1740 - 1778 1790

postheadericon 1790

Solche Gedanken konnten nicht von den Herrschenden kommen. Natürlich nicht von Preußens König, der den Begriff “Reich” nur für seine egoistischen Bedürfnisse missbrauchte. Auch vom neuen Kaiser Joseph II. nicht. Seine Mutter hatte ihn in ihrem Habsburgerreich nur als Mitregent zugelassen, denn sie kannte ihren schwierigen Spross, der zwar Mängel schnell erkannte, aber bei ihrer Beseitigung fast immer scheiterte. Seine Mutter hatte ihre Reformen im Wissen bestehender Traditionen erlassen, ohne zu verletzen. Der Sohn glaubte dem Staat, den er über alles stellte, besser zu dienen, indem er die gleiche Pflichttreue und Einsicht auch von Anderen forderte, selbst wenn sie mit der Preisgabe von uralten Privilegien und persönlichen Opfern verbunden war. “Joseph verlangte von seinen Adeligen eine adelige Gesinnung”, stellte der Fürst de Ligne fest. Dem „ Kaiser des kleinen Mannes”, dem “Volkskaiser”, der auf seinen Reisen auch den geringsten seiner Untertanen mit dem höflichen “Sie” ansprach, war anfangs Preußens König Vorbild. Friedrich über ihn: “Er macht den zweiten Schritt vor dem ersten.” Gerade mit seiner noblen Gesinnung und seiner Menschenliebe eckte er überall an. Sogar seine persönliche Bedürfnislosigkeit wirkte aufreizend. Die kaiserlichen Jagdgründe im Prater gab er den Wienern als öffentlichen Park frei. Als sich ein Aristokrat beklagte, dass es ja keinen Ort mehr gäbe, wo man unter seinesgleichen sein könne, bekam er zur Antwort: “Wenn ich desselben Sinnes wäre ..., gäbe es für mich keinen anderen Aufenthaltsort als die Kaisergruft bei den Kapuzinern.“


Der Drang der Herrscher zur Vergrößerung ihrer Länder war ungebrochen. Polen wurde ein Opfer dieser Raubtiermentalität. Dort war Graf Poniatowski, ein ausgedienter “Beischläfer der Zarin” Katharina, König. Als er polnische Politik zu machen versuchte, einigte sich Russland mit Preußen, dessen König empfohlen hatte, sich Polen stückweise einzuverleiben. Dazu arrangierten sich Preußen, Österreich und Russland. Preußen nahm sich den kleineren, aber weit wertvolleren Teil: Ermland, Westpreußen, Teile von Posen und den Netzedistrikt. Österreich bekommt dagegen das „Königreich Galizien und Lodomerien“, das große Armenhaus der Monarchie. Anders als in Österreich, das das Zusammenleben vieler Nationalitäten praktizierte, sind die Polen schon im friderizianischen Preußen Menschen zweiter Klasse.


Friedrich der Große und Katharina die Große hatten ihre Staaten groß gemacht. Das wollte Joseph auch. Die Bukowina, das Buchenland östlich der Karpathen, traten die Türken freiwillig an Österreich ab. In der wichtigsten Aktion, die ihm Schlesien ersetzen sollte, scheiterte er aber an dessen Räuber. Dreierlei kam zusammen: Der schmerzende Verlust Schlesiens, der Ehrgeiz Josephs, im deutschen Raum der wichtigste Fürst zu bleiben und schließlich der Ehrgeiz des pfälzischen Wittelsbachers, seinen Kurfürstenhut mit einer Königskrone zu vertauschen.


Der bis dahin fast liberale pfälzische Kurfürst Karl Theodor, der wahrscheinlich mehr uneheliche Kinder als August der Starke hatte, wollte weiterhin in Mannheim, das er zum “deutschen Athen” gemacht hatte, glanzvoll Hof halten. Er hatte das erste deutsche Nationaltheater gegründet, in dem der württembergische Untertan Schiller seine “Räuber” aufgeführt bekam. Seine Hofkapelle war berühmt. Karl Theodor war in den habsburgischen Niederlanden, dem heutigen Belgien, geboren. Österreich hatte ihm signalisiert, dass er seine Pfalz um dieses bedeutende Land vergrößern, vielleicht sogar zu einem Königreich erheben könne, wenn er nach Beerbung seines bayerischen Vetters dessen Bayern an Österreich weitergeben würde. Als dann der Münchner Vetter starb, ging alles sehr schnell: Der Eilkurier war eine Nacht und einen Tag unterwegs gewesen und der hohe Herr gerade beim Jahresschlussgottesdienst anno 1777, als man ihm die Nachricht ins Ohr flüsterte. “Nun sind Deine guten Tage vorüber”, soll er zu sich selbst gesagt haben, sprachs und ließ seine Kalesche vorfahren, um sein Erbe schnell anzutreten. Er hatte Grund zum Argwohn. Mit fadenscheinigen Erbansprüchen besetzte Österreich bayerische Gebiete.

Das gab dem "Alten Fritz" Gelegenheit, sich als Hüter der Reichsverfassung aufzuspielen, auf die er sonst “pfiff”. In Wahrheit wollte er Österreichs Machtgewinn verhindern. Er ließ seine “blauen Sklaven” in Böhmen einmarschieren.

zurück weiter