1533 - 1648 1600

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Obwohl der östliche Ostseeraum ihrem Einfluss verlorengeht und in England ihre Privilegien beschnitten werden, segeln für die Hanse, die vom Krieg in den Niederlanden profitiert hat, um 1600 etwa tausend Schiffe mit einer Tonnage von neunzigtausend Tonnen. Nur die holländische Flotte ist größer. Hamburg nimmt fremde Kaufleute auf und gewinnt an Wohlstand. Auch Frankfurt am Main hat von 1554 bis 1590 eintausendzweihundert Wallonen und Flamen aufgenommen, darunter Goldschmiede, Kaufleute und Bankiers mit weitreichenden Beziehungen. Die Frankfurter Messen werden berühmt, die Stadt wird zum Finanzzentrum Deutschlands. Die früheren Handelszentren Augsburg, Ulm und Straßburg hatten ihre Bedeutung verloren. Infolge spanischer und französischer Staatsbankrotte waren zwischen 1556 und 1584 allein in Augsburg siebzig international bekannte Handelshäuser eingegangen. Nürnberg und Leipzig dagegen arbeiten sich nach vorn.


Die Städte sind noch immer klein: Sachsens Hauptstadt Dresden hatte 6.450, seine größte Stadt Leipzig 7.500 Einwohner. Auch die Hauptstädte deutscher Zwergstaaten sind zwergenhaft: Das pfälzische Heidelberg hat 6.300, das württembergische Stuttgart 9.000, das bayerische München 10.000 Einwohner. Größer sind Handelszentren wie Stettin mit 12.200, Frankfurt mit 18.000, Hamburg mit 22.500, Breslau und Magdeburg mit 30.000 und Augsburg als größte Stadt mit etwa 50.000 Einwohnern. Fast drei Viertel der Augsburger Bevölkerung waren mittellos oder besaßen nur ganz wenig Vermögen. Armut bedeutete Hunger. Schon eine schlechte Ernte trieb die Getreidepreise hoch. Und schon damals war das Leben teuer: 1558 kostete in Augsburg 1 Pfund Rindfleisch 1,4 Kreuzer, 1/4 Liter Milch 0,7 Kreuzer, einen Gulden zu 60 Kreuzern gerechnet. Dabei hatte z.B. in Württemberg die Hälfte der Steuerzahler ein Vermögen von weniger als 50 Gulden. Wenn der Ernährer ausfiel, war die meist große Familie - 10 Kinder waren nicht selten - brotlos. Kinderarbeit und Betteln waren normal.


Trotz hoher Kindersterblichkeit wuchs die Bevölkerung unaufhaltsam. Deutschland hatte 1560 vermutlich 14 Millionen Einwohner, die sich bis 1618 auf 16 bis 17 Millionen vermehrten. Um die 70 Prozent lebten auf dem Land in Dörfern mit jeweils nur wenigen Häusern. Auch die Märkte und Landstädte waren winzig. In Sachsen hatten 40 Prozent weniger als 500, 68 Prozent weniger als 1.000, 90 Prozent weniger als 2.000 Einwohner. Dabei war Sachsen dank seiner Bergwerksindustrie wohlhabend und dicht besiedelt.
Die Landbevölkerung nahm jetzt alles unter den Pflug, was nutzbar war. In Südwestdeutschland wurden die Höfe unter die Kinder aufgeteilt. Die Leibeigenschaft war nicht mehr drückend. Anders in Ober- und Niederösterreich, wo der Adel die Lasten der Türkenkriege auf die Bauern abwälzte. Ein großer Bauernaufstand war die Folge. In Bayern und in Nordwestdeutschland wurden die Höfe ungeteilt vererbt. Westlich der Elbe verschlechterte sich im 16. Jahrhundert die Lage der Bauern nicht. Ganz anders östlich der Elbe. In diesen kolonisierten Gebieten waren die Bauern ursprünglich sogar besser gestellt gewesen. Doch seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert brachten die Adeligen, dort Junker (= Jungherr) genannt, mehr und mehr Bauernland in ihren Besitz. Indem der Adel den Fürsten die Steuern verweigerte, zwang er ihnen das Recht ab, den Bauern auch gegen deren Willen Land abkaufen zu können. Für die vergrößerten Güter brauchten die Adeligen auch mehr Arbeiter. Sie beschafften sie sich, indem sie die Dienstleistungen der Bauern erhöhten: etwa in Mecklenburg von dreieinhalb Tagen jährlich - um 1500 - auf drei Tage wöchentlich - um 1600. Der Bauer war in die vollkommene Abhängigkeit von seinem Grundherrn abgesunken.


War so im Nordosten die wirtschaftliche Bedrückung kaum mehr überbietbar, so wurde es im Südosten die religiöse. In Steiermark, Kärnten und Krain war Erzherzog Ferdinand Landesherr. Er hatte geschworen, die Folgen der religiösen Lässlichkeit seines Vaters zu beseitigen. In seiner Hauptstadt Graz soll es 1596 nur noch drei Katholiken gegeben haben. Im Herbst 1598 befahl Ferdinand die Schließung aller nichtkatholischen Kirchen. Die protestantischen Pastoren hatten die Stadt und seine Länder binnen zehn Tagen zu verlassen. Nur ein halbes Jahr später war die Rekatholisierung abgeschlossen. Kein Widerstand hatte sich geregt. Er hatte ja nur § 15 des Augsburger Religionsfriedens vollzogen, hatte nur sein Recht ausgeübt, als Herr seines Landes seine Religion einzuführen. Anderswo ging es genauso andersherum. Der Unterschied bestand jedoch darin, dass der zähe Ferdinand der künftige Kaiser  ist, dessen Maxime war: “Besser eine Wüste als ein Land voller Ketzer“.


In Donauwörth war bei der Fronleichnamsprozession das Katholikenhäuflein verhöhnt worden. Die Patres des Klosters beschwerten sich beim Bischof von Augsburg. Der erhob Klage beim Reichshofrat, dessen oberster Richter der Kaiser war. Wie zu erwarten, wurde der Stadt im Wiederholungsfall die Reichsacht angedroht. Als es wieder zu Belästigungen kam, wurde Bayern mit der Exekution beauftragt. Da dessen Herzog Maximilian I.  ebenso katholisch war wie sein steirischer Vetter, begann die Rückführung zum alten Glauben unverzüglich. 1625 war die Stadt wieder katholisch. Der Kaiser hatte Maximilian die Reichsstadt verpfänden müssen. Seither ist Donauwörth katholisch und bayerisch. Nicht einmal seinen Namen Schwabenwörth hatte es behalten dürfen.

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