1658 - 1715 1686-1688

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Der Krieg ging weiter. 1686 wurde Ofen, das heutige Budapest, erobert. Als 1688 der bayerische Kurfürst Max Emanuel noch die große Festung Belgrad erstürmte, träumte man schon von der Eroberung Istanbuls.


Ein Name strahlt bis in unsere Zeit: Prinz Eugen , “der edle Ritter”. Durch das Lied eines bayerischen Kavalleristen oder eines brandenburgischen Wachtmeisters bekam er die Gloriole des Drachentöters, denn Siege über die Türken waren nicht nur habsburgische, sondern fast abendländische Siege. Der Enkel des Herzogs von Savoyen, mit König Franz I. von Frankreich ebenso verwandt wie mit Kaiser Karl V., floh aus Frankreich. Der König hatte dem kleinen, etwas verwachsenen Jüngling die Bitte um eine Offiziersstelle abgeschlagen. Später wird er sagen: “Die Bitte war bescheiden, nicht aber der Bittsteller. Nie nahm sich jemand heraus, mir so frech wie ein zorniger Sperber ins Antlitz zu starren.” Auch die Schwägerin des Königs, die derb-deutsche Liselotte von der Pfalz, erinnerte sich an ihn: "Er war nichts als ein schmutziger, sehr debauchierter bub, der gar keine Hoffnung zu nichts rechts gab.” “Alle jungen Leute plagten ihn und lachten ihn aus, hießen ihn Madame Simone und Madame L’Ancienne.” Eugen, der erst Priester hatte werden müssen, bekam vielleicht deshalb die erbetene Kompanie nicht, weil der König in dieser Karrikatur eines Soldaten einen unehelichen Sohn vermutete, der Vaterstolz nicht aufkommen ließ. Der Prinz floh zum Kaiser und erhielt die Erlaubnis, sich zum Stab des Herzogs von Lothringen zu begeben, zusätzlich zu den zweiunddreißig Fürsten und Fürstensöhnen, die sich dort schon als Schlachtenbummler eingefunden hatten. Bald bekommt er das Dragonerregiment seines gefallenen Bruders. Mit vierundzwanzig ist Eugen General der Kavallerie, mit dreißig Feldmarschall. Er hat als Soldat und als Politiker drei Kaisern gedient. Peter der Große wollte ihn auf den polnischen Königsthron setzen. Das „Universalgenie“ Leibniz  wurde von Eugen zu seiner Monadologie angeregt und widmete sie ihm. Montesquieu  widmet ihm ein Werk und auch Voltaire  drängte sich an den “philosophischen Soldaten” heran. Eugenio von Savoy, wie er sich nannte, hat in seiner Zeit wohl “das meiste getan, den Deutschen das Fortbestehen als Nation zu ermöglichen.”


Dieser Wahldeutsche und seine aristokratischen Genossen trieben die Türken immer weiter den Balkan hinunter. 1699 erfolgt zu Karlowitz ein bedeutender Friedensschluss. Zur Lösung der damals so wichtigen Frage des Vortritts baut man in den Verhandlungspavillon vier Portale, damit die vier Unterhändler gleichzeitig eintreten können.- Das Kaiserhaus gewinnt den ganzen mittleren Donauraum bis an den Karpathenbogen. Seitdem war Österreich “die Donaumonarchie”.


Nach dem tiefen Sturz und nicht mehr überbietbarer Demütigung kam so etwas wie eine Renaissance des Reichsbewusstseins auf. Zum guten Teil war das die Reaktion auf Ludwigs XIV. Agressionen. Jeder sah, dass er die Hugenotten aus ihrer Heimat vertrieb, die Ungarn gegen seinen Vetter hetzte, dass er die Türken in die gleiche Richtung lenkte. Er schickte ihnen sogar Ingenieure und Berater. Frankreich ist der Reichsfeind, “der Türke” sein “Kettenhund”.


Das verwüstete Deutschland war nach 1648 vom “Industrieland” Frankreich wirtschaftlich ausgesogen worden. Leibniz rechnet dem Kaiser vor, dass ein Zehntel des deutschen Sozialproduktes für Waren nach Frankreich fließt. Der Kaiser will deshalb das Reich auch wirtschaftlich einigen. Mit einem “Reichsmerkantilismus” will er das Ausbluten verhindern. Er verbietet “allen Handel und Wandel, Wechsel und Korrespondenz und was für Gewerb es auch immer sein mag, zu Wasser und zu Land mit den Reichsfeinden”. Leider blieb von dieser gesamtdeutschen Wirtschaftsunion nur das Negative: der Merkantilismus. Das aber bedeutete: Die Zölle hoch, die Grenzen fest geschlossen, keine Waren herein, möglichst viele hinaus. Jedes Land zwang sich zur Autarkie. Jeder Kapitalabfluss wurde verhindert. Die werteschaffende, arbeitende Bevölkerung wurde - wenn möglich - durch Einwanderung vermehrt, Auswanderung galt als Verbrechen. Die beginnende Zusammenfassung von Arbeitenden in Fabriken brachte embryonalen Kapitalismus durch stärkere Ausnützung des Arbeits-”Potentials”.


Die Sonne auf Frankreichs Thron führte mit wenigen Unterbrechungen seine ganze lange Regierungszeit hindurch Krieg gegen das Reich. Vielleicht war das die Quelle seines Hasses: Auch wenn er der glanzvollste Herrscher war, der Kaiser war die höchste Autorität. Seinen Gesandten mussten die des Franzosenkönigs den Vortritt lassen. Auch der König von Polen hat es nach dem Sieg von Wien sicher nicht als Unhöflichkeit gewertet, dass der Kaiser beim Abschied den Hut aufbehielt. Er behielt ihn sogar beim Mittagessen auf, das er immer allein einnahm, vom Volk, das manchmal zusehen durfte, abgesehen. Selbst August “der Starke” , Kurfürst von Sachsen und - nach Sobieski - König von Polen, durfte, obwohl er drei Wochen Gast in der Hofburg war, nicht mit der kaiserlichen Majestät speisen. Als er nach Wien kam, fuhr der Kaiser mit seinem Sohn zur Begrüßung an die Donaubrücke. Sie stiegen aus der Kutsche und gingen ihm exakt zehn Schritte entgegen. Die fehlenden dreißig Schritte hatte der Kurfürst auf sie zuzugehen. Der Kurfürst von Mainz wurde vom Kaiser auf einer Treppe begrüßt - dazu baute das Barock ja so wunderbare Treppenhäuser in Schlössern und Klöstern wie in Pommersfelden, in Würzburg, Klosterneuburg und Göttweig. Der Kaiser hatte drei Stufen hinunterzusteigen. Da der Prälat aber bei der Kaiserwahl nicht für ihn gestimmt hatte, stieg der “Türkenpoldl” nur zwei Stufen ab. Darauf blieb der Mainzer unten stehen, bis ein Höfling den Kaiser darauf aufmerksam machte, dass er dem Kanzler des Reiches noch eine Stufe entgegenkommen müsse. Sein Sohn Josef I. weigerte sich sogar, mit einem Fürsten zu mahlzeiten, bei dem er zu Gast war. Leopolds zweiter Sohn Karl VI.  wollte dem neuen König in Preußen nicht die Hand geben, weil der bis dahin nur Kurfürst war. Und die Schweden-Königin Christine widmete ihr Buch “Histoire de la Reine Christine” Gott, da auf Erden niemand dieser Ehre würdig sei.


Das waren eben barocke Selbsteinschätzungen - nur der Fürsten, versteht sich. Das Volk war für sie nur da zum unterwürfigsten Dienern, um Steuern zu zahlen, Soldaten zu liefern und zum Schuften bis zum Umfallen. Die Landbevölkerung konnte kaum über den nächsten Feldrain hinaus sehen und auch nicht weiter denken. In Polen war es sogar verboten, den Bauern Lesen und Schreiben beizubringen.


Ludwig XIV. konnte sich zwar sein Versailles so groß und teuer bauen, dass er alle Rechnungen verbrannte, um niemanden die Kosten erfahren zu lassen, er blieb, was er war. Das war an seinem Lebensende weniger als zuvor. Seine Kriege schoben Frankreich ein großes Stück auf die Kante zu, an der die Herrschaft seiner Nachfahren und des Adels abkippte in die alles umstürzende Revolution.


Die Politik wird beherrscht von der “Staatsräson”. Jeder Staat verfolgt seine Interessen. Die Bündnisse wechseln schnell. Sie zeugen Kriege und danach Friedensverträge in beachtlicher Zahl. Das Barock ist eine Zeit des Theaters, auch des “Kriegstheaters”. Jeder hat die ihm zugewiesene Rolle zu spielen, vor allem die Könige und ihre Feldherrn. Daher ist viel Imponiergehabe geboten. Diese Kriege werden meist von hungernden, disziplinlosen Söldnern bestritten, die sofort desertieren, wenn sie dazu Gelegenheit haben. Die Taktik steht deshalb unter dem Zwang, die Truppen in geschlossenen Formationen marschieren und kämpfen zu lassen. Wenn es stehende Heere und gute Soldaten sind, sind sie teuer und schwer zu ersetzen. Anders als im Dreißigjährigen Krieg sind diese Kriege deshalb wegen ihrer planmäßigen Aktionen örtlich eingeschränkter. Außerhalb der unmittelbaren Kampfgebiete sind die Kriegsfolgen für Land und Leute geringer.


Frankreich war die Militärmacht Nummer eins. Aus Bayonne kam als epochemachendes Tötungsgerät das Bajonett, ein kleiner Eisenspieß, der auf das Gewehr “aufgepflanzt” wurde. Fortan war es möglich, einen anderen armen Teufel, Feind genannt, damit zu erstechen, falls man ihn noch nicht erschossen hatte.


Frankreichs König forderte das Erbe seiner spanischen Mutter, obwohl die bei ihrer Heirat darauf verzichtet hatte. Hierzu ließ er seine Truppen auf das spanische Flandern und die Freigrafschaft Burgund los. Die “spanische Succession”, die sowohl Frankreich, wie auch das Kaiserhaus für sich gewinnen wollte, bestimmte die Politik Europas. Deutsche Fürsten besticht Ludwig mit Geld, Bayern wird die Kaiserkrone in Aussicht gestellt. Der wittelsbachische Kurfürst von Köln lässt aus seinem Land französische Truppen gegen Holland marschieren, vereint mit den Soldaten des Bischofs von Münster.

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