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Dann verließ er Augsburg Richtung Innsbruck. Die Wiedersehensfreude wurde ihm jedoch vergällt durch den Rat, der keinen großen Empfang gab und durch die Wirte, die keinen Kredit mehr geben wollten. Dabei hatte das halbe Städtchen jahrzehntelang von seiner Hofhaltung gelebt. Er befahl deshalb den Aufbruch nach Wien. Doch er kam nur bis Wels. Auf der dortigen Burg starb er eines Wintertages, unterhalten von seinem Chor, der immer mitreisen musste. Wenn der nicht sang, taten es die Vögel, die er in kleinen Käfigen mitführte. Bevor ihm ein Kartäusermönch  “in den Himmel half”, machte er sein Testament: Nach Innsbruck wollte er nicht zurückgebracht werden, obwohl er sich in der Hofkirche eine prunkvolle Gruft hatte bauen lassen, um inmitten der Könige zu ruhen, die er als seine Vorfahren ansah. So wurde er in seiner Geburtsstadt Wiener Neustadt begraben. Sein Herz aber sollte in Brügge in den Sarkophag der Maria von Burgund gelegt werden.


Maximilian I. hatte mit den spanischen und den ungarischen Heiraten Habsburg-Österreich auf den Weg zur Weltgeltung gebracht. Als Ergebnis seiner Politik bleibt, dass er die Niederlande nicht nur gegen Frankreich hielt, sondern sie vergrößert hatte. Im Osten hatte er den Erwerb Böhmens vorbereitet. Der Erwerb von Ungarn war schon deshalb wichtig, weil er eine wirkungsvolle Abwehr der Türken ermöglichte. Man hat Maximilian vorgeworfen, seine Politik diene nur Habsburg und nicht dem Reich. “Mein Ehr ist deutsch Ehr, und deutsch Ehr ist Mein Ehr”, soll er erwidert haben. Tatsächlich konnte auch er nur Politik auf der Basis seiner dynastischen Möglichkeiten machen. Das weitere Auseinanderfallen der deutschen Länder verhindert zu haben ist sein größtes innenpolitisches Verdienst.


Bei den Fürsten war er deshalb nicht beliebt, wohl aber bei den Bürgern. Neben seinem persönlichen Charme war das die Folge seiner Imagepflege. Künstler und Intellektuelle verbreiteten seinen Ruhm. Der Universaldilettant im besten Sinne hat alle, die es wert waren, gefördert. Das war zunächst Albrecht Dürer, dann die Altdorfer, Burgmair, Breu, Lucas Cranach der Ältere, Peter Vischer, Veit Stoß, Adam Kraft und viele andere. Sein Hofkomponist war Organist und Musiklehrer am Hof der Medici gewesen. Max gründete in Wien die Hofmusikkapelle und die bis heute berühmten Wiener Sängerknaben. Die Spitzenkünstler waren auch Spitzenverdiener. Dürer hinterließ Frau Agnes ein feudales Haus am Tiergärtnerplatz und ein Barvermögen von 6.858 Gulden, selbst beim teuren Nürnberger Lebenshaltungsindex von 50 Gulden pro Jahr eine stattliche Summe. Auch Lucas Cranach der Ältere, der Freund Luthers und Hofmaler des sächsischen Kurfürsten, der "die Bilderwelt der Deutschen am nachhaltigsten geprägt hat", war durch seine "Bilderfabrik" zum reichsten Mann Wittenbergs und zu dessen Bürgermeister geworden. Seinen Wohlstand mehrte zusätzlich ein Buchhandel und eine florierende Apotheke mit Weinausschank.


Der Kaiser schrieb zwei Autobiographien, den “Weißkunig” - in Anspielung auf die weiße Rüstung, die er meist bei Turnieren trug - und den “Theuerdank”, die Geschichte seiner Brautfahrt nach Burgund. Er hat auch noch viel von allem möglichen diktiert. Er handhabte auch die politische Flugschrift virtuos.


Seine glänzende Gestalt war den Deutschen die Verkörperung von Nationalstolz und Kraftgefühl. Man wusste, dass deutsche Landsknechte wichtige Schlachten gewonnen hatten und dass Deutschland auch in den Künsten und Wissenschaften den Italienern und Franzosen ebenbürtig war. Künstler und Gelehrte waren sogar die glühendsten Patrioten. Der Elsässer Wimpfeling schrieb die erste deutsche Geschichte und der größte Künstler nannte sich Albertus Dürer Germanicus. Als gar der große Kirchenmann und Gelehrte Nikolaus von Kues in der Bibliothek des Klosters Hersfeld die Germania des Tacitus fand, steigerte man sich in eine nationale Romantik, die Deutschtum mit Germanentum gleichsetzte.


Für die Gebildeten war das römisch-griechische Altertum Vorbild geworden. Mit dem kaiserlichen Sekretär und späterem Papst Enea Silvio Piccolomini war der Humanismus eingezogen. Friedrich III. hatte ihn zum Dichter gekrönt. Auch andere Fürsten nahmen sich der neuen Geistigkeit an, ihre Universitäten nahmen sie auf; in Heidelberg wurde die Rheinische Akademie gegründet, in Wien gründete Konrad Celtis die Akademie der Dichtkunst, die Maximilian förderte. Sie erforschten die Quellen und ahmten antike Dichtung und Philosophie nach. Viele antikisierten ihren Namen: Aus Pickel wurde Celtis, aus Spießheimer Cuspinianus, aus Kues Cusanus, aus Koppernik Kopernicus, aus Schwarzerd Melanchthon. Viele waren Aufsteiger, die nun mit akademischem Hochmut von ihren Lehrstühlen hinunterschauten: “Die Philosophie trennt uns von der unwissenden Masse und macht uns zu Gottes Lieblingen.” Es entstand ein pseudo-adeliges Zusammengehörigkeitsgefühl der Gebildeten. Deutschland war ein Land der Dichter und Denker geworden.
Daran hat der Mainzer Patrizierspross Gutenberg  entscheidenden Anteil: Er erdachte die einzelnen beweglichen Lettern und die Vorrichtung, die Metall-Buchstaben zu gießen.

Selten war eine Idee so bedeutsam.  Berets im 18. Jahrhundert konnte der Spötter Lichtenberg  feststellen, dass "mehr als das Blei in den Kugeln, das Blei in den Setzkästen die Welt verändert" hat. Daher wurde Gutenberg am Ende seines Jahrtausends zum "Mann des Jahrtausends" gewählt, weil alle folgenden wesentlichen Entwicklungen ohne die Wirkungen seiner "schwarzen Kunst" und des von ihm begründeten Massenmediums nicht möglich gewesen wären.


Nur ein Reicher hatte damals ein Buch: die lateinische Ausgabe des Neuen Testaments. Es kostete soviel wie ein Pferd - etwa eineinhalb Gulden. Für acht Gulden konnte man im Wittenberg Luthers schon ein Jahr leben. Genaugenommen durfte ein Laie die Bibel noch gar nicht lesen, doch dieses Verbot wurde jetzt so wenig beachtet wie das Zinsnehmen.
Andere Schwarzkünste waren zeitbezogener. Der bekannteste “Negromant” war Georg Faust  aus dem schwäbischen Knittlingen. Mit Großen und Gelehrten war er bekannt, auch mit Luther. Er war “ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch”, ein Magier und Wunderheiler. Für Franz von Sickingen, für den Maulbronner Zisterzienserabt Entenfuß und für die Herren von Staufen im Breisgau sollte er Gold machen. Dort wird er wohl Opfer seiner alchimistischen Experimente geworden sein. Nach Volkes Meinung aber soll ihn der Teufel geholt haben. So steht es noch heute am Gasthof zum Löwen: “Anno 1539 im Leuen zu Staufen Doctor Faustus so ein wunderbarlicher Nigromanta gewesen, elendiglich gestorben und es geht die Sage der obersten Teufel einer, der Mephistopheles   habe ihm    das Genick abgebrochen und seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortet.”


Inmitten der Alchemie und Kurpfuscherei trieben die Naturwissenschaften eine erste Blüte. Theophrast Bombast von Hohenheim - “Paracelsus”  - ist einer der Geburtshelfer der Medizin und Pharmazie. Er erkannte, dass der Unterschied zwischen Gift und Arznei nur in der Menge liegt: “Alle ding sind gifft / und nichts ohn gifft / Allein die dosis macht das ein ding kein gifft ist.” Sein Vater war ein unehelicher Sohn des Großkomturs  der Johanniter. In Einsiedeln in der Schweiz nahm er sich eine “Gotteshausfrau”, eine Leibeigene des dortigen Klosters. Nach ihrem Tod gehen Vater und Sohn nach Villach, damals eine Bergbaustadt, die Verdienst versprach. Paracelsus wird Professor in Basel. Doch er kann nicht Fuß fassen. Ein bekannter Autor beschrieb ihn: “Er lebte wie ein Schwein, sah aus wie ein Fuhrmann und fand sein größtes Vergnügen im Umgang des liederlichsten und niedrigsten Pöbels. Durch die meiste Zeit seines ruhmvollen Lebens war er besoffen.” Hinter dem Namen “Paracelsus“ musste sich der Autor eines geschätzten Wundarznei-Lehrbuches verstecken, weil die Firma Fugger hinter ihm her war. Er hatte nämlich geschrieben, dass das zur Heilung der Syphilis angepriesene Guajak-Holz wirkungslos sei. Die Fugger importierten es. Da sie ihren Profit gefährdet sahen, erwirkten sie von der Universität Leipzig ein Publikationsverbot für seine Schriften. In Salzburg bekam er schließlich eine Anstellung beim Erzbischof. Hier wurde er, heißt es, von einem Kollegen erdolcht, der ihn verdächtigte, seine Braut drogenabhängig gemacht zu haben.


Die Wirkungen von Hanf und Mohn, von Stechapfel und Bilsenkraut waren bekannt. Mit Bilsenkraut verstärkte man die Rauschwirkung des Bieres. Das  Pilsener Bier erinnert noch daran.- Der Humanismus und der zaghafte Aufbruch der modernen Wissenschaften war nur Sache weniger Köpfe in engen Gelehrtenstuben. Nur der Fürst konnte sagen, tun und lassen, was er wollte - religiöse Zweifel und Kritik ausgenommen. Die Masse seiner Untertanen aber war gefesselt durch kirchliche, obrigkeitliche, gesellschaftliche und familiäre Zwänge. Es gab kein Aus-der-Reihe-tanzen und kein Entkommen. Mancher Getretene und manche Verzweifelte wird zu “Elexieren” gegriffen haben, um sich wenigstens für Augenblicke in ein besseres Leben zu flüchten.


Da es viel Schlechtes und Böses gab, brauchte man einen, den man dafür verantwortlich machen konnte. Dafür hatte man den Antichrist, den Teufel. Auf ihn war alles abzuwälzen, was nicht in die sozialen oder religiösen Verhaltensnormen passte. Eine besondere Affinität schrieb man ihm zum weiblichen Geschlecht zu. Das kam auch davon, dass der Papst die Inquisition, die Untersuchung von Ketzerei, Abweichung vom wahren Glauben, Umgang mit Geistern und dem Teufel den Dominikanern aufgetragen hatte. Die Phantasie der weiblosen jungen Männer hatte sich in Ausübung dieser Pflichten offensichtlich bis zum Wahn erhitzt. Die Vorstellung, dass der Teufel mit vielen Frauen “Buhlschaft”, also Geschlechtsverkehr, treibe, fraß sich in ihre Hirne ein. Da von den Teufels-Buhlen undenkbare Teufeleien ausgehen konnten, war es Christenpflicht, die Opfer vor sich selbst zu schützen, da sie ja nicht mehr Herr ihrer Sinne sein konnten. Nur das alles verzehrende Feuer konnte den in seinem Opfer sitzenden bösen Geist vertilgen und so die Welt reinigen. Ärgerlich war nur, dass die “Hexen” ihre Buhlschaft mit dem Höllenfürsten leugneten. Man musste sie also “peinlich” befragen. Man folterte sie grauenvoll. Die Opfer sagten natürlich zu allem ja und Amen. Manchmal wurden die Frauen auch unter Drogen gesetzt: “Damit aber dieser grausamer Actus ... vollbracht mög werden, so müsen viel blutdürstigen Henkersbuben, welche durch besondere dazu bereitete Tränck, welche sie den armen beschüldigten mit Gewalt eingiessen, ..., dass sie auch unmögliche ding aussagen, getrieben werden.” Eine Anleitung zur Hexenbekämpfung, der “Hexenhammer”, war 1487 erschienen. Bis 1669 wurde der Teufelskrampf durch achtundzwanzig Auflagen wachgehalten. In Seis am Schlern in Südtirol sind noch die Schlernhexen gegenwärtig. Im nahen Völs nämlich waren einst die Bäuerinnen der reichsten Höfe durch diese Anklage zu Tode gekommen. Die letzte Hexenverbrennung erfolgte erst 1782 im schweizerischen Glarus, die letzte in Deutschland 1775 in Kempten.- Dass der Hexenaberglaube auch heute noch nicht ausgestorben ist, bewies 1954 bis 1956 ein Hexenprozess in Itzehoe. Und in Klingenberg am Main gab es noch 1976 eine kirchlich gebilligte Teufelsaustreibung mit Todesfolge an einer - Epileptikerin.


Nein, die Zeit des Humanismus war nicht human. Auch die Oberschicht, der “Adel teutscher Nation”, war es nicht. So war Götz von Berlichingen nicht der edle Ritter, den Goethe aus ihm gemacht hat. Die Ritter waren oft nur noch Strauchdiebe, die Kaufmannszüge ausraubten und ihre Leibeigenen auspressten. Die andere Möglichkeit war der Dienst bei Größeren für Sold. Aus dem Ritter wird der Sold-at.


Die meisten Ritter waren arm. Ihre Burgen, die “festen Häuser”, Festen, Festungen, Schlösser, gaben ihren Bewohnern und deren Untertanen Schutz, sie schlossen Verkehrswege und Zugänge zu Tälern und Landschaften. Ritter Ulrich von Hutten beschreibt sie: “Mag die Burg auf einem Berge oder in der Ebene stehen, sie ist nicht zum angenehmen Aufenthalt, sondern zum Schutz aufgebaut, mit Graben und Wall umgeben, der Raum im Innern beschränkt, durch Stallungen ... verengt. Daneben liegen dunkle Gewölbe ... überall Pulvergeruch, Gestank nach Hunden und Hundekot ... Reiter kommen und ziehen davon, unter ihnen Strolche, Diebe und Buschklepper. Wir wissen nicht, wer es ist ... . An die Ohren schlägt das Geblök der Schafe, Rindergebrüll, Hundegebell... In meinem Elternhaus kommt noch das Geheul der Wölfe hinzu. Und dabei tägliche Sorge und Angst um den morgigen Tag. Verlasse ich das feste Haus, steht zu befürchten, dass ich denen in die Hände falle, mit denen mein Herr ... im Kriege steht. Sie fallen mich an und schleppen mich davon. Und wenn es schlimm kommt, geht leicht die Hälfte meines Erbes für das Lösegeld drauf. Deswegen halten wir Pferde und umgeben uns mit zahlreichem Gefolge, alles mit großen Kosten. Nicht zwei Morgen weit dürfen wir unbewaffnet ausgehen....”

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