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Die Türken hatten 1453 Konstantinopel erobert. Jetzt standen sie in der Steiermark und in Kärnten. Kaiser Friedrich zieht als Flüchtling im Reich umher. Er ist der letzte Kaiser, der in Rom gekrönt wird. Wegen der Bedrohung durch Frankreich wird trotz französischer Bestechungsgelder Friedrichs Sohn Maximilian zum deutschen König gewählt. Sebastian Brant  jubelt: “Mit einem solchen Prinzen muss das goldene Zeitalter wiederkehren.”


Erst als der ungarische König Matthias Corvinus, die bestimmende Größe Osteuropas, gestorben war, konnte Maximilian in Ungarn einrücken. Doch die Meuterei seiner Truppen wegen des ausgebliebenen Soldes zwingt ihn zum Abbruch des Feldzuges. Diese “Landsknechte” waren eine neue Truppe. Sie waren zwar von ihrem Kriegsherrn begeistert, der laut Machiavelli der beste Truppenführer des Reiches war, doch Sold wollten sie trotzdem. Weil der meist ausblieb, wurden die “wackeren” “nackerte” Landsknechte, abgerissene, zerlumpte, verrohte Gesellen, die nur um ihr Überleben kämpften.


Die Landsknechte waren der Treibstoff der Kriege dieser Zeit. Sie stammten größtenteils aus dem Allgäu und Tirol. Nicht einmal das, was die hohe Kindersterblichkeit übrig ließ, konnten die Gebirgsländer ernähren. Ihr Menschenüberschuss strömte daher in die Heere und wurde auf den Schlachtfeldern verbraucht. Die nicht zum Erben gekommenen Jungmänner kämpften mit Bravour: Als 1513 die Truppen Maximilians von Venezianern und Franzosen abgeschlagen worden waren, wurden sie eingekreist. Und Bartolomeo d’Alviano, Feldherr der Republik der Meere, lud die Prominenz von Venedig und Padua ein, seinen Sieg über die Tedeschi mitzuerleben. Um das Abstechen und Zusammenhauen des verlorenen Haufens nur ja genauestens zu sehen, hatten sich die Schlachtenbummler auf Balkonen, Dächern und Bäumen behaglich eingerichtet. Das war das “Kriegstheater”, von dem noch das 19. Jahrhundert sprach. Bei Vicenza lehnte Frundsberg, der “Vater der Landsknechte”, den freien Abzug bei bedingungsloser Kapitulation ab und siegte. “Viel Feind’, viel Ehr’!” hatte er seinen Mannen eingegeben. Die Ehre, die bisher nur für den Adel Richtschnur gewesen war, wurde es nun auch für den “gemeinen Mann”. Seitdem hatten alle Soldaten ihre Ehre mit der ihres Kriegs- und Landesherrn freudig-widerspruchslos gleichzusetzen.


Vor der Schlacht kämpften oft die Anführer gegeneinander. Als sich im Krieg gegen Venedig die Heere im Etschtal gegenüberstanden, besiegte Hans Truchsess von Waldburg den Antonio Sanseverino. Das galt fast als Gottesurteil; die Venezianer verloren die anschließende Schlacht. “So nahm der Rat der Zehn der Republik Venedig das Angebot eines Franziskaners an, Kaiser Maximilian zu vergiften gegen eine jährliche Pension von 1.500 Dukaten. Der wackere Mann bot die gleichen Dienste an gegen den türkischen Sultan, den König von Spanien und den Papst, wobei die Prämien je nach dem ausersehenen Opfer abgestuft waren.” Tatsächlich war Gift, meist Arsenik, ein von den Staatsmännern der Renaissance mit erschreckender Sachlichkeit eingesetztes Mittel zur Ausräumung von Hindernissen. Venedig hatte auch schon zwei Giftanschläge auf Kaiser Sigismund versucht.
Aus der Not der „nacketen“ Landsknechte machte die Mode ihre Tugend. Sie machte aus ihren zerschlissenen Beinkleidern und geflickten Lumpen geschlitzte Pluderhosen und bunte Wämser.


Maximilian I. war “der letzte Ritter”. Geprägt von den Jahren am Hof von Burgund, war für ihn höfisch-ritterliche Lebensart selbstverständlich. Er war der strahlendste Turnierheld, natürlich auch ein Anhänger des Minnedienstes, die “niedere Minne” durchaus eingeschlossen. Er tanzte gern und sonnte sich in der ihm von Frauen entgegengebrachten Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu seinem grantig-zynischen Vater und seinem hochmögenden Schwiegervater war er leut-selig; er unterhielt sich mit Köhlern, Jägern und Geschützgießern wie mit Fürsten und Höflingen. Er hatte Interesse für alles, wollte alles kennenlernen. Für die sich stürmisch entwickelnde Technik hatte er ein Faible, besonders für deren Anwendung im Heerwesen. Er hatte erlebt, dass die Ritterheere besiegt worden waren. Die schlachtentscheidende Waffengattung wird die Infanterie. Der Einsatz ihrer Masse bedingt die Notwendigkeit, sie zu drillen, “abzurichten”, dass sie im Gefecht so gelenkt werden konnte, wie es die Taktik erforderte. Ein Italiener hat es beschrieben: “Der Vorbeimarsch der Deutschen (Landsknechte; H.D.), die einen Gevierthaufen von sechstausend Mann bildeten, zog alle Augen auf sich. Nach deutschem Brauch vernahm man ... eine Menge Trommeln, ... . die Vordersten trugen lange Spieße, dann folgten Knechte mit Hellebarden und Zweihändern. ... und je nachdem die Fahne geschwenkt wurde, bewegte sich der ganze Haufen ... geschlossen, als ob er sich auf einem Floß befände ...” Die Landsknechte waren infolge der Manövrierfähigkeit  ihrer “Haufen” und “Fähnlein” das beste Militär des Kontinents. Die andere Waffengattung mit Zukunft ist die Artillerie. Während die Fußtruppen die Feldschlacht bestreiten, bricht sie die Verteidigung des Feindes. Mit zwei der “gröbsten” “Stücke”, dem “Burlebaus” und dem “Weckruf von Österreich”, ließ der Kaiser die Burg von Kufstein in drei Tagen sturmreif schießen.


Maximilians Weg ist von den Trümmern seiner Pläne gesäumt. Allerdings stand er vor vielen weit auseinanderliegenden Aufgaben. Er war der erste Habsburger, der die aufgespaltenen Linien der Familie wieder in sich vereinigte. Im Osten drohte der König von Polen, der auch die Königreiche Böhmen und Ungarn beherrschte. Im Westen versuchte Frankreich, sich nach Osten auszudehnen und sich Italien zu unterwerfen. Wenn es das schaffte, hatte es die Vorherrschaft in Europa. Maximilian versuchte, im Osten die Interessen Österreichs, im Westen die Überlieferung Burgunds und in Italien die historischen Ansprüche des Reiches zu vertreten. Dazu reichten seine Macht und sein Geld nicht aus, er musste lavieren. ”Massimiliano senza ducati ...”, spotteten die Italiener. Und Machiavelli  sagte von ihm: “Die Blätter der Pappeln von ganz Italien, in Gold verwandelt, würden nicht für ihn ausreichen.”


König Karl VIII. von Frankreich, dem er vor zwanzig Jahren Maria und Burgund weggeheiratet hatte, hatte ihm danach Anna von der Bretagne weggeschnappt. Nun nahm er Maximilian in die Zange, indem er in Italien einmarschierte. Venedig, Mailand, der Papst und Spanien hofften auf Maximilians Hilfe. Max wollte die Reichsrechte in Italien verteidigen, doch den deutschen Ständen waren sie gleichgültig. Er konnte ihnen nur die Bereitschaft zu “einer tapferen währenden Hilfe” abringen. Doch zuvor müsse eine Reichsreform - natürlich zu ihren Gunsten - durchgeführt werden. Der Reichskanzler, der Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg, war Gegenspieler des Kaisers. Für ihn bedeutete “Kaiser und Reich” nicht: der Kaiser an der Spitze des Reiches, sondern: der Kaiser hier, aber das Reich, und darunter verstand er die Fürsten, ihm gegenüber auf gleicher Augenhöhe. Immerhin war auch ihm die Zerrissenheit des Reiches bewusst. So wollte er es in Reichskreise, anfangs in sechs, später in zehn, neu strukturieren. Doch die lokalgewaltigen Fürsten waren gegen jede Einschränkung ihrer Macht. Nur in Südwestdeutschland, wo die territoriale Zersplitterung zu Zusammenschlüssen drängte, erlangten die Reichskreise einige Bedeutung.


Sein erster Reichstag hatte einen “ewigen Landfrieden” verabschiedet. Mit ihm wurde das alte Fehderecht abgeschafft, das Reichsgebiet wurde endlich eine Rechtsgemeinschaft. Ab jetzt durfte niemand mehr “von was Würden, Stand und Wesen er sei, den Andern befehden, bekriegen, berauben, fahen, überziehen, belagern, noch auf einige Schloss, Städt, Märkt, Befestigung, Dörfer, Höf oder Weiler absteigen oder ohne des Anderen Willen mit gewaltiger Tat freventlich einnehmen oder gefährlich mit Brand oder in anderem Weg dermaßen beschädigen.” Zur Rechtssicherung beschloss der Reichstag die Einrichtung eines Reichskammergerichtes und eine Reichssteuer, um diese Instanzen zu unterhalten und die kaiserliche Außenpolitik zu bezahlen. Die Bewilligung der Reichssteuer - des “gemeinen Pfennigs” - erwies sich schon bald als pure Absichtserklärung. Der Kaiser blieb auf den guten Willen der Länder und ihrer Stände angewiesen.


In der Außenpolitik gab es Schlappe auf Schlappe. Um die schweizerischen Gebiete wieder unter seine Botmäßigkeit zu zwingen, ließ er die Tiroler in Graubünden einfallen und den Schwäbischen Bund am Bodensee angreifen. Ein Reichsheer rückte gegen Basel. Es wurde ebenso geschlagen wie die Tiroler. Wie es bei denen zuging, schilderte der Humanist und Diplomat Willibald Pirckheimer, der Feldhauptmann des Nürnberger Kontingents. Als er mit den Kaiserlichen durch ein Dorf im Vintschgau kam, traf er einen von zwei alten Weibern angeführten Zug von Kindern, alle gespenstisch abgemagert. “Sie kamen zu einer Wiese ... und fingen an, auf die Knie fallend, nach Art der Tiere Gras abzuweiden ... Die Väter der Kinder waren erschlagen, die Mütter hatte der Hunger vertrieben. ...” Die Schweiz stand auf dem Gipfel ihrer Macht. Beide Seiten wussten, dass dieser Sieg die Unabhängigkeit der Schweiz vom Reich bedeutete. Aus den acht alten Orten waren dreizehn geworden.


Bei der Verheiratung seiner Kinder und Enkel bewies Kaiser Max ein sicheres Gespür für den Zugewinn großer Territorien. Dabei spielte das Glück - und das war der Tod der anderen Erben - die wichtigste Rolle. Was sich später als raffiniert geplant ausnahm, war von den handelnden Akteuren nicht zu ahnen.


Obwohl Maximilian nicht versäumt hatte, sein edles Habsburgerblut weit zu verbreiten, hatte er ehelich nur einen Sohn - Philipp den Schönen  - und eine Tochter – Margarete. Zur Bekräftigung seines Bündnisses mit Spanien wurden die Kinder mit Kindern des spanischen Königshauses verheiratet. Bereits achtzehn Monate nach der Hochzeit starb Margaretes Mann Juan. Binnen eines Jahres nach Juans Tod starb seine Schwester und deren Sohn, sodass Philipps Frau Johanna als alleinige Erbin des spanischen Thrones übrigblieb. Sie hatte Philipp in den Niederlanden drei Kinder geboren: Eleonore, Karl und Isabella. Nun musste sie vor dem spanischen Ständerat erscheinen. In Spanien kam Ferdinand zur Welt, später in den Niederlanden Maria. Damals war Johanna schon “die Wahnsinnige”. Deshalb hatte ihre Mutter sie zugunsten ihres Vaters Ferdinand von der Thronfolge ausgeschlossen. Darauf fuhr Philipp mit Johanna nach Spanien, um deren Erbe einzufordern. Schwiegervater Ferdinand hatte nach dem Tode seiner Frau sein Bett mit einer französischen Prinzessin erwärmt. Das empörte die Verwandten wie auch die spanischen Granden. Sie unterstützten deshalb die Nachfolge Johannas und Philipps.

Auch Philipp starb - nach Meinung seiner spanischen Ärzte wegen des kalten Wassers, das er erhitzt getrunken hatte, nach dem Verdacht seines flämischen Gefolges am schwiegerväterlichen Gift in diesem Wasser. Übrig blieben die wahnsinnige Johanna und ihre Kinder. Von ihnen wird der in Flandern französisch erzogene Karl einst König von Spanien und als Karl V. deutscher Kaiser sein. Sein in Spanien aufwachsender Bruder Ferdinand wird deutscher König und nach Karl Kaiser werden.

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