein gutes Kapital: die “dicken Prager” Silberlinge, die “grossi Pragenses”, an die das Wort “Groschen” erinnert. Durch Karls Landfriedensbünde wurden die Straßen und der Handel sicherer. Der wichtigste West-Ost-Handelsweg führte von Flandern über Frankfurt und Nürnberg nach Prag und weiter über Breslau nach Krakau oder nach Wien und Ungarn. Die Süd-Nord-Route von Venedig über Augsburg an den Niederrhein wollte Karl über Prag lenken. Diesen Warenweg wollte er wahrscheinlich nach Lübeck verlängern. Fast am Ende seines Lebens begab er sich eigens dorthin. Seit zweihundert Jahren war kein Kaiser mehr in Norddeutschland gewesen, aber Karl wollte eine Beteiligung an dem wichtigen Hafen. Die Städte der Hanse, an ihrer Spitze Lübeck, standen nach dem Sieg über Dänemark auf dem Gipfel ihrer Macht. Die Lübecker gaben dem Kaiser zwar ein elftägiges Fest, das den städtischen Haushalt überzog, doch sie ließen den alten Herrn abblitzen.


Die Hanse, der erste Multi der europäischen Wirtschaft, war eine Interessengemeinschaft der Großkaufleute hauptsächlich norddeutscher Städte. Die streitbaren Kaufleute wollten ungestört Handel treiben. Konkurrenz wurde ausgeschaltet. Das “Haupt” der Hanse war Lübeck. Aber auch Köln, Hamburg, Bremen und Breslau, Lüneburg, Münster, Magdeburg, Danzig und Neuss, insgesamt 166 Städte gehörten zur Blütezeit dazu, selbst nicht-deutsche wie Krakau, Stockholm, Wisby, Nymwegen. Lange beherrschte dieser Städtebund das wirtschaftliche Leben Norddeutschlands. Seine Macht strahlte nach Skandinavien, ins Baltikum und nach Flandern und England aus. Östlichstes Handelszentrum war Nowgorod. Gehandelt wurde mit allem, was Geld brachte, besonders mit Getreide, das Preußen und Mecklenburg lieferten, mit Holz aus Schweden und Finnland. Tuche kamen aus Flandern, allein 1368 nach Lübeck für mindestens acht Millionen Euro nach heutigem Wert. Einbeck lieferte sein berühmtes Bier, Brügge war Einkaufszentrum für alles. Im Gasthaus der Patrizier van der Beurze, die Kaufherren und Makler waren, entstand die “Börse”. Von Flandern kam auch der Pfeffer. Unter diesem Sammelnamen liefen alle Gewürze aus dem Orient. Sie waren irre teuer, aber wer Geld hatte, würzte auch irre. Am “Pfeffer” wurde daher ganz unchristlich verdient.


Die Organisation war streng. Kreditgeschäfte waren verboten, um Spekulationen auszuschließen. Qualität, Maße und Gewichte wurden von einer Warenpolizei kontrolliert. Jeder hatte sich dem geltenden Recht zu unterwerfen. Es war meist Lübecker Recht. Die Selbstzucht verlieh den seefahrenden Händlern Schlagkraft gegen ausländische Konkurrenten. Mit Boykott und Handelssperre schalteten sie diese aus. Sie hatten Krieg sogar gegen den Staat Dänemark geführt, ihn gewonnen und auch nicht vergessen, die Hauptstadt dem Erdboden gleich zu machen. Doch was sich für Norddeutschland so bedeutend darstellt, schrumpft beim Vergleich mit mittelmeerischen Maßstäben auf eine nur relative Größe: 1368, in seiner besten Zeit, erreichte Lübeck gerade ein Zehntel des genuesischen Seehandelsumsatzes, von Venedig gar nicht zu reden.

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