1658 - 1715

postheadericon Könige, Schlösser, Helden und Perücken

oder: Deutschland im Barock


Der Westfälische Friede zerbrach die Achse Wien-Madrid, um die sich viele deutsche Angelegenheiten gedreht hatten. Voltaire, der die Deutschen nicht einmal ernst nahm, bejubelte noch 21 Jahre nach dem Friedenschluss sein Ergebnis: "Die Schweden und die Franzosen wurden durch diesen berühmten Vertrag die Gesetzgeber Deutschlands in der Politik und der Religion." Und sein Landsmann Bainville beschrieb 1915 schon im Vorgefühl eines neuerlichen Triumphes in seiner "Geschichte zweier Völker" das Resultat ebenfalls ganz national-französisch: "Es hat 30 Kriegsjahre gedauert, ... bis Deutschland geschlagen war. Es wurde tatsächlich so vollständig geschlagen, dass die Sieger nach ihrem Gutdünken darüber verfügen konnten. ... Vergebens belehrte Kaiser Ferdinand III. ... seine Völker, dass der König von Frankreich ... plante, das zerrissene und zur Ohnmacht verurteilte Deutschland unter seine Vormundschaft zu nehmen. ... Die Deutschen ... gefielen sich in ihrer Anarchie, mehr noch, sie waren eitel darauf. ..."


Paris wurde der Nabel Europas. Dort war Ludwig XIII. gestorben und der, der sein Land und seine Nation in allem, was Kunst, Kultur, Geschmack und Lebensart bedeutete, zum nachahmenswerten Vorbild machte, wurde sein Nachfolger: Ludwig XIV. , der “Sonnenkönig”. Wäre er der Sohn des Königs gewesen, wäre der nach jahrzehntelanger kinderloser Ehe Geborene mehr Spanier als Franzose. Dass er Vollblutfranzose war, verdankt Frankreich vielleicht ebenfalls dem Polit-Kardinal. Als der sehen musste, dass der König seine Königin so gar nicht verwöhnte, soll er ein Verhältnis mit dem Grafen von Rivière vermittelt haben.


Schon bald wird Ludwig gegen die deutsche Westgrenze drücken, während deutsche Staaten versuchen, sich nach Osten zu erweitern: Österreich besiegt den türkischen Angreifer und dehnt sich in das balkanische Machtvakuum aus. Sachsen gewinnt das polnische Königtum und das mit ihm rivalisierende Brandenburg erreicht mit brutaler Innenpolitik die Ausgangspositionen für seinen Aufstieg.


Der es so weit brachte, war der spätere "Große Kurfürst". Seine Gebiete waren zwischen Niederrhein und Memel, dem heute litauischen Klaipeda, über Norddeutschland verteilt. Die Streulage versuchte er zu bereinigen. Der junge Kurfürst Friedrich Wilhelm, der bereits den Westfälischen Frieden zu seinen Gunsten beeinflusst hatte, hatte es hinnehmen müssen, dass Schweden Vorpommern mit den Oderhäfen und Stralsund erhielt. Zehn Jahre danach, als er seine Landstände in seine Abhängigkeit gebracht hatte, gerieten Schweden und Polen aneinander. Friedrich Wilhelm benutzte diese Gelegenheit für “ein ebenso skrupelloses wie nutzbringendes Schaukelspiel zwischen den Kontrahenten”: 1660 wurde Preußen, das spätere Ostpreußen, aus der polnischen Lehenshoheit entlassen. Da er in Holland die Bedeutung von Schifffahrt und Seehandel kennengelernt hatte, wollte er Ostsee-Häfen haben. Die hatte aber nun Schweden. Der Kurfürst nutzte den Krieg Frankreichs gegen die Niederlande. Schon nach einem Jahr ließ er die Generalstaaten im Stich - gegen etwa 800.000 Livres von Frankreich. Als darauf Habsburg, Spanien, Dänemark und einige Reichsfürsten die Niederlande stützten, zögerte auch Friedrich Wilhelm nicht, den Spaniern und den Holländern die hohle Hand hinzuhalten.


Als der Brandenburger mit seinen Truppen am Rhein gegen Frankreich stand, marschierten die Schweden in Brandenburg ein. Der Kurfürst schlug die zwei Armeen bei Fehrbellin und bei Rathenow, den zwei “Pässen” in der versumpften Flusslandschaft bei Potsdam. Danach konnte er Stralsund, Stettin und Greifswald erobern. Den Verlust Vorpommerns wollten die Schweden nun durch Wegnahme (Ost)Preußens ausgleichen. Doch der schon fast Sechzigjährige riss sein Heer über das zugefrorene Haff mit sich und besiegte sie. Die Siegesfrüchte gönnte ihm Ludwig XIV. nicht. Der Brandenburger musste die Eroberungen wieder herausgeben. Dem König von Frankreich und dem Kaiser grollend, ließ er eine Gedenkmünze mit dem Vergil-Zitat prägen: “Möge dereinst aus unseren Gebeinen ein Rächer erstehen.”


Gegen etwa eine halbe Million Euro jährlich garantierte der Kurfürst dem Franzosenkönig den Besitz des gerade besetzten Straßburg und versprach ihm seine Stimme bei der nächsten Kaiserwahl in einem Geheimvertrag. Deshalb fühlte er sich nicht gehindert, mit dem Kaiser ebenfalls einen Geheimvertrag zu schließen.


Europa kam um Brandenburg nicht mehr herum. Der Kurfürst hatte nämlich ein stehendes Heer. Mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen gab er für die dreißigtausend Mann aus. Das bedeutete für den Bürger die doppelte Steuerlast wie in Frankreich, dem reichsten Land Europas. Schon deshalb musste er sein armes Land, das durch den langen Krieg völlig verelendet war, aufpäppeln. Für ihn war es ein Segen, dass Ludwig die Tolerierung der Hugenotten aufhob und damit ihre Massenflucht auslöste. Einige gingen nach Hessen und Württemberg. Brandenburg nahm zwanzigtausend auf, es gewährte Privilegien, Kredite und Steuererlass. Die meisten kamen in seine Hauptstadt; vierzig Prozent der Berliner waren gebürtige Franzosen. Von den Einheimischen wurden sie gehasst. Sie machten hier Buletten, Bouillon und Blumenkohl heimisch, sie brachten auch die Urform der industriellen Fertigung mit, die Manufaktur. Lange blieben sie eine geschlossene Gesellschaft, die erst aus Protest gegen die napoleonische Besetzung den Gebrauch des Französischen aufgab. Brandenburg hatte sich "tolerant" gegeben. Das spätere Preußen wurde als Folge seiner Armut "beinahe so tolerant wie Polen und Ungarn." Viel später, 1732, nahm Preußen auch deutsche Glaubensflüchtlinge auf. Der Salzburger Erzbischof hatte zweiundzwanzigtausend Protestanten, ein Achtel seiner Landeskinder, ausgewiesen. Einen Großteil von ihnen nahm der “Soldatenkönig” auf, weil er die von der Pest entvölkerte Gumbinnener Gegend in Ostpreußen mit ihnen besiedeln konnte.


Wenn auch der Kurfürst dem Adel die Flügel etwas gestutzt hatte, dessen Rechte gegenüber den Bauern ließ er unangetastet. Man bekommt eine Ahnung davon, wenn man sich vergegenwärtigt, dass noch der Großvater unseres Bundeskanzlers Willy Brandt auf einem pommerschen Gut mit Stockschlägen öffentlich und durchaus rechtens abgeurteilt wurde - durch den Spruch seines Gutsherrn.


Lebenswichtig für das von ihm Erreichte war, dass der Kurfürst aus seinen Provinzen einen Staat machte. Er erreichte dies durch Entmachtung der Stände, durch Vereinheitlichung der Verwaltung und durch straffe Zentralisierung. Das Wichtigste  aber war, dass er den Menschen ein Bewusstsein dieses Staates gab.  Freilich wäre das ohne Absolutismus und ohne Militarismus nicht möglich gewesen. Widerstand brach er gewalttätig: Die Weigerung Magdeburgs beantwortete er mit einer Militäraktion. Bürgermeister Otto von Guericke, der dem Regensburger Reichstag anno 1654 das Vakuum mit einer leergepumpten Kugel demonstriert hatte, deren Hälften je sechzehn Pferde nicht auseinanderreißen konnten, musste sich beugen. Den Sprecher der Königsberger Patrizier ließ er ohne Urteil in der Festung Kolberg verrotten. Dem geflohenen Wortführer des ostpreußischen Adels schickte er verkleidete Dragoner nach, die ihn in Warschau kidnappten und ihn, in eine Tapete gewickelt, zurückbrachten, um zum Tode verurteilt zu werden.


Ein Treppenwitz der Geschichte war es dann, dass er in seinem Testament die Aufteilung Brandenburg-Preußens unter seine Söhne verfügte, damit “die jungen Prinzen ihren zureichenden Unterhalt hätten.” Der darauf folgende Treppenwitz hob den ersten wieder auf: Sein Erstgeborener, der spätere erste Preußenkönig, beantragte beim Kaiser die Aufhebung des testamentarischen Todesurteils für Brandenburg. Tatsächlich kassierte der Kaiser das Testament, sehr zum Schaden seiner eigenen Monarchie, wie sich später zeigen sollte.


Doch was war schon dieses Brandenburg, das der Große Kurfürst durch viele Vertragsschlüsse und ebenso viele Vertragsbrüche vor Schweden, Frankreich und anderen Räubern, die stärker waren, bewahrt hatte, gegen Habsburg-Österreich? Jetzt begrub Kaiser Ferdinand III. seinen Thronfolger, der an den Pocken gestorben war. Die dominierende Seuche jener Zeit dünnte auch Fürstenhäuser aus.


Nun musste der Zweitgeborene, Leopold, der für ein hohes Kirchenamt vorgesehen war, die Lücke füllen. Zum Kaiser fehlte ihm fast alles. Gegen seine Menschenscheu behalf er sich mit der striktesten Zelebrierung des spanischen Hofzeremoniells. Er fühlte sich nur im Familienkreis glücklich. Italienische Sonette und mehr noch die geliebte Musica machten ihn selig. Mit Beharrlichkeit, Geschick und mit dem Feldherrngenie Prinz Eugens hat der hässliche Leopold jedoch eine der längsten Regierungszeiten unter den Habsburgern so gut absolviert, dass Österreichs Kaisertum emporstieg zu nicht mehr erwartetem Ansehen.

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