1789 - 1813 1813

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Die Neutralisierung der Preußen hätte nicht die weitreichende Wirkung gehabt, wäre nicht der frühere Minister vom Stein nach Königsberg gekommen. Er berief die Landtage von Ost- und Westpreußen ein, ließ die Aufstellung einer Landwehr von 20.000 Mann beschließen und 300.000 Taler für die Ausrüstung bewilligen. Der König, ohne den das geschah, war von Berlin nach Breslau ausgewichen. In der Nähe der Österreicher und Russen, die bereits Frieden miteinander gemacht hatten, war er sicher. Hier stürzten völlig neue Eindrücke auf ihn ein: Professor Steffens rief seine Studenten zum Kampf gegen Napoleon auf. Der König war gezwungen, mit einem Aufruf zur Bildung freiwilliger Jägerkorps nachzuziehen. Gleichzeitig wurde für die Dauer des Krieges die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Preußen und Russland schlossen Frieden: Preußen sollte in den Grenzen von 1806 wiederhergestellt werden. Für den Kampf gegen Napoleon stellte Russland 150.000, Preußen 80.000 Mann.


Napoleon war überrascht, als ihm Preußen im März 1813 den Krieg erklärte. Mit der Kriegserklärung erließ, gedrängt von seinen Generälen, Friedrich Wilhelm III. den Aufruf “An mein Volk”. Es wurde auf neue Not und neue Leiden vorbereitet. Als Zeichen eiserner Entschlossenheit stiftete er das Eiserne Kreuz. Es war von Schinkel, der nach dem Krieg Berlin mit distanzierter Klassik ausstattete, dem Kreuz der Deutschen Ordensritter nachgebildet worden.


Für den Krieg sammelte man. Unter der Devise “Gold gab ich für Eisen” tauschten auch die wenig Begüterten ihre goldenen Trauringe gegen eiserne ein. Frauen, die sonst nichts hatten, opferten ihr Haar. Die Masse war arm, die hehren Ideen von Vaterland und Freiheit drangen kaum zu ihr nach unten. So wurde der Krieg, der jetzt entbrannte, um die herrschende Schicht zu befreien, hauptsächlich noch immer von denen geführt, die auf der Schattenseite des Daseins lebten. Unter den 265.000 Mann der preußischen Armee waren nur 11.000 Freiwillige, die der König gar nicht mochte, weil sie für ihn verkappte Jakobiner waren. Bisher war der Soldat mit Ausnahme der Offiziere eine Unperson gewesen, meist Gescheiterte und Eingefangene. Jetzt waren diese Freiwilligen Studenten und Söhne aus der Oberschicht. Sie meldeten sich aus Idealismus.


Österreich, das 1809 die Vorreiterrolle gegen Napoleon übernommen hatte, tat sich schwerer. Damals war niemand seinem Beispiel gefolgt. Jetzt bot Außenminister Graf Metternich den Kriegführenden die bewaffnete Vermittlung Österreichs an. Napoleon hatte zwar halbe Kinder in Uniformen stecken müssen, aber er war wieder zu neuen Siegen fähig.


Das merkten die verbündeten Preußen und Russen, die bei Möckern einen Erfolg erzielten und Dresden besetzten, während Napoleon gegen Leipzig marschierte. Bei Großgörschen wollten sie ihn stoppen, aber sie mussten Dresden aufgeben. Der sächsische König, der sich nach Prag abgesetzt hatte, erhielt ein sechsstündiges Ultimatum, worauf er in Napoleons Machtbereich zurückkehrte und den Franzosen seine Festungen übergab. Nach einer Schlacht bei Bautzen mussten die Verbündeten neuerlich zurück. Österreich drängte beide Seiten zu einem Waffenstillstand. Da Napoleons hungergeschwächte Soldaten ihn brauchten, wurde er geschlossen. Napoleon hat ihn später als schlimmsten Fehler bezeichnet. Bald waren nämlich die Verbündeten stärker als Napoleon. Metternich forderte von ihm nur die Rückgabe Dalmatiens, die Wiederherstellung Preußens, die Freiheit der Hansestädte, die Auflösung des Rheinbundes und des Großherzogtums Warschau. Er lud zu einer Friedenskonferenz ein. Als Napoleon das Friedensultimatum unbeantwortet lässt, schreibt Metternich seiner Frau: “Ich erwarte nichts mehr zu hören als Kanonen und nichts zu sehen als Gefallene und Sterbende.”
Böhmen war ein Heerlager von 125.000 österreichischen, 75.000 russischen und 50.000 preußischen Soldaten. Diese Hauptarmee unter Fürst Schwarzenberg vernichtete ein französisches Korps am Rand des Erzgebirges bei Kulm und Nollendorf. Am Vortag hatte Blücher mit 60.000 Russen und 40.000 Preußen den Marschall Macdonald an der Katzbach bei Liegnitz in Schlesien geschlagen. Gleichzeitig hatte die Nordarmee des früheren französischen Marschalls und jetzigen schwedischen Kronprinzen Bernadotte, der aus seiner revolutionären Jugendzeit noch die Tätowierung “Tod den Königen” auf der Brust trug, die Franzosen bei Großbeeren südlich von Berlin verhauen.


Die Armeen der Verbündeten hetzten Napoleon. Sobald er eine angriff, wich sie zurück, während die anderen vorstießen. Österreichs Fürst Schwarzenberg bekam den Oberbefehl, sein Generalstabschef Radetzky machte den Feldzugsplan. Aber der Zar vereitelte die westliche Umfassung der Franzosen bei Leipzig. Nach drei Tagen schrecklicher Kämpfe konnte sich Napoleon mit den noch marschfähigen 150.000 Mann nach Thüringen zurückziehen. Bei Hanau errang er seinen letzten Sieg in Deutschland, bevor er in einer Novembernacht mit den übriggebliebenen 80.000 Mann – 70.000 waren auf dem Marsch von Leipzig über Eisenach, Fulda, Frankfurt, verhungert - bei Mainz über den Rhein floh.


Aber in der “Völkerschlacht” von Leipzig war kein Volk befreit worden und der “Freiheitskrieg” verschaffte nur den Fürsten die Befreiung von ihrem Beherrscher. Metternich hatte Bayern durch Zugeständnisse ins Lager Österreichs gelockt. Den König von Sachsen hatten die Alliierten gefangen, der übrige Rheinbund löste sich auf. Das Königreich Westfalen und das Großherzogtum Berg, Familienbesitze der Bonapartes, hauchten ihr Dasein aus, ebenso das Großherzogtum Frankfurt.


Schweden benutzte die Gelegenheit, Dänemark klein zu machen; Norwegen wechselte den Besitzer. Aber Dänemark wurde mit dem Herzogtum Lauenburg entschädigt, Schweden dagegen musste Vorpommern mit Stralsund, Greifswald und Rügen an Preußen geben. Die Präsenz Schwedens in Deutschland war beendet. Erst jetzt versanken damit die letzten Folgen des Dreißigjährigen Krieges im Orkus der Geschichte.


Die Gemäßigten unter den Verbündeten wollten Frankreich in seinen “natürlichen” Grenzen belassen und auf die Gebiete links des Rheins verzichten, doch Napoleon reagierte ausweichend. Darauf erschien Arndts Flugschrift “Der Rhein Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze.” Sie gab dem Patriotismus mächtigen Auftrieb.


So ging man über den Rhein; die Hauptarmee Ende Dezember bei Basel. In der Neujahrsnacht  1814 folgte die “schlesische” Armee. Ihr Rheinübergang bei Kaub gehört zum eisernen Bestand an preußisch-deutschen Geschichtslegenden, denn diese Armee war höchstens zu einem Viertel preußisch und bei Kaub ging nur die Hälfte, nämlich das preußische Korps und ein russisches – 60.000 Mann, 15.000 Pferde, 220 Geschütze - über den Rhein. In dieser Neujahrsnacht setzten die Kauber und Goarshausener Fischer in ihren Kähnen die Vorausabteilung über, bis Pioniere die Pontonbrücke fertig hatten. Die beiden anderen Korps der Blücher-Armee setzten bei Mannheim und bei Ehrenbreitstein über.


Viele dieser Soldaten waren barfuß und in Leinenhosen gekommen. Das Fehlende “organisierte” das Militär bei der Bevölkerung. Ihr wurde das letzte genommen. Nach dem regennassen Herbst wurde es jetzt kalt. Um sich an den Biwakfeuern etwas zu wärmen, holzten die Soldaten Obstbäume und Weinstöcke ab, selbst hölzerne Grabkreuze wurden verheizt. Noch schlimmer war, dass das Militär Typhus und Fleckfieber eingeschleppt hatte. Auch 29 Kauber starben daran.


Blücher “war der geborene General für den 1813-1815-Krieg”, sagte Karl Marx. Dazu Blüchers Stabschef Scharnhorst: “Von der Führung der Armee weiß er nichts, aber er ist immer mit einem guten Geiste am Platze.” Der “Marschall Vorwärts”, wie ihn seine Kosaken nannten, war mit sechzehn Kornett in einem schwedischen Husarenregiment geworden.

Mit neunzehn wird er von preußischen Husaren gefangen, wechselt die Fahne. Weil er sich bei der Beförderung übergangen fühlt, scheidet er aus. Er pachtet zwei Höfe, bewirbt sich elfmal um Wiedereinstellung. Unter Steins Einfluss erscheinen 1805 seine “Gedanken über die Formierung einer preußischen National-Armee.” Die Friedenszeit konnte er nur mit Branntwein, Glücksspiel und “losen Weibsleuten” überstehen. Nach Jena und Auerstedt schlägt er sich mit seiner Truppe nach Lübeck durch und kapituliert erst, als es weder etwas zu essen noch zu schießen gibt. Als abgerüstet werden muss, wird er, wie auch Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz und andere Generäle, entlassen. 1813 erhält er das Oberkommando über die in Schlesien stehenden Preußen und Russen. Seine Kumpelhaftigkeit macht ihn zu einem der Ihren. Was macht es da, dass er nur mecklenburgisches Platt sprechen kann und mit der Rechtschreibung verfeindet ist. Nun stehen die besten Generalstäbler Preußens hinter ihm. Trotzdem schlägt Napoleon Blüchers Korps in fünf Tagen in drei Schlachten - und das mit nur 30.000 Mann. Blücher hat danach auch nur noch 30.000. Napoleon kann infolgedessen auch die Hauptarmee zurückwerfen. Metternich mahnt ihn, er solle sein und seines Sohnes Schicksal nicht aufs Spiel setzen, der österreichische Schwiegerpapa wünsche noch immer, seine Dynastie zu erhalten. Dann erbeuten Kosaken seine Operationspläne. Die verbündeten Armeen können ihn gefahrlos hinter sich lassen und nach Paris marschieren.

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