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Die funktionslos gewordenen reichsunmittelbaren Ritter sahen sich von fürstlichen Hyänen umlauert. Sie wollten eine Reichsreform zu ihren Gunsten. Der Reformator Luther hatte ja nachgewiesen, dass es die geistlichen Fürstentümer gar nicht geben sollte. Die Ritter wollten ihre Säkularisation. Die Reformation zündete ihren Aufstand. Ulrich von Hutten war ihr Trompeter, ihre Faust Franz von Sickingen . Der war mächtig und unabhängig. Er bekriegte so bedeutende Städte wie Worms und Metz. Beide mussten sich loskaufen. Der Herzog von Lothringen zahlte ihm jahrelang Tribut. Er kämpfte für den französischen König und für den Kaiser, gegen den Landgrafen von Hessen und den Herzog von Württemberg. Er gab sich als Vorkämpfer gegen die herrschende Staats- und Wirtschaftsordnung.


Sickingen ließ sich zum Führer der südwestdeutschen Ritterschaft wählen und sich “König am Rhein” nennen. Von seiner Ebernburg bei Kreuznach sagte die Reichsritterschaft vom Mittel- und Oberrhein den Fürsten den Krieg an. Insgeheim plante ihr Anführer wohl, sich ein eigenes Fürstentum zu erstreiten. Man zog gegen Kurtrier. Der Kurfürst sei ein Feind der Reformation und ein Freund Frankreichs. In Trier kommandierte der Landesherr persönlich: Richard von Greiffenclau aus Rheingauer Uradel, mehr Kurfürst als Erzbischof, der besser in die Rüstung als in die Soutane passte. Trier, Pfalz und Hessen verbündeten sich. Die Veste Landstuhl, auf die sich Sickingen zurückgezogen hatte, wurde sturmreif geschossen, er selbst von einem stürzenden Balken erschlagen. Auch seine siebenundzwanzig anderen Burgen wurden gebrochen. Seinen Besitz verteilten die Sieger unter sich.

Mit dem Sieg über Trier hätte die Säkularisation des gesamten Kirchenbesitzes begonnen werden sollen. Der Sieg der Ritter hätte eine Lawine ins Rollen gebracht, denn ein volles Drittel des Reiches gehörte zu Bistümern und Abteien. 50 Bischöfe und 40 Äbte waren nicht nur kirchliche, sondern auch weltliche Fürsten.


Jetzt hatten sie lange genug gefront – mitunter mit allen Familienangehörigen bis zu vier Tagen in der Woche ohne Lohn - und Fuhr- und Spanndienste geleistet, so schien es den leibeigenen Bauern, dazu ihren Herren noch zusätzlichen Verdienst verschafft, weil sie ihr Korn in deren Mühlen mahlen, ihr Bier in deren Brauereien brauen lassen mussten. Luther hatte “von der Freiheit eines Christenmenschen” geschrieben und dieses Wort schien ihnen auch für sie zu gelten.


Luther , Luther, Luther - alles berief sich auf ihn. Wer war das? Zuerst nur irgendein Mönch, schließlich der größte Beweger dieser Zeit. Die Gewitterstimmung brachte er zur Entladung. Die Folge war nicht nur die Reinigung der Atmosphäre, sondern auch nationale Katastrophen. Er könnte ein “faustischer” Mensch genannt werden.  Er war der Sohn eines Berkwerksunternehmers, der es zum Ratsherrn von Mansfeld gebracht hatte. Der konnte seinen Sohn studieren lassen. Jurist sollte er werden. Denn Juristen sind die Räte der Fürsten, es sind die, die die damalige Welt ordnen und leiten. Doch der Sohn wird Mönch, in den Augen der Zeitgenossen einer jener zu vielen Nichtstuer. Er macht Karriere, wird Professor für Bibelexegese in Wittenberg, „ein Dorf eher als eine Stadt”, 2.000 Einwohner, kaum 200 Studenten, manche erst zwölf. Dieses Nest in einer “halben Wüste an den Grenzen zur Barbarei” (Originalzitate Luther) gelegen, war vom sächsischen Kurfürsten erst 1502 zur Landesuniversität gemacht worden, nur weil sein Vetter und Gegner, der Herzog von Sachsen, in Leipzig seine Universität hatte.


Luther hat jetzt das, was er - mit unterschiedlich deutbarem Ortsbezug - als sein “Turmerlebnis” bezeichnet hat: “Der Gerechte” wird nur “aus Gottes Gnade selig”, nicht durch eigenes Tun. Diese Prädestinationslehre, die alles von der göttlichen Gnade abhängig macht und menschliche Bemühungen ausschloss, wurde zu einem Kernstück seiner Lehre.

Der Erfolgreiche ist von Gott ausgezeichnet!  Nur wer mächtig, groß, reich ist, hat den Allmächtigen auf seiner Seite. Sein Tun ist schon im vorhinein als richtig, nützlich, gottgefällig ausgewiesen. Das war die Wiedergeburt des germanischen Sieg-Heil-Glaubens, auf den sich das Gottesgnadentum der Fürsten stützte. Nun, da das Christentum schon eine lange Tradition hatte und man angenommen haben mochte, dass für Gott jeder gleich sei, brach dieser Auserwähltheitsglaube aus einem schlichten Deutschen hervor. Bruder Martin, der sich bisher Luder genannt hatte, hatte eine Zeitbombe gezündet.


Jenseits der Landesgrenze wurde der „Ablass” verkauft. Er ist ein Nachlass zeitlich begrenzter Strafen für „Sünden”. Wer nach Reue, Beichte und der Absolution des Priesters kleinere Sünden im Fegefeuer abzubüßen hat, kann sie erlassen bekommen. Der Ablass besteht in Leistungen des Sünders, im Hochmittelalter beispielsweise der Teilnahme am Kreuzzug. Da es keine Kreuzzüge mehr gibt, genügt jetzt die Ablösung durch Geld. Das ist der Kirche lieber, denn auch sie braucht immer mehr Geld. So entwickelte sich ein regelrechter Ablass-Handel. Wer geben konnte, bekam die Aussicht dafür, nicht lange im Fegefeuer rösten zu müssen.


Der Ablass, um den es ging, war von Papst Julius II. ausgeschrieben worden. Dem prachtliebenden Kriegerpapst ging es um den Neubau des Petersdomes. Die einst größte christliche Kirche, die Hagia Sophia in Konstantinopel, war an „die Ungläubigen“ verlorengegangen. Deshalb sollte der Christenheit wieder eine größte Kirche gegeben werden. 1513 war der Ablass von Leo X. erneuert worden.


Um möglichst viel Geld einzunehmen, suchte man in Deutschland nach einem prominenten Schirmherrn. Man fand ihn in Albrecht von Hohenzollern , Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Erzbischof von Magdeburg, Bischof von Halberstadt, 24, jüngster Sohn des Kurfürsten von Brandenburg. Eine solche Häufung von kirchlichen Höchstämtern war verboten, doch Rom erlaubte sie ihm - gegen viel Geld. Albrecht  musste sich beim Bankhaus Fugger 29.000 rheinische Gulden leihen. Das war das jährliche Steueraufkommen Deutschlands.

Die Kurie und Fugger einigten sich deshalb darauf, den Erzbischof zum Ablasskommissar für Deutschland zu machen und ihm zur Hälfte die Einnahmen zu überlassen. Die andere Hälfte behielten zur Tilgung seiner Schulden die Fugger.


Der Hohenzollernspross gab dazu Instruktionen heraus, die zwei Neuheiten enthielten. Er ließ Ablassbriefe auch für Tote verkaufen. Das vergrößerte den Käuferkreis außerordentlich. Zweitens brauchten die Ablasskäufer ihre Sünden nicht mehr  bereuen. Nur gegen Bezahlung seien sie aller Sündenstrafen ledig.

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