1814 - 1848 1819

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Zwischen Diners, Konzerten und dem Flanieren in der Wandelhalle kam man zu den “Karlsbader Beschlüssen”: Landesbeamte hatten die Universitäten zu überwachen, “schädliche” Professoren wurden entlassen, die Burschenschaft wurde verboten, die Pressezensur eingeführt. Heine  karikierte die Zensoren-Streicherei mit folgender “zensierten” Nachricht:
Capitel XJJ.


Die deutschen Censoren  -  -  -  -  -  -  - 
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-  -  -  -  Dummköpfe -  -  -  -  -  -  -  -  -  -  -
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In Mainz wurde eine zentrale Untersuchungsbehörde zur Bekämpfung “demagogischer Umtriebe” installiert. Es gibt Verhaftungen und Emigrationen,.es gibt Spitzelei und Denunziantentum. Wenn auch einige Staaten die Beschlüsse mildern, geben sich Österreich und Preußen als Hardliner. Österreich, weil es sich als Lenker der deutschen Geschehnisse verantwortlich fühlt, Preußen, weil es an Russland klebt. Dort aber hatte man einen Geheimbund entdeckt, der sogar eine Verfassung wollte. Die Repression in Russland verstärkte die in Preußen, das ständig Demutsgesten nach Petersburg machte: Preußische Garderegimenter trugen Zarennamen und Berlin bekam den Alexanderplatz.


In Deutschland wurden die Farben der verbotenen Burschenschaft, schwarz-rot-gelb, die die Studenten von den Lützower Jägern der Freiheitskriege übernommen hatten, zur geheimen deutschen Trikolore. Die prominentesten Opfer der “Demagogen”-Verfolgung waren Jahn und Arndt, der für längere Zeit seine Professur verlor. Es grummelte in Europa. Die Herrschenden konferierten deshalb 1820 in Troppau in Österreichisch-Schlesien, 1821 in Laibach in Slowenien, 1822 in Verona, stets im Herrschaftsbereich Metternichs. Das machte ihn bei den “Demagogen” noch verhasster.


Die heutige Schuldzuweisung ist nur zur Hälfte gerechtfertigt. Stets folgen auf Umbrüche Restauration und Konservativismus, so eben auch damals. Man muss Metternich jedoch zugutehalten, dass er außer den Bedürfnissen Deutschlands vor allem den Bedürfnissen seines Staates Rechnung tragen musste  Er tat dies, indem er Italien geteilt ließ und dort und anderswo den Nationalstaatsgedanken bekämpfte. Hätte er dies nicht getan, wäre sein Staat schon damals im Aufstand der vielen Nationalitäten der Habsburgermonarchie auseinandergefallen. Seinem Tagebuch hatte er sich illusionslos anvertraut: "Mein geheimster Gedanke ist, dass das alte Europa am Anfang seines Endes ist."


Ein heutiger Experte beurteilt ihn nach mehr als hundertjähriger Verteufelung emotionsfrei: "Metternich - sein Name steht für das Zeitalter der Restauration, das monarchische Prinzip und den - letztlich vergeblichen - Versuch der Heiligen Allianz, den liberalen und nationalen Kräften des 19. Jahrhunderts Einhalt zu gebieten. Doch der Fürst, der rund vier Jahrzehnte lang zu den beherrschenden Gestalten Europas gehörte, war mehr als nur ein Reaktionär. Wolfram Siemann zeigt, dass der Gegenspieler Napoleons und Architekt der europäischen Friedensordnung nach dem Wiener Kongress von1815 in vielem moderner war als das bis heute gängige Bild von ihm vermuten läßt."


Die Missbilligung des Metternichschen “Systems” kam auch durch seine Außenpolitik. Der Volkstumsgedanke wuchs, von der deutschen Romantik initiiert, auch bei den slawischen Völkern. Sie waren bisher “geschichtslos” gewesen. Für sie war Russland der große Bruder. Es unterstützte den griechischen Befreiungskampf, weil es die Zerstörung der Türkei und dadurch freien Zugang zum Mittelmeer wollte. Für Metternich dagegen war die Herrschaft des Sultans “legitim”. Außerdem konnte er an einem weiteren Vordringen Russlands auf dem Balkan nicht interessiert sein. Deshalb unterstützte er die Griechen nicht. Das nahm ihm das humanistisch gebildete Deutschland übel. Es hatte sich ein Philhellenentum entwickelt, “das Land der Griechen mit der Seele suchend”. “Von der Befreiung der Griechen erhoffte man sich ... die Wiederkehr der antiken Kultur, die Vollendung alles dessen, was der Klassizismus zur Veredelung der Menschheit erstrebte.” Prominentester Philhellene war Kronprinz Ludwig von Bayern. Als er 1825 König wird, baut er in München griechische Säulen und Tempel, finanziert die Gründung der Athener Universität, schickt Soldaten nach Griechenland und seinen Sohn Otto, der erster Griechenkönig wird.

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