1533 - 1648 1635

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Um jedoch “alles im Fluss zu halten”, so Richelieu, trompetete am 21. Mai 1635 auf dem großen Platz zu Brüssel ein Herold Ludwigs XIII. von Frankreich, dass sein Herr Philipp IV. von Spanien den Krieg erkläre, “um sich” - so wieder Richelieu - “einen Zutritt nach Deutschland zu schaffen.” Das allerdings verkündete der Herold nicht. Das Eingreifen Frankreichs zwang nun die, die Frieden wollten, nicht nur die schwedischen, sondern auch die französischen Heere aus Deutschland zu vertreiben.


Die Heere zogen planlos umher, dorthin, wo es noch etwas zu fressen gab. Aber wo gab es noch was? Der schwedische Marschall Banér konnte für seine Truppen, die sich den Ruf der wüstesten Mordbrenner und raffiniertesten Folterer erworben hatten, weder in Anhalt noch in Halle “ein einziges Getreidekorn” herauspressen. Und das, obwohl man den Bauern, die man fing, die Münder aufriss und ihnen Jauche einfüllte. Dieser “Schwedentrunk” und schlimmere Quälereien ließen noch hundert Jahre später die bösartigsten Kinder erschrecken bei der Drohung: “Der Schwede kommt!” Als Banér in Böhmen einfiel, meldete er seinem Kanzler: “ ... zwischen Prag und Wien ist alles dem Erdboden gleichgemacht und im ganzen Land ist kaum eine lebende Seele zu sehen.” So auch anderswo. In Calw sah der Pastor eine verhärmte Frau gemeinsam mit einem Hund und einigen Krähen das Fleisch von einem verendeten Pferd nagen. Im Elsass wurden die Leichen der Gehenkten vom Galgen geschnitten, im Rheinland machte der Hunger-Kannibalismus auch vor Begrabenen nicht halt, in Zweibrücken hatte eine Mutter ihren Säugling gegessen. Katzen, Hunde und Ratten wurden auf Märkten verkauft. Man versuchte, seine Innereien mit Eicheln und Gras zu täuschen. Für den englischen Botschafter, der zum Kurfürstentag nach Regensburg reiste, war diese Mission ein Horrortrip. “Von Köln bis hierher (Frankfurt, H.D.) sind alle Städte, Dörfer und Schlösser in Trümmern, ausgeraubt und niedergebrannt.” In Bacherach fand er Verhungerte mit Gras im Mund. In Rüdesheim “ließ seine Exzellenz Geschenke unter die Armen verteilen, die fast verhungert schienen ..., Mainz war jämmerlich in Trümmern”. Deshalb musste er samt Gefolge auf seinem Schiff schlafen und essen. Sie warfen den Bettlern am Ufer die Reste zu, “worauf sich die Bettler so heftig darum balgten, dass einige in den Rhein fielen und ertranken.”


In diesem Deutschland herrschten jetzt nur die konzessionierten Räuber, die sich Soldaten nannten. Unter ihnen waren die Kämpfer in der Minderzahl. Auf einen Soldaten kamen vier bis fünf Trossbuben, Frauen, Huren, Marketenderinnen, Händler oder einfach Pack, das der Krieg dazu gemacht hatte. Schließlich bot dieses “Unter-die-Soldaten-gehen” noch die beste Möglichkeit zu überleben. So konnte man wenigstens andere berauben. Von Disziplin war keine Rede mehr, obwohl fleißig gehängt, geprügelt und erschossen wurde.


Ferdinand III. wollte Frieden, aber es gelang nicht, das schwedisch-französische Bündnis zu sprengen. Der jetzt auf der französischen Lohnliste stehende Bernhard von Sachsen-Weimar belagerte Breisach, “des Reiches Schlüssel und Ruhekissen”. Es war die stärkste Festung des Breisgaus und des Elsass, es beherrschte den Wasserweg nach Mainz und Köln und die Niederlande. Im Laufe der Wochen nahmen in der Stadt Pferde, Hunde, Katzen und Ratten ab und der Hunger der Eingeschlossenen machte auch vor Rinde und Leder nicht halt. Gefangene, die starben, wurden von ihren Mitgefangenen skelettiert. Man raunte sich zu, dass verwaiste Kinder verschwunden seien. Die Schlüsselfestung am Oberrhein war für die Franzosen äußerst wichtig, denn mit ihrer Einnahme war die Nachschubverbindung von Spanien nach den Niederlanden unterbrochen und die deutsche Westflanke von Basel bis Mainz für Einfälle offen. Bernhard hatte Breisach und das Elsass als eigenes Fürstentum behalten wollen. Die Ruhr beendete seine Verhandlungen zugunsten Frankreichs. Mit der Unterstellung seines Heeres unter französischen Befehl wurde der Krieg völlig zu einem in Deutschland ausgetragenen Kampf zwischen Frankreich und Spanien.


In Brandenburg war als Erbe des bisherigen Markgrafen sein zwanzigjähriger Sohn Friedrich Wilhelm zur Regierung gekommen. Seit dem Prager Frieden von 1635 hatten Brandenburgs Truppen für den Kaiser gegen die Schweden gekämpft. Der neue Kurfürst lebt in Königsberg, weil im Berliner Schloss das Dach eingestürzt ist und die Mark seinen Haushalt nicht ernähren kann. Sein baldiger Sonderfriede mit Schweden durchkreuzt die Bestrebungen des Kaisers, der Frieden will.

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