1273 - 1431 1414

postheadericon 1414

Dem König gelang es, den vom letzten Konzil eingesetzten Papst Johannes XXIII. zur Einberufung des Konzils nach Konstanz zu bewegen. Hundert Jahre vor Luther zeigten die Deutschen, wie wichtig ihnen die christliche Einheit war. Mit dem Herzog von Tirol, der ihm über die Alpen Geleitschutz gegeben hatte, ritt der Papst in die Bodenseestadt ein. Mit ihm kamen 33 Kardinäle, 350 Bischöfe, 563 Äbte und Vertreter von 37 Universitäten, an ihrer Spitze die theologische Fakultät der Universität Paris. Nach ihrer Meinung war das Konzil das oberste Beschlussgremium der Kirche, der Papst nur Repräsentant und Ausführungsorgan.
Das Konzil war auch eine Gipfelkonferenz der damaligen Nationen. Wie Deutsche, Italiener, Franzosen, Spanier und Engländer teilnahmen, waren auch Griechen, Armenier, Litauer, Russen, ja sogar Äthiopier und Muslime gekommen. Manche Chronisten sprechen von 80.000 oder sogar 100.000 Besuchern - wilde Übertreibungen, denn “Costnitz” hatte nur etwa 6.000 Einwohner.


Mit den Massen kamen auch ihre Unterhalter: Gaukler und Possenreißer, nicht zu vergessen die Damen des ältesten Gewerbes. Von diesen “Hübschlerinnen” gab es etwa 700 “offene”, die kaserniert waren, und etwa ebensoviel “geheime”. Die Stadt war an ihren Einkünften beteiligt, der Vorort Peterhausen für sie reserviert. Die gern geglaubte Fabel, dem Konzilsherrn Sigismund und seiner Begleitung sei der kostenlose Besuch des Bordells geboten worden, der „mit zu der Bewirtung gehörte, die man hohen Gästen bot“, ist kaum glaubhaft. Diese von seinem Besuch in Bern überlieferte Maßnahme sollte vielmehr vor Belästigungen der Bürgersfrauen und ihrer Töchter durch die damals 1.400 Begleiter des Königs schützen. „Da der Besuch einer hochgestellten und zudem verheirateten Persönlichkeit in einem Freudenhaus auch vor 600 Jahren als unschicklich und unmoralisch galt“ und dies auch ein Verstoß gegen das Ehesakrament gewesen wäre, hat sich der Schutzherr des Konzils wohl kaum auf das Niveau seiner Rossknechte herabgelassen, schon gar nicht vor der illustren Öffentlichkeit dieses über Europa weit hinausgehenden Völkerkongresses. Dass er sich aber bei anderen Gelegenheiten nichts entgehen ließ, ist ebenfalls verbürgt. Bei einem Tanzfest etwa, das der Tiroler Landesherr ihm zu Ehren gab, fiel sein Umgang mit einer schönen Innsbruckerin unangenehm auf, so dass ihm der Herzog sagen musste, dass er sich wie „eyn Saubär benehme, was auch für einen Kunig nit angehe und solle Se. Majestät lieber geschwindt Ynnsbrugg den Rücken wenden, weyl sunsten die freyen Burger ihn mores lehren müssten!“


In Konstanz schnellten die Preise in die Höhe. Die Fischer machten die Felchen so teuer, dass Heringe importiert werden mussten. Oswald von Wolkenstein , der letzte Minnesänger, maulte: “Gedenk ich an den Bodensee, so tut es mir im Beutel weh.” Diese Schmerzen konnten vorübergehend von Wechslern und Bankern gelindert werden. Die “Banken” standen meist noch im Freien. Sie wechselten die Unzahl der Währungen. Vom Verbot des Wuchers sprach niemand mehr, dazu brauchten die potenteren Kreise Kredite und finanzielle Transaktionen zu nötig. Die etwa dreißig anwesenden Großbanken hatten bereits die doppelte Buchführung und verdeckte Konten. Deutschland bekam in Konstanz Nachhilfeunterricht im Bankwesen.


Das teure Leben dünnte die Zahl der Besucher bald aus. Sogar König Sigmund überließ dem Rat der Reichsstadt zum Schuldenausgleich nur „vil herlicher sidener (Tafel)tuecher   mit gold geweben“. Nur konnten die Konstanzer damit nichts anfangen; der Reichsadler war zu gute Handarbeit. Die reich gewordenen Patrizier konnten das verschmerzen. Einer von ihnen hinterließ  ein Vermögen von über 70.000 Pfund Silber.


Dank Ulrich von Richenthals Bilderchronik sind uns die Wappen der Großen überliefert, die teilnahmen. Die Knechte hängten die Schilde ihrer Herren vor die Herberge, damit jeder wusste, wo wer war. Noch heute spricht man deshalb vom “Aushängeschild”. Neben dem eigentlichen Anlass gab es Vergleiche, Verpfändungen, Belehnungen, Machtgewinn neben Machtverlust. Friedrich, Herzog von Vorderösterreich und Tirol, verliert sein Land und wird deshalb - vorübergehend - der "mit der leeren Tasche" sein.


Beachtlichen Machtgewinn erhielt dagegen Friedrich von Zollern, Burggraf von Nürnberg, durch die Belehnung mit der Markgrafschaft Brandenburg . Seine Nachfahren werden das spätere Königreich Preußen - damals so groß wie Sizilien - zur Großmacht machen und bis 1918 regieren. König Sigmund, der Landesherr, hatte den Burggrafen schon sechs Jahre zuvor zum Verwalter seines Fürstentums bestellt. Viele Städte und der Klerus hatten das begrüßt, während sich der Adel ablehnend verhielt. 1415 überließ der König dem Burggrafen die Mark für gewaltige 400.000 Gulden. Schon für 100 Gulden konnte man in vielen Städten ein ansehnliches Bürgerhaus kaufen. Diesen Kauf finanzierten dem Burggrafen seine fränkischen Klöster und Stifte. 1417 wurde der Burggraf dann während des Konzils feierlich mit der Markgrafschaft belehnt, er wurde Kurfürst. Das sandige Ländchen war zunächst von der finanziellen Förderung durch das reiche Franken abhängig. Erst im 18. Jahrhundert war Brandenburg vermögend genug, um die Vettern in Ansbach und Bayreuth auszuhalten.


Als Gefolgsmann des Bischofs von Brixen war Oswald von Wolkenstein gekommen. Wer die Trümmer der Stammburg seiner Familie eingangs des südtiroler Langentals unter einer überkragenden Felswand sieht, weiß, dass hier nur knochenharte Naturen hochkommen konnten: Der Elfjährige läuft von zu Hause weg. Er ist Laufbursche, Koch, Ross- und Ruderknecht, er hat kein Pferd, stiehlt sich ein Muli, kommt bis Kreta und Litauen. Wieder zu Hause, schickt ihn die Frau seines Lebens auf die Pilgerreise. Von ihr kehrt er als Ritter des heiligen Grabes heim, wo er die geliebte Sabine in den Armen eines Anderen findet. Oswald wird Politiker. Er geht zur Tiroler Opposition, denn Sabine ist in das Bett des Landesherren umgestiegen. Die Fehde um Burg Hauenstein unter dem Schlern bringt ihn mehrmals in Gefangenschaft. In Konstanz tritt er in königliche Dienste. Da er zehn Sprachen beherrscht, verwendet ihn Sigmund als Diplomat, Dolmetscher und Kundschafter. Mit ihm geht er an den Hof von Aragon und nach Lissabon. Er macht eine Spritztour nach Ceuta, kommt nach Avignon, Paris, Holland, England und Schottland.


Oswald war kein Sänger der “hohen Minne”. Der Bodensee kommt bei ihm schlecht weg. Bei Gedanken an Badefreuden wird er freundlicher: “Waschet, Maidli, mir das Schaidli, ...” Diese Maidli waren nicht nur reinigend tätig. In den öffentlichen Bädern saßen Männlein und Weiblein barfuß bis zum Hals, von dort aufwärts aber je nach Vermögen mit Halsgeschmeiden, Ohrringen und Kopfputz, in Holzzubern beieinander. Zwischen den Geschlechtern befand sich höchstens ein Brett, auf dem man würfelte, Karten spielte oder tafelte. Der Wirt hieß “Bader”. Neben dem Badebetrieb besorgte er auch andere Wohltaten wie Wunden behandeln und Furunkel schneiden. Sein Gewerbe galt als “unrein”.

Unsere Ärzte haben also sehr missachtete Ahnen. Dies musste Agnes Bernauer in der Wonne ihrer jungen Ehe erfahren. Herzog Albrecht von Bayern-Landshut hatte sie geheiratet. Um das edle Wittelsbacherblut jedoch nicht verunreinigen zu lassen, ließ sein Vater die schöne Baderstochter als Hexe in der Donau ertränken.
Zur Unterhaltung der Badegäste fiedelte ein Spielmann, oder ein Possenreißer vollführte seine Schwänke. “Man sucht der Weiber Gesellschaft, geht ins Bad, ..., befleckt die Seele! Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten tanzen sie. Mädchen kenne ich, die ...als Dirnen zurückkehrten, anständige Frauen als Ehebrecherinnen!”


Dies schrieb ein Priester Jan aus Husinec, der sich, da es noch keine Familiennamen gab, Hus  nannte. Er war Magister der Prager Universität, war ein moralischer Fanatiker, der es zum Beichtvater von Wenzels zweiter Frau und dadurch zur Protektion des Königs gebracht hatte. Dem Zeitgeist entsprach sein Urteil freilich nicht. Die Sitten waren frei. Wenn ein Paar heiratete, begab es sich vor der Hochzeitsgesellschaft ins Bett, das meist nur ein “Lager” war. Jeder wollte und konnte die Vereinigung der beiden sehen. Das war nicht obszön, nein, man freute sich darüber. Für Hus aber war selbst der Geschlechtsverkehr zwischen Ehepartnern nicht frei von Sünde. Er brauche jedoch nicht gebeichtet zu werden, wenn sein Ziel die Zeugung eines Kindes sei.


Wie musste es ein Mann so verengter Anschauungen empfinden, wenn nicht einmal Geistliche so lebten wie sie sollten, sondern ihre Tage sogar sexabwechslungsreicher gestalteten als ihre Schäflein. Natürlich gab es Missstände in der Kirche. Doch Hus sah nur die Abseite. In seinem Prag kam es wie in Ephesus, als Paulus mit einer neuen Religion kam: Handwerker, Wirte, Weinhändler, Goldschmiede und Musikanten fürchteten um ihre Existenz, wenn das Leben so puritanisch würde, wie er es wollte.


Seine Schelte ließ Hus in der Bethlehem-Kapelle ab, in der tschechisch gepredigt wurde. Die dort vor ihm knieten, waren besitzlose Unterschichtler und - Tschechen. Denn arm und tschechisch und reich und deutsch waren im damaligen Prag fast Synonyme. So ist für den tschechischen Nationalisten der Besitzneid eine starke Triebfeder seiner Demagogie. “Oft weiß man nicht, ob er die großen Herren anklagt, weil sie Deutsche sind, oder die Deutschen, weil sie hohe Herren   sind.” Hus ist Nutznießer dieses Nationalitätengegensatzes, der durch sein Öl zum Brand werden wird.


Sein anfänglicher Förderer König Wenzel hatte sich mit der Prager Universität entzweit. Weil der böhmische König auch deutscher König werden wollte, brauchte er von der Universität die Zustimmung für den Gegenpapst Benedikt XIII. in Avignon. Dazu waren aber nur die tschechischen Magister bereit. Deshalb verfügte er die Umkehr des Stimmenverhältnisses der Universitätsnationen: Die böhmische – zum größten Teil Tschechen - erhielten drei, die deutsche behielt nur eine Stimme. Die deutschen Magister und Studenten zogen daraufhin aus Prag aus. Leipzig bekam durch ihren Zuzug seine Universität, die Prager sank zur Landesuniversität ab.


Der Nationalitätenhader wäre lokal geblieben, wäre der Armenprediger nicht auch mit seiner Kirche auf Kollisionskurs gegangen. Er übernahm die Forderungen des John Wicliff aus Oxford. Wie sein englischer Vorredner tobte er gegen den Ablass, den Ämterkauf und die Ohrenbeichte. Die Sakramente waren für beide nur Symbole, der dem Priester vorbehaltene Abendmahlswein sollte allen gereicht, das Abendmahl also “in beiderlei Gestalt” gegeben werden. Wie der Engländer für sein Land, forderte Hus eine tschechische Nationalkirche.


Der Papst lud ihn nach Rom und bannte ihn, als Hus nicht kam. Hus berief sich auf die neue Lehre von der Allgewalt des Konzils. Er sprach dem Papst jede Richterbefugnis ab. Dagegen hielt der “tschechische Luther” die Gelegenheit, vor dem Konzil aufzutreten, für eine von Gott gegebene Auszeichnung. Überzeugt, die Kardinäle und Prälaten ebenso umkrempeln zu können wie seine Herde in der Bethlehemkapelle, machte sich der eitel Gewordene auf den Weg. So schnell brach er auf, dass der Geleitbrief Sigmunds, der den Gebannten auf der Reise schützen sollte, ihm nachgeschickt werden musste. Dass er auch in Deutschland freundlich behandelt wurde, zeigt, dass man tolerant war. Hus aber rühmte sich, dass niemand ihn anzurühren wage.


Auch in Konstanz tat man so, als hätte es die Verfluchung nicht gegeben. Er solle nur seine Übereinstimmung mit den Kirchengeboten erklären, dann würde man sich mit ihm nicht weiter auseinandersetzen. Aber die Auseinandersetzung - und zwar die öffentliche - wollte Hus. Selbst sein Erzbischof, der ihn schützte, konnte nun nichts mehr für ihn tun. Hus kam in Haft. Auch König Sigmund ließ nichts unversucht, ihn zum Einlenken zu bewegen. Er wolle für die Niederschlagung des Prozesses sorgen, wenn Hus wenigstens nichtöffentlich widerrufe. Gerade weil das Konzil die Kirche reformieren solle, könne es keine Ketzerlehren anerkennen. Sein königlicher Geleitbrief wies zwar alle Reichsstände und Untertanen an, Hus frei durchreisen, Aufenthalt nehmen und zurückreisen zu lassen, er sicherte ihm “öffentlich, friedlich und geziemend Gehör”, er konnte ihn aber nicht gegen eine kirchliche Verurteilung schützen.

zurück weiter