1740 - 1778 1756

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Friedrich hatte sich selbst isoliert. Als der “Tamerlan von Potsdam” wieder ohne Kriegserklärung losschlägt, erwischte er seine Gegner an strategisch wichtiger Stelle; in Sachsen. Das jetzt neutrale Kurfürstentum ist nicht nur eine fette Beute, es verdoppelt auch das Rekrutenpotential und damit die militärische Kraft Preußens. Momentan ist wichtiger, dass er Schlesien auch von einer zweiten Seite schützen kann und zugleich ein Sprungbrett hat für die Eroberung Böhmens. Sachsen ist in wenigen Wochen erobert. Dass es immerhin so lange dauert, ist eine unliebsame Überraschung für Friedrich. Es ist Graf Rutkowski, ein unehelicher Spross Augusts des Starken, der Verlierer von Kesselsdorf, der sich mit nur 14.000 Sachsen bei Pirna verschanzt hat und die Preußen am Einfall nach Böhmen aufhält. Zwar zwingt der “böse Fritz” die halbverhungerten Sachsen in seine Armee. Wer nicht den Eid schwört, wird so lange unter den Augen des Königs geprügelt, bis er es tut. Aber der Blitzschlag ist missglückt. Die Folgen sind Kriegserklärungen Österreichs, Frankreichs, Russlands und Schwedens. Mit Ausnahme weniger norddeutscher Fürsten stellen sich alle deutschen Fürsten gegen den “Landfriedensbrecher”. Das Reich erklärt ihm den Reichskrieg.


Im nächsten Frühsommer dringt Friedrich in Böhmen ein. Er siegt vor Prag. Bald trifft er östlich von Prag, bei Kolin, auf die Armee des Feldmarschalls Graf Daun. Daun hat seine Armee in gut plazierten Stellungen, weil die Österreicher nicht so manövrierfähig waren wie die Preußen. Friedrich griff an. Er verlor 13.000 von 33.000 Soldaten. Wer konnte, desertierte. Nur Reste der Preußenarmee kehrten nach Sachsen und Schlesien zurück. Böhmen war gerettet. Am Berliner Hof schrieb der Kammerherr Graf Lehndorff in sein Tagebuch: “..., dass das 1. Gardebataillon furchtbar gelitten hat; es sind nur 300 Mann übriggeblieben, 20 Offiziere sind tot oder verwundet. ..., ganz Berlin weint.” “Wir sind nun wieder so weit zurück wie nach unserem Einrücken in Böhmen, haben 30.000 Mann weniger, die die Schlacht von Reichenberg, die Belagerung Prags und die Schlappe von Kolin uns gekostet haben. In dieser Schlacht sind sämtliche Generäle verwundet oder getötet worden, nur die Prinzen von Braunschweig und von Dessau blieben unversehrt“. Bald war ganz Schlesien verloren. Die Russen drangen in Ostpreußen, die Schweden in Vorpommern ein, und in einem vielbelachten Reiterstück drang der österreichische Husarengeneral Hadik in Berlin ein, ließ sich eine Kontribution zahlen und brachte seiner Kaiserin 12 Paar Lederhandschuhe mit - 24 linke!


Friedrich zwang Preußen in den totalen Krieg. Die Franzosen hatten seine Armee, die Hannover schützen sollte, besiegt und sich dann mit der Reichsarmee vereinigt. Friedrich zog dieser Armee entgegen. Bei Roßbach, südlich von Halle, überrumpelte er sie. Der moralische Erfolg des Sieges war noch größer als der militärische. Friedrich wurde für manche ein nationaler Heros. Die Franzosen verzogen sich nach Hause. Sie hatten das englische Hannover erobern wollen und deshalb die Kolonialarmee in Kanada geschwächt. Jetzt hatten sie beides verloren. Der englische Premier Pitt “der Ältere” konnte sagen, er habe Kanada in Europa erobert.


Die preußische Propaganda hatte die Reichsarmee zur “Reißausarmee” gemacht,  deren Soldaten keine Schießmaschinen waren wie die Preußen, sondern ganz kriegsunerfahren, ja nicht einmal militärisch ausgebildet. Das Kontingent des Schwäbischen Kreises bestand aus 189 einzelnen Einheiten aus 95 Städten. In einer schwäbischen Kompanie hatte die Stadt Gmünd den Hauptmann, die Stadt Rottweil den ersten, die Äbtissin von Rottenmünster  den zweiten Leutnant und der Abt von Gengenbach  den Fähnrich zu stellen.


Wien freute sich, denn man hatte Breslau, die von den Preußen besetzte schlesische Hauptstadt, zur Kapitulation gezwungen. Man übersah, dass der Preußenkönig seine Schlagkraft wiedergewonnen hatte. Er war schon nach Schlesien unterwegs. Dort kommandierte Herzog Karl, Kaiserbruder und Langschläfer. Bei Leuthen, westlich von Breslau, täuschte Friedrich die stärkeren Österreicher und schlug sie. Fortan galt dieser Dorfname preußischen Generalstäblern als Inbegriff taktischer Genialität. Napoleon urteilte nüchterner: Eine einzige Feldwache oder eine Patrouille der Österreicher wäre Friedrich zum Verhängnis geworden. Entschieden hat auch Leuthen nichts. Die Ehrfurcht, die die Schlacht umwabert, geht auf das Gelingen der “schiefen Schlachtordnung”  zurück, leider auch auf den Choral von Leuthen: “Nun danket alle Gott”, der das Gewimmer der qualvoll Verendenden übertönen sollte. Bei einbrechender Nacht ritt der König in munterem Schneetreiben nach Lissa, wo er im Schloss in die Tafelrunde österreichischer Offiziere platzte und sie geistesgegenwärtig gefangennahm. Bald war das meiste von Schlesien wieder preußisch.


Nun wollte Friedrich durch die mährische Senke nach Wien marschieren. Die Festung Olmütz widerstand ihm. Daun rückte heran und General Laudon, den er wegen seiner “Physiognomie” nicht eingestellt hatte und der deshalb nach Österreich gegangen war, kaperte seinen Nachschub; 3.000 Gepäckwagen und eine riesige Ochsenherde. Inzwischen rückten die Russen gegen Berlin vor. Nördlich von Küstrin, bei Zorndorf, behauptete Friedrich zwar das Schlachtfeld, hatte jedoch schwerste Verluste. Jetzt marschierte Daun gegen Dresden, das auf keinen Fall verlorengehen durfte. Also hetzte Friedrich seine abgekämpften Regimenter nach Sachsen. Im Lausitzer Bergland, bei Hochkirch, kassierte er eine Niederlage Friedrich konnte auch die Vereinigung der Russen und Österreicher nicht mehr verhindern.


Mitte August 1759 riskiert der verzweifelte König mit knapp 50.000 Mann den Sturm auf die feindlichen Schanzen. Obwohl er seine Soldaten immer wieder ins feindliche Feuer hetzt - “Kerls, wollt ihr denn ewig leben?” -, Kunersdorf, östlich von Frankfurt an der Oder, scheint sein Ende zu sein. Für Friedrich bedeutete es ein Wunder, dass die Sieger weder seine Truppenreste aufrieben, noch Brandenburg besetzten, sondern nach Sachsen abschwenkten. Um das für ihn so wichtige Land wiederzubekommen, versucht er den Österreichern die Nachschublinien abzuschneiden. Er schickt ein Korps in ihren Rücken. Daun durchschaut die Absicht. Im Erzgebirge zwang er neun preußische Generäle mit 15.000 Mann zur Kapitulation.


Rätselhafterweise lässt man Friedrich ein Jahr Zeit bis zur nächsten Schlacht - Liegnitz -, in der er Laudon schlägt, obwohl Dauns Armee nur neun Kilometer entfernt ist. Fehlende Kooperation der Verbündeten, Entschlusslosigkeit und Unfähigkeit - das russische Oberkommando wechselte fünfmal - retten Preußen immer wieder. Dessen König muss sechzehnjährige Kadetten als Offiziersersatz nehmen. Der Bankier Itzig und der Münzpächter Veitel Ephraim können den Krieg nicht mehr finanzieren. Durch Münzverschlechterung bringt sich Preußen mühsam weiter. “Ephraimiten” nannte das betrogene Volk das schlechte Geld, ohne den wirklich Verantwortlichen beschimpfen zu können. Was hilft es da, dass er bei Torgau an der Elbe die Österreicher noch einmal besiegt. Ist es überhaupt ein Sieg, wenn er 16.750 Soldaten, der Feind 15.200 verliert? Viele werden so gedacht haben wie sein Bruder Heinrich: “Hätte es doch Gott gefallen, dass unsere Mutter am 24. Januar 1712 eine Fehlgeburt gehabt hätte!”


Friedrich beharrte auf Schlesien, dessen Aufgabe ihm England riet. Da es in Kanada sein Kriegsziel erreicht hatte, brauchte es Preußen nicht mehr. Verzweifelt sinnt Friedrich auf Rettungsmöglichkeiten. Die Türken will er Maria Theresia an den Hals hetzen, ein Tatarenaufstand soll Russland ausschalten.


Das besorgt ein Anderer. 1762 stirbt Zarin Elisabeth. Ein Holstein-Gottorper Herzog folgt ihr nach. Der war ein Fan des Preußenkönigs. Ohne Rücksicht auf seine Bündnisverpflichtungen stellte der Siebzehnjährige, der pausenlos mit preußischen Spielzeugsoldaten exerzierte, den Krieg gegen seinen Heros ein und verbündete sich mit ihm. Seine vernachlässigte, aus Deutschland stammende Frau, die später “groß” gewordene Katharina , ließ ihn zwar bald von ihren Gardeoffizieren umbringen, hielt sich aber aus dem Krieg heraus. Das war das “Mirakel des Hauses Brandenburg“. Friedrich war gerettet, denn auch Schweden schied aus und räumte Pommern und Stettin. Preußen konnte sich wieder in Sachsen und Schlesien festsetzen, als der Reichstag in Regensburg die Neutralität des Reiches beschloss und Frankreich und England ihre Waffen senkten.

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