1338 - 1556 1340

postheadericon 1340

So wählte man Albrechts Vetter, Herzog Friedrich von Steiermark, Kärnten und Krain, der später Ober- und Niederösterreich hinzuerbt. Auf die kürzeste Regierungszeit folgt die längste: von 1440 bis 1493. Friedrich III. war ein Hüne. Was er an Körpergröße zu viel hatte, hatte ihm die Natur an Tatkraft vorenthalten. “Wir wollen im Sitzen die Welt erobern”, ulkte sein Rat Piccolomini. Friedrich gilt als des “Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze”, war aber gebildet und leutselig. Einmal lud er 4.000 Kinder auf die Nürnberger Kaiserburg ein und bewirtete sie mit Lebkuchen.


Zunächst hatte er nur Schwierigkeiten. Piccolomini, der es später zum Papst brachte, hat ihn den Fürsten gegenüber verteidigt: “Obwohl ihr den Kaiser als euren Herrn anerkennt, ist seine Herrschaft nicht gesichert; er hat keine Macht; ihr gehorcht ihm nur, wenn euch der Sinn danach steht. ... Weder Fürsten noch Stände geben ihm, was ihm zusteht: er hat keine Einkünfte. ... So kommt es, dass ihr in ständigem Krieg und in Feindseligkeiten lebt ..., weil es an der höchsten Autorität mangelt.”


Friedrich misstraute dem “Glück der Waffen”: “Das wainir (Panier, H.D.) von Österreich ist nit siegreich, und mein vordern habent 3 streit darunter niedergelegen.” Er meinte Morgarten, Mühldorf und Sempach. Sein Gegenspieler, der ungarische “Krähenkönig” Mathias Corvinus, hat diesen Wesensunterschied in das Distichon gegossen: “Bella gerant alii. Tu felix Austria, nube!” - Kriege mögen andere führen. Du, glückliches Österreich, heirate!


Friedrich III. glaubte fatalistisch an die Auserwähltheit seiner Dynastie. Er wies die scheinbare Abkunft der Habsburger von Cäsar und König Priamos von Troja nach und bestätigte ausdrücklich das Privilegium maius  seines Vorfahren Rudolfs des Stifters, das die Habsburger zu Erzherzögen machte und sie über die Kurfürsten stellte. Diese Fälschung wird durch ihn Reichsgesetz. Seine ganze Hoffnung sublimierte er in die fünf Buchstaben AEIOU, die er auf jeden Buchdeckel malt, in jedes Möbel schnitzt, in Bauwerke meißeln lässt: “Austria erit in orbe ultima”, oder “Austriae est imperare omne universum”, zu deutsch: Österreich wird bis ans Ende der Welt bestehen, oder: Die ganze Welt ist Österreich untertan.


Groteskeres ließ sich nicht denken. Sein jüngerer Bruder bekämpfte ihn, die Stände revoltierten und auch die Auseinandersetzung mit den Schweizern wurde zum Fiasko. Die Eidgenossen hatten vom Gegensatz Kaiser Sigmunds und dem Habsburger-Herzog Friedrich profitiert. Als Johann XXIII. aus Konstanz floh, hatte ihn jener Friedrich als Landesherr Tirols geschützt. Der Kaiser hatte ihn darauf in die Reichsacht getan und die Schweizer mit der Vollstreckung beauftragt. Sie nahmen sich dafür den Aargau. Sie wollten auch das Tessin annektieren, doch der Herzog von Mailand scheuchte sie wieder in die Berge. Die Niederlage gegen außen gebar Krieg im Innern; Zürich zog gegen die übrigen Eidgenossen, die ab jetzt verallgemeinert Schwyzer - Schweizer - heißen. Friedrich sah als Landesherr, aber auch als deutscher König, seine Stunde gekommen. Er hatte Angst vor einer weiteren Niederlage und lud deshalb den französischen König ein, gegen die Schweiz zu marschieren. Damit schonte er nicht nur sich selbst, sondern er entlastete auch das Elsass - glaubte er. Doch statt die habsburgischen Kastanien aus dem Feuer zu holen, setzte sich das Heer im Elsass fest, während ein zweites Heer in Lothringen einfiel.


Auf dem Reichstag zu Nürnberg machten ihn dafür die Stände so fertig, dass er sich 29 Jahre nicht mehr aus seinen Herzogtümern heraustraute. Die Reichspolitik war nun ganz in den Händen der Fürsten. Das wog um so schwerer, als im fürstlichen Karpfenteich kapitale Hechte lauerten. Die Nürnberger Burggrafen hatten die Mark Brandenburg  erhalten, die Wettiner nach dem Aussterben der Askanier Meißen-Thüringen . In der Pfalz annektierte ein anderer Friedrich die Herrschaft. Den Mangel an Legitimität machte er durch Erfolge wett, wie sein Beiname “der Siegreiche” bekundet. Er ist das Haupt der antikaiserlichen Partei. Im Bündnis mit dem Böhmenkönig Georg von Podiebrad und der Großmacht Burgund hält er den Kaiser nieder. Zwischen seinen Siegen fand er noch Zeit, mit Klara Dett, “Hoffräulein und Sängerin zu München”, fortzeugende Bastarde zu machen, die heute auch Fürsten sind: die zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Alle diese Fürsten waren ständig bestrebt, ihr Recht oder was sie dafür hielten, durchzusetzen. Sie sind in dauernde Fehden um Grenz- und Erbstreitigkeiten verstrickt. Viele Dynastien sind in mehrere Linien zerteilt, wie die Wettiner, die Wittelsbacher und die Habsburger. Durch Erbteilungen werden viele Länder immer kleiner.


Das Reich der Deutschen war ein politischer Ameisenhaufen. Es soll in 240 „Staaten“ zerstückelt gewesen sein. Es war schlimmer: 21 Millionen wurden von mehr als 2.000 verschiedenartigen „Obrigkeiten“ regiert, darunter 83 Reichsstädte und über 100 Reichsdörfer, die dem Kaiser unterstanden, unter ihnen „des hl. Reichs freies Tal Harmersbach“, eine winzige Bauernrepublik , die wie die allermeisten anderen Gebilde bis 1802 überlebte. Der Versuch, diesen Flickenteppich in größere Reichskreise effektiver zu strukturieren, war wegen der fürstlichen Eigeninteressen kaum von Bedeutung.


Ein Geistesgroßer hat Ursache und damals kaum denkbare Weiterungen beschrieben: “Nachdem die Glieder alle Gewalt des Reiches zerrissen und zerfleischt haben, wird alle hierarchische Gewalt aufhören, denn es ist kein Erster da, zu dem man Zuflucht nehmen könnte ... .Wenn die Edlen so untereinander streiten, ... wird sich der gemeine Mann erheben. Und wie die Fürsten das Reich verschlungen haben, wird der gemeine Mann die Fürsten verschlingen.” Dieser Klagegeist war Nikolaus Krebs aus Kues  an der Mosel, der es als Bischof von Brixen zum Reichsfürsten und zum Kurienkardinal brachte. Er war der Sohn eines Schiffseigners. Dem Top-Kleriker, einem der Hauptakteure des Basler Konzils, ist - wie auch für Dante - das Reich noch Weltreich, der Kaiser noch Stellvertreter Christi. Für ihn ist Politik, Religion, Philosophie und Naturphilosophie noch eine Einheit. Er führte "das Infinitesimalprinzip ... in die Mathematik ein, die er aus der Idee Gottes als des unendlichen Wesens ableitete. Leibniz verdankt ihm die entscheidende Anregung zur Durchführung seiner Differenzialrechnung. Aber damit hatte er bereits der dynamischen, der Barockphysik Newtons die Waffe geschmiedet, mit der sie die statische Idee, ... die noch in Galilei wirksam war, endgültig überwand." Für den Kusaner, der schon 1440 die Kreiszahl Pi ziemlich genau berechnet hatte, war die Auffassung vom Weltall als abgeschlossene Kugel unhaltbar, unhaltbar auch, dass darin die Erde Mittelpunkt sei und von der Sonne umkreist würde. Hundert Jahre vor Kopernikus schrieb er dies in dem Buch “De revolutionibus orbium celestium”. Solche Lehren eines höchsten Kirchenmannes, der ja kein Ketzer sein konnte, gaben Naturbetrachtern Aufwind. Mit antikem Wissen und eigenen Erkenntnissen begründete an der Wiener Universität Peurbach die Trigonometrie zur Beobachtung der Planetenbahnen. Sein Schüler Regiomontanus bestimmte mit neuen Instrumenten die astronomischen Längen für Sonne, Mond und Planeten. Damit war die Ermittlung des Schiffsstandortes auf dem Meer möglich. Über seinen Schüler Martin Behaim kam dieses Wissen an die Portugiesen und Kolumbus. Es ermöglichte ihre Entdeckungsreisen.


Nikolaus Cusanus erhielt in seinem Bistum Brixen Anschauungsunterricht über die desolaten Verhältnisse. Der Idealist, der in Konstantinopel beinahe die Wiedervereinigung der griechisch-orthodoxen mit der römischen Kirche erreicht hatte, scheiterte im eigenen Bistum an einem Frauenkloster. Die adeligen Benediktinerinnen von Sonnenburg im Pustertal hielten Klausur und Ordensregel für überflüssig, die Feste auf den benachbarten Burgen und Reisen nach Gottweißwohin dagegen nicht. Ein Streit der Äbtissin mit den Bauern ihrer Talschaft Enneberg brachte den angehäuften Sprengstoff zur Explosion. Die Äbtissin rief den Herzog von Tirol, die Bauern den Bischof zu Hilfe. Der Bischof setzte die Äbtissin ab, und als er das Kloster bannte, warb sie Söldner, die den strittigen Zehnten eintreiben sollten. Das riss den Bischof zur gleichen Maßnahme hin. Seine Söldner massakrierten die Kameraden der Gegenseite, aber auch die abgabewilligen Bauern. Darauf griff der Herzog als Schutzherr des Klosters ein. Er nahm den Bischof gefangen. Der bewilligte jetzt alle Forderungen, widerrief sie aber nach seiner Freilassung. Von Rom - wohin Nikolaus geflohen war - schleuderte jetzt der Papst den Bann gegen den Herzog, seine Kinder und Enkel, das Interdikt gegen Tirol und die Vorladung seiner Männer, sich binnen fünfzig Tagen in Rom zu verantworten. Der Streit war erst zu Ende, als Bischof und Papst in einem friedvolleren Jenseits waren. Der Kusaner wollte schon im Diesseits eine bessere Welt. So gründete er in seinem Heimatort das erste Altenheim für 33 “unbescholtene Greise” von mindestens fünfzig Jahren. Die 80.000 Weinstöcke, die er stiftete, sichern ihr Auskommen noch heute.


Wie Nikolaus in seinem Bistum, scheiterte Friedrich III. in seinem Reich. Er hatte keine Macht, seine Hausmacht war zu klein. Um vollends mit dem Kaiser gleichzuziehen, bestritten die Fürsten seinen übernationalen Herrschaftsanspruch: Der Benennung des “Heiligen Römischen Reiches” wird der Zusatz “Deutscher Nation” als einschränkender Appendix angefügt.


Die Zeit der Landesfürstentümer bricht jetzt mit dem Knall der Kanonen an, mit denen die Fürsten die Mauern der Städte und die Burgen der Ritter zu Fall bringen. Bekannt ist das Beispiel Friedrichs I. von Brandenburg, der sich die “faule Grete” lieh, die selbst acht Meter dicke Mauern geknackt haben soll. Der zweite Brandenburger, der sich schon den Beinamen “Eisenzahn” verdient hatte, verlor durch eine Kanonenkugel den Verstand: Im Krieg gegen Pommern krachte ein Geschoss auf den Tisch, an dem er schmauste.

Brandenburg kam darauf an Albrecht Achilles, der - wie sein Beiname verrät - nicht nur ein Muskelprotz, sondern auch ein gefürchteter Krieger war. Zum Kaiser hielt er wohl nur, weil er sich auf Kosten Nürnbergs und anderer Städte ein Herzogtum Franken erkämpfen wollte. Wie die Brandenburger waren auch die meisten anderen Fürsten: abenteuerliche und abenteuernde Gestalten.


Neben die militärische Überlegenheit tritt eine effektivere Verwaltung. Die fürstlichen Dekrete setzen mehr und weitergehendes Recht, sie bringen mehr Steuern. Träger der Verwaltung sind auf italienischen Universitäten auf römisches Recht eingeschworene Juristen. In der Heimat vertreten sie die Rechte des fürstlichen Absolutismus. Um in der Ausbildung solcher Helfer autark zu sein, gründet jeder Landesfürst seine Universität. So gründet beispielsweise auch Eberhard, “der mit dem Barte, Württembergs geliebter Herr”, seine Universität in Tübingen.


Eine Idylle, die gleichwohl für die “Untertanen” zur Katastrophe werden konnte, zeigt, wie es unter seiner Herrschaft zuging: Als Werner von Zimmern sein Landhofmeister wurde, bekam er als Dienstsitz die Burg Achalm. Er musste die vergammelte Feste renovieren. Als er auf Reisen war, zog sie der Landesherr ein. Der von Zimmern nahm wutschnaubend österreichische Dienste und verklagte den räuberischen Bartträger, der darob “nit einen kleinen Verdruss hätte”. Als ihn der arglose Werner später wieder besuchte, ließ der Rauschebart in die eiserne Türklinke des Gästezimmers “heimlich glühende Kohlen tun. Daran hat sich Herr Werner dermaßen verbrannt, dass ihm die Haut an der Hand mit großen Schmerzen abgegangen.” Werner schwor Rache, “wofür ihm der Württemberger ein paar Dörfer brandschatzen und seinen Leuten das Vieh wegnehmen ließ.”

zurück weiter