1658 - 1715 1689

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In Russland regierte “Zar und Zimmermann” Peter , der spätere „Große“. Auch er ein Hufeisenverbieger, der Schnaps “eimerweise” trinken kann und der auch allerhöchstselbst köpft: Zur Unterhaltung bei einem Festgelage zwanzig rebellierende Leibgardisten, immer ein Kopf, ein Schnaps. Eintausendsiebenhundert meuternde Gardisten ließ er über Feuern rösten, bis sie “Geständnisse” ablegten. Vierhundert von ihnen schlug er mit einer Axt den Kopf ab. Nachdem er in der Deutschen-Vorstadt von Moskau bei der Weinhändlerstochter Anna Mons und ihrer Familie europäisches Lebensgefühl kennengelernt hatte, begeisterte er sich in Flandern für Handel und Schifffahrt. Er will sein noch ganz barbarisches Land verwestlichen. Dazu braucht er einen Zugang zur Ostsee. Doch deren Küsten sind schwedisch. In den gleichen Raum stößt August der Starke vor, erst seit wenigen Wochen König von Polen. Nach Dänemark ist nun der Sachse an der Reihe. Karl XII. quartiert sich 1706 für längere Zeit mitten in dessen Sachsen ein. Er spielt mit der Idee, sich wie Gustav Adolf zum Schutzherrn des Protestantismus aufzuwerfen. Aber da ist ja noch Russland. Nachdem sich sein Heer in der Leipziger Börde satt gemacht hat, marschiert der schwedische Napoleon ostwärts. Das nach neun Jahren Krieg von Hunger, Frost und Seuchen dezimierte Schwedenheer wird bei Poltawa, dreihundert Kilometer östlich von Kiew, vernichtet. Mit nur dreitausend Mann rettet sich der Schwedenkönig zu den Türken. Dänemark tritt wieder in den Krieg ein, Russland besetzt Livland und Estland, Preußen und Hannover sammeln Beute ein. Alle schrecken auf, als der rätselhafte König als Hauptmann Peter Frisk nach einem Gewaltritt - zweitausend Kilometer in zwei Wochen, über Hermannstadt, Klausenburg, Budapest, Wien - wieder nach Hause kommt. Mit einem neuen Heer überfällt er Norwegen. Als er einen Laufgraben vor dem belagerten Fredriksten inspiziert, fällt er an einem Novemberabend 1718 durch Kopfschuss - mit einem bleigefüllten schwedischen Uniformknopf. Den Thron bestieg seine Schwester, einem Hessen-Prinzen angetraut, dessen Adjutant sich vor und nach dem Tode Karls in der Nähe seiner Begleitung verdächtig zu schaffen gemacht hatte.


Durch den Abstieg Schwedens kommen alle Festlandsgebiete wieder in deutsche Hände, nur Wismar bleibt bis 1903 schwedisch. Peter der Große kann nun in den Newa-Sümpfen, auf ehemals schwedischem Gebiet und auf den Knochen von mehr als dreihunderttausend Bauern, seine neue Hauptstadt Sankt Petersburg bauen. Es war sein “Fenster zum Westen”. Dazu Marx: “Indem er die baltischen Provinzen an sich riss, erfasste er ... die zu diesem Prozess notwendigen Werkzeuge. Sie lieferten ihm nicht nur die Diplomaten und Generäle, ..., die er zur Ausführung seines Systems der ... Ausrichtung nach Westen nötig hatte, sie verschafften ihm auch ein Heer von Bürokraten, Schullehrern und Gamaschenknöpfen , die den Russen jenen Firnis von Zivilisation anzudrillen hatten, der sie zu den technischen Errungenschaften ... des Westens befähigt, ohne sie doch mit deren Ideen zu erfüllen.” Seine Untertanen nannten Peter den “deutschen Teufel”. Noch bis in den ersten Weltkrieg kommandierten die Nachkommen der deutschen Ordensritter, die baltischen Barone, russische Armeen, waren zaristische Diplomaten, hohe Verwaltungsbeamte oder Gelehrte.


In Spanien war lange Erwartetes eingetreten: Der von Kind an hinfällige König Carlos II. war kinder- und geschwisterlos gestorben. Seine eiternden Geschwüre, nervösen Beschwerden, kranken Knochen, ausgefallenen Haare und Zähne deuten auf angeborene Syphilis, die “das Ergebnis der häufigen Überfälle seines Vaters auf die Madrider Bordelle war.” Jetzt konnte keine der großen Mächte der Versuchung widerstehen, das spanische Weltreich an sich zu reißen.


Erbberechtigt waren Ludwig XIV. als Mann der ältesten Tochter Philipps IV. von Spanien und als Sohn der ältesten Tochter Philipps III.. Erbberechtigt war auch Kaiser Leopold als Mann der jüngsten Tochter Philipps III., außerdem als Haupt der österreichischen Habsburg-Linie. Frau und Mutter Ludwigs XIV. hatten auf ihr Erbe verzichtet, Leopolds Frau aber nicht. Doch Carlos hatte, bedrängt von bestochenen Höflingen, ein Testament zu Frankreichs Gunsten gemacht. Ludwig zögerte nun nicht, seinen Enkel Philipp von Anjou nach Spanien zu schicken. In Wien machte Leopold mit seinem zweiten Sohn Karl das gleiche. Da ein vereinter Länderkomplex Frankreich-Spanien den Neid Englands hervorrief und zudem das spanische Kolonialreich das französische gefährlich vermehrt hätte, verbündeten sich die rivalisierenden “Seemächte” England und Holland mit Österreich. Mit Österreich waren auch Portugal, die meisten Reichsstädte und Hannover. Auch Sachsen und Brandenburg gingen mit dem Kaiser, weil beide Kurfürsten durch ihn Könige geworden waren. Nicht im Bündnis war Bayern, dem von Frankreichs Ludwig eine Königskrone versprochen worden war, sein familiärer Ableger Kurköln sowie Braunschweig-Wolfenbüttel. Für Bayern hatte es tatsächlich ein spanisches Testament gegeben, das aber von der Königin vernichtet worden war. Der bayrische Kurfürst fühlte sich jedoch der spanischen Königskrone schon so sicher, dass er die ihm angetragene polnische dem sächsischen Kurfürsten August dem Starken überließ.


Schlecht gerüstet ging man in einen langen Krieg. Österreich schickte den Prinzen Eugen nach Oberitalien. Doch es musste noch auf fünf weiteren Kriegsschauplätzen kämpfen: in den Niederlanden, in Savoyen, Spanien, Neapel und wieder einmal gegen die ungarischen Rebellen. Deren Truppen drangen bis in die Wiener Vorstadt Landstraße vor. Die Felle der in der kaiserlichen Menagerie geschlachteten Löwen und Panther, die sich die Anführer um die Schultern hängten, wurden zum Bestandteil der Gala-Uniformen der magyarischen Aristokraten.


Da die Franzosen die Etschklause bei Verona gesperrt hatten, ging Eugen mit seinem Heer nördlich von Vicenza über die Alpen. Im nächsten Jahr ließ er in die belagerte Festung Cremona Soldaten durch einen Abwasserkanal eindringen. Der Marschall Villeroy wird zwar gefangen, doch dessen Nachfolger wird der Herzog von Vendôme, ein Wüstling, aber ein fähiger Heerführer.


Inzwischen hatte auch das Reich den Krieg an Frankreich erklärt, und der Türkenlois von Baden hatte die undankbare Aufgabe, die Westflanke zu verteidigen. Die Kosten des dortigen Krieges mussten von den Reichskreisen Franken und Schwaben getragen werden, während der Kaiser Ungarn pazifizierte und Oberitalien verteidigte. Breisach, die wichtige Rheinfestung, ging verloren. Die Franzosen marschierten über den Schwarzwald. Das Bankhaus Samuel Oppenheimer löste die kaiserlichen Wechsel nicht mehr ein.


Der mit Frankreich verbündete bayerische Kurfürst Max Emanuel hatte die Festung Ulm erobert. Von dort bedrohte er den Türkenlois im Rücken. Auch Böhmen und Oberösterreich lagen offen vor ihm. Schon sah Frankreichs Marschall Villars keine Schwierigkeiten mehr, geradewegs nach Wien zu marschieren. Zum Glück für Habsburg wollte das der Bayer nicht. Er wollte Tirol und vielleicht noch ein Stück Oberitalien. Vendôme bekam deshalb Befehl, sich am Brenner mit der bayerisch-französischen Armee zu vereinigen. Doch als die Bayern am Brenner standen, geschah Unerhörtes: Ein paar erzürnte Bergbauern, Holzfäller und Wilddiebe zwangen eine gedrillte Berufsarmee aus dem Lande.

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