1740 - 1778 1740

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Friedrich übernimmt von seinem Vater den großen Staatsschatz. Er wird gespeist von einer Steuer auf Grund und Boden und einer, die an den Stadttoren Waren und Lebensmittel erfasst. Dazu kommen die Erträge der königlichen Domänen. Sie sind hoch, denn dem König gehört ein Viertel des Landes. Zwei Drittel dieser Einnahmen hatte schon der “Soldatenkönig”, den man auch den Ersten Feldwebel seines Staates genannt hat, für sein Heer verbraucht, das wächst und wächst; von 45.000 Mann im Jahr 1713 auf 54.000 im Jahr 1719 und auf 83.000 Mann im Jahr 1739. Das zehnmal so bevölkerungsreiche Frankreich hatte nur 160.000 Soldaten, Österreich nicht einmal 100.000, und das nur auf dem Papier. 1740 verbrauchte Preußen 5 von 6,9 Millionen Talern für die Armee. Später gab Friedrich sogar bis zu vier Fünfteln der Einnahmen für sein Heer aus.


Andere Länder hatten ihre Armee, in Preußen hatte die Armee ihren Staat. Sie wird ausschließlich von adeligen Offizieren geführt. Sie prügeln die Bauernsöhne auf den Exerzierplätzen so, dass die vor ihnen mehr Angst haben als vor dem Feind. Offizier und Soldat trennen Welten; soziale, besitz- und einkommensmäßige: Ein Infanterieoffizier bekam 1743 monatlich 414 Taler und 22 Groschen, sein Musketier ganze 2 Taler. Als Verpflegung „morgens für einen Dreier Fusel  und ein Stück Kommissbrot und abends für zwei Pfennige Dünnbier und abermals Kommissbrot. Das war ein elendes Leben.” - Ein Kompaniechef war ein Unternehmer, der seine Soldaten als Erwerbsquelle betrachten konnte. “Die Kasernen glichen Fabriken, denn in jeder Stube standen große Räder und Hecheln, an welchen die Soldaten, während sie im Dienst nicht beschäftigt waren, ..., vom Morgen bis in die Nacht Wolle spinnen und kratzten.” Fast ein Drittel dieser Armee sind Ausländer. Die Gefahr, dass die Soldaten abhauen, ist so groß, dass sie stets bewacht werden müssen. “Der gewöhnliche Zustand der Sklaven in Afrika ist gegen diese soldatische Sklaverei noch ein Stand der Freiheit”, so ein Engländer.


Der plötzliche Tod Karls VI. schlug wie eine Bombe ein. Als Chirurgen und Einbalsamierer noch mit der traditionsgebundenen Ausweidung des Leichnams beschäftigt sind, leisten die Beamten schon den Treueid auf Maria Theresia . Sie muss eine attraktive junge Frau gewesen sein, sympathisch, fromm, aber nicht bigott, leutselig, unkompliziert und ungekünstelt, nicht gebildet, aber mit wachem, praktischem Verstand. Ihr hatte der Vater außer der großen Ländermasse, die eine Art vereinigter Staaten von Südosteuropa war, nur eine desolate Armee, leere Kassen und überalterte Minister hinterlassen.


Der Berliner Gesandte berichtete: „Kein Mensch weiß, wohin die (preußischen, H. D.) Rüstungen zielen.” Wenig später schrieb der junge König an den holländischen Kanzler: “Das Haus Österreich kann sich aus seiner gegenwärtigen Situation nicht anders als durch ein Opfer erretten - und ein solches, das es in seinem eigensten Interesse mir zu bringen hätte, käme ihm bedeutend billiger als andere, zu denen es ehrenvoll gezwungen werden könnte.”

 

In Berlin, das sein Vater durch große Ansiedlungsvergünstigungen auf achtzigtausend Einwohner vergrößert hatte, stehen die Bürger an den Fenstern. Da marschiert die Armee in blau mit silbern ragenden Blechhauben im Gleichschritt, dazu Kavallerie, Artillerie, hintennach die Versorgungseinheiten - keiner weiß wohin, nicht einmal die Generäle - in den beginnenden Winter, während sich andere Armeen in die Winterquartiere begeben. Europas Höfe hatte man mit falschen Botschaften getäuscht. Ein paar Tage später meldete der preußische Gesandte dem Mann Maria Theresias, sein König sei am 16. Dezember mit 30.000 Mann, 13.000 Pferden und 34 Kanonen in Schlesien einmarschiert. Er besetze es bloß, um es vor Einfällen Anderer zu schützen. Dazu biete sein König zwei Millionen Gulden, militärische Hilfe gegen wen auch immer, auch seine Stimme für die Kaiserwahl des Großherzogs, ja sogar die Garantie für die sächsische und die bayerische Kurstimme. Als Lohn für seine Bemühungen um den Schutz Österreichs verlange er die “cession totale”, die vollkommene Abtretung Schlesiens.


Eine dreistere Erpressung war nicht denkbar. Es war ein “Versuch, das Verbrechen als einen Liebesdienst an dem künftigen Opfer hinzustellen.” Preußens Fritz regierte noch kein halbes Jahr und schon hatte er “Europa mit der Lustseuche des Krieges angesteckt”, wie er selbst es ausdrückte. “Der Mann ist verrückt”, sagte Ludwig XV. Tatsächlich hatte dieser Mann eben “das größte Blutvergießen in Deutschland zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und den napoleonischen Feldzügen” angefangen. Und die zu seiner Entschuldigung kolportierten Erbansprüche auf Schlesien? Äußerstenfalls hätte er sich solche auf einen kleinen Teil Schlesiens einbilden können. Die wahren Gründe hat er einem Freund offenbart: “Meine Jugend, die Glut der Leidenschaft, der Ruhmesdurst, ja selbst die Neugier, kurz, ein geheimer Instinkt hat mich ... der Ruhe entrissen. Die Genugtuung, meinen Namen in den Zeitungen und später in der Geschichte zu wissen, hat mich verführt.”


Ein Brief an seinen Außenminister Podewils enthüllt Friedrichs Gedanken: “Wenn man im Vorteil ist, soll man ihn nutzen oder nicht? Ich bin mit meinen Truppen und allem bereit. Wenn ich meine Bereitschaft nicht ausnutze, halte ich in meinen Händen ein Gut, das ich nicht zu gebrauchen weiß. ..., dass mir die Fähigkeit nicht abgeht, mich der Überlegenheit zu bedienen, die ich meinen Nachbarn voraushabe.” Sein “Vorteil” besteht darin, dass in Wien nur ein “Unterrock” regiert und Russland mit sich selbst beschäftigt ist. Frankreich nimmt die Thronbesteigung der neuen Regentin Österreichs nicht zur Kenntnis und der Kurfürst von Bayern schickt ihr gar das Notifizierungsschreiben zurück und fordert Böhmen, Oberösterreich und Tirol. Er lässt auch seine Anwartschaft auf die Kaiserkrone verbreiten, die Maria Theresia für ihren Mann haben will.



Diese Turbulenzen nutzt Friedrich und besetzt Schlesien, wo keine 3.000 österreichische Soldaten stehen. “Da fielen die Minister leichenblass in die Stühle zurück. Nur ein Herz blieb standhaft, das der Königin”, schrieb der englische Gesandte. Nach ihrer Meinung konnte sie auf Schlesien gar nicht verzichten. Sie hätte damit die in der Pragmatischen Sanktion festgeschriebene Unteilbarkeit der habsburgischen Länder aufgegeben.

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