1740 - 1778 1762

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Nun stand Österreich allein gegen Preußen, der Krieg war zu einem ermatteten Drohen beider geschrumpft. So wurde auf Schloss Hubertusburg bei Leipzig Frieden geschlossen. Schlesien blieb preußisch. Man garantierte sich gegenseitig seinen Besitz. Denn auch die europäischen Vormächte Frankreich, Großbritannien und Russland wollten weder einen österreichischen Sieg über Preußen, noch einen preußischen Sieg über Österreich. Das bedeutete aber, dass das Reich der Habsburger bereits damals "zu einer marginalen Macht" geworden war. Über diesen Stellenwert kam es auch nicht mehr hoch.


War Preußen bei Friedrichs Regierungsantritt nur ein "Königreich aus Grenzrainen" gewesen, wie Voltaire gespottet hatte, war es jetzt zu europäischer Macht aufgestiegen. Und in Deutschland, in dem bisher Österreich die unbestrittene Vormacht gewesen war, hatte es sich auf die gleiche Höhe hochgekämpft. Preußens Aufstieg hatte dadurch die Habsburgermonarchie destabilisiert: Ungarn hatte für seine Hilfe fast verselbständigt werden müssen. Und durch die Wegnahme Schlesiens aus dem Verbund des Königreiches Böhmen gerieten im Rest - in Böhmen und Mähren - die Deutschen in die Minderheit. Das wird zum späteren Zerfall des Habsburgerreiches entscheidend beitragen.- In Deutschland war ein "Dualismus" entstanden, eine spannungsgeladene Rivalität, die die Deutschen die nächsten hundert Jahre in Atem halten wird. Dann wird Preußen nicht nur Österreich besiegt haben, es wird Österreich aus Deutschland hinaus- und auf den Balkan abgedrängt haben. Darüberhinaus wird Preußen der mächtigste deutsche Staat geworden sein und mit der Gründung des "großpreußischen" Reiches das habsburgisch-deutsche durch das hohenzollernsche Kaisertum abgelöst haben.


In den Augen mancher hatte Friedrich über das Alte, Rückständige, Verzopfte, gesiegt. Er war ein Held, der gegen die papistische Betschwester in Wien den von ihr bedrängten Protestantismus gerettet und zum Sieg geführt hatte. Ja, hatte er nicht sogar die Freiheit erkämpft gegen das polypenhafte Vordringen des kaiserlichen Habsburg? Nationale und religiöse Ressentiments dieser Art gingen in die Meinungsbildung ein. Sie wurden gepflegt bis zum Ende des Hohenzollernstaates, der den Vielvölkerstaat Österreich als minderwertig abtat, ja bis zu Hitler, der Friedrich II. gar als Vorkämpfer für “Großdeutschland” ausgab. Auch die, die mit ihrer verzweifelten Tapferkeit, mit ihrem Blut und Tod diesen König und sein Preußen zu dem gemacht hatten, was es nun war, dieses preußische Soldatentum wirkte geschichtsbildend. “Deutsches Kriegswesen war mit preußischem Kriegsruhm vermählt worden. Wer das nicht als Ergebnis des Siebenjährigen Krieges erkennt, vermag den Gang der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert kaum zu verstehen.”


Der Raub Schlesiens, den der Alte Dessauer einst “eine politische Infamie” und der Engländer Gooch eines der “sensationellen Verbrechen der Geschichte der Menschheit” nannten, war im nachhinein durch den preußischen Prestigegewinn gerechtfertigt worden. Nur muss man dessen Preis kennen: Drei Kriege waren von Friedrich angefangen worden. Allein für den Siebenjährigen Krieg schätzte Friedrich die eigenen Verluste auf mehr, als seine Armee bei Kriegsbeginn zählte, auf 180.000 Mann.


Das Ergebnis seiner Kriege wurde durch die preußische Geschichtsschreibung immer größer. Er habe gegen fast ganz Europa kämpfen müssen, jedenfalls gegen eine mehrfache Übermacht. Zunächst: Kämpfen müssen hätte er überhaupt nicht, und bis zum Ausscheiden der Russen betrug das Freund/Feind-Verhältnis immer etwa 1:2. Preußens Bilanz: 16 Siege und 7 Niederlagen. Zu dieser Bilanz gehörte aber auch die Verelendung ganzer Provinzen. Oft gab es nichts mehr zu säen, auch das Getreide hatte die Soldateska weggenommen. Es war ein Segen, dass sich die Kartoffel langsam einführte. Ihr Vorteil vor dem Getreide war, dass man mit ihr auch auf minderen Böden von der gleichen Anbaufläche dreimal soviel Kalorieen ernten konnte. Sie half - aber erst ab 1850 entscheidend - eine immer größer werdende Menschenzahl von einer nicht vermehrbaren Anbaufläche zu ernähren.


Die Erholung Preußens schleppte sich dahin. Man begann die Sumpfgebiete an Oder und Warthe urbar zu machen. Auf den entwässerten Flächen wurden 57.475 Siedlerstellen geschaffen. Die hoffnungslose Armut der Bauern erstickte jedoch jedes eigene Streben. Starb der Bauer, verfiel seine bewegliche Habe dem Gutsherrn. Dies hat in Teilen Ostelbiens bis 1848 fortgedauert. "Nicht einmal der Hof war dem Erben sicher. Der Rittergutsbesitzer konnte den Erben ab- und einen anderen Bauern einsetzen. Der Hauptunterschied zum indischen Bauern war nur, dass diesen der Grundherr kaltblütig verhungern ließ. Friedrich der Große hingegen brauchte seine Bauern als Steuerzahler und Rekruten. Daher sprang er ihnen in schlechten Jahren mit Saat-, ja Brotgetreide bei. Aber am Rande des Verhungerns lebten sie ständig."


Friedrich setzte seine Kriege als Handelskriege fort. Er meinte, wenn er Anderen Schaden zufüge, müsste dies sein Gewinn sein. Auswärtige Waren durften nicht gekauft werden, für eigene Waren und Güter gab es teilweise sogar einen gesetzlichen Kaufzwang, für Salz etwa: Der befohlene Salzüberfluss stand Pate bei der Geburt der Salzgurke. Der Kauf ausländischen Salzes war “Bey Strafe des Galgens” verboten. Alles war reglementiert, die Pflichten der Wirte ebenso wie die der Bürger von Potsdam etwa, die in ihren Dachstuben unentgeltlich Soldaten beherbergen mussten: “Der Bürger soll dem Soldaten die Stube täglich einmal, und bei kalter Witterung, zweymal mäßig heitzen.” Die Kleidung war vorgeschrieben - Mägde durften keine Seide tragen - bis zur Dauer der Trauerkleidung. Auch die Löhne waren festgelegt: Eine Magd erhielt 8 bis 9, ein Diener ("Lakai") 10 bis 12, ein Tagelöhner im Sommer 5, im Winter 4 Groschen am Tag. Ein Pfund Rindfleisch kostete 1 Groschen und 8 Pfennige  Viele verdienten gar nichts. Die vielen Kriegskrüppel bekamen einen Bettlerausweis!


Alles wurde hoch besteuert. Für die Eintreibung der Steuern holte der König Steuerpächter aus Frankreich, das das korrupteste Steuersystem in Europa hatte. Die Stadtmauern waren jetzt nur dazu gut, die “blauen Sklaven”, seine Soldaten, nicht entkommen zu lassen und an den Toren zu kontrollieren, wer hinein- und wer herauswollte, denn Freizügigkeit gab es nicht; wer woandershin wollte oder musste, brauchte einen Passierschein. In dieses Überwachungssystem war auch der Warenzoll einbezogen. Er wurde gleich an den Stadttoren erhoben.


Luxus genoss nur eine hauchdünne Oberschicht. Denkt man dabei an die Mode, so litt sie mehr unter ihr: “Mit engen und festen Schnürleibern pressten die Damen die erhabenen, wohlproportionierten, ‘fleischichten, runden ... Vorder- und Oberteile’ ..., ihr ‘Lust-Terrain’, ihre ‘Edens-Äpfel’, so in die Höhe, dass sie dem Mannsvolk in die Augen stechen mussten. Und damit der Leib dann nicht zu sehr hervortrete, wurde ein ‘Blankscheit’, ein Holzbrettchen untergeschoben, das den Bauch zurückhalten … musste. So ein Quälholz reichte ‘von der Brust bis … gegen die Scham hinunter’.” “Die Leibwäsche wurde sehr selten gewechselt; schmutzig und zerrissen wurde sie auch in den höchsten Kreisen getragen.” Gewaschen wurden höchstens die Hände, gebadet wurde kaum. “Die öffentlichen Badestuben wurden ... nur von Mannspersonen und Weibsbildern schlechten Standes aufgesucht.” Die Ursache solcher “Schlechtigkeit” war häufig eine gnadenlose Ausbeutung: “Ein Berliner Fabricant behauptete, dass er auf dem platten Lande oder in einer Provinzstadt sein Gewerbe unmöglich so vorteilhaft als in der Residenz betreiben könne, weil er zum Bandmachen junge Mädchen brauche, die so wenig (Lohn) erhielten, dass sie davon nicht leben könnten. Sie wüssten sich hier aber zu helfen, indem sie bei Tage Band machten und des Abends und der Nacht Dienerinnen der Wollust wären.” In Wien dekretierte die Kaiserin “Keuschheitskommissionen”, um untreue Ehemänner zu ertappen.


Die Kriege Friedrichs haben bei Dichtern kaum Widerhall gefunden. Lessings “Minna von Barnhelm” preist den Edelmut des preußischen Offiziers. Die Erklärung ist leider, dass Lessing auf eine Anstellung in Berlin hoffte. Das Stück bekam Schwierigkeiten mit der Zensur, die es trotz gegenteiliger Legenden - die “Gazetten ... solten nicht geniret werden” - spürbar gab. Schiller holt sich seine Dramenstoffe zunächst aus der italienischen und spanischen Geschichte. Herder verklärt den “Cid”, Goethe den "Götz von Berlichingen", Klopstock greift auf altgermanische Stoffe zurück. Friedrich aber war die Dichtung des Mittelalters “keinen Schuss Pulver wert”. Klopstock , Lessing, Wieland , Goethe und Schiller, die anderswo schon etwas galten, kannte er ebensowenig wie Herder  und Kant . Wenn man liest, wie er schrieb, kann man sich vorstellen, dass er für besseres Deutsch keinen Nerv hatte. Als Probe eine Mitteilung an seinen Kammerdiener und Vertrauten Fredersdorf: “Ich schike Dihr ein Rares Eliksihr, das von Teofrastem Paratzelsio Komt, welches mihr und alle, die davon genommen haben, wunder gethan hat. nim nuhr von dießer Medecin, es leidet aber keine quacksalberein darnehben!! sonsten benimt (es) einem vohr Sein lebe-Tage die Mänliche Krefte der liebe!”- Sein Adel brüstete sich sogar mit seinem Analphabetentum. Ging doch auf eine Anfrage des Königs eine Antwort ein, die statt der Unterschrift mit drei Kreuzen signiert war, unter denen stand: "Wegen Uradels des Schreibens unkundig."


Friedrich bezieht seine literarischen Geschmacksurteile aus Paris. Der Wiener Hof war “deutscher”. Der Kaiserin lag an Literatur nichts. Dagegen hatte die Musik bei den Habsburgern stets Protektion. Auch neue Könner haben Zutritt, Gluck  etwa und ein Wunderkind namens Wolfgang Amadé Mozart , dessen Augsburger Vorfahren noch Motzhardt hießen. Das Wolferl - von dem ein späterer Theologe vermuten wird, “dass die Engel, wenn sie unter sich seien, Mozart spielen, und dass ihnen dann auch der liebe Gott besonders gern zuhöre” und über den Wagner urteilte: “Das ungeheuerste Genie erhob ihn über alle Meister aller Künste und aller Jahrhunderte” - dieser kleine Mozart bekommt nach dem Vorspielen außer hundert Dukaten einen abgelegten Anzug eines kleinen Erzherzogs und ein dickes Busserl. Der Erzbischof von Salzburg, ein Jugendfreund des jungen Kaisers, vermittelt ihn später nach Wien, wo Mozart Haydn  kennenlernen wird. Spätestens seit diesen beiden, die sich keineswegs als Genies empfanden, sondern mehr als gute Handwerker, wird Wien zur Hauptstadt der Musik. Kaiser Joseph II. gründet das erste “Nationalsingspiel” - “Deutsche Oper” würden wir sagen.


Mitteleuropa war vom Außendruck entlastet, ein seit mehr als hundert Jahren entbehrtes Gefühl. Das setzte Kräfte frei für die Reparatur der Kriegsschäden und für Reformen.

Doch beides war nur am Zügel des Monarchen möglich, durch seinen Willen und zur Bestätigung oder Verherrlichung seines Absolutismus. Den Mittelschichten, die den Krieg viel spürbarer erleben mussten als der Hochadel und die von ihm getragenen Souveräne, kamen andere Gefühle. Ein nationales Bewusstsein keimte. Bezeichnend dafür ist die Schrift eines Friedrich Karl Moser “Von dem deutschen Nationalgeist” von 1765: “Wir sind ein Volk von einem Namen und Sprache, unter einem gemeinsamen Oberhaupt, ..., zu einem gemeinschaftlichen großen Interesse der Freiheit verbunden, ... an innerer Macht und Stärke das erste Reich in Europa, ... und so, wie wir sind, sind wir schon Jahrhunderte hindurch ein Rätsel politischer Verfassung, ein Raub der Nachbarn, ... uneinig unter uns, kraftlos durch unsere Trennungen, stark genug, uns selbst zu schaden, ohnmächtig, uns zu retten, ... ein großes und gleichwohl verachtetes, ein in der Möglichkeit glückliches, in der Tat selbst aber sehr bedauernswürdiges Volk.”

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