1789 - 1813 1792

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Als Kaiser Leopold II. stirbt, will Paris das Interregnum nutzen. Im April 1792 muss   Ludwig XVI. dem König von Preußen und dem “König von Böhmen und Ungarn” den Krieg erklären. Neuer Kaiser ist der 24jährige Franz, der Sohn des Verstorbenen. Eine gehemmte Persönlichkeit mit dem Gleichmut seiner Vorfahren. In ruhigeren Zeiten hätte er kaum von sich reden gemacht. Diese Zeit ließ ihn bekannt werden - nicht nur durch Haydns Kaiserquartett “Gott erhalte Franz, den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz.”

 

Am dritten Jahrestag des Sturmes auf die Bastille , der eigentlich gar keiner war, weil sich die wenigen Soldaten, die nur drei Urkundenfälscher und vier Verrückte zu bewachen hatten, schon vorher ergeben hatten, war er als Franz II. zum Kaiser gewählt worden. Sein Bild füllte das letzte Medaillon im Frankfurter Kaisersaal. Die Prophezeiung sollte recht behalten: Er wird der letzte Kaiser dieses Reiches sein.


Mit der “Strafexpedition” - wie man den Krieg auffasste - lässt man sich Zeit. Nur gegen die Zusage der Kurwürde stellt der Landgraf von Hessen-Kassel 6.000 Mann. Die große Katharina will ungehindert den Rest Polens an sich bringen. Auch deshalb wird der Krieg nur mit ungenügenden Mitteln geführt. Um das Fell des noch nicht erlegten Bären wird schon verhandelt, bevor der erste Soldat marschiert. Preußen will polnisches Gebiet, Österreich will wieder Bayern gegen Belgien tauschen, es will auch nicht, dass Preußen Ansbach-Bayreuth bekommt.


Es wird August, bevor der Feldzug beginnt. Die Österreicher sollten vom Elsass und aus den Niederlanden, die Preußen von Trier nach Paris marschieren. So einfach ist das, meinen auch die französischen adeligen und hochadeligen “émigrés”, die sich schon seit 1789 in Mainz und Koblenz mit ihrer Arroganz unbeliebt machen. Nicht nur sie meinen, dass die französische Armee vor der Koalitionsarmee davonlaufen wird. Diese “Sansculotten”, die keine Culottes haben - Kniehosen, wie sie der Adel bei Hofe trug, zu denen Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe getragen wurden -, die nur die langen Hosen der Proletarier tragen, diesen Pöbel würde man Mores lehren.


Der Befehlshaber dieser Armee ist Herzog Ferdinand von Braunschweig, früher ein General des Alten Fritz. Vor dem Feldzug hatte ihm die französische Revolutionsregierung den Oberbefehl über ihre Armee angeboten! Auch er hat seine Bauernjungen nach Amerika verkauft, gilt aber als liberal. Als einziger Fürst hat er Lessing eine Stelle angeboten. Ein Rokoko-Serenissimus, ein Verkörperer des alten Systems. Als Klotz am Bein hat er den Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. Im Gegensatz zu seinem Onkel und Vorgänger hält er die Soldaten wenigstens nicht für Kanonenfutter, er ist bigott, aber gutmütig. Er befiehlt: Rascher Vormarsch nach Paris! So marschiert das Heer in den regnerischen Herbst, behindert vom gewaltigen Tross. Das Heer schleppt eine Menge Fürstlichkeiten und höchste Würdenträger mit, jeder mit Stabsoffizieren, Ordonnanzen, Dienern, Köchen, oft auch mit Ehefrauen und/oder Mätressen und Hunden. Auch Goethes Weimarer Herzog ist als preußischer General dabei. Goethe hat ihn mit Diener und Sekretär in vierspänniger Reisekutsche zu begleiten. Mitgekommen sind natürlich auch die émigrés mit Familien nebst Dienerschaft und großer Bagage.


Die Grenzfestungen Longwy und Verdun fallen. Die schon übermütigen Emigranten setzen ein Manifest auf, das der Braunschweiger unterschreibt. Darin wird Frankreich gedroht: Niederbrennen der Hauptstadt und Bestrafung der “Rebellen”! Paris wird für die Sicherheit der königlichen Familie verantwortlich gemacht. Das Manifest bewirkt das Gegenteil. Selbst die ehemals königlichen Linienregimenter und ihre Offiziere macht es zu Patrioten, Freiwillige drängen sich zur Verteidigung des Vaterlandes. Das Manifest ist auch für die Königsfamilie verhängnisvoll: Sie wird eingesperrt.


Das Kommando über die französische Hauptarmee hat Dumouriez. Er war Brigadegeneral des Königs, hat kurz in der Bastille gesessen und ist deshalb ein Prominenter des neuen Regimes geworden. In Paris ist Danton hochgekommen. Mit ihm kommt der Terror.- Während die Preußen aus den Argonnen anrücken, vereinen Dumouriez und Kellermann  ihre Truppen. Am 20. September 1792 stehen sich die gegnerischen Armeen auf einen Kilometer Entfernung gegenüber. Sie beschießen sich vier Stunden lang mit Artillerie, bis der Braunschweiger Herzog erklärt: “Hier schlagen wir nicht!” Diese Entscheidung war Unentschlossenheit, Irritation. Hätte die preußische Armee den “revolutionären Spuk”, diese Freiwilligen-Bataillone der arbeitslosen Tagelöhner und halbverhungerten Flickschuster vertrieben, hätte es kein Austerlitz und kein Auerstädt gegeben, aber auch keine Neuordnung Deutschlands. “Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und Ihr könnt sagen, Ihr seid dabeigewesen”, wird Goethe über diese Kanonade von Valmy schreiben - allerdings erst dreißig Jahre später.


Wie die Franzosen Dumouriez des Verrats beschuldigen, behaupten das die französischen Emigranten vom Braunschweiger. Der Rückzug wird zur Katastrophe. Die “Krankheit”, wie Goethe es nennt, der “preußische Durchfall”, wie die französischen Revolutionäre witzeln, bringt 19.000 Preußen um. Die Ruhr entschied für Liberté, Egalité, Fraternité.


Die Folgen sind schlimmer als erwartet: Der General und Ex-Marquis Custine ist mit seinen zerlumpten 18.000 Soldaten, die den Löffel am Hut tragen und deshalb “Löffelsoldaten” genannt werden, zum Angriff übergegangen. Er nimmt Speyer und das Nachschubzentrum für die Invasionsarmee. Er erobert auch Worms und Mainz. Die große Festung müsste eigentlich 30.000 Verteidiger haben. Tatsächlich hat sie nur 4.000. Custine presst den Frankfurtern zwei Millionen Franken ab. Er sagt ihnen auch: “Habt ihr hier noch einen Kaiser gesehen? Ihr werdet keinen mehr sehen!”


In Mainz bildet sich ein Klub deutscher Revolutionäre, den der kurfürstliche Bibliothekar Forster führt, der die Cook’sche Weltumsegelung  mitgemacht hatte. Daraus entwickelt sich eine schwindsüchtige Republik, die beschließt: “Das rheinisch-germanische Volk will in die französische Republik aufgenommen werden.” Das hörte man in Paris gern. Mit dem Selbstverständnis des Siegers wird bald das ganze linksrheinische Deutschland zu Frankreich gehören und Mainz die Hauptstadt des Departements Monttonner, nach dem nordpfälzischen Donnersberg, sein. In Straßburg, im Palais des Industriellen und Bürgermeisters Baron Dietrich, entsteht als Kriegslied der französischen Rheinarmee die Marseilaise, die Hymne der Franzosen.


Der Sieg ihrer Truppen heizt den Terror der Revolution an. Mit einer Stimme Mehrheit - der seines Vetters - wird der König zum Tode verurteilt. Auf der Place de la Concorde verlor Ludwig XVI. seinen Kopf durch das Fallbeil, die Guillotine, die damals selten stillstehende Tötungsmaschine. Die Königin, Marie Antoinette, Tante des letzten Kaisers, köpfte man ebenfalls. Da man keinen Grund hatte, erfand man einen: Unzucht mit ihrem achtjährigen Sohn. Der Pariser Königsmord treibt Spanien, Holland, Sardinien, Neapel, Portugal und Britannien ins antifranzösische Bündnis. Entscheidend für England war der Verlust seines kontinentalen Vorfeldes Belgien. Da traf es sich gut, dass seine Interessen “mit der Sache der Menschlichkeit zusammenfielen und man den Krieg für jene mit dem Eintreten für diese motivieren konnte.”


Die französische Republik schien angesichts dieser gewaltigen Koalition und der royalistischen Rebellionen im Innern verloren. Doch der Regierung gelang es, ihre Schwierigkeiten als eine existentielle Gefährdung der Nation darzustellen. Damit mobilisierte sie ungeahnte Kräfte. Robespierre übernahm die Macht. Sein “Wohlfahrtsausschuss” ließ das Fallbeil heißlaufen. Man ließ “seinen Nachbar köpfen, um nicht von ihm geköpft zu werden.” Robespierre spricht die Zielgruppe an: “Nur der Besitzlose ist tugendhaft, weise und zur Regierung geeignet. ... Die Reichen, die Revolutionsfeinde und die Lasterhaften sind dasselbe.”


Ein Ausdruck des neuen Geistes ist die  allgemeine Wehrpflicht. Der Kriegsminister Carnot wird damit zum Vater vieler Siege. Von dieser Massenrekrutierung werden auf einen Schlag zwei Millionen Franzosen erfasst, eine Million muss sofort Soldat werden. Allen Franzosen aber wird der totale Krieg befohlen: “Alle Franzosen befinden sich in Aushebung ... Die Jungen werden in den Kampf ziehen, die Verheirateten werden Waffen schmieden und die Verpflegung besorgen, die Frauen fertigen Zelte und pflegen die Verwundeten, die Kinder bereiten Charpie , die Greise haben die Krieger anzufeuern, ihnen den Hass gegen die Könige ... einzuprägen ...”

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