1658 - 1715 1715

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Nach langer Regierung stirbt Ludwig XIV. Es erstaunt, dass ihn die Abführmittel seiner Leibärzte nicht schon früher umgebracht hatten, doch eine mehr oder weniger volle Hose garantierte diese Behandlung allemal, weshalb die Sonne Frankreichs äußerst streng roch. Für uns, denen die Werbeindustrie einen Hygienekomplex eingebleut hat, ist es unverständlich, dass sich die Aristokratie der führenden Kulturnation nicht nur dazu drängte, der bewunderten, stilbildenden und vergotteten Majestät beim Ankleiden irgendeine Kleinigkeit reichen zu dürfen. Obendrein werteten es selbst die privilegiertesten Höflinge als Auszeichnung, den Sonnenkönig beim Merdemachen auf seinem Leibstuhl anstaunen zu dürfen, wofür sie auch noch 15.000 Louisdor in die Privatschatulle des Allerhöchsten zu zahlen hatten. Doch in einer Zeit, in der die Schlösser keine Toiletten hatten, weil ja die Parks so groß waren, Wasser nur tropfenweise und frische Wäsche selten benutzt wurden und Flöhe, Läuse und Wanzen auch bei allerhöchsten Herrschaften Leib- und Haustiere waren, genierte das wenig. Puder und Parfüm und die prächtige Allongeperücke kaschierten einiges. Sie, die Perücke, gehört zum Barock wie das Kreuz zur Kirche. Selbst schöne lange Haare konnten nicht vor ihr schützen.


Der Gegensatz Frankreich - Deutschland und besonders der Frankreich - Habsburg stirbt mit Ludwig nicht. Er bricht sofort auf, als der König von Polen, August der Starke, aus “Überzeugung”, wie man sagte, starb. Frankreich wollte die Wahl des Schwiegervaters Ludwigs XV. Als das mit Österreich verbündete Russland in Polen einmarschiert, erklärt Frankreich Österreich den Krieg. Auch Spanien und Sardinien tun es, um in Italien österreichische Gebiete zu erobern. Frankreich ging es nicht um Polen, es wollte Lothringen. Zudem hieß es, dass der in Wien lebende Erbe des Herzogtums zum Mann der Kaisertochter ausersehen sei. Frankreich besetzte sein Land.


Österreich stand allein, nur Preußen bot ein Heer von 50.000 Mann an. Der Kaiser bat, 10.000 Mann zur Reichsarmee zu entsenden. Unter ihnen war der preußische Kronprinz. Der Krieg verlief unrühmlich. Als die Lombardei fast und Neapel und Sizilien ganz für Habsburg verloren waren, machte man Schluss. Der aus Polen vertriebene Schwiegervater erhielt Bar  und Lothringen, das nach seinem Tode an Frankreich fiel. Spanien bekam Neapel und Sizilien, Österreich erhielt die zwölfmal kleineren Herzogtümer Parma und Piacenza sowie nach dem Aussterben der Medici die Toskana, die der Schwiegersohn des Kaisers für sein Lothringen eintauschen musste. Von den Menschen, die dahin oder dorthin vergeben werden, ist dabei keine Rede. Für die Mächtigen gehören sie zu einem Land wie die Regenwürmer zum Komposthaufen.

Die Könige dagegen fühlten sich in der Pflicht, ihre Länder vergrößert zu vererben. Kaiser Karl VI. hatte keine Söhne. So verwandte er, vor dem noch heute jeder Bereiter der von ihm gegründeten spanischen Hofreitschule den Zweispitz zieht, seinen geringen Einfallsreichtum auf die Sicherung des Habsburger-Erbes für seine Tochter Maria Theresia .

Während seine Länder und auch das Reich dieser Erbregelung zustimmten, war die Garantie ausländischer Mächte dafür schwerer zu erreichen. Von England wurde sie erkauft durch die Auflösung der Ostindien-Kompanie in Ostende. England schaltete damit Österreich als Konkurrenten im Überseehandel und als künftigen Erwerber von Kolonien aus. Österreich schuf sich ein kleines Gegengewicht in der Adria durch den Ausbau von Triest. Frankreich forderte Lothringen. Der junge Herzog, der die Kaisertochter heiraten wollte, musste sein Land abtreten. “Keine Abdankung, keine Erzherzogin!”, hatte man ihm ganz unbarock gesagt. Diese “Pragmatische Sanktion”, die Forderung der Anerkennung der Kaisertochter als erbberechtigte Regentin, sah Prinz Eugen wirklich pragmatisch: Eine Armee von 200.000 Mann sei besser als jeder Vertrag. Diese Armee war jetzt verkommen, es gab keine fähigen Generäle, nur tatterige Minister, Schlendrian, Schlamperei und Korruption überall. Dummerweise ließ man sich noch in einen Türkenkrieg verwickeln, in dem Belgrad und Serbien wieder verlorengingen. Die Schwäche Österreichs war offensichtlich, der Staat stand vor dem Bankrott.


Im Herbst 1740 war Kaiser Karl VI. zur Jagd an den Neusiedler See gefahren. Mit schwerem Fieber wurde er nach Wien zurückgebracht. Die Folgen seines Todes beweisen, dass nicht nur Taten Geschichte machen.

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