1789 - 1813 1803

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Napoleon hatte durch den Friedensschluss mit England die Hände freibekommen und sich mit dem neuen Zaren Alexander I. darauf geeinigt, in Deutschland die große  Flurbereinigung durchzuführen. Unter diesem Druck nahm 1803 die Reichsdeputation das Diktat der fremden Mächte an. Kaiser und Reichstag waren gezwungen, mit diesem “Reichsdeputationshauptschluss” das Ende des Reiches zu besiegeln. Dieses letzte Reichsgrundgesetz mediatisierte und säkularisierte ein weltliches und zwei geistliche Kurfürstentümer, 19 Reichsbistümer, 44 Reichsabteien und 41 Reichsstädte. Von den Reichsstädten blieben nur noch Frankfurt, Augsburg und Nürnberg, von den Hansestädten nur noch Hamburg, Bremen und Lübeck unabhängig.


Der Sieger bestimmte, wer wieviel von der Beute bekam. Preußen bekam viel: Es hatte links des Rheins 48 Quadratmeilen verloren, wurde aber mit den Bistümern Hildesheim und Paderborn, mit dem halben Bistum Münster, mit zahlreichen Abteien und Städten, mit insgesamt 235 Quadratmeilen für sein “Entgegenkommen” beim Basler Frieden belohnt. Weil er mit dem Zaren verwandt war, bekam der Herzog von Württemberg das Vierfache seines Verlustes. Baden war von Bonaparte als rechtsrheinisches Vorfeld Frankreichs ausersehen. Für seine 8 Quadratmeilen Verlust erhielt es 69, es hatte 25.000 Einwohner verloren, nun bekam es fast zehnmal so viel neue. Der Bruder des Kaisers, der Großherzog von Toskana, wurde für diesen Verlust mit dem Erzbistum Salzburg und Teilen der Bistümer Passau und Eichstätt abgefunden. Bayern, das die Pfalz verloren hatte, gewann zwar nur wenig Fläche, aber die Bistümer Augsburg, Freising, Bamberg und Würzburg, Teile von Passau und Eichstätt, dazu 13 Reichsabteien und 15 Reichsstädte wie Ulm, Memmingen, Rothenburg, Nördlingen, Kempten. Seitdem beheimatet der bayrische Staat zum größeren Teil Franken und Schwaben. Auch Hessen-Darmstadt, Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg fanden sich reich beschenkt. Von den geistlichen Territorien konnten sich nur der Hoch- und Deutschmeister sowie die Johanniter über die Säkularisation retten. Der Kurerzkanzler musste sein Mainz gegen Regensburg vertauschen, er behielt Aschaffenburg und erhielt Wetzlar.


Die begünstigten Fürsten durften sich den Besitz der Stifte, Abteien und Klöster ihres Staatsgebietes aneignen. Für die katholische Kirche war dies der größte Besitzverlust seit der Reformation. Klöster, die vor tausend Jahren ihre Region zivilisiert hatten, die auch Zentren wirtschaftlichen Fortschritts gewesen waren, verschwanden samt ihren Kirchen, Archiven und Bibliotheken. Wieder wurden Kirchen als Steinbrüche benutzt, Altäre verheizt, unersetzliche Folianten als Trödelkram verramscht. Das katholische Bayern trieb es unter seinem Minister Montgelas am ärgsten. Kommt uns das wie Denkmalschändung vor, mag es für den aufklärerischen Geist, der sich jetzt ausbreitete, eher eine längst fällige Entrümpelung gewesen sein. Die gleichen Ursachen und Einstellungen gaben den Weg frei für die Einrichtung von Kunstsammlungen und Museen aus Klöster- und Fürstenbesitz, die jetzt allen offenstanden. Die Überwindung des Absolutismus und des Feudalismus machte Besserungen und Fortschritte der Verwaltung, des Rechts- und Schulwesens möglich. Die Abschaffung des mittelalterlichen Zunftzwanges und die Einführung der Gewerbefreiheit beflügelte den technischen Fortschritt.


Die Juden erhielten die Gleichstellung. Einige reiche Jüdinnen hielten literarische Zirkel, denen die deutsche Romantik viel verdankte. Sehr schwer hatten es noch immer die unteren Gesellschaftsschichten. Der Abdeckergehilfe Johann Bückler etwa war wegen seiner “unreinen” Tätigkeit ein gesellschaftlicher Paria. Er sah in diesen wirren Zeiten eine Chance für sich. Der “Schinderhannes” wurde als Räuberhauptmann ein Sozialbandit. Dann versuchte er ins “ehrbare” Leben zu kommen, indem er sich in Limburg als kaiserlicher Rekrut bewarb. Er wurde erkannt. Mit neunzehn Kumpanen endete er unter der Guillotine.


Napoleon hatte die “deutsche Unordnung” - wie ihm Mitkonsul Sieyès die territorialen Verhältnisse beschrieben hatte - in seinem Sinn verbessert. Er hatte größere Länder geschaffen, die für den Zugewinn dankbar zu sein hatten, die effektiver waren, die jedoch kaum gefährlich werden konnten. Sie waren leicht in Abhängigkeit zu halten und auch eine Schutzzone gegen die größeren Staaten Preußen und Österreich. Bisher hatten die Franzosen die östliche Gebietswirrnis nur les Allemagnes, "die Deutschländer", genannt. Jetzt hatte Napoleon ein neues Deutschland geschaffen. Ohne es zu wollen, wurde er damit zum Wegbereiter für die allmähliche Einigung Deutschlands. Im Exil auf St. Helena beanspruchte er tatsächlich Anerkennung für sein Bestreben, 30 Millionen Deutsche wie 30 Millionen Franzosen, 15 Millionen Italiener und 15 Millionen Spanier jeweils zu einer Nation zusammengeschlossen zu haben.


Der geistige Horizont war eng: Erst 1775 hatten die Kemptener die letzte Hexe zu Tode gebracht, 1782 verbrennt die Dienstmagd Anna Göldi als Opfer eines Justizmords, der 2007 das Parlament beschäftigen wird, als letzte in der Schweiz und erst 1832 wird die allerletzte bei Danzig ertränkt.


In Deutschland leben um 1800 knapp 25 Millionen, mit Österreich 37, davon 80 Prozent auf dem Lande. Ein Haushalt umfasst durchschnittlich 15 Personen, denn eine Familie hat viele Kinder, Großeltern, unverheiratete Schwestern und Dienstboten. Nur 35 bis 40 Prozent der Bevölkerung leben in erträglichen Verhältnissen. 3 bis 5 Prozent gehören zur städtischen Oberschicht, 10 bis 12 zur Mittelschicht. 11 bis 13 Prozent der städtischen Unterschicht sind Gesinde, Tagelöhner und Arme. 18 bis 22 Prozent sind Bauern, 22 bis 25 Prozent Kleinstellenbesitzer, 20 bis 25 Prozent sind Landlose. Im Gebiet des späteren Deutschen Reiches gibt es etwa 50.000 adelige Familien, 80 von ihnen regieren.


Die Menschen essen pro Kopf und Jahr 300 Kilo Brot, wir nur 60 bis 70. Doch die Getreideerträge sind nur so groß wie heute in Entwicklungsländern, nur um 8 Doppelzentner pro Hektar, während wir bis 70 Doppelzentner und mehr ernten.

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