1658 - 1715 1704

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Das änderte an der beherrschenden Position der Bayern und Franzosen in Süddeutschland jedoch wenig. Die Alliierten waren zu schwach, um sie zu schlagen. Erst mit John Churchill, Herzog von Marlborough , der das englisch-holländische Heer kommandierte, um Holland zu schützen, gelang dies. Er konnte seinen Insulanern und den Holländern klarmachen, dass das Boot, in dem die Seemächte saßen, unterginge, wenn der Kaiser verlieren würde. In Eilmärschen stürmte er südwärts. In Großheppach im württembergischen Remstal hielten sie Kriegsrat: der Türkenlois, Eugen und Marlborough, nach der Pfälzer Liselotte “einer der schönsten Männer, die man ... zu sehen vermag.” Bei Höchstädt und Blindheim, von den Engländern Blenheim genannt, nahe Donauwörth, kam es zu einer mörderischen Schlacht. Prinz Eugen scheute sich nicht, zwei seiner Dragoner aus dem Sattel zu schießen, die fliehen wollten. Vielleicht hat er damit eine Massenflucht verhindert. Da Marlborough an diesem Tag den Oberbefehl hatte, gilt er als Sieger, und Blenheim Castle erinnert noch heute daran. Alle hatten ihr Bestes gegeben, die Engländer, Holländer, Dänen und Deutschen, unter ihnen die Hannoveraner und die Preußen unter dem damals noch jungen “Alten Dessauer” . Schon die Sieger hatten 12.000 Tote, die Verlierer noch mehr, dazu 13.000 Gefangene, darunter Marschall Tallard und “34 Wagen mit französischen Frauenzimmern.”

Die Franzosen zogen sich hinter den Rhein zurück. Der Sohn Kaiser Leopolds, Josef I., verhängte letztmalig mit mittelalterlichem Ritual die Reichsacht über die Wittelsbacher Kurfürsten von Bayern und von Köln. Ludwigs ausgeblutetes Frankreich war am Ende. Er war bereit, die ganze spanische Erbschaft bis auf Sizilien und Neapel fahren zu lassen.

Erzherzog Karl, der zweite Sohn Kaiser Leopolds, sollte König von Spanien werden. Auch Straßburg und das Elsass wollte Ludwig zurückgeben. Jetzt aber verließ die Seemächte der Verstand. Sie forderten, er selbst solle für sie seinen Neffen mit Waffengewalt aus Spanien vertreiben. Eine solche Demütigung konnte der Sonnenkönig nicht hinnehmen. Er musste weiterkämpfen.

Die Verbündeten erringen zwar noch einen Sieg bei Malplaquet, aber in England kippt die Regierung, Marlborough wird abgelöst. Man will Frieden. In Wien stirbt Kaiser Joseph I. an den Pocken. Deshalb wurde sein Bruder, der spanische Thronanwärter, Kaiser: Karl VI. England will aber nicht, dass er Spanien und Österreich zusammen erbt. Damit wäre das Weltreich Karls V. wiedererstanden. So beendet England hinter dem Rücken seiner Verbündeten den Krieg. Daher behält die spanische Linie der Bourbonen Spanien, aber die französischen Bourbonen müssen ihren Anspruch auf die Nachfolge in Spanien aufgeben. Der Gewinner des Krieges ist England: Es gewinnt die Seeherrschaft im Mittelmeer und im Atlantik, es erhält in Nordamerika Neubrandenburg, Neuschottland, Neufundland und die weiten Gebiete um die Hudsonbai, es bekommt das von hessischen Mietsoldaten sozusagen im Vorbeisegeln eroberte Gibraltar. Es sichert sich auch das Recht, Sklavenhandel treiben zu dürfen. Seit 1680 verschiffte es bis 1786 allein nach Nordamerika 2,13 Millionen Schwarze, die Transporte nach anderen Kolonien gar nicht mitgezählt.


Alles Lamentieren über den Verrat Englands half nichts. Immerhin bekam Habsburg-Österreich im Frieden von Utrecht Neapel, Sardinien, Mailand und die spanischen Niederlande. Für Preußen fiel das Fürstentum Neuchâtel und Obergeldern ab.


Mitgewinnen wollte selbst noch der geflüchtete bayerische Kurfürst. Er bot Wien an, sein Bayern gegen die spanischen Niederlande einzutauschen. Österreich war durch die Erwerbung Siebenbürgens, Ungarns, Kroatiens und eines großen Teiles von Italien kein überwiegend deutscher Staat mehr. Wenn Bayern österreichisch geworden wäre, wäre Österreichs Kern verstärkt worden. Seine vergrößerte Massenanziehung hätte die österreichischen “Vorlande” Oberschwaben, den Breisgau, die Ortenau, ja ganz Süd- und Westdeutschland stärker an die kaiserlichen Länder gebunden, der Kaiser hätte seine nationale Funktion erfolgreicher ausüben können und Bismarck wäre es  kaum gelungen, Österreich aus Deutschland hinauszudrängen. Aber der aus Spanien zurückgekehrte Karl dachte eben genauso dynastisch wie seine monarchischen Vettern rund um ihn.


Ihre Kriege wurden zumeist von fremden Soldaten ausgefochten. Das bekannteste Beispiel dieses Menschenhandels lieferten später die hessischen Landgrafen, die ihre Untertanen für England in Amerika kämpfen ließen. Schiller hat den württembergischen Soldatenhandel, den er gut kannte, abgeurteilt. In “Kabale und Liebe” lässt der Fürst seiner Mätresse ein Kästchen voll Diamanten überreichen. „Sie kosten nichts”, versichert der Lakai, “gestern sind siebentausend Landeskinder nach Amerika fort - die zahlen alles.” Die Rückkehr dieser Kriegssklaven war unerwünscht. Ihr Fürst hätte das für sie kassierte Geld wieder zurückgeben müssen. Das kam nur selten vor: Von den 3.200 Mann des Kap-Regiments, das der württembergische Herzog den Niederländern verkauft hatte, kamen nur etwa hundert zurück. Für jeden hatte der Herzog dreihundert Reichstaler kassiert. Das war ein Schleuderpreis, denn ein schwarzer Sklave kostete am Kap das Dreifache. Aber wichtig für den Tyrannen war nur, dass er wieder eine Million mehr verschwenden konnte. Allein für England fielen in Amerika 30.000 Deutsche. Angefangen hatte damit ein Bischof von Münster , der Untertanen an die Holländer vermietete. Das so erworbene Geld des hessischen Landgrafen ermöglichte später den Rothschilds ihren Aufstieg zur führenden Finanzmacht.


Obwohl der Soldatenhandel als unmenschlich angesehen wird, machte das für die Betroffenen im Vergleich zu anderen kaum einen Unterschied. So kann ein Rekrut aus Württemberg kaum Freude daran gehabt haben, nach Savoyen marschieren zu müssen, um dort verstümmelt, oder ein Reiter aus Spandau sich gewünscht haben, nach Flandern zu müssen, um dort erschossen zu werden. Hätte der preußische oder der württembergische Monarch seine Truppen nicht vermietet oder verkauft, wäre dieser so wie jener in den Krieg eingetreten, und die Kriegskosten hätten ihnen die Holländer, die Engländer oder wer sonst noch Krieg führte und Alliierte suchte, ersetzt. „Verstümmelt, beziehungsweise erschossen wären der württembergische Rekrut und der brandenburgische Kürassier in jedem Falle worden. Bloß hätte es nicht mehr geheißen, sie seien an den Kaiser vermietet oder an die Engländer verkauft gewesen, sondern von ihren Landesfürsten dem Herzog von Marlborough oder dem Prinzen Eugen zu Hilfe gesandt worden.”

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