1814 - 1848 1814

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In Paris machten im Mai 1814 die Sieger mit dem besiegten Frankreich einen Friedensvertrag, über den der wortstarke Görres  schrieb: “ ... er hat unseren Feinden den Frieden, uns den Zwist gegeben; sie haben die Früchte unseres Sieges genossen, wir alle Lasten der Besiegten getragen; ...Teutschland hat in ihm eine jämmerliche, unförmige, missgeborene, ungestaltete Verfassung erhalten, vielköpfig wie ein indisches Götzenbild, ohne Kraft, ohne Einheit und Zusammenhang ...”  Die Patrioten hatten ein freiheitliches Groß-Deutschland ohne Kleinstaaterei und trennende Grenzen und natürlich ohne absolute Fürstengewalt gewollt. Stein: “Ich kenne nur ein Vaterland und das ist Deutschland.” Aber noch galt das Schillerwort: “Deutschland?, aber wo liegt es, ich weiß das Land nicht zu finden! Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.”


Wer auch hätte Deutschland vereinigen können? Seit seiner Gründung war es ein Fürstenbund gewesen. Diese Fürsten fühlten sich gerade durch diesen Krieg als Besieger der Revolution bestätigt, die sie beinahe von ihren Thronen gestürzt hätte. Jetzt hatten sie den Vollstrecker dieser Revolution besiegt. Außer ihnen gab es keine politische Kraft, die etwas hätte ändern können. Sie konnten getrost alle guten Absichtserklärungen vergessen.


“Innerhalb zweier Monate”, dekretierte der Pariser Vertrag, “werden alle Mächte, die an dem gegenwärtigen Kriege beteiligt waren, Bevollmächtigte nach Wien schicken, …“ Dass der Kongress nach Wien einberufen wurde, war fast selbstverständlich, denn: “Österreich ist unbegreiflich. Aus einem Abgrund hat es sich  ... bis in die Wolken gehoben. Es war wenig angebracht, dem Fürsten Metternich Findigkeit abzusprechen. Man muss sehr viel davon besitzen, um solche Erfolge zu erreichen.” Jetzt traf sich Europa in seinem Vorzimmer. Nach Wien kamen etwa Hunderttausend. Unter ihnen 250 Angehörige fürstlicher Familien mit Ministern, Generälen, Adjutanten, Diplomaten, Sekretären, Lakaien und Kutschern. Goldstrotzende, ordenüberkrustete Uniformen und juwelenbehängte Damen bildeten den Hintergrund für die Auftritte der Monarchen.


Die Spitze dieser Pyramide bildeten der Kaiser von Österreich, der auch der Gastgeber war, und der von Russland, vier Könige und 216 Fürsten, unter ihnen auch die, die 1806 die Souveränität über ihre Ländchen verloren hatten. Sie hofften, sie jetzt zurückzubekommen. Angelockt von diesem Superereignis wurden alle Arten von Lobbyisten, Agenten und Spekulanten, aber auch Kurtisanen, Glücksritter, Taschendiebe und Hürlein. Wenn auch das Leben sehr teuer wurde und selbst unheizbare Dachkammern ihre Mieter fanden, war es doch wie ein immerwährender Fasching; festliche Bälle, exklusive Ritterspiele und Jagden, prächtige Schlittenfahrten und ähnlich glanzvolle Zerstreuungen für die Kaiser, Könige und Fürsten; Gauklertricks und Akrobatenkunststückchen fürs Volk. Alles war wie früher, so, als hätte es keine französische Revolution gegeben. Nur tanzte man jetzt nicht mehr Menuett oder Quadrille. Der Walzer eroberte die sogenannte Gesellschaft und der Wiener Kongress machte ihn zum Wiener Walzer.


Gleich zu Anfang schaffte es der französische Kongressbevollmächtigte, dass Frankreich als gleichberechtigtes Mitglied in den Kreis der Großmächte aufgenommen wurde. Der Bevollmächtigte Frankreichs, das dem “Robespierre zu Pferde” eineinhalb Jahrzehnte um des Ruhmes willen bis nach Moskau gefolgt, das Europa ausgeplündert und terrorisiert hatte, dessen Abgesandter war der Herzog von Talleyrand. Der Aristokratenspross, der Kirchenfürst, dann Außenminister Napoleons gewesen war, hatte den Übergang zum Außenminister Ludwigs XVIII. bruchlos geschafft. Mit seiner Skrupellosigkeit, aber auch dank seiner Genialität, segelte er zwischen Königtum und Guillotine, Napoleon und Restauration unbeschädigt hindurch. Für Napoleon war er zuletzt “ein Haufen Mist in Seidenstrümpfen” gewesen. Er argumentierte, dass nun in Frankreich Ludwig XVIII. aus dem “legitimen” Königshaus Bourbon auf dem Thron säße. Frankreich könne mithin nicht als geschlagener Gegner behandelt werden.


Russland wollte Polen annektieren, Preußen wollte Sachsen schlucken. Österreich konnte das nicht zulassen. Sachsen war gegen Preußen als Vorfeld unentbehrlich wie Südpolen gegen Russland. Der Zar wollte Metternich zum Duell fordern und drohte mit Krieg, österreichische Truppen rückten gegen Polen vor, Kaiser Franz erklärte: “Der König von Sachsen muss sein Land wiederhaben, sonst schieße ich.” Österreich, England und Frankreich schlossen ein Geheimabkommen gegen Russland und Preußen. Nur acht Monate nach der Abdankung Napoleons standen die Sieger am Rande eines Krieges gegeneinander.


Der Herrscher über Sachsen und Polen war noch Kriegsgefangener. Dass er so lange Napoleons Verbündeter geblieben war, nahm Preußen zum Vorwand für seine Forderung auf sein Königreich. Da keine Macht Krieg wollte, einigte man sich: Der König von Sachsen durfte sich wieder auf seinen Thron setzen, musste aber drei Fünftel seines Landes an Preußen abtreten. Für seinen “Verzicht” auf die restlichen zwei Fünftel bekam Preußen links und rechts des Mittelrheins zwei Provinzen, unter anderem das spätere Ruhrgebiet.

Diesen Gebietszuwachs verdankte es England, das Preußen dort als Wachhund gegen Frankreich haben wollte. Durch die riesige West-Ausdehnung erhielt Preußen einen neuen Schwerpunkt. Der Boden der beiden West-Provinzen barg ein Wirtschafts-Potential, das, zusammen mit seinem Militarismus, Preußen zur Hegemonialmacht Mitteleuropas machen wird. Die Rheinländer traf das hart. Der Kölner Bankier Abraham Schaafhausen sagte es volkstümlich: “Do hierode mer ävver en en ärm Familje.” Tatsächlich war die Steuerbelastung der Westprovinzen viel höher als die der altpreußischen. Die neuen katholischen Provinzen wurden äußerst unsensibel mit einer protestantischen Beamtenschaft aus den altpreußischen Provinzen überschwemmt. Dies und die Arroganz der als Besatzer empfundenen ostelbischen Offiziere solidarisierten den wohlhabenden Bürger mit jedem Gassenjungen, der solchen Uniformierten “Stink-Prüß” nachrief. Obendrein bekam Preußen seinen westpreußischen Besitz zurück; Preußen verdoppelte sich.


Russland musste sich mit “Kongresspolen” begnügen. Krakau wurde Freistaat und das südliche Galizien bekam Österreich. Es erhielt auch Salzburg, die Lombardei und Venezien, Tirol erhielt es zurück. Dafür nahm man ihm Belgien, das mit Holland zum “Königreich der Niederlande” vereinigt wurde. Der weltweite Sieger ist England. Es hat sich einen riesigen, über den Globus verteilten Kolonialbesitz angeeignet, es hat auch “von der Elbe bis zur Schelde alle Küsten aufgefressen”, klagte Görres.


Alle diese tiefgreifenden Veränderungen wurden von fünf Mächten ausgehandelt: Von Österreich, England, Frankreich, Russland und Preußen, eigentlich nur von fünf Ministern: Von Castlereagh, später von Wellington, von Talleyrand, Nesselrode und Hardenberg. Der Dirigent dieser tonangebenden Mächte Europas war der rheinische Österreicher Metternich. Den Kongress, den er als “Kutscher Europas” lenkte, gab es gar nicht, er ist weder formell eröffnet worden, noch gab es je eine Vollversammlung. Es war noch immer die Kabinettspolitik, die die Trümmer der napoleonischen Ära fast geräuschlos und zügig beseitigte. Für die agierenden Minister waren die Lustbarkeiten des “tanzenden”

Kongresses effektiver. Die Palais des Hochadels, der mit dem Kaiser in der Gästebetreuung wetteiferte, boten zusätzliche Möglichkeiten. Zar Alexanders “Hang für die Frauen spricht sich so deutlich aus, dass die russischen Damen manchmal ungehalten sind ...” Doch in den Boudoirs , an die er anklopfte, war Metternich schon gewesen. “Halb Fuchs, halb Bock“ war er für Stein.- Außer Amouren war auch viel Geld im Spiel. Korruption und Bestechung florierten. Die Aktivitäten Talleyrands für Sachsen soll der König mit einer riesigen Summe erkauft haben. Der Generalsekretär des Kongresses, Gentz, soll sich von beiden Seiten die Taschen haben füllen lassen. Der preußische Delegierte von Humboldt rühmte sich seiner Unbestechlichkeit, freute sich aber auf die juwelenbesetzten Schnupftabaksdosen, die er bald von vielen Seiten bekommen würde.


Alle waren gekommen, weil alle etwas wollten. Jeder der Schweizer Kantone war mit einer eigenen Delegation da. Sie konnten die “ewige Neutralität” der Schweiz nach Hause bringen. Dagegen blieb die Delegation aus Freiburg unbefriedigt: Sie wollten wieder österreichisch werden. Gekommen waren etwa auch die Korporationen der Ritter Schwabens und der Wetterau, die Abordnung der Katholiken Frankfurts, Vertreter der Augsburger Verlegerschaft und der Juden aus Frankfurt, Bremen, Lübeck und Straßburg, denen die Anerkennung ihrer Bürgerrechte sehr viel wert war.

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