1740 - 1778 1778

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Der Bayerische Erbfolgekrieg geriet zum “Kartoffelkrieg”. Friedrichs Soldaten, die sich aus dem überfallenen Land ernähren sollten, waren mit der Suche nach Essbarem vollauf beschäftigt. Hinter dem Rücken ihres Mitregenten schrieb Maria Theresia dem Preußenkönig einen Bittbrief, um den Fehltritt ihres Sohnes ungeschehen zu machen. Aber nicht ihr Flehen, sondern die Dezimierung seines Heeres durch Hunger und Seuchen veranlasste Friedrich zum Frieden. Er brachte Österreich das Innviertel, Preußen die Garantie auf Ansbach und Bayreuth. Wenige Jahre später versuchte Joseph den gleichen Tausch. Wieder scheiterte er an Friedrich, obwohl diesmal schon alles mit Karl Theodor abgemacht war. Ein Fürstenbund, den Friedrich zusammengebracht hatte, ließ nichts ungenutzt, Österreichs Einfluss zu verringern. Die preußische Diplomatie förderte sogar Aufstände in Belgien und Galizien.


Das alles verhinderte Josephs Absicht, die kaiserliche Autorität zu stärken. Als der jüngste Kaiserbruder, der Kurfürst-Erzbischof von Köln und Bischof von Münster, auch noch Bischof von Hildesheim werden soll, erschien das Preußen als Versuch, in Nordwestdeutschland eine habsburgische Einflusszone zu etablieren. Bei den geistlichen Fürsten kam die Angst vor dem „Josephinismus”, den Säkularisierungsbestrebungen des Kaisers, hinzu. Sie wollten ihre Macht und ihre Pfründen ungeschmälert erhalten.


Joseph II. blieb auf seine ererbten Länder beschränkt. Er stellte den Staat über seine Dynastie, war besessen vom “Fanatismus für das Wohl des Staates”. Er wollte seine Monarchie in einen einheitlichen Staat umgestalten. Dazu verordnete er allen seinen Ländern Deutsch als Amtssprache, weil er dies als praktisch empfand. Die Ungarn und die Tschechen, die zwar ihrerseits anderssprachige Minderheiten schikanierten, empfanden das als Kampfansage. Es kam hinzu, dass der Adel beider Königreiche mit seinen Latifundien die Aufhebung der Leibeigenschaft mit Hass quittierte. Die katholische Kirche hatte schon sein Toleranzedikt, das Protestanten, Juden und Griechisch-Orthodoxen Zutritt zu allen Staatsämtern und freie Religionsausübung brachte, als Teufelswerk empfunden. Der fromme Rationalist förderte Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft. Er reformierte das Rechtswesen. Sein Strafgesetzbuch war das erste, in dem die Folter und die Todesstrafe abgeschafft waren. Er gründete Krankenhäuser, Irrenanstalten, Lazarette und baute Schulen. Er sah jedoch nicht ein, dass eine Unzahl von Mönchen für den Staat nichts tat. So löste er siebenhundert Klöster auf, nur die “nützlichen” Orden, die Schulen, Krankenhäuser und Armenpflege betrieben, ließ er bestehen. Mit den gewonnenen Mitteln verbesserte er die Seelsorge: Hunderte von Pfarreien wurden gegründet, kein Dorf durfte weiter als eine Stunde von einer Kirche entfernt sein. In wichtigen Belangen unterstellte er die Kirche wieder dem Staat, eine Nationalkirche schien denkbar.


Davon aufgeschreckt, machte sich der Papst auf die Reise nach Wien. Nach dreieinhalb Jahrhunderten kam wieder ein Papst in ein deutschsprachiges Land. Der Kaiser fuhr ihm bis zum Fuß des Semmering entgegen, er begleitete ihn bis in seine Gemächer in der Hofburg. Als der Papst im geschenkten Reisewagen abfuhr, begleitete ihn Joseph bis zur Wallfahrtskirche Maria Brunn im Wiental. Doch danach verfügte er die Aufhebung des Klosters und setzte seine Reformen fort.


Die Urteile über ihn gehen auseinander: “Kaiserlicher Revolutionär” und “Rebell in Purpur” für die, die seine Reformen als zukunftsweisend werten, für die Klerikalen ist er “platter Aufklärer” und “Kirchenfeind”, für Antiklerikale der “Glaubensfeger”, für den Adel der “Bauerngott”, für Liberale “Volkskaiser” und für die Nationalen “Joseph der Deutsche”. Die Juden seiner östlichen Länder verehrten ihn, denn er gab ihnen freie Wahl des Wohnorts, befreite sie von ihrem diskreditierenden Kennzeichen, den gelben Ärmeln, und er hob sie aus ihrer Anonymität, indem er ihnen Familiennamen geben ließ.


Joseph hat vieles angestoßen. Dass die Habsburger Monarchie dem Sturm der Französischen Revolution und den napoleonischen Kriegen standhalten konnte, war auch das Verdienst Josephs, der “eine sehr gute Chance gehabt hätte, sein volles Programm zu realisieren, wenn er sich auf die österreichischen Erblande beschränkt hätte.” Der Widerstand Ungarns und der österreichischen Niederlande, des heutigen Belgien, bewirkte, dass Josephs Bruder und Nachfolger, Leopold II. , den größten Teil von Josephs Maßnamen wieder zurücknehmen musste. Für seine Zeit waren Josephs Reformen zu früh gekommen; sie waren zu aufgeklärt. Er und sein Bruder waren die einzigen Fürsten von Gewicht, bei denen die Aufklärung nicht nur eine intellektuelle Einstellung blieb, sondern sich auch in ihrer Regierungspraxis manifestierte.


Kaiser Leopold hat das schon zum Einfall nach Böhmen bereitstehende Preußenheer quasi demobilisiert, indem er sich zur Konvention von Reichenbach , einem Städtchen in Schlesien, bereitfand. Preußen rettete dadurch die Türkei. Als nämlich der greise Laudon - wieder einmal - Belgrad erobert hatte, zwang Preußen die Österreicher, mit der Türkei Frieden zu schließen. Die Feindseligkeiten zwischen Preußen und Österreich waren damit beendet. Jedoch hat seither Österreich im Bewusstsein der Deutschen Preußens Gloria nie mehr vom ersten Platz verdrängen können.


Als Joseph 1790 starb, war Friedrich II. von Preußen schon vier Jahre tot. Er hatte den Absolutismus mit seinen negativen Folgen in Preußen perfektioniert. Bürger und Bauern waren nur “Canaille”. Winckelmann  schrieb: “Mein Vaterland drückt der größte Despotismus.” Wieland sagte es, wie es die meisten empfanden: “König Friedrich ist zwar ein großer Mann, aber vor dem Glück, unter seinem Stock sive Szepter zu stehen, bewahre uns der liebe Gott!”


Auch in Württemberg hatte der junge Schiller allen Grund gehabt, das Motto “in tyrannos” über seine „Räuber“ zu schreiben. Einst hatte die “Landschaft”  den Landesherrn gerettet, indem sie seine ungeheuren Schulden übernahm. Dafür hatte sie 1514 das Steuerbewilligungsrecht erhalten. Damit waren erstmals in Mitteleuropa Grund- und Menschenrechte vertraglich verankert worden. Doch Herzog Eberhard Ludwig berief den Landtag nicht mehr ein. Er ließ sein Ländchen von seiner Mätresse beherrschen, der “Landverderberin” Grävenitz. Sie hat das Land und den Herzog so ausgesogen, dass er sie anpumpen und “Landeskinder” verkaufen musste. Als ihm die Stände Vorhaltungen machten, herrschte er sie an: “Ich bin Papst in meinem Lande und niemand als mir selbst Rechenschaft schuldig!” Die Mätresse verlangte sogar, ins Kirchengebet aufgenommen zu werden. Ein couragierter Pastor soll ihr geantwortet haben, das sei nicht nötig, ganz Württemberg bete bereits: “Herr, erlöse uns von dem Übel!” Die Lehre Luthers, nach der die Untertanen der Obrigkeit Gehorsam schuldig waren, ließ eben auch Verfehlungen und Verbrechen der Landesherren als von Gott gewollt erscheinen.


Der Drang, “absolut” zu regieren, hielt auch unter dem nächsten Herzog an. Die Umgehung der steuerbewilligenden Landstände besorgte sein Geheim- und Finanzrat Josef Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß. Er steckte sich viel Geld in die eigenen Taschen.


Herzog Karl Eugen, vor dem Schiller  floh, trieb dann den schwäbischen Despotismus auf die Spitze. Am preußischen Hof hatte er Anschauungsunterricht in Verachtung der Untertanen und in herrscherlicher Selbstüberhöhung bekommen. Seine “Allerhöchste Durchlaucht, Regent auf Erden, das Bild des Allerhöchsten an sich”, war ein Verschwender, der seine nicht einmal 500.000 Untertanen mit 412 verschiedenen Steuern ausplünderte, weil er in Ludwigsburg Versailles übertreffen wollte. Seine Oper und sein Ballett, aus dem er seine Favoritinnen rekrutierte, waren Spitze. Sein Hofstaat hatte 2.000 Bedienstete, allein 19 Köche, einen Kaffeesieder und einen Trüffelsucher. Er hielt sich 800 Pferde. Seine Mätressen bezogen Jahreseinkommen bis zu 24.000 Talern. Ein adeliger Geheimrat bekam 3.500, ein bürgerlicher 2.500, Schiller später als Professor in Jena 200 und ein Landschullehrer ganze 18 Taler jährlich. Allein für die Kostüme einer Oper vergeudete der Herzog den Jahresverdienst von siebenhundert von Sonnenaufgang bis zum Dunkelwerden schuftenden Menschen. Als ihm das Geld ausging, ließ er das Haus der “Landschaft” umstellen, steckte 30.000 Gulden ein und fuhr nach Venedig zum Karneval. Schillers Vater erhielt als Offizier nur den hundertsten Teil pro Jahr und das nur unregelmäßig auf unterwürfigstes Bitten. Karl Eugens Bauwut war grenzenlos. Das Ludwigsburger Schloss kaum fertig, das Stuttgarter noch im Bau, wurde schon Monrepos geplant, gefolgt von der Solitude und dem Ludwigsburger Opernhaus, das später wieder abgerissen wurde. Dessen Innenwände waren mit Spiegelglas verkleidet, die Bühne war nach hinten zu öffnen. Ganze Regimenter zu Fuß und Schwadronen zu Pferd konnten auf dieser Landschaftsbühne agieren. Dort wurde, wie ein Chronist scherzte, “das aztekische Mexiko von mehr Soldaten erobert, als der wirkliche Cortez je unter seinem Kommando hatte.” Der Herzog gründete die Landesbibliothek und als Universität die “Hohe Karlsschule”, in der jeder, der etwas leistete, zum Ritter geadelt wurde. Er reiste viel - Schweiz, Holland, Belgien, England, Frankreich - , ihn interessierte alles. Sein Appetit auf alles, was einen Rock trug, war unstillbar. Noch heute nennen sich die alten Birkacher  “Herzichskinder”: des Herzogs Kinder. Keinen Kilometer weiter lag nämlich ein weiteres Schloss - Hohenheim, in dem seine Mätresse und spätere Ehefrau Franziska wohnte. Das naive Fränzele hat ihn schließlich noch zu einem guten Landesvater gemacht. Dieser Prototyp eines absolutistischen Fürsten hat dann auch schon in das nächste Zeitalter geschaut. Über seinen Besuch in der Pariser Nationalversammlung schrieb er: “Es ist auffallend, eine Nation auf diese Art repräsentiert zu sehen. Die Zeiten Ludwigs XIV. und die jetzigen, welcher Kontrast!”


Nicht sehr weit sehen, geschweige denn reisen, konnten die kleinen Dynasten. Aus Großmannssucht hatten sich viele überschuldet. Aufs Soldatenspielen wollten sie dennoch nicht verzichten. Der Fürst von Löwenstein etwa hielt fünfzig Grenadiere, die in Schloss und Garten arbeiten, den Fürsten begleiten, Kurierdienste versehen, sogar neue Vorhänge für das Schloss nähen mussten. Soldaten waren Statisten der Macht, die meist gar nicht mehr da war. Der Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst hatte zwar einen pompösen Hausorden gestiftet, ihm waren aber nur 300 Gulden jährliches Taschengeld ausgesetzt, da ihn eine ungeheure Schuldenlast drückte. “Sich um die schwerfällige Zeit zu betrügen, lauscht er oft Stunden lang aus einem Fenster seines leeren Schlosses ..., um einen Wanderer auszuspähen.”


Im Deutschland des 18. Jahrhunderts herrschte ein krasses Missverhältnis zwischen dem ausschweifenden Prunk der rivalisierenden Fürstenhöfe und dem Hungerleben der Menschen, die in Landwirtschaft, dem Handwerk und den wenigen „Manufakturen“ das erwirtschafteten, was ihre Herrscher verprassten. Deren Untertanen waren nur eine Sache. Das Verfügungsrecht darüber stand allein dem Eigentümer zu, dem Herrscher.


Nur wenige Fürsten fühlten sich nicht mehr berechtigt, die Menschen ihres Landes zu parasitieren. War für Friedrich II. von Preußen sein Wort vom “ersten Diener” seines Staates noch eine Floskel, fühlte sich sein Bewunderer Joseph II. wirklich so und lebte auch so: in drei spartanisch eingerichteten Zimmern mit einer Falltür in das darunterliegende Kanzleramt, um die Akten möglichst schnell heraufzubekommen. Das glänzende Hofleben seiner Mutter hatte er abgeschafft. Das Vermögen, das sein Vater, ein Finanzgenie, privat erwirtschaftet hatte, schenkte er dem Staat. Sein Bruder und Nachfolger schrieb in der Erziehungsanweisung für seine Kinder: “Man begründe in ihnen eine Abneigung dagegen, der Bevölkerung Steuern aufzuerlegen, und entzünde in ihnen als einzig erlaubte Leidenschaft Menschenliebe, Mitgefühl und das Verlangen, ihre Völker glücklich zu machen. ... Die Fürsten müssen sich bewusst sein, dass sie Menschen sind; dass sie ihre Stellung nur einer Übereinkunft zwischen anderen Menschen verdanken, dass sie alle Pflichten und Aufgaben erfüllen müssen.” Der vorletzte Fürstbischof von Bamberg sagte es griffig: “Der Fürst ist für das Volk da, nicht das Volk für den Fürsten.” Er gründete eine Krankenkasse für Dienstboten, in die der Arbeitgeber die Beiträge zu zahlen hatte, und er gründete ein modernes Krankenhaus, in dem Arme umsonst behandelt wurden.


Ganz anders der Fürstbischof von Straßburg, Kardinal Prince de Rohan-Guémené, der, obwohl vorher Gesandter Frankreichs in Wien, nun deutscher Reichsfürst eines geistlichen Landes war, das größtenteils zu Frankreich gehörte. “Manchmal gibt der Kardinal 200 Gästen samt Dienerschaft Wohnung.” Einer der Gäste im Schloss zu Zabern war der berühmte Magier “Graf” Cagliostro. Seine Scharlatanerie wurde noch überboten von der ehemaligen Geliebten Rohans, der Gräfin de la Motte. Sie machte nicht nur den Bischof zur Skandalfigur, sie brachte auch “die Österreicherin” auf Frankreichs Königsthron, Marie Antoinette, und mit ihr die Monarchie in ärgsten Misskredit. Der Kardinal war am Hof zu Versailles in Ungnade gefallen. Als Gesandter in Wien hatte er Maria Theresia, die Mutter der Königin, verleumdet. Die de la Motte schwindelte nun Rohan vor, er könne die Verzeihung der Königin erlangen, wenn er für ein Diamanthalsband im heutigen Wert von etwa 30 Millionen Euro in Vorlage treten würde, das sich die Königin wünsche. Der Kardinal, der nichts sehnlicher wünschte, als wieder in Versailles posieren zu können, übergab das Halsband der de la Motte, die es, statt zur Königin, sofort nach England schaffte. Diese “Halsbandaffäre” war Wasser für die Mühle der Regimegegner: “Ein Kardinal als Gauner entlarvt! Die Königin in einen Skandalprozess verwickelt! Welcher Schmutz an einem Bischofsstab und dem Szepter. Welch ein Triumph für die Idee der Freiheit!”


Das Wort “Freiheit” wird zur machtvollen Ideologie, die Throne dutzendweise stürzen und viele Länder von der Landkarte tilgen wird. Das Wort bemächtigt sich der studentischen Jugend: “Wir sprachen von Freiheit, ..., von Deutschland ...”


Die junge Intelligenz hatte schon seit Jahren an den Schranken gerüttelt, die Herrschende und Beherrschte trennten. Bereits vor der großen Revolution in Frankreich nahmen die Stürmer und Dränger  der deutschen Literatur diese Gedanken vorweg. Die französischen Revolutionäre fühlten ähnlich. Sie ernannten Schiller - Gille, wie sie schrieben - zum Ehrenbürger Frankreichs. Die Französische Revolution würdigte den Ideologiebeitrag aus Deutschland. Doch was man Deutschland nannte, war nur eine Fürstenrepublik.

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