1789 - 1813 1806

postheadericon 1806

Das Aus kommt am 12. Juli 1806. Die sechzehn Reichsstände Bayern, Württemberg, der Kurerzkanzler, Baden, Berg und Kleve, Hessen-Darmstadt, Nassau-Usingen, Nassau-Weilburg, Hohenzollern-Hechingen, Hohenzollern-Sigmaringen, Salm-Salm, Salm-Kyrburg, Isenburg-Birstein, Arenberg, Liechtenstein und von der Leyen sagen sich vom Deutschen Reich los. Sie tun dies in Paris in einem Vertrag, der nur in Französisch abgefasst ist. Die Sechzehn schließen sich zu einer Konföderation zusammen, die mit Napoleon als “Protektor” ein Offensiv- und Defensivbündnis eingeht. Der Kurerzkanzler wird Fürstprimas, der Kurfürst von Baden, der Herzog von Berg und der Landgraf von Hessen-Darmstadt werden Großherzöge, der Chef des Hauses Nassau wird Herzog, der von der Leyen Prinz. Nur ein ganz Kleiner weigert sich mitzumachen: Der Landgraf von Hessen-Homburg, Herr über sieben Dörfer.


Dieser “Rheinbund” zeigt dem Regensburger Reichstag seinen Austritt aus dem Reich an. Die Rheinbündler beriefen sich darauf, dass das "Band, welches bisher die Glieder des deutschen Staatskörpers miteinander vereinigen sollte", "in der That schon aufgelöst sey". Gleichzeitig lässt Napoleon erklären, dass er die Reichsverfassung nicht mehr anerkennt. Er schickt dem Kaiser ein Ultimatum zur Niederlegung der Kaiserkrone. Franz II. hat keine Wahl. In Wien wird vor der Kirche der neun Chöre der Engel Am Hof die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches verkündet. Fast von Anfang an war es eine „Anarchie in Form einer Monarchie“ gewesen.


"Es war kein Staat im heutigen Sinne, aber auch kein Staatenbund. Es hatte keine systematische schriftliche Verfassung; es kannte keine Rechtsgleichheit, nicht einmal ein Reichsbürgerrecht; es hatte kein geschlossenes Territorium mit festen Grenzen; es besaß keine souveräne höchste Gewalt, verfügte nicht über eine zentrale Exekutive, eine Bürokratie, ein stehendes Heer usw. - mit anderen Worten, ihm fehlte fast alles, was moderne Staatlichkeit kennzeichnet. ... Vielmehr war das Reich ein über die Jahrhunderte des Mittelalters gewachsenes Gebilde, ein lose integrierter politischer Verbund sehr unterschiedlicher Glieder, die unter einem gemeinsamen Oberhaupt, dem Kaiser, standen, dem sie in einem persönlichen Treueverhältnis verpflichtet waren. Die Kohärenz dieses Verbandes hatte im Laufe des Mittelalters eher ab- als zugenommen. Um 1500 nahm dieser Verband neue Formen an und bildete festere Strukturen aus, die trotz erheblicher Belastungen und innerer Kriege drei Jahrhunderte Bestand hatten, die aber am Ende nicht verhindern konnten, dass das Reich sich unter dem Einfluss der Französischen Revolution selbst auflöste."


Wie sehr sich die Verhältnisse verändert hatten, zeigt ihr Vergleich mit der Goldenen Bulle von 1356 für den Fall, der nun eingetreten war: Danach hatte der Kurfürst-Erzbischof von Mainz als Erzkanzler von Germanien - das ist 1806 der Erzbischof von Regensburg - die Kurfürsten nach Frankfurt zur Wahl eines neuen Kaisers zu rufen. Der Pfalzgraf bei Rhein - das ist jetzt der König von Bayern - sollte als Reichsvikar den Römischen König in den rheinischen und schwäbischen Landen und in den Gebieten des fränkischen Rechts vertreten. Der Herzog von Sachsen - das ist jetzt der König von Sachsen - hatte nach diesem Reichsgrundgesetz als zweiter Reichsvikar die gleiche Aufgabe in den Gebieten des sächsischen Rechts. Das alles ging nun nicht mehr. Der Kaiser hatte die Krone des Reiches niedergelegt, weil es dieses Reich nicht mehr gab. Und es gab dieses Reich nicht mehr, weil der Erzkanzler für Germanien und der König von Bayern mit anderen Rheinbundstaaten aus dem Reich ausgetreten waren. Nach der Reichsverfassung war das Landesverrat, der mit der Reichsacht zu ahnden war. Jetzt kann das Verlassen des untergehenden Reiches niemand ahnden.- Doch auch die Rheinbund-Fürsten, die bei der Liquidierung des Reiches Mittäter waren, spürten Napoleons Stiefel im Nacken. Der kleine Rheinbund hatte 63.000, ganz Frankreich nur 200.000 Soldaten zu stellen.


Der preußische Gesandte hatte gemeldet, Napoleon wolle das eben erst Preußen zugeteilte Hannover an England zurückgeben. Daraufhin bekam in Berlin die Kriegspartei Oberwasser. Berlin hatte eine Garnison von 18.000 Soldaten. Wenn man die Angehörigen dazuzählt, waren es 40.000, ein knappes Fünftel der Einwohnerzahl. Im Lustgarten exerzierten noch immer die Rekruten, die Getreidefelder drangen weit in die Stadt vor. Berlin war nicht wie Wien oder Dresden eine Stadt des Barock, sondern eine des neuen Klassizismus, karg, nüchtern, streng. Das heutige Stadtsymbol, das Brandenburger Tor, stand erst seit etwa zehn Jahren.


Bis zu dieser Stadtgrenze begleitete Königin Luise ihr Kürassierregiment. Tags darauf fuhr sie mit dem König in den Krieg. Diesen König nannte Friedrich Engels “einen der größten Holzköpfe, die je einen Thron regiert” hätten. Er hatte Napoleon das Ultimatum gestellt, seine Truppen aus Süddeutschland abzuziehen. Der schrieb an Talleyrand: “Der Gedanke, dass Preußen es unternehmen will, mich ganz allein anzugreifen, ist so lächerlich, dass er gar keine Beachtung verdient.” Der preußische Oberkommandierende war noch immer der Herzog von Braunschweig, jetzt über siebzig und nicht mehr fähig aufs Pferd zu steigen. Der Feldmarschall Möllendorf war gar über achtzig. Dieses Heer, das nach Einschätzung seines Befehlshabers noch immer “fraglos die erste Armee der Welt” war, begab sich nach Thüringen in die Winterquartiere. Da es schon Mitte Oktober war, rechnete man mit keinen Gefechten mehr. Obwohl die Vorhut des Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld zersprengt worden war, schickt man keine Spähtrupps aus, und kein General sieht sich das Gelände an. Sie tun es nicht einmal auf der Karte, denn das Heer hat nur eine einzige - von 1763.


Napoleon kann die Stellungen rund um die Preußen besetzen. Er hat sich vom Jenaer Briefträger in ihren Rücken führen lassen. Den Schlachtplan macht er zwischen drei und vier Uhr morgens, um sechs hält er Einsatzbesprechung mit seinen Marschällen. Den 100.000 Preußen liefert er eine Doppelschlacht. Die beiden Hälften kommen sich zeitweise bis auf acht Kilometer nahe. Doch der Preußenkönig in Auerstedt erhält keine Meldung aus Jena, obwohl jede Heereshälfte den Kanonendonner der anderen hört. Um Mittag ist der König in Nöten, um zwei fliehen seine Truppen so schnell, dass sie bereits zwei Stunden später das zehn Kilometer entfernte Weimar überfluten. Der Prinz Hohenlohe-Ingelfingen lässt seine Truppen im Stich und flieht so schnell, dass nur wenige Reiter das Tempo mithalten können. Das Königspaar entgeht nur knapp der Gefangennahme.


Die preußische Armee besteht nur noch aus “Haufen verängstigter Männer, die nur wenige Stunden zuvor noch als Soldaten Friedrichs des Großen verkleidet waren.” Der preußische Kriegsminister von Boyen bekannte später: “Bei Auerstedt bedurfte es preußischerseits beträchtlicher Geschicklichkeit, um diese Schlacht zu verlieren, denn alle Vorteile waren auf unserer Seite.” Die Preußen waren nämlich dem Korps Davout weit überlegen: 50.000 gegen 27.000, 230 Geschütze gegen 44, 8.800 Pferde gegen 1.300.

Dabei hatten sie noch Glück: Hätte das nur 16 Kilometer entfernte Korps Bernadotte Davout beigestanden, wären die Preußen vollständig vernichtet worden. Drei Tage nach der Schlacht sprengt ein Kurier durch das Brandenburger Tor. Er meldet dem Militärgouverneur die Katastrophe. Der lässt sie erst am nächsten Tag bekanntmachen: “Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht!” Dann flieht auch er.


Es ist der totale Zusammenbruch des Staates Friedrichs des Großen! Napoleon steht wenige Tage später an seinem Grab. Unterwegs hat er das Denkmal des preußischen Sieges bei Roßbach zerstören lassen. Jetzt nimmt er dem toten Preußen sicherheitshalber den Degen ab.


Überall Chaos, Feigheit, die Kapitulation fast aller Festungen. Magdeburg, die zweitwichtigste Stadt und stärkste Festung Preußens mit 800 Offizieren, 22.000 Mann und 800 Kanonen kapituliert schon beim Näherkommen von nur 10.000 Franzosen. Die 19 Generäle der Festung haben zusammen ein Alter von 1.400 Jahren. In die Zitadelle von Stettin reitet ein französischer Leutnant ein und fordert die Übergabe der Stadt und Festung mit ihren 5.000 Mann. Der 81-jährige Kommandant kapituliert. Der König flieht in den äußersten Winkel, nach Memel. Sein Berlin hat dem Franzosenkaiser zugejubelt, der König seinem “Herrn Bruder” gratuliert. Unterdessen haben sich die wenigen übriggebliebenen Regimenter in Ostpreußen mit den Russen vereinigt. Bei Preußisch-Eylau und bei Friedland müssen gegen sie auch Bayern und Württemberger unter französischem Kommando kämpfen. Ganz Preußen wird besetzt bis auf einen etwa zwanzig Kilometer breiten Streifen an der russischen Grenze. Der Zar und Napoleon treffen sich auf einem Floß auf der Memel. Der Preußenkönig muss am Ufer warten, wird aber nicht hinzugezogen. Am nächsten Tag befiehlt ihm Napoleon, seinen leitenden Minister zu entlassen. Dann schließt er mit Russland und mit Preußen Frieden.


Dass Preußen erhalten blieb, verdankte es dem Zaren, den Napoleon als Bündnispartner gegen England brauchte. Preußen verlor jedoch die Hälfte seiner Fläche mit fünf Millionen “Untertanen”. Seine Gebiete westlich der Elbe musste es an das neue Königreich Westfalen des Napoleon-Bruders Jérôme abtreten. Danzig wurde “Freie Stadt” unter polnischer Hoheit. Der Kurfürst von Sachsen hatte sich gleich nach Jena und Auerstedt in Napoleons Rheinbund eingereiht. Dafür bekam er die Königskrone, die südliche Mark Brandenburg und das neue Großherzogtum Warschau. Das besiegte Preußen hatte eine gewaltige Kriegsentschädigung zu zahlen. Um die 134 Millionen Francs herauszupressen, blieben 150.000 Mann Besatzung da, denen die 42.000 Mann, die Preußen nur noch halten durfte, nicht gefährlich werden konnten.


Damit kam Preußen zwar besser weg als das Land des besiegten Herzogs von Braunschweig - es wurde dem Königreich Westfalen eingegliedert - , aber schlechter als das Sachsen-Weimar Goethes. Obwohl es sich beeilte dem Rheinbund beizutreten, musste es eine ungeheure Kontribution zahlen. Sein Herzog schied aus preußischen Diensten aus.

Er wird französischer General, um seine Landeskinder, die der Sieger sofort von ihm fordert, weiterhin nominell kommandieren zu können. Bereits bei der Belagerung der von Gneisenau und dem ehemaligen Matrosen und Sklavenhändler Nettelbeck verteidigten kleinen Festung Kolberg muss das Weimarer Kontingent mitmachen. Die Selbständigkeit des Ländchens war lange unsicher, aber der Erbprinz hat eine Zarentochter zur Frau. Und den Zaren braucht Napoleon.


Die Hauptstadt des neuen Königreiches Westfalen, Kassel, sollte so etwas wie eine deutsche Hauptstadt werden. Schon waren Intellektuelle dafür angeworben. Beethoven sollte Kapellmeister werden. Von diesen Plänen blieb nur die kurze Herrschaft des “König Lustig” mit seinen vielen Liebschaften. Man hatte zwar eine akzeptable Verfassung erhalten, wurde aber mitleidlos ausgepresst. Man hätte etwas besser leben können, hätte Napoleon nicht die „Kontinentalsperre“ gegen das für ihn unerreichbare England erlassen. Der Wirtschaftskrieg schädigte jedoch auch das von ihm besetzte kontinentale Europa.

zurück weiter