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Dagegen wandte sich Luther. Er wandte sich dagegen nicht gegen den Ablass als Einrichtung. Der gehörte ja zum System der Kirche, deren treuer Sohn Luther noch war. Er schrieb nur einen devoten Brief an den Erzbischof von Mainz-Magdeburg und an den Bischof von Brandenburg über die missbräuchliche Ablassauslegung und bat, “den Ablasspredigern eine andere Predigtweise zu befehlen.” Außerdem: “So es Ew. Hochwürden gefällig ist, könnt Ihr meine beiliegenden Streitsätze ansehen und daraus ersehen, ...” Dies sind die 95 Thesen, die Luther an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen und mit denen die Reformation begonnen haben soll. Der Beginn der Reformation ist jedoch schwerlich auf diesen Tag anzusetzen. Luther machte ja gerade darauf aufmerksam, dass sich der Erzbischof von den Kirchenlehren entferne, während er selbst mit ihnen übereinstimmte.


Diese Thesen waren auf den Ablasshandel im benachbarten Magdeburgischen gemünzt. Dort verkaufte der Dominikaner Tetzel den Ablass. Ein Meineid kostete neun, ein Mord acht, ein Ehebruch sechs Dukaten. Er war so erfolgreich, dass auch Luthers Beichtkinder heimlich “wie toll und besessen” - so Luther - über die Grenze zu ihm liefen, da Tetzel ja nicht in Kursachsen predigen durfte. Der Kurfürst wollte das Geld seiner Landeskinder nicht dem Papst zukommen lassen. Der Devisenabfluss hätte sein Land noch ärmer gemacht.

Er wollte dieses Geld vielmehr selber einkassieren, hatte er doch eine gut sortierte Sammlung von zwanzigtausend Reliquien, darunter vier Haare der Jungfrau Maria, einen Zahn des heiligen Hieronymus, ein Fetzchen einer Christuswindel. Auch für die Betrachtung dieser Reliquien gab es Ablass - für alle zusammen für fast zwei Millionen Jahre Fegefeuer.


Zwischen dem Augustinermönch und seinem Fürsten bildete sich infolgedessen eine stille Kumpanei, die für den Mönch lebensrettend war. Ein Ablassprediger war nämlich unmittelbarer Vertreter des Papstes, wer ihn behinderte oder gar angriff, verging sich am Papst selbst. Schon seit längerem fühlten sich die Deutschen von Rom ausgebeutet.

Jetzt bringt auch diese Welle Luther nach oben.


Luther wäre auf dem Augsburger Reichstag von 1518 beinahe auf den Scheiterhaufen gekommen, doch das “Mönchsgezänk” zwischen dem “vermessenen Augustiner” und Tetzel und dessen Dominikanerbrüdern war für den Kaiser drittrangig. Es gab Wichtigeres. Er wollte eine Reichssteuer genehmigt bekommen für einen Kreuzzug gegen “den Türkenhund”. Vor allem wollte er die Wahl seines Enkels Karl  zum König und Kaiser vorbereiten. Für beides war bestes Einvernehmen mit den Kurfürsten nötig. So erhielt Albrecht von Mainz, der die wichtigste Wahlstimme hatte, den Kardinalshut als Vorschuss für die richtige Wahl. Für den Papst war das aber gerade nicht der Habsburger. Maximilian wollte sich auch die Kurstimme von Luthers Landesvater sichern. Weil der Kaiser wusste, dass Friedrich seinen Untertan Luther schützen wollte, weil der seine Universität erst bekanntgemacht hatte, blieb die Sache Luthers ausgeklammert. “Vielleicht brauchen wir ihn noch einmal”, hatte Max an Fritz geschrieben.


Der Papst, viele Reichsfürsten und Frankreich fürchteten die Übermacht der Habsburger. Der junge Karl sollte ja viele Länder erben: Die österreichischen Länder und die burgundischen, Aragon und Kastilien, Neapel und Sizilien, dazu noch die riesigen Länder der Neuen Welt. Der Papst sah sich umklammert wie zu Stauferzeiten, auch Frankreich fühlte sich eingekreist. Der Franzosenkönig Franz I . wollte deutscher König werden. Weitere Anwärter waren Heinrich VIII. von England sowie Luthers Kurfürst Friedrich. Dessen Aufgeben hat dem Sachsen außer einer gewaltigen Geldzahlung der Fugger den Ehrennamen “der Weise” eingetragen. Von Franz I. munkelte man, dass er jedem Kurfürsten für seine Wahl 400.000 bis 500.000  Gulden zahlen wollte, nach heutigem Wert vielleicht 25 bis 40 Millionen Euro. Dagegen mussten Karls Gesandte versuchen, “unsere Armut nicht merken zu lassen”. “So geldgierige Leute” wie die Kurfürsten habe er noch nie gesehen, wunderte sich ein Agent Karls. Am gierigsten war der Markgraf von Brandenburg. Franz versprach ihm die Stellung eines Prinzregenten für Deutschland und die Prinzessin Renée nebst einer Mitgift von 200.000 Gulden. Karl bot dieselbe Summe und die Hand seiner Schwester. “Worauf der Franzose prompt die Geldsumme verdoppelte. Die Prinzessinnen konnten sie leider nicht verdoppeln.”


Die Wahl war zu dieser Zeit schon in der “goldenen Schreibstube” Jakob Fuggers "des Reichen" entschieden. Während der Monate davor löste das Antwerpener Kontor der Fugger keine französischen Wechsel ein, was König Franz insolvent erscheinen ließ. Das war nicht nur Anhänglichkeit an das Haus Habsburg, es war auch sehr realistisch.
Das Bankgeschäft zwang nämlich dazu, denn das Risiko war groß, schon weil das Währungschaos unvorstellbar war: Erst 1559 wird die Zahl der fremden Münzsorten auf 30 begrenzt. Es gab nicht nur die Schwankungen von Währung zu Währung, auch die einzelnen Währungen waren in sich nicht konstant, denn der Edelmetallgehalt der Münzen änderte sich dauernd. Außerdem waren manche Waren in Gold, andere in Silber zu bezahlen. Ganz unvorstellbar ist uns heute, dass mit römischen Zahlen gerechnet werden musste. Die Null, von deren arabischem Namen das Wort “Ziffer” kommt, gab es dabei nicht. Sie kommt erst mit den arabischen Zahlen.


Schon Großvater Maximilian hatte die Fugger zu Herren der Silbervorkommen Tirols, des silberreichsten Landes in Europa, gemacht. Darüberhinaus kontrollierten sie seit etwa 1500 den europäischen Kupfermarkt. Da aus Kupfer Bronze und aus Bronze Kanonen gemacht wurden, war der Gewinn überaus erfreulich. Die Schwaben hatten ihr Vermögen zwischen 1511 und 1527 verzehnfacht und eine Jahresrendite von durchschnittlich 55 % erzielt. Um den Neid weniger erfolgreicher Mitschwaben zu entgiften, stifteten sie die “Fuggerei”, eine Siedlung “für etliche Arme, bedürftige Bürger und Inwohner zu Augsburg, Handwerker, Taglöhner und andere, welche nicht betteln wollen.” Jahresmiete für eines der 53 Häuschen ein rheinischer Gulden, heute 88 Cent - ohne Nebenkosten.


Da nicht einmal das Fugger-Geld ausreichte, um die Kaiserwähler zu befriedigen, stellte Jakob ein Bankenkonsortium zusammen: Die Genueser Grimaldi, Fornari, Vivaldi und die Florentiner Gualterotti gaben 307.333 Gulden. Ihre Wechsel wurden von den Augsburger Welsern garantiert. 543.585 Gulden schoss Fugger selbst ein. Alles in allem waren es über zwei Tonnen Feingold. Karl konnte das nie zurückzahlen. Schon bald wird sich Jakob bei ihm beschweren, “dass Eure Majestät die Römische Krone ohne mich nicht hätte erlangen mögen ... Dann wo ich ... Frankreich fördern hätte wollen, würde ich groß Gut und Geld ... erlangt haben. Was aber Eurer Kaiserlichen Majestät und dem Hause Österreich für Nachteil daraus entstanden wäre, das haben Eure Majestät ... wohl zu erwägen.” So hatte noch kein Kaufmann mit einem Kaiser gesprochen. Ein Fugger der 17. Generation rechnete den Habsburgern noch vor, dass sie seiner Familie mit Zinsen runde 125 Milliarden Euro schuldeten. Heute wären es noch viel mehr.- In handlichen Leinensäckchen traf der Zaster in Frankfurt ein. Mit ihm die Königswähler. Von ihnen bekam der Pfälzer Kurfürst die meisten Säckchen:184.000 Gulden. Die geistlichen Kurfürsten bekamen ansehnliche Pensionen. Nur der Brandenburger soll nichts bekommen haben.


Franz von Frankreich schob sein Heer an die Grenze. Darauf ließ Karls Tante Margarete, Statthalterin der Niederlande, ihr Heer bei Aachen sammeln, und die Condottieri Franz von Sickingen und Robert von der Mark - auch mit Fuggergeld versorgt - schoben ihre Heerhaufen an die Mauern der Wahlstadt heran. Das war zwar verboten, aber wirksam.

Der englische Gesandte schrieb nach Hause: “...die Allgemeinheit neigt zum König von Kastilien.”

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