1789 - 1813 1808

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Napoleon steht auf der Höhe seiner Macht. Er empfängt den Zaren Alexander in Erfurt. Napoleon will den Zaren an sich binden. Er will seine Schwester heiraten, denn er will sein Kaisertum auf “Legitimität” bauen. Was das für ihn heißt, hat er Metternich  bekannt: “Eure Herrscher, geboren auf dem Thron, können sich zwanzigmal schlagen lassen und doch immer wieder in ihre Residenz zurückkehren. Das kann ich nicht, ich, der Sohn des Glücks! Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und gefürchtet zu sein.”


Aber der Zar verweigert sich seinen Heiratswünschen und er stimmt nicht zu, Österreich endgültig auszuschalten. Napoleons Außenminister Talleyrand hatte die Dinge so gelenkt.

Ihm war klar, dass die Schrankenlosigkeit des Kaisers sein Land in die Katastrophe führen würde. Die Anzeichen dafür mehren sich. 1806 hatte der Nürnberger Buchhändler Palm eine Schrift verlegt, die sich gegen die französische Bedrückung richtete: “Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung.” Er ließ sich erschießen, ohne den Namen des Verfassers preiszugeben. Auch in Spanien verschlingt der Guerillakrieg viele napoleonische Divisionen, auch mit deutschen Soldaten.


Während seine Landsleute dort sterben, wird Minister Goethe beim Erfurter Fürstentreff von “seinem Kaiser” empfangen. Der Kaiser frühstückt, Goethe steht. Wahrscheinlich war die Begegnung sogar nur ein Missverständnis. Da Napoleon einen deutschen Dramatiker für seine Propaganda einspannen wollte, dürfte der Intendant Daru Schiller gemeint haben, der ihm als Revolutionsfreund im Gedächtnis geblieben war.- Nur Opportunismus, keine Achtung. Deshalb wird er auch Madame de Staëls Buch “De l’Allemagne” vernichten lassen. Die Unterstellung, dass la Grande Nation etwas von uns lernen könnte, missfiel ihm. “So tief sind wir noch nicht gesunken”, schrieb ihr sein Polizeiminister, “dass wir uns an den Nationen auszurichten hätten, die Sie bewundern. Ihr letztes Werk ist unfranzösisch.”


Der übersteigerte französische Nationalismus hat bereits seinen Gegenpart gefunden.   Fichte  hält seine “Reden an die deutsche Nation” nun ebenfalls mit oft übersteigertem Anspruch: “Damit die Bildung der Menschheit erhalten bleibe, muss diese Nation sich retten, die das Urvolk unter den Menschen ist, ...” Selbst adelige Damen und Offiziere hören ihm zu. Einer von ihnen schreit in seiner Ode “Germania an ihre Kinder”, mit Napoleon im Blick: “Schlagt ihn tot, das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht!


Neben solcher Radikalität keimen Sehnsüchte auf. Das Geistesleben in Deutschland war geprägt von der staatlichen Zersplitterung, dem Fehlen großstädtischer Zentren, den kleinen Formaten des Gesellschaftslebens. Deutschand war keine politische Nation. An seiner Stelle gab es zahlreiche kleine und mittelgroße Staatsgebilde, in denen sich kleine Welten gebildet hatten, die individuelle Charaktere ausbildeten, die vom Kauzigen bis zum Genialischen spannten. Jetzt hatte der fremde Zwingherr sogar noch ihr Reich zertrümmert, den lockeren Überbau, von dem ihnen nur noch ein Mythos blieb. Real und nur zu oft bedrückend fühlbar war dagegen die Einengung durch die meist unfreundlichen und begehrlichen Nachbarn, die in überseeischen Fernen fremde Welten räuberten. Den eingeschlossenen und arm gebliebenen Deutschen blieb dagegen nur der Ausbruch ins nahe stille Tal und in die mondbeglänzte Zaubernacht. Dabei kommen mit den Sehnsüchten nach der Überwindung der politischen und geistigen Enge neue Ideen und Inhalte auf: Märchen, Sagen, Volkslieder, die Heimat, die Natur, der Wald, Nation und Volk und seine Sprache und Geschichte. Die Geistigkeit dieser "Romantiker" braucht wenig mehr als vier Wände, ein paar Bücher und Zurückgezogenheit. Ihre Hervorbringungen sind keine intellektuellen Eruptionen, sie sind populär, sie sind romantisch, aber sie haben eine Breiten- und Tiefenwirkung, die die Deutschen noch lange prägen wird.


Erfurt war kein Erfolg für den Kaiser der Franzosen. Der Zar wollte Finnland und den Bosporus, er wollte nicht mit ihm gegen Österreich marschieren. Österreich verkraftete seine Niederlage nur schwer. Man hoffte, dass sich Deutschland dem Befreiungsfeldzug anschließen würde. Doch zu diesem Deutschland gehört außer Österreich nur noch Preußen und eine Handvoll Zwergstaaten. In Paris hatte man die österreichische Heeresreform, die Rüstungen und die Propaganda natürlich registriert. Der Gesandte Metternich signalisierte, dass Napoleon mit 300.000 Mann in Spanien gebunden, die Gelegenheit zum Losschlagen also günstig sei. Der kam den Österreichern jedoch zuvor. Am 30. März 1809 marschierten die 174.000 Mann seiner “Grande Armée d’Allemagne”. Erzherzog Karl warb mit einem Manifest um Unterstützung: “Unsere Sache ist die Sache Deutschlands. Mit Österreich war Deutschland selbständig und glücklich; nur durch österreichischen Beistand kann Deutschland wieder beides werden.” Aber die Deutschen hatten Angst.

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