1658 - 1715 1688

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Nachdem Belgrad erobert worden war, der Kaiser aber im Osten gebunden blieb, griff Frankreich an. Kaiser und Reich zwang Ludwig in einen Vierteljahrhundert-Krieg. Seine Heere überrannten alles links des Rheins. Das waren die Kurfürstentümer Pfalz, Mainz, Köln und Trier. Sie brachen in Franken und Schwaben ein und erpressten Kontributionen.

Kriegsminister Louvois befahl den Generälen: “Entschlagen Sie sich der Gedanken, dass Sie gegenüber den Deutschen in Freundschaft oder durch Mäßigung etwas ausrichten werden. Kanonen und Festungen werden sie besser ... zum Gehorsam bringen.” Und: “Verbrennt die Pfalz!” General Mélac hat sich mit der Ausführung dieses Befehls in Erinnerung erhalten. Noch heute heißen die Pfälzer einen bösartigen Hund einen “Melagge”.


In Versailles "flennte" die verzweifelte Liselotte, “anhänglich an Ehre, Tugend, Rang, Größe, ... zuverlässig, wahr, gerade, derb, in allen Sitten sehr deutsch und bieder”, wie sie der Herzog von Saint-Simon beschreibt. “... so ist das erschreckliche und erbärmliche Elend in der armen Pfalz angegangen, ..., dass man sich meines Namens gebraucht, um die armen Leute ins äußerste Unglück zu stürzen.” Nicht nur das Heidelberger Schloss ihrer Jugend und alle Burgen und Schlösser links des Rheins und an der Mosel wurden zerstört.

Von Pforzheim und Heilbronn bis Heidelberg, von Durlach und Rastatt bis Oppenheim und Mainz brannten die Schlösser und Städte. Der Markgräfin von Baden ließ der französische Kommandant ein Ständchen aufspielen, am nächsten Tag aber ihre Stadt Baden-Baden anzünden.


Ihr Mann, der Markgraf Ludwig , hatte sich in Ungarn gerade seinen Beinamen “Türkenlois” erworben. Außer seinem Diener Hassan brachte er drei schöne Türkinnen als Kriegsbeute heim. Jetzt musste er die Westfront mit ganz unzureichenden Kräften verteidigen. Jeden Zentner Brotgetreide und jeden Wagen Heu musste er den kleinen bis winzigen Reichsstädten und Reichsständen abhandeln. Eine Vorwärtsverteidigung war unmöglich: Die Äbtissin von Gutenzell  etwa hatte als Reichsstand und Landesherrin dreieinhalb Infanteristen und einen Drittel Reiter zu stellen!

Dem Kaiser nützte es nichts, dass England nach der Vernichtung der französischen Flotte eine Denkmünze prägen ließ: “Also rächte England der Städte Worms und Speyer Brand! Lerne, Ludwig, daraus, wie sich das Kriegsglück gewandt!” Es hatte sich zugunsten Englands gewandt, denn die eroberte Herrschaft über die Weltmeere machte französische Überseebesitzungen wie Kanada und das nach Ludwig benannte Lousiana zu nur noch kurzfristigen Besitzungen. Auch wenn Zweibrücken, Philippsburg, Kehl, Breisach und Freiburg zurückgegeben wurden, blieb Straßburg und das Elsass verloren. Der Volkswitz hieß deshalb den vorherigen Frieden von Nimwegen den von Nimmweg –1678- und den jetzigen von Ryswijk –1697- den von Reißweg. Immerhin war der Krieg eine Solidaraktion gewesen; kein deutscher Fürst hatte auf seiten Frankreichs gekämpft. Das war nur kaiserlichen Zugeständnissen zu verdanken. Weil die Pfalz an eine katholische Wittelsbacherlinie gekommen war, war die Zahl der protestantischen Kurfürsten auf zwei gesunken.

Deshalb forderte der Herzog von Hannover einen Kurfürstenhut. Die Sache war heikel, weil er mit Annäherung an Frankreich drohte und den Hannoveranern der Anspruch auf den englischen Königsthron winkte. Der Kaiser wollte die Seemacht England als Kampfgenossen haben, wenn es um Spanien Krieg geben würde. Gegen die deutschen Fürsten, und nachdem der Papst die Skrupel des Kaisers zerstreut hatte, bekam Ernst August die neunte Kur.


In Sachsen war nach hausbackenen Lutheranern eine große Barockfigur Kurfürst geworden. August „der Starke“ rollte Silberteller zusammen, verbog Hufeisen und zerbrach die Hand seines Fechtlehrers bei einem Händedruck, weil der gewagt hatte, ihn zu besiegen. Auf seiner “Kavalierstour” - der für junge Prinzen üblichen Bildungsreise - legte er in der Madrider Arena Stiere aufs Kreuz und verführte eine Gräfin. Zu Hause wurde ihm das zur Gewohnheit. Der Mademoiselle von Kessel folgte die pompöse Aurora von Königsmark, Schwester jenes schwedischen Grafen, der mit der Frau des hannoverschen Erbprinzen ein Verhältnis begann, erwischt, ermordet und irgendwo verscharrt worden war. Am Wiener Hof erwarb August die Gräfin Lamberg, danach eine türkische Sklavin, die Fürstin Lubomirska, die Gräfin Cosel, die Weinhändlerstochter Duval, die Gräfin Dönhoff und so weiter und so weiter. 354 uneheliche Kinder hat ihm die Schwester Friedrichs des Großen angedichtet - weil sie ihn nicht bekam. Sein Hof in Dresden und vor allem der von Versailles galten „mit ihren geadelten Bordellen“ auch den kleineren Potentaten als bewunderte Vorbilder.


Für die Mätressen, die keineswegs immer nur frivole Lustobjekte waren, sondern nicht selten von ihrem König oder Fürsten geliebt und bewundert wurden, die ihm des öfteren auch gute Beraterinnen waren, die deshalb oft Inhaberinnen eines regulären Hofamtes waren, wurden die raffiniertesten Zerstreuungen veranstaltet und die aufwändigsten Feste gefeiert, wertvollster Schmuck und große Besitzungen wurden ihnen geschenkt, Schlösser wurden für sie gebaut.


Aber Schlösser wurden nicht nur für Mätressen gebaut. Kaum ein “Serenissimus” , für den nicht eine Residenz, ein Palais, Parks, Gärten, Kirchen, Theater gebaut wurden. Die Bischöfe taten es den Königen und Fürsten gleich, und auch die Äbte bauten ihre Klöster prächtig neu.


Jesus würde sich gewundert haben über Klöster wie Göttweig oder Melk. Als Kind seiner Zeit baute Prandtauer  die Kirche als “Theater Gottes”, denn “von Gott kommt Freude” und “weil Freude vom Theater kommt”. Da diese Prachtbauten auch damals unbezahlbar waren, flüchtete man sich zu optischen Täuschungen. “Eh' Du überlegst, bist’ schon reing’falln”: Der Melker Marmorsaal prunkt nicht mit Marmor. Selbst ein Troger  war sich nicht zu schade, eine dünne Gipsauflage imitierend zu bemalen. Auch die Fensterläden sind nur bemalte Säcke.


Der Pfälzer Kurfürst und der Markgraf von Baden gründeten Städte, in die die Festung und das Schloss als beherrschender Akzent hineinkomponiert sind. Der Grundriss von Mannheim war ein Stern, dem die Befestigungen seine Form gaben. In ihn war die vielstrahlige Zitadelle eingepasst. Konsequenz auch im Innern: Die Straßen stehen rechtwinkelig aufeinander, die “Mannheimer Quadrate”, die meist Rechtecke sind, nahmen New York vorweg. Als die Zitadelle abgetragen wird, wird dort die größte Schlossanlage Deutschlands gebaut. Auch in Karlsruhe wird baulich ausgedrückt, dass alles vom Fürsten ausgeht; alle Straßen strahlen fächerförmig vom Schloss aus, wie in Versailles. Der Staatsbegriff, ausgedrückt durch das Ludwig XIV. zugeschriebene Wort “Der Staat bin ich”, wurde den Untertanen in Ziegel und Stein auferlegt. Das Wiener Belvedere, die Würzburger Residenz, der Zwinger in Dresden, Klosterneuburg und Ottobeuren, Vierzehnheiligen und die Schlösser Banz, Bruchsal und  Brühl stellen den Zeitgeist zur Schau.


Diese Baubewegung geht von dem von der Türkengefahr befreiten Österreich aus, das jetzt sein Selbstwertgefühl in Stein und Stuck, in Weiß und Gold ausdrückt. Diese Art zu bauen pflanzt sich über Böhmen und Schlesien nach Sachsen, Brandenburg und Hannover und über Franken und Schwaben an den Rhein fort. In der Ausführung dieses “Reichsstils” sind sie überall am Werk, die Fischer von Erlach, Pöppelmann, Beer und Welsch, die Asam, Hildebrand, Neumann, Prandtauer und Dientzenhofer.
Die von Schweden und Franzosen zerstörten Burgen bleiben auf ihren Bergen Ruinen. Die neuen Schlösser verschließen nichts mehr. Sie liegen weitflügelig in Gärten und Parks.

Sie haben keine kriegerische Bedeutung mehr, sie sind vielmehr die Bühnen für die Selbstdarstellung der Serenissimi inmitten ihrer Hofgesellschaften.


Es war eine Hoch-Zeit der Sinne. Überall Formenschwung und Farbenrausch. Dazu die Mode und die dazu passenden Frisuren, vielmehr: ihr Ersatz durch die Perücke. Vielleicht ist auch sie eine Kreation Ludwigs “des Großen”, zu dem seine Schmeichler ihn hochstilisierten. In seiner Jugend gingen ihm nämlich nach einer Erkrankung die Haare aus - etwa als Folge einer Syphilis-Kur? Jedenfalls verlieh die Perücke, zusammen mit hohen Absätzen, dem 1,60 Kleinen mehr Körpergröße. Seitdem hatte Jeder sie zu tragen, weil sie die pompöse Mode stilbruchlos ergänzte. Ohne diese Mode wäre das Hofzeremoniell und das Menuett, jener gravitätisch-abgezirkelte, formvollendet-spielerische Tanz der Zeit, lächerlich gewesen.


Prachtentfaltung war nicht nur den Fürsten ein Bedürfnis, sondern auch dem unmündigen Volk, das weder lesen noch schreiben, aber sehen und hören konnte. Auch das militärische Gepränge mit farbstarken Uniformen und der Gleichschritt zielen auf Schaueffekt und Imponiergehabe. Die katholische Kirche bietet mehr und prächtigere Prozessionen, sie stellt ihren Gläubigen in den neuen Kirchen eine Vorahnung von der Pracht und Herrlichkeit des Himmels vor Augen, in dessen lichter Bläue Engelschöre unaufhörlich dem Allmächtigen ihr Halleluja darbringen.


Diese katholisch-barocke Gläubigkeit war nicht zerknirscht, wie die der Lutheraner und Calvinisten, sondern vertrauend, hoffend, fast heiter. So gewann der Katholizismus wieder Boden. Nicht, weil jesuitische Einpeitscher das niedere Volk zu Paaren getrieben hätten, sondern vielmehr, weil man der Psychologie der Massen entgegenkam, ohne über der Form den Inhalt zu vernachlässigen. Diese Welt sei die beste aller denkbaren, glaubt und sagt Leibniz , der Hofmann, Diplomat, Historiker, Mathematiker, Ökonom, Literat und Philosoph, der umfassendste deutsche Denker dieser Zeit.


Die war nun nicht mehr so, dass alles nur Frankreich und seine königliche Sonne nachahmte. Der Kaiser sprach nie französisch, sondern italienisch und kleidete sich spanisch; schwarz mit roten Strümpfen. Architektur und Kunst werden stark von Italienern beeinflusst. Tiepolo bekommt für seine Deckenmalereien in der Würzburger Residenz, “dem schönsten Pfarrhaus Europas”, das höchste Honorar - nach heutigem Wert 1,5 Millionen Euro. In der Musik dominieren Italiener bis in Mozarts Zeit. Und wenn man keiner war, machte man sich dazu. So hieß Rosetti eigentlich Rösler, während der Virtuose Venturini ein Tscheche namens Mislivecek war.


Der Kurfürst von Sachsen wollte König von Polen werden. Zwar war Polen katholisch und der Kurfürst traditionsgemäß das Haupt des Corpus Evangelicorum im Reich. Doch dem starken August war die Königskrone die gleiche Messe wert wie einst Heinrich IV. von Frankreich. Da seine Bestechungsgelder für die polnischen Wähler reichlich und sein Heer schneller war als der französische Prinz, wurde August mit kaiserlicher Hilfe König von Polen. Polen hatte zwar die Ukraine an Russland verloren, es reichte aber noch immer von der Ostsee bis Bessarabien. Sein Adel musste den König der “Republik Polen” einstimmig wählen. Neben großen Namen waren  die meisten Adeligen barfüßige Läuseträger, die manchmal nur soviel besaßen, “um eine Ziege auf den Markt treiben zu können - sofern sich sieben zusammentaten.” Die gewichtigste Stimme hatte viel gekostet: “Des Kardinal-Primas Herzensdame wurde durch Diamanten gewonnen und damit auch der würdige Primas selbst.”


Sachsens Nachbarn, den Brandenburger, ließ das nicht ruhen und auch in seinem Düsseldorf trug sich Johann Wilhelm von Pfalz-Jülich-Berg eine Zeitlang mit der Absicht, König von Groß-Armenien zu werden. In Berlin war auf den Großen Kurfürsten sein Sohn Friedrich aus seiner ersten Ehe gefolgt. Vergebens, so tuschelte man, habe seine Stiefmutter die Söhne aus der ersten Ehe zu beseitigen versucht. Diesen Fritz sollte nur ein Brechmittel gerettet haben, nachdem er bei seiner Stiefmutter nach einer Tasse Kaffee umgesunken war. Nach Giftanschlägen in Paris hatte damit der hysterische Hofklatsch die Kurfürstin zur "Berliner Agrippina" gestempelt. Denn man wusste auch, dass sie ihren Mann genötigt hatte, sein Testament mehrmals zu Gunsten ihrer Söhne, folglich zu Ungunsten des von beiden ungeliebten "schiefen Fritz" zu ändern.


Das Kaffeetrinken, das Fritzens Kolikanfall verursacht hatte, war nämlich gerade von den Hofgesellschaften ihrem Luxus hinzugefügt worden. Die Tasse, bald schon wichtiger als ihr Inhalt, wird Sammelobjekt und fast mit Gold aufgewogen. Die Zeit ist nicht mehr fern, da ein “Goldmacher” Böttger, der dem sächsisch-polnischen Kurfürst-König Gold zu machen verspricht und prompt ein Labor als Staatsgefangener bezieht, das Porzellan erfindet. Die dann von allen größeren Potentaten in Meißen, Berlin, Höchst, Nymphenburg, Frankenthal, Ludwigsburg und sonstwo gegründeten Porzellan-Manufakturen belieferten schnellstmöglich ihre Höfe.


Am Berliner Hof, unter dem großen Vater “une terrible cour”, wie der französische Botschafter schrieb, lebte man unter dem neuen Kurfürsten aufwändiger. Für seinen Enkel Friedrich den Großen war er ein Verschwender. Dabei hat das bucklige Männchen viel für sein Land erreicht. Er hat keine Kriege geführt, dadurch seinem Land die Möglichkeit zur Erholung gegeben. So hat er nicht nur viel Geld gespart, sondern durch Handel und Wandel noch dazugewonnen. Das noch ganz mittelalterlich-provinzielle Berlin baute er zu einer barocken Residenzstadt aus, stiftete die Universität Halle, die Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Künste. Ebenfalls wichtig: Im Ausland hatte die Gesundung von seinem "Wechselfieber" Brandenburg wieder verlässlicher und berechenbarer gemacht.

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