1740 - 1778 1744

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Preußen griff Österreich zum zweitenmal an, denn der Weg nach Wien schien unbewacht. So überrannte Friedrich Sachsen, fiel in Böhmen ein und nahm Prag. Unangefochten kam er bis Südböhmen, wo er die Österreicher vom Rhein her erwartete. Während er hinter dem Böhmerwald lauerte, schnitten sie ihn jedoch von seinen Nachschubverbindungen ab. Daher musste sich Friedrich aus Böhmen zurückziehen. 17.000 seiner Soldaten desertierten. Seuchen forderten weitere Opfer.


Zum Desaster des Feldzuges kam das politische: Der bayerische Kaiser Karl VII., für den Friedrich angeblich kämpfte, starb. Er hinterließ etwa vierzig außereheliche Kinder und dreißig, vielleicht auch vierzig Millionen Schulden. Bayern musste sie bis ins frühe 19. Jahrhundert abzahlen. Der neue Kurfürst Max III. Joseph schloss mit Österreich Frieden.


Bald bekam der vom Kurfürsten Max Emanuel aus seinem Exil mitgebrachte Wallone Cuvilliés, der vielleicht sein illegitimer Sohn war, den Auftrag, “dass in Dero Residenz allhier schleinigst ein Neues opera Hauß reparirt werden solle.” Der geniale Zwerg baute das schönste Rokokotheater der Welt. Die Opernbesucher spiegeln die Gesellschaft dieses Hofes, der in Europa einer der glänzendsten war. Um die Kurfürstenloge saß der Hochadel, la noblesse. Der zweite Rang war für den niederen Adel, la noblesse seconde. In den Parterrelogen saß das geadelte Stadtpatriziat, la noblesse de la ville. Die Beamtenschaft des Hofes hatte sich mit dem dritten Rang zu bescheiden. Für die Bürger war kein Platz vorgesehen, weder hier noch überhaupt am Hof des Regenten.


Die erste Münchener Volkszählung nennt nur wenig mehr als 1.500 Vollbürger. Mit Familien und den vielen Dienstboten sind das 10.000 Personen. Unter den 37.840 Einwohnern war eine kleine Zahl an Beisitzern oder Beisassen, die kein bürgerliches Gewerbe treiben durften und nicht ratsfähig waren. Die dritte Schicht waren die Stadtschützler oder Toleranzler, die lediglich eine Aufenthaltsgenehmigung hatten: Tagelöhner, Maurer, Zimmerleute, Fuhrknechte, oft nur aus den umliegenden Dörfern Sendling, Giesing, Haidhausen und Au, das einen schlechten Ruf hatte: Der Wiener Henker hielt es für eine Großstadt, weil er so oft aus Au Kommende hängen oder köpfen musste. In dieser Stadt - und darin glich sie vielen anderen - war 1782 jeder Vierzigste ein Geistlicher. Ein Drittel der Fläche der Stadt war im Besitz der Kirche. Von 1.005 Häusern waren nur 630 in bürgerlichem Besitz.


Der Hof - fast 5.000 Personen - beherrscht das Leben der Stadt, die im wesentlichen von seinem Bedarf lebt. Daher die Verzweiflung der Kaufleute, als Max Emanuel, der Sieger von Belgrad und Verlierer von Höchstädt, mit seinem Hofstaat als Statthalter der spanischen Niederlande nach Brüssel geht: “Seufzet, schreiet, rufet und bittet inständigst zu Gott um Rückkehr Ihrer Durchlaucht!” Zum elitären Hof standen zwei Einwohnergruppen in Beziehungen eigener Art: Juden und Ausländer. Erst 1785 fiel das Gebot, dass Jüdinnen zur Geburt ihrer Kinder die Stadt verlassen mussten, und erst 1805 durften sie sich - in beschränkter Zahl - in der Stadt niederlassen und nicht der Zunftordnung unterstehende Gewerbe betreiben.


München hatte auch zahlreiche Ausländer. Die Oper war italienisch, das Schauspiel französisch. Auch die meisten Generäle und Oberste waren Franzosen.  Hof- und Fechtmeister waren oft Fremde, genauso Perückenmacher, Moden- und Seidenhändler, Parfumeure, Pastetenbäcker und Kunstagenten, aber auch Hausierer, Alchimisten und Abenteurer. Der Vater Robespierres war bei Hofe angestellt, Casanova nach der Flucht aus Venedigs Bleikammern nur einer der Glücksritter, die Fuß zu fassen versuchten.


Die unterste Schicht, die der Besitzlosen und Bettler, war groß. Es gab Bettler mit Erlaubnisschein, aber es gab viel mehr, die recht- und heimatlos waren. Manchmal “zwang man sie zu ihrem Glück”, indem man die kräftigen in eine Uniform oder in ein Arbeitshaus steckte. Anderen ging es schlechter: “... wurden so viele Menschen in Bayern gehangen, geköpft, gerädert, verbrannt, wie beinahe in keinem anderen deutschen Lande. ... In München wurden fast jede Woche zwei bis drei Verbrecher gerichtet.” Dem Kurfürsten wiesen seine Räte nach, dass das Volk nicht anders zu regieren sei, und das Gesetzbuch des Barons Wiguläus Aloysius von Kreittmayer hatte für dreiunddreißig Verbrechen die Todesstrafe parat.


Max III. Joseph bemühte sich, ein guter Fürst zu sein. Lessing  lobte ihn, und seine Untertanen nannten ihn den “guten Max”. Er wollte, dass möglichst viele seiner 1,1 Millionen Landeskinder Lesen und Schreiben lernten. Deshalb verordnete er ihnen die allgemeine Schulpflicht vier Jahre nach Preußen und hundertelf Jahre vor Frankreich. Als er starb, hat ihn sein Volk sehr betrauert. Er sei “der beste und erleuchtetste unter den bayerischen Fürsten” gewesen.


Um diese Zeit war Friedrich längst der erfolgreichste unter den preußischen Fürsten. Aus Böhmen hatte er sich mit den Resten seines Heeres nach Schlesien zurückgezogen. Er musste fürchten, Schlesien wieder zu verlieren. Davor rettete ihn der Jugendfreund seines Vaters, der „Alte Dessauer“ . Er stellte eiligst neue Regimenter auf und stabilisierte mit ihnen die Lage in Schlesien. Der Krieg hatte den Staatsschatz verbraucht. Sogar das königliche Tafelgeschirr, silberne Leuchter und Bilderrahmen trug Friedrichs Kammerdiener nachts zum Einschmelzen in die Münze.


Die verbündeten Österreicher und Sachsen wagten sich zu sorglos nach Schlesien hinein. Bei Hohenfriedberg griff Friedrich sie an und siegte. Maria Theresia konnte der militärischen Niederlage wenigstens einen politischen Erfolg entgegensetzen: Ihr Mann wurde zum Kaiser - Franz I. – gewählt. Um in Frankfurt dabeizusein, machte sie ihre einzige Reise ins “Ausland”. Von da ab hieß sie “Die Kaiserin”.


Wenige Tage später stolperte Friedrich bei Soor in Nordostböhmen in einen Hinterhalt. Aus der Umzingelung kann er sich nur durch einen Ausbruch retten, der bergauf erfolgen muss. Er ist erfolgreich. Bezeichnenderweise wurde noch vor dem ersten General seine Lieblingshündin ausgetauscht. Friedrich fürchtete, dass die Russen von Osten, die Österreicher und Sachsen von Süden nach Berlin marschieren würden. So schickte er den Alten Dessauer und dessen Sohn gegen die Sachsen. Der Dessauer stellte das sächsische Heer bei Kesselsdorf auf dem Weg nach Dresden. Sein Sohn führte bei schneidender Kälte einen Teil des Heeres durch hüfttiefes Wasser gegen die Sachsen. Die verließen ihre guten Stellungen, um die Preußen vor sich zu vernichten, da stiegen die Bataillone des jungen Dessauers aus dem Wasser und stießen in ihre Flanke.

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