1789 - 1813 1795

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Preußen, das sich zu spät und nur gegen hohe Zahlungen der Seemächte am Krieg beteiligt hatte, schließt in Basel einen Sonderfrieden. Es überließ den Franzosen das linke Rheinufer. In Geheimklauseln verpflichtete es sich, die Wegnahme des linksrheinischen Deutschland anzuerkennen, wenn es für sein eigenes linksrheinisches Gebiet auf dem rechten Rheinufer entschädigt würde. Mehr als unverantwortlich war sein Zugeständnis, ganz Nord- und Mitteldeutschland bis zur Mainlinie zu neutralisieren. Obwohl es keinerlei Ermächtigung hatte, trat Preußen erstmals als norddeutsche Vormacht auf.

 

Preußen hatte die Hände frei für die völlige Aufteilung Polens. Russland nahm sich 2.000 Quadratmeilen mit mehr als einer Million Bewohnern. Es annektierte auch das Herzogtum Kurland und wurde damit Preußens Nachbar. Österreich durfte sich an dieser “Landnahme” mit 1.000 Quadratmeilen beteiligen. Preußen konnte sich bis zur Memel, zum Bug und zur Weichsel ausdehnen. Warschau wurde eine preußische Stadt. Preußen wurde ein zur Hälfte polnischer Staat.


Inzwischen hatte Frankreich das linksrheinische Deutschland okkupiert. Die Verwaltungsposten besetzten Franzosen, die Deutschen können nur noch Schreiber und Hausmeister werden. Diese Kommunalbeamten müssen Hungerkünstler gewesen sein. 1802 verdiente in Trier der Stadtbibliothekar 1.200, der Stadtbaumeister 400, ein Polizist 114 Francs. Arbeiter an Kalköfen bekamen 1,80, Eisenhüttenarbeiter 1,50 frs pro Tag, Arbeiter der Trierer Porzellanmanufaktur wie auch Tuch- und Webwarenarbeiter bekamen 1 fr. Diesen Franc brauchten sie aber, nur um sich am Leben zu halten. Im “Kanton” Wittlich gab es 1802 76 Bettler und 87 Bettlerinnen bei 347 Handwerkern, 1769 Ackersleuten, 219 männlichen und 169 weiblichen Tagelöhnern, deren Tageslohndurchschnitt bei 1,13 frs. lag. Dafür konnte man 5 bis 9 Kilo Brot oder 1 bis 2 Kilo Fleisch, 7 Liter Bier oder 32 Eier kaufen.


Noch während Preußen mit dem Wohlfahrtsausschuss über den Basler Frieden verhandelte, vermietete es England 63.000 Soldaten zum Krieg gegen Frankreich für monatlich 50.000 Pfund Sterling sowie 300.000 Pfund zu Beginn und 100.000 Pfund am Ende der Transaktion. Wegen “Lieferschwierigkeiten” zahlte England bald nicht mehr. So endete der letzte große Menschenhandel.


Im Herbst 1795 flammte der Krieg wieder auf. Unter Bruch des Basler Friedensvertrages setzte General Jourdan, ein früherer Hausierer, über den Niederrhein. General Pichegru eroberte Mannheim, wird bei Heidelberg und bei Mainz geschlagen, Mannheim wird zurückerobert. Frankreich wird jetzt von einem Direktorium regiert: Es fordert das linke Rheinufer. Kriegsminister Carnot lässt zwei Armeen am Rhein und eine in Südfrankreich Richtung Osten aufmarschieren. Er steckt ihnen ein Ziel: Wien. Jourdan wird bei Wetzlar von Österreichs Erzherzog Karl geschlagen und über den Rhein gedrängt. Die zweite Armee unter Moreau besiegt den Sieger. Der Erzherzog wirft die Franzosen bei Amberg, bei Würzburg und bei Altenkirchen zurück. Die Rheinlinie ist zurückgewonnen.


Die Entscheidung fiel südlich der Alpen durch einen ganz jungen und unbekannten General. Napoleone Buonaparte war nicht der Typ eines Siegers oder gar des “Weltgeistes zu Pferde”. Seine Heimatinsel Korsika war rechtzeitig von Genua verkauft worden, um ihn als Franzosen zur Welt kommen zu lassen. Nur mit Mühe gelang seine Aufnahme in eine Kadettenanstalt. Jahre der Einsamkeit und Ärmlichkeit folgten. Schließlich warf ihn die Woge des Geschehens 1793 ins Biwak der revolutionären Belagerungstruppen vor Toulon. Toulon war nicht die einzige Stadt, die von der Republik abgefallen war. Ihre Rebellion war aber besonders fatal, weil sie Haupthafen der französischen Mittelmeerflotte war. Sie war die stärkste Festung am Mittelmeer, mit Depots und Magazinen, deren Vorräte man dringend brauchte, die aber jetzt der Feind besaß, denn im Hafen ankerte die britische Mittelmeerflotte des Admirals Hood.


In dieser Lage fiel dem Polit-Kommissar Augustin Robespierre, dem Bruder des “Diktators”, ein revolutionäres Traktat eines Hauptmanns Buonaparte auf. Der Unbekannte bekam deshalb die zufällig freie Stelle des Artillerie-Kommandeurs. Sogleich zum Major befördert, setzte er mit Rückendeckung der allmächtigen Kommissare die Abberufung des Oberkommandierenden und die Annahme des eigenen Angriffsplanes durch. Einen Tag nach dem Angriff war das britische Geschwader verschwunden und einen weiteren Tag später war auch die Stadt Toulon zurückerobert. Dafür wurde der Stratege Brigadegeneral.


Bekannt wurde er aber erst in Paris, wo er sich durch glückliche Zufälle den Kriegsminister Carnot und Barras, einen der Direktoren, zu Dank verpflichten konnte. Barras, Ex-Vicomte und Frauenheld, bot ihm den Oberbefehl über die Pariser Truppen an. In der Metropole rumort es nämlich, man braucht einen “starken Mann”. Als dann der Mob gegen die Regierung putschte, erwies sich Buonaparte als reaktionsschnell und brutal genug. Mit Kartätschen  lässt er in die sich heranwälzenden Massen hineinschießen. Zweihundert Tote blieben auf dem blutigen Pflaster, aber der “General von Paris” hat die Revolution gerettet, vor allem aber das herrschende Direktorium. Zehn Tage später ist er Général de Division und Kommandeur der Armee des Inneren. Er bombardiert das Ministerium mit Ratschlägen für den Feldzug gegen Italien, bis er Oberkommandierender der Italien-Armee wird. Die schnelle Abreise nach Nizza verkürzt seine Flitterwochen mit Josephine de Beauharnais, der abgelegten Mätresse Barras’. Die hatte einer Freundin geschrieben: "Barras verspricht: Wenn ich den General heirate, verschafft er ihm den Oberbefehl der armèe de l'Italie."


Der Sechsundzwanzigjährige übernimmt 37.600 zerlumpte Soldaten, die zwischen dem Golf von Genua, in dem die Royal Navy jeden Nachschub kapert, und den Bergstellungen, in denen die Österreicher mit 31.000 und die Piemontesen mit 25.000 Soldaten stehen, in der schmalen ligurischen Ebene eingeklemmt sind. Soll die Armee nicht bald verhungern, muss sie nach Norden durchbrechen. Selbst harte Haudegen wie seine Divisionsgeneräle Masséna, Augereau und Séruier, sein Stabschef Berthier wie auch sein Adjutant Murat finden solchen Aberwitz eher belustigend. Doch nach siebzehn Tagen dauernden Marschierens und Kämpfens bittet Piemont um Waffenstillstand. Ein Gegner ist besiegt, die Hauptfestung des anderen - Mantua - wird eingeschlossen. Der Kampf um sie, die mit Verona, Peschiera und Legnano das österreichische Festungsviereck bildet, das die Zugänge wichtiger Alpenpässe sichert, dauert die nächsten zehn Monate. Aber Buonaparte kann die Entsatzversuche der Österreicher in seine Siege verwandeln: Castiglione, Bassano, Rivoli und weitere. Das ausgehungerte Mantua ergibt sich, als die Hälfte seiner Verteidiger nicht mehr gehfähig ist.


Trotz dieser Siegeskette nörgelt das Direktorium: Der Italienarmee war nur eine Nebenrolle zugedacht, die Hauptschläge sollten in Deutschland fallen, Stoßrichtung sollte Wien sein. Buonaparte macht dieses Ziel der Armeen von Moreu und Jourdan zu seinem. Bald ist er der Herr Norditaliens. Er jagt Dynastien aus ihren Ländchen, er nimmt Quartier in ihren Schlössern, speist von ihrem Silber- und Goldgeschirr. Selbstverständlich nimmt der Sieger alles Gold und Geld von jedem, der es hat. So kommt es öfters zu Aufständen. Frankreichs Armeen sind keine Befreier mehr, nur noch Plünderer, Aussauger, Bedrücker, Feinde. Dem Direktorium hatte der Feldherr triumphierend geschrieben: "Die Freiheit gebracht den Völkern von Bologna, Ferrara, Massa-Carrara, der Romagna, der Lombardei, von Brescia, Bergamo, Mantua, Cremona, eines Teiles des Veroneser Gebietes, von Chiavenna, Bermio, des Veltlins, dem Volk von Genua, der kaiserlichen Lehensgüter, dem Volk der Departements von Kerkyra (Korfu), des Ägäischen Meeres und Ithakas." Der Kommissar der Italienarmee schätzte, dass schon die ersten drei Monate des Feldzuges 60 Millionen Francs an Tributen eingebracht hätten. Der Triumphator wird zum größten Kunsträuber, den die Welt kennt. Er brüstet sich in seinem Siegesbericht ganz ungeniert: "Nach Paris gesandt alle Meisterwerke von Michelangelo, Guercino, Tizian, Veronese, Correggio, Albano, Caracci, Raffael und Leonardo da Vinci."


Im Vorbeimarschieren gibt er der ehrwürdigen Republik Venedig den Todesstoß. Österreichs Erzherzog Karl kann die Franzosen nicht aufhalten, er wird aus Friaul gedrängt. Auf dem Pass von Tarvisio schlägt Masséna die eine Hälfte der Östereicher, die andere wird bis nach Leoben gedrängt. Die französische Italien-Armee steht am Semmering, nur 120 Kilometer vor Wien. Da Erzherzog Karl die Entscheidungsschlacht nicht wagt, weil er bei einer Niederlage den Verlust Wiens und ganz Süddeutschlands befürchten muss, schließt man Waffenstillstand und bald den Vorfrieden von Leoben. Napoleon tut dies alles ohne das Direktorium, ausschließlich aus seiner Macht.

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