1533 - 1648 1648

postheadericon 1648

So geht sein Ja zum Friedensschluss nach Münster, wo am Ende auch die Osnabrücker Delegationen mitverhandelt hatten. Dort kann man die Depesche nicht lesen; der Chiffreschlüssel ist unauffindbar. Der kaiserliche Gesandte braucht drei Wochen, um den Schlüssel aus Wien zu erhalten. Schließlich gelang es doch noch rechtzeitig, die Depesche zu deuten: Der Kaiser hatte zugestimmt. Am 24. Oktober 1648 ist es endlich so weit. Beide Friedensverträge werden unterzeichnet. Drei Salven aus siebzig Kanonen verkünden das Ende des großen Tötens und Sterbens. Erst neun Tage später kam die Friedensbotschaft nach Prag, wo der Krieg begonnen hatte und wo nun die letzten Kämpfe verebbten.
Zurück bleibt viel verbrannte Erde. Allein die Schweden sollen fast 2.000 “Schlösser”, 1.800 Dörfer und 1.500 Städte zerstört haben. Bayern bezifferte seine Verluste auf 900 Dörfer mit 80.000 Familien, Böhmen auf fünf Sechstel seiner Dörfer und drei Viertel seiner Bevölkerung. In Württemberg war die Einwohnerzahl auf ein Sechstel gefallen, in Nassau auf ein Fünftel und in der Pfalz auf ein Fünfzigstel der Vorkriegszahl. In Wolfenbüttel lebte noch ein Achtel, in Magdeburg ein Zehntel und in Olmütz weniger als ein Fünfzehntel der Einwohner. Meist waren das Folgen von Seuchen, denen die Unbehausten und Hungergeschwächten zum Opfer fielen und die sie durch ihr Fliehen und Herumziehen verbreiteten. So war die Pest 1634, wie meist in dieser Kriegszeit, mit Soldaten nach Oberstdorf gekommen. In den nächsten zwei Jahren verringerte sie die 1200 Einwohner des 200-Häuser-Ortes um 800 Tote. Um diesen Tod abzuwenden, den der in sein Dorf zurückkehrende Ernteknecht Caspar Schisler 1633 mitgebracht hatte, gelobten die übriggebliebenen Oberammergauer, alle zehn Jahre die Leiden des Herrn darzustellen.


Die Einwohnerzahlen im Reich mit dem Elsass, aber ohne Böhmen und die Niederlande, waren von 21 auf 13 Millionen gefallen. Bayern hatte nur noch ein Zehntel seiner Einwohnerzahl, 900 Ortschaften waren zerstört. Viele Bauernstellen waren von Strauchwerk überwachsen. Und wenn die überlebenden Bauern aus den Wäldern hervorkrochen, mussten sie sich selbst vor den Pflug spannen, denn die Zugtiere waren weggetrieben worden oder sie selbst hatten sie in ihrem Hunger aufgegessen. Manchmal halfen die Landesherrn etwa mit Saatgut ein wenig aus, weil sie auch den eigenen Nutzen im Auge hatten. Überall aber wurden die feudalen Schranken schnell wieder aufgerichtet, oft höher als vorher. Selbst für die Austragung nachbarschaftlicher Rivalitäten war der große Krieg manchmal benutzt worden. In Kempten hatten die Schweden auf Drängen der Stadt das Stift, die Kaiserlichen auf Drängen des Fürstabtes die Stadt zerstört. 1618 hatte die Reichsstadt sechstausend Einwohner gehabt. 1648 waren es noch neunhundert.

Gelnhausen, die Heimatstadt Grimmelshausens, des Autors des zeitgenössischen Romanhelden Simplicissimus, hatte vor dem großen Krieg etwa 15.000 Einwohner gehabt. Danach waren es nur noch knapp 200.


Erfreuliche Entwicklungen sind selten. Bremen hatte den englischen Leinwandmarkt erobert und Hamburg war durch Zucker- und Gewürzhandel zu einer der angesehendsten Städte geworden. Auch Frankfurt war wieder wohlhabend. Oldenburg hatte “dank der erlauchten Unehrlichkeit seines aufgeklärten Herrschers im Wechsel der Bündnisse eine solche Wendigkeit bewiesen, dass es nicht nur stets auf der Siegerseite stand, sondern auch” jede Truppenbesetzung vermied.


Schwierigkeiten gab es mit den schwedischen Truppen. Erst für fünf Millionen Gulden waren sie bereit, ihre mehr als hunderttausend Mann abzumustern. Kein Wunder, wohin sollten „Mutter Courage und ihre Kinder“  gehen? Die meisten kannten kein Zuhause. So zogen die Spanier aus Frankenthal erst 1653 ab, nachdem ihnen der Kaiser Besancon abtrat. Und erst fünfeinhalb Jahre nach Kriegsende verließ die schwedische Garnison von Vechta als letzte die blutige Erde Deutschlands.


Das Ahnen einer neuen Zeit ließ die Macht der Religionen, die sich gerade im letzten großen Religionskrieg bis zum Ruin bekämpft hatten, schwinden: Graf Friedrich von Wied gründete anstelle des im Krieg zerstörten Wied Neuwied für Angehörige aller Konfessionen. Er bestätigte 1653 ausdrücklich die Glaubensfreiheit für die Bewohner. Und als August der Starke, um König von Polen zu werden Katholik wurde, waren seine Sachsen nicht mehr ebenfalls zum Religionswechsel gezwungen, sie konnten Lutheraner bleiben. Doch wird sich der Einzug der Vernunft auf einige elitäre Köpfe beschränken und sonst nur schneckenhaft langsam erfolgen. Und bis er in der Politik erkennbar werden wird, wird es noch sehr viel länger dauern.

zurück