1338 - 1556 1521

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Karl V. hält seinen ersten Reichstag in Worms. Um den Kaiser Flamen und Spanier, Venezianer, Polen, Ungarn, Savoyer, die päpstlichen Nuntien, der französische Gesandte, die Kriegserklärung schon in der Tasche. Worms war überfüllt. Der Kaiser musste mit seinem Erzieher und Berater, dem Herzog von Croy, im gleichen Bett schlafen. Dringendes war noch zu verhandeln, bevor Karl wieder nach Spanien abreisen musste: das Reichsregiment, das in seiner Abwesenheit regieren sollte. Doch “gehen sonst alle Sachen langsam von statten”, schrieb der sächsische Kurfürst nach Hause. Viele Reichstage und Fürstentreffen dauerten einfach deshalb so lange und brachten so verquere Resultate, weil Fürsten und Räte zu oft zu alkoholisiert waren. Bei den Reichstagen erzielten die Vertreter der Kurie und die Spanier viele Erfolge einfach dadurch, dass sie nüchtern blieben.


Obwohl die Causa Lutheri gar kein ordentlicher Beratungspunkt war, entwickelte sie sich zur Hauptangelegenheit des Reichstages. Gleich anfangs gedieh die Ablehnung eines kaiserliches Ediktes gegen Luther zur turbulentesten Sitzung: Der Kurfürst von Sachsen wurde mit dem brandenburgischen fast handgreiflich, und der sonst so stille Kurfürst von der Pfalz, "der Friedfertige", brüllte, wie Kardinal Aleander notierte, wie ein Stier. Er und der sächsische verließen schließlich protestierend den Saal. Die Ursache ihrer Erregung war, dass seit der Goldenen Bulle - 1356 - weder der Kaiser noch der Papst Prozesse aus einem kurfürstlichen Land an sich ziehen durften.


Erst drei Monate nach der Eröffnung fuhr der vorgeladene Mönch in einem zweirädrigen Karren in Worms ein, begleitet vom Reichsherold. Kardinal Aleander berichtete: “Neun Zehnteile der Deutschen erheben das Feldgeschrei für Luther und für das übrige Zehntel … lautet die Losung: Tod dem römischen Hofe!” Wenige Tage später wurde Luther vom Reichsmarschall von Pappenheim vor “Kaiser und Reich” geführt. Im niedrigen Saal, in dem gerade die Fackeln angesteckt wurden, standen sich die Schicksalsgestalten gegenüber. Der einfache Mönch musste es als etwas Außerordentliches ansehen, dem Kaiser, der auch ihm als von Gott gesandt galt, vor die Augen treten zu dürfen. Er, der Ketzer, hätte längst verbrannt sein müssen und zur ganzen  “Lutherei” wäre es dann nicht gekommen. Dass Luther nicht den Tod des Ketzers in den Flammen, sondern den des Spießers auf dem Strohsack starb, hatte er den Zufällen der Politik zu verdanken. Eigentlich war er schon auf dem Augsburger Reichstag dem Feuer verfallen. Jetzt kommt die Sache vor den Kaiser, weil der in seiner Wahlkapitulation beschworen hat, dass kein Deutscher unangehört verurteilt werden dürfe. Dabei ist Luther schon vom Papst gebannt und somit nur noch zu exekutieren. Jetzt erbittet er Bedenkzeit.


Am nächsten Tag findet die Befragung vor dem Kaiser statt. Noch mehr Öffentlichkeit, doch Luther, instruiert durch den Rechtsberater seines Landesherrn, hat sich gefangen. Er erklärte: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse aus der Heiligen Schrift ... überzeugt werde, denn weder dem Papst noch den Konzilien allein kann ich glauben, ... so bin ich an mein Gewissen und das Wort Gottes gebunden. Ich kann und will daher nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen.” Dass er auch “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” gesagt habe, ist dagegen Legende.


Der Kaiser fragte Fürsten und Stände. Keine Antwort. “Eh bien” näselte er, weil starke Polypen ihm das Atmen erschwerten. Deshalb hatte er auch den Mund immer leicht offen, was ihn zusammen mit dem vorstehenden Kinn und dem Melancholikerblick nicht besonders geistreich aussehen ließ. In Deutsch wurde am nächsten Morgen das von ihm selbst verfasste Statement verlesen. Er beschwor seine Ahnen, die Kaiser, die Erzherzöge von Österreich, die Großherzöge von Burgund. “Sie alle waren ... treue Söhne der römischen Kirche ... Deshalb bin ich entschlossen, alles aufrechtzuerhalten, was meine Vorfahren und ich bis heute gehalten haben.” Und: “Nachdem ich die Antwort Luthers gehört habe, ... erkläre ich, dass ich bereue, so lange das Vorgehen gegen Luther und seine falsche Lehre aufgeschoben zu haben. Ich bin entschlossen, ihn nicht weiter anzuhören ... und fordere Euch auf, in dieser Sache Euch als gute Christen zu beweisen, wie es Eure Pflicht ist und Ihr mir versprochen habt.”


Doch zum Beschluss, den Ketzer zu verbrennen, kam es auch jetzt nicht. Nicht wenige Potentaten fürchteten Unruhen des “gemeinen Mannes“. Der Reichstag war auch nicht mehr beschlussfähig, auch Luthers Landesherr, der Kurfürst  von Sachsen, das “fette Murmeltier mit dem schiefen Blick”, so Kardinal Aleander, war bereits abgereist. Er hatte Luther ausrichten lassen, er sei mit ihm zufrieden. Auf dem Heimweg würde er in Sicherheit gebracht werden, doch wünsche der Kurfürst nichts zu wissen.
Luther fuhr heim. Bei Eisenach wurde sein Wagen planmäßig überfallen, er selbst auf die Wartburg gebracht. Dort galt “Junker Jörg” als Besucher des Burghauptmanns, der ihm Stubenarrest verordnet hatte, bis die Tonsur verwachsen war und ein ritterlicher Knebelbart die Tarnung vervollständigte.


Er hatte eine hebräische Bibel und das Neue Testament in Griechisch mitgebracht. Man sagt, er habe es ins Deutsche übersetzt. Schon vor ihm gab es einundzwanzig Bibelübersetzungen, die meisten mundartlich. Das waren  Prachtbibeln für Reiche. Luther wollte die Heilige Schrift zumindest sprachlich Jedem zugänglich machen. Naheliegenderweise übersetzte er in seine Sprache. Sie war bereits die Kanzleisprache Karls IV. gewesen. Jetzt normierte Luther das Oberdeutsche. Für diese  Sprache war in seiner von der Religion beherrschten Zeit das „Wort Gottes“ das bestmögliche Vehikel, um das Hochdeutsche für die Gebildeten als Kommunikationsmittel verbindlich werden zu lassen. Auf dieser Sprache beruhte ein guter Teil seines Erfolges. Durch seine Lehre trennte er die Deutschen, durch seine Sprache brachte er sie einander wieder näher.


Währenddessen lebte er auf der Wartburg recht komfortabel. Bücher lieh er sich im Eisenacher Franziskanerkloster. Mehr und mehr musste er erkennen, dass seine Gedanken nicht nur religiöse, sondern auch soziale und politische Kettenreaktionen ausgelöst hatten. ”Wenn er doch nur maßvoller wäre!”, stöhnte Erasmus von Rotterdam  in Basel. Der große Humanist verabscheute den gottbesessenen Radikalismus. Der Wittenberger Mönch hatte den nahtlosen Rock, das Symbol geistiger Einheit des Abendlandes wie auch der Einheit des Reiches, zerrissen.
Schon auf der Wartburg hatte Luther gehört, dass verschiedenste Chaoten versuchten, seine “reine Lehre” von der “Freiheit eines Christenmenschen” für sich auszuschlachten. Demagogische “Propheten” lockten die Hefe des Volkes an, Altäre und Heiligenbilder stürzten, Plünderungen der sich leerenden Klöster folgten. “Wiedertäufer”  “heiligten” sich mit neuen Ritualen. Was sollte aus den Mönchen und Nonnen werden, die aus den Klöstern gingen, was wurde aus dem Besitz der aufgegebenen Klöster und pfarrerlosen Pfarreien, was aus den unzähligen Pfründen?
Bauernunruhen hatte es schon in den letzten Jahrzehnten gegeben. Der Bischof von Würzburg etwa hatte das “Pfeiferhänsle” aus dem Taubergrund als Ketzer verbrennen lassen. Bis zu 40.000 Bauern soll er zu seinen Predigten gelockt haben. Sie gipfelten stets in dem Appell, die göttliche Gerechtigkeit mit der Waffe herzustellen. Grund zur Unzufriedenheit war reichlich gegeben. Die rechtliche Stellung der Bauern war miserabel. Zu den alten Verpflichtungen und Abgaben waren immer neue gekommen. Der zunehmende Finanzbedarf der Territorialstaaten wurde größtenteils aus ihren Scheuern und Ställen gezogen. Die bekannteste Steuer war für den unfreien Bauern der “Zehnte”. Das ist zunächst der zehnte Teil der Ernte. Dazu war der “lebendige” Zehnte gekommen; Vieh oder Geflügel. Schließlich gab es den “kleinen” oder “toten” Zehnten von Heu, Holz, Hopfen etwa. Beim Tode des Bauern wurde das “Besthaupt” fällig; das beste Pferd oder die beste Kuh. Für kleine Anwesen war das oft der Ruin. Dann kam die Arbeitsverpflichtung, die Fron; Mithilfe bei Aussaat und Ernte des Grundherrn, Holzfällen, Wege-, Haus- und Festungsbau, bis zum Sammeln von Beeren. Entscheidend aber war, dass sich die rasch verfestigenden Bürokratien jeden Lebensbereich und jedes Individuum unterwarfen. Nur in Westfalen und in Tirol gab es freie Bauern in größerer Zahl. Dagegen hatte sich die Anzahl der Leibeigenen ständig vergrößert. Kein Bauer konnte lesen, noch weniger schreiben. Sie konnten sich auch nicht verteidigen. Jeder Sekretarius konnte ihnen mit einem gefälschten Pergament weis machen, dass ihr “altes göttliches Recht” nichts galt, sondern nur das römische. Nur in Tirol saßen Bauern sogar im Landtag.

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