1814 - 1848 1815

postheadericon 1815

Wie eine Bombe schlug die Nachricht ein, dass Napoleon in Frankreich gelandet sei. Am 6. März 1815 bekam Metternich eine Eildepesche vom k.k. Generalkonsulat in Genua. Der britische Kommissär Campbell habe sich soeben erkundigt, ob Napoleon nicht in Genua sei. Von der Insel Elba sei er verschwunden. Kurz danach “war der Krieg in weniger als einer Stunde beschlossen”, erinnerte sich der Staatsminister.


Um diese Zeit war der Gefürchtete schon auf dem Weg nach Paris. Die Zeitungsberichte darüber offenbaren die Psychologie der Massen (und der Schreiberlinge):


28.2.    “Das Ungeheuer, der bluttriefende Menschenwürger, ist seiner Höhle entsprungen.”
7.3.    „Der korsische Menschenfresser, die nimmersatte Hyäne, ist im Golf von Juan (bei Cannes, H. D.) gelandet.“
11.3    “Der Kannibale, der alles verschlingende Löwe, ist zur Zeit in Grenoble.”
16.3    “Lyon hat dem Tyrannen die Tore geöffnet.”
17.3    “Bonaparte rückt in Eilmärschen nach der Hauptstadt, wird aber niemals in Paris einziehen.”
19.3    “Napoleon wird morgen vor unseren Toren sein.”
20.3    “Der Kaiser ist in Fontainebleau angekommen.”
21.3    “Seine kaiserliche Majestät hat gestern in den Tuilerien, mitten unter seinen treuen Untertanen, Rat gehalten.”


Bei seiner Landung hatte er nur tausend Soldaten, bald hat er 290.000. Er marschiert nach Belgien. Er will die Preußen und die Engländer einzeln schlagen. Am 16. Juni werden zwei Schlachten nur elf Kilometer voneinander entfernt ausgefochten. Am frühen Nachmittag wirft er sich gegen die 84.000 Mann Blüchers bei Ligny. Napoleon fordert von Ney, der gegen die Engländer untätig geblieben war, ein Korps an. Das Korps marschiert los, wird aber durch ein Missverständnis wieder zurückbeordert, so dass es beide Schlachten verpasst. Dadurch passierte gegen Wellington  nichts, und die Preußen wurden nur geschlagen, aber nicht vernichtet. Als Blücher bei Einbruch der Nacht unter seinem toten Pferd hervorgezogen wurde, hatte er den Abmarsch seiner Truppen nach Norden befohlen, um sich mit Wellington zu vereinigen. Napoleon aber dachte, die Preußen würden sich nach Lüttich zurückziehen. Zu ihrer Vernichtung schickte er den Marschall Grouchy mit 33.000 Mann in die falsche Richtung.


Wellington hatte das Gelände südlich von Waterloo als günstigen Kampfplatz erkannt. Seine Soldaten verschanzten sich in einer Hügelkette. Napoleon hetzte seine Soldaten auf der Suche nach dem Feind querfeldein. Der Regen in der Nacht machte ihnen zu schaffen. Die Geschütze können erst gegen zehn Uhr in Stellung gebracht werden, die Truppen sind erst gegen Mittag in den Kampfpositionen. Zwei Stunden später erhält Napoleon die Meldung, die Preußen seien im Anmarsch. Er schickt nach Grouchy, doch es ist zu spät.
Die Truppen Wellingtons, die zur Hälfte Hannoveraner sind, halten sich wacker. Die französische Kavallerie überreitet die britische Geschützstellung. Doch es ist keine Infanterie da, die die Kanonen unbenutzbar macht, sie vernagelt. Das tat man, indem man in das Zündloch am hinteren Ende des Rohres, durch das die Pulverladung mit einer Lunte gezündet wurde, einen Nagel schlug. Nach der Abwehr der Reiter konnten die Kanonen daher wieder gegen die nächsten Angriffswellen schießen. Denn Marschall Ney befiehlt einen Kavallerieangriff nach dem anderen. Der Morast bremst den Angriffsgalopp ab, die feindliche Artillerie hat Zeit, die Reiter zu vernichten. Ney vergisst dann noch, die Infanterie rechtzeitig angreifen zu lassen. Um 16 Uhr greifen die ersten Preußen an. Um 18 Uhr wankt Wellingtons Zentrum. Ney fordert Reserven an, um es zu durchstoßen. Doch Napoleon hat keine mehr. Um 19 Uhr ist die halbe preußische Armee in der Schlacht. Selbst die kaiserliche Garde muss jetzt zurück. Man macht ihr ein honoriges Angebot. Ihr Kommandeur soll geantwortet haben “Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht.” Tatsächlich aber hat der vernarbte Haudegen nur einfach “Merde!” - Scheiße!.- zurückgebrüllt.


Im November 1815 schloss man zum zweitenmal Frieden. Frankreich musste jetzt das Saargebiet, die Festung Landau und die geklauten Kunstschätze herausgeben. Doch das Elsass und Lothringen beließ man ihm. Damit war die Ära der Revolution und der Kriege ihres Helden, die Europa geängstigt und verheert und Vieles vernichtet hatten, endlich vorbei. Die Menschenopfer, die allein den 27 Millionen Franzosen abverlangt worden waren, beliefen sich auf zwei Millionen, etwa so viele, wie ihnen der Erste und Zweite Weltkrieg zusammen nehmen, wenn Frankreich ein Drittel Einwohner mehr haben wird. Im Ganzen hatten die Kriege Napoleons schätzungsweise etwa fünf Millionen Tote und zehn Millionen lebenslang Beschädigte gekostet.* An die vielen Deutschen, die sich für ihn und den Ruhm Frankreichs erschießen, erstechen und zusammenkartätschen  lassen mussten, erinnern nur wenige Kriegerdenkmäler.

Napoleon wurde den Engländern übergeben. Sie brachten ihn auf die Felseninsel St. Helena im Südatlantik. Dort konnte er nur noch seinen Nachruf schreiben: “Ich starb zu früh, ermordet von der englischen Oligarchie und ihrem gedungenen Mörder.” Doch er starb wohl kaum an dem Arsen, das ihm der Graf de Montholon verabreicht hatte, um sein Vermögen an sich zu bringen. Selbst heute, so urteilt ein Schweizer Pathologe, hätte er mit einem Magentumor seiner Größe nur geringe Überlebenschancen.

In Wien war der Kongress weitergegangen. Zehn Tage vor Waterloo - die Preußen nannten die Schlacht die von Belle Alliancé - wurde die “Wiener Bundesakte”, die die künftige Struktur Deutschlands festschrieb, angenommen.


Das alte Reich mit seinen zuletzt 1.789 Herrschaftsgebilden war tot, die Fürsten reisten nach Hause. Die größten konnten die von Napoleon verliehenen Erhöhungen ebenso behalten wie die Landesteile, die man kleineren weggenommen hatte. Von einst 83 Reichsstädten gab es nur noch vier, die geistlichen Fürstentümer waren ganz verschwunden, die Reichsritterschaften ebenso. Der Reichsfreiherr vom Stein konnte es nicht fassen, dass seine Dörfer Frücht und Schweighausen nun dem Fürsten von Nassau-Usingen gehörten.


Das Ergebnis war der “Deutsche Bund”. Er war für Metternich das Optimum des Machbaren, für die Fürsten das Maximum des Zumutbaren, für den Patrioten Görres aber “eine Zangen- und Notgeburt.”  Das Verdienst Metternichs war es immerhin, auf den Ruinen des alten Reiches ein zeitgemäßeres Deutschland gebaut zu haben. Es war ihm zudem gelungen, den französischen und russischen Hegemonialbestrebungen eine Grenze zu setzen.


Den “unauflöslichen” Bund bildeten 39 Staaten, die weder ein gemeinsames Heer hatten, noch ein Wirtschaftsgebiet bildeten: Das Kaiserreich Österreich, die Königreiche Bayern, Preußen, Württemberg, Sachsen und Hannover, das Kurfürstentum Hessen-Kassel, die Großherzogtümer Baden, Hessen-Darmstadt, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Weimar, Luxemburg, Oldenburg, die Herzogtümer Sachsen-Meiningen, Sachsen-Coburg, Sachsen-Gotha, Altenburg, Anhalt-Dessau, Anhalt-Köthen, Anhalt-Bernburg, Nassau, Braunschweig, Holstein, die Fürstentümer Hohenzollern-Hechingen, Hohenzollern-Sigmaringen, Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Reuß ältere und jüngere Linie, Lippe, Schaumburg-Lippe, Waldeck, Liechtenstein, die Landgrafschaft Hessen-Homburg und die Freien Reichsstädte Frankfurt, Hamburg, Bremen und Lübeck.


In diesem Bundesgebiet lebten 30,1 Millionen, davon waren 17,4 Millionen preußische oder österreichische “Untertanen”. Beide Mächte, aber auch jede von ihnen, haben eine Sperrmajorität. Wenn sie nicht will, kann auch die andere nichts tun. Beide Großmächte brachten nur die Gebiete ein, die schon zum alten Reich gehört hatten, also weder Ungarn noch Galizien, auch Ost- und Westpreußen nicht. Auch ausländische Fürsten waren Bundesmitglieder: Der englische König als König von Hannover, der dänische als Herzog von Holstein und Lauenburg und der König der Niederlande als Großherzog von Luxemburg. Da Österreich das Präsidium hatte, tagte der Gesandtenkongress in der österreichischen Gesandtschaft in Frankfurt. Seine Stimme war im Frankfurter Bundestag bestimmender als im Regensburger Reichstag. Sein Kaiser hatte jetzt mehr Autorität über die deutschen Staaten als je ein Habsburger seit dem Westfälischen Frieden.


Der Wiener Kongress hatte in kurzer Zeit viel geleistet. Er hat sogar die Rheinschiffahrt geregelt und den Sklavenhandel beseitigt, und er gab Europa fast vierzig Jahre Frieden. Der damals geschaffene Grundriss Europas überdauerte ein ganzes Jahrhundert - bis 1918, weil damals "im Herzen Europas weder ein Machtvakuum noch eine Vormacht" geschaffen worden war. "Das ganze sorgfältig ausbalancierte europäische Gleichgewicht hing davon ab, dass die europäische Mitte zersplittert blieb, diffus und ohne Macht; auf diesem Prinzip hatte das System des Westfälischen Friedens geruht, und darauf ruhte das Europa des Wiener Kongresses."


Napoleon hinterließ großen Gebieten West-Deutschlands den Code Napoleon und im ganzen Deutschland die Ahnung von den Menschenrechten. Die siegreichen Herrscher östlich des Rheins sahen sich aber noch immer als gestrenge Familienoberhäupter, die glaubten, dass für ihre Schutzbefohlenen nur Züchtigung heilsam sei. Die „europäischen Staatenlenker kämpften also noch immer gegen Napoleon: gegen den Geist der Revolution, der sich durch ihn über Europa verbreitet hatte.”


Diese Innenpolitik verordnete manchem Land Friedhofsruhe: Der wieder eingesetzte spanische König führte die Inquisition wieder ein, in Piemont wurde Analphabetentum Untertanenpflicht, wenn man nicht ein Mindesteinkommen von 1.500 Lire hatte, in der k.k. Monarchie etablierte sich ein Spitzelunwesen und in Preußen wurden “Egmont”, “Wilhelm Tell”, “Die Räuber”, “Der Prinz von Homburg” und Fichtes “Reden an die deutsche Nation” verboten.


Die Masse des Volkes lebte in Not. Gebirgsgegenden konnten ihre Bewohner nicht ernähren. Viele mussten in die Fremde. Ein Zeitgenosse schreibt: “Not bricht Eisen. Hinaus muss alles, was daheim entbehrlich ist ... , um zu arbeiten und zu erwerben.” Aus Vorarlberg, dem oberen Vintschgau, dem Patznaun- und dem Oberinntal zogen jedes Frühjahr Tausende von Kindern zwischen acht und fünfzehn Jahren nach Schwaben, Bayern und an den Bodensee, um sich den Sommer über als Viehhirten zu verdingen. Diese “Schwabenkinder” “fördern durch ihre Auswanderung das Hauswesen ihrer armen Eltern auf zweifache Weise, indem sie nicht nur sieben Monate lang ihnen von der Schüssel wegfallen, sondern noch ein paar Gulden Geld und etwas Kleidung ins Haus schaffen.” “Schwabenkinder” zogen noch bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts an den Bodensee und 1902 berichtete Peter Rosegger  von einem “Leutekaufmarkt” in der Steiermark. Ähnlich war es auch in anderen Gegenden: Um Osnabrück etwa gab es die “Hollandgänger“.


Während die Armen es noch lange waren und für die Kinder des hohen Adels die Privilegien erhalten blieben, gewinnt das Bürgertum Einfluss. Seine Söhne, noch nicht seine Töchter, beziehen die Universitäten. Preußen hatte 1810 in Berlin eine Universität gegründet: je drei theologische und juristische, sechs medizinische und zwölf philosophische Professuren für 250 Studenten. Technische Disziplinen wurden bewusst ausgegrenzt, die angewandten Wissenschaften galten noch lange als akademisch nicht ebenbürtig. Diese Universität mit ihrer Kombination von Lehre und Forschung wurde zum Prototyp im deutschsprachigen Raum. Die Konzeption des Kultusministers Wilhelm von Humboldt erhielt sich bis in die vergangenen sechziger Jahre. Das “Brotstudium” wurde verachtet. Das Bildungsideal und der Erkenntnisdrang gründete sich auf den “Humanismus”, der mit dem Griechentum gleichgesetzt wurde. Die Rauhbeinigkeit der alten Griechen wurde verleugnet, der schöne Schein überstrahlte  beide Weltkriege. Damals aber war vieles neu und vorwärtsweisend. Die kirchliche Patronage war beseitigt, die Universitäten wurden reine Staatseinrichtungen.


Aber die Universitäten sind nicht nur “Vernunftturnplatz”, sondern auch politische Bühne. Viele Studenten waren als Freiwillige gegen Napoleon gezogen. Wie Jahn und seine Turnbrüder hatten sie ein vereintes Deutschland gewollt. Als es nicht kam, wollten sie wenigstens an den Universitäten die landsmannschaftliche Zersplitterung überwinden. Die Schlagworte “Freiheit”, “Einheit”, “Deutschland” in Kopf und Herz, gründen sie 1815 in Jena die “Deutsche Burschenschaft”, “gegründet auf das Verhältnis der teutschen Jugend zur werdenden Einheit des teutschen Volks.”

zurück weiter