1658 - 1715 1683

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Anfang Juli 1683 erreichten, zusammen mit Scharen von Flüchtlingen, die ersten “Tataren-Nachrichten” die Hauptstadt. Der Kaiser und der Staatsschatz wurden nach Passau evakuiert, das vermögende Bürgertun floh ihm nach, für Pferd und Wagen wurden astronomische Preise bezahlt. Zurück blieben die Armen und ein Teil der Truppen, die der Oberbefehlshaber, Herzog Karl V. von Lothringen, in der Stadt belassen hatte. Mitte Juli stand das Heer der Türken vor Wien, mehr als zehnmal so stark wie die Eingeschlossenen, von deren sechzehntausend Mann nur zwei Drittel kampffähig waren. Sofort begann die Belagerung mit allen Mitteln - und nach genauen Plänen. Eine türkische Gesandtschaft hatte früher die Festungsanlagen vermessen! Der Stadtkommandant Graf Starhemberg sah vom Stefansturm die brennenden Dörfer rundum, vor sich die riesige Zeltstadt der Belagerer. Die Zelte der Paschas  aus Seide, das des Großwesirs aus grüner, edelsteinbestickter mit Garten, Brunnen und Bädern und einer Menagerie. Der Gebieter von dreitausend Beischläferinnen ließ es sich auch hier wohl sein.


Bei den Belagerten nahmen Hunger und Seuchen zu. Hastig verstärkte man die Bastionen, riss die Schindeln von den Dächern, damit Brandpfeile nicht zünden konnten. Man versuchte wieder, das Graben von Sprengstollen zu entdecken. Tatsächlich schafften es die Türken nicht, die Mauer auf einer größeren Strecke aufzusprengen. Der ruhrkranke Starhemberg erkannte jedoch, dass die Stadt dem nächsten Ansturm nicht mehr standhalten würde. So schickte er einen Boten mitten durch die Belagerer zum Herzog von Lothringen mit dem Hilferuf: “Es ist keine Zeit zu verlieren, mein Herr, keine Zeit verlieren ...” Im Lager des Entsatzheeres hatte man die Lage weniger kritisch gesehen. Wie Kara Mustafa sich sicher war, dass Wien sich ergeben würde, hatten auch die Astrologen der „Giauren”  ihre Weissagungen. Sie spielten in dieser sternengläubigen Zeit keine geringe Rolle. In der Liste der kaiserlichen Hofbediensteten rangierte der “Astrologus” gleich hinter den “Architecti” Burnacini und Fischer von Erlach.


Am 10. September hatten sich die Kontingente der Sachsen, Bayern, Schwaben und Böhmen bis auf den Kahlenberg herangeschoben. Der wilde Haufe der Polen schwärmte um ihren dicken König Jan Sobieski und dessen Sohn Fanfan, oft nur bewaffnet mit Knüppeln und Keulen. Polens Botschafter an der Hohen Pforte  hatte berichtet, das türkische Heer solle über die Walachei, Südpolen und Schlesien durch die mährische Senke ziehen, um unbehelligt von den ungarischen Festungen von Norden auf Wien zu stoßen. Sobieski ließ warnen: Die Plünderungen während des Durchzuges könnten Zwischenfälle auslösen, die wieder zum Krieg führen und das Türkenheer gefährden könnten.


Weil die Türken Polens alter Feind waren und sich Sobieski vielleicht die Umwandlung seines Wahlkönigtums in eine Erbmonarchie versprach, verbündete er sich mit dem Kaiser. Man legte fest, dass der Souverän die Führung haben sollte, der gerade im Lager sei. Als später der Kaiser zu den Truppen seines Reiches wollte, drohte der Pole, mit seinen Truppen abzuziehen.


Der Großwesir hatte den Tataren die Aufgabe zugewiesen, die deutschen und polnischen Truppen beim Übersetzen über die Donau zu vernichten. Doch der Khan ließ seine Reiter abziehen. Er gönnte Kara Mustafa, der “ganz Frangistan durchmessen” wollte, eine Niederlage.


Am 13. September 1683 stürmte das Entsatzheer - vierundsechzigtausend Mann - vom Kahlenberg auf die überraschten Belagerer herunter. Der Sieg war eine Entscheidung. Die Türkengefahr war damit zwar noch nicht aus der Welt, aber die Welle war gebrochen. Der Großwesir hatte warten wollen, bis sich Wien ergeben würde. Dann wäre die ganze Beute an ihn gefallen, er hätte nicht mit seinem Heer teilen müssen. Jetzt bekam er die grüne Seidenschnur überreicht, mit der er sich zu erdrosseln hatte.
Der Kaiser und der Polenkönig verabschiedeten sich zu Pferde zwischen ihren Heeren - wegen des Leichengestankes und der Seuchengefahr bei Schwechat. Die polnische Propaganda hat seitdem Leopold als hochmütig verschrien, denn “der Kaiser griff nicht einmal mit der Hand zum Hut”, als ihm Sobieski seinen Sohn vorstellte. Doch der Pole wusste sehr wohl, dass “der Monarch für niemand bey dem Vorbeigange den hut rücket ausser vor Fürsten.”


Die ausgehungerten Wiener fielen über die türkischen Verpflegungslager her, und der rettende Bote Kolwitschniy brachte bekanntlich viele Säcke mit sonderbaren Bohnen an sich, die man für das Futter der fünftausend  erbeuteten Kamele hielt, die man ebenfalls nicht kannte. Mit diesem Kapital eröffnete er am 27. Februar 1684 das erste Wiener Kaffeehaus, sagt man. Er begründete eine Institution, die zu weltanschaulichen Dimensionen gedieh, denn auch Trotzki und Stalin saßen in Wiener Kaffeehäusern, der eine 1917 im Central schachspielend, der andere 1913 “Der Marxismus und die nationale Frage” schreibend. Für den Wiener ist das Kaffeehaus noch immer zweite Heimat, weil er da erstens nicht zu Hause ist und zweitens nicht an der frischen Luft.

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