1814 - 1848 1830

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Paris putschte gegen die Bourbonen. Der König musste abdanken, der Herzog von Orleáns bestieg den Thron. Er war der Sohn jenes „Philippe Egalité“, der einst für den Tod seines königlichen Vetters gestimmt, dann aber ebenfalls seinen Kopf verloren hatte. Louis Philippe wurde der “Bürgerkönig”. Das hieß nur, dass unter ihm eine dünne Schicht Großbürger das Land wieder hochbrachte durch Umsetzung der Aufforderung des Ministers Guizot: “Bereichert Euch!”


In Brüssel löst die Oper “Die Stumme von Portici”, die den neapolitanischen Volksaufstand von 1647 besingt, die Revolution aus. Auf Antrag Preußens erklärt man das neue Belgien für neutral. Auf Betreiben der späteren Queen Victoria wurde ihr Onkel Leopold von Sachsen-Coburg-Gotha König. Er schob seiner Nichte seinen Neffen Albert als Prinzgemahl zu. Mit dessen Zutun wurde die Queen die “Großmutter Europas”, denn ihre Söhne heirateten in viele Fürstenhäuser ein. Auch in Polen hatte die Julirevolution einen Aufstand gezündet. Russland schlug ihn nieder. Das Land wurde eine Satrapie des Zarenreiches.


In Deutschland wuchsen Handel und Gewerbe. Nach den napoleonischen Kriegen hatten englische Waren Europa überschwemmt und dessen Wirtschaft gedrückt. Den für Norddeutschland lebenswichtigen Getreidehandel behinderte England durch hohe Schutzzölle. Preußen beseitigt seine Binnenzölle. Es besitzt die bedeutendsten Industriereviere Deutschlands in Schlesien, in Mitteldeutschland, im Ruhr- und im Saargebiet. Sein aufstrebendes Industriebürgertum will die Chancen nutzen. Ebenso besitzt es in den Ostprovinzen, aber auch in der Provinz Sachsen und in Westfalen Agrarproduktionen, die sich ebensowenig durch Zollbarrieren hemmen lassen wollen. Deshalb schließt Preußen in den folgenden sechzehn Jahren den größten Teil Deutschlands handelspolitisch zusammen. Mit dem so entstehenden Zoll-Bundesstaat zeichnet sich bereits das kleindeutsche Reich ab.


Noch weiter zielte Friedrich List , Professor der Staatsverwaltungspraxis in Tübingen. 1818 gründete er mit siebzig Kaufleuten den “Deutschen Handels- und Gewerbeverein". Er wollte im Deutschen Bund die Zölle der Mitgliedsstaaten beseitigen. Die “Alleruntertänigste Bittschrift” klagt: “Umgürtet von englischen, französischen, niederländischen Douanen, tut Deutschland als Gesamtstaat nichts, was jene nötigen könnte, zur Handelsfreiheit, durch welche Europa allein den höchsten Grad der Zivilisation erreichen kann, die Hände zu biegen ... 38 Zoll- und Mautlinien in Deutschland lähmen den Verkehr im Innern ...“ Das war zu viel. List flog aus dem württembergischen Staatsdienst. Er forderte eine demokratische Verwaltungsreform. Als man ihn zu zehn Monaten Festungshaft verurteilte, verließ er sein Ländle. In den USA kam er als Farmer, Redakteur und Bergbauunternehmer zu Vermögen und als amerikanischer Konsul wieder nach Deutschland. Hier propagierte er den Aufbau eines deutschen Eisenbahnnetzes. Dass sich Österreich von dieser Entwicklung abkoppelte, war der schwerste Fehler Metternichs. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands kommt nun richtig in Fahrt: Der Wert der Gesamtproduktion steigt von 1820 bis 1840 um 90 Prozent, die Roheisenproduktion um mehr als 100 Prozent.


Es ist die Zeit des Biedermeier , die vom behäbigen Bürgertum geprägt wird. Die Städte sind meist Städtchen, wie sie Spitzweg  gemalt hat: eng und winkelig, meist noch ummauert, mit Türmen und einem Türmer, der vor ausbrechendem Feuer warnt. Den kalten Empire-Stil der Napoleon-Zeit gibt es nicht mehr. Auch Bilder und Prosa vermitteln häusliche Idylle mit dem anheimelnden Duft von frischgebackenem Kuchen und dampfendem Kaffee.


Die wirtschaftliche Bescheidenheit wirkt stilbildend. Kniehosen, Strümpfe und Schnallenschuhe sieht man nur noch an den Höfen. Der Frack ist anfangs grau, braun oder grün, später schwarz. Die lange Hose hat sich durchgesetzt, die Krawatte ist im Kommen. Aus England kam der Zylinder. Der Schnürleib, der für Damen obligarorisch war, aber auch zur Uniform junger Offiziere gehörte, hielt sich nicht so lange, auch nicht die riesigen Damenhüte. Unförmig sind die Reifröcke, die Krinolinen. Die Zigarre ist in Preußen zunächst auf der Straße verboten, dann wegen “Feuersgefahr” mit einem Drahtgestell umgeben. Sie wird das Statussymbol für den satten Bürger.


Den besten Ausdruck dieses Lebensgefühls fand die Musik. Karl Maria von Weber  komponiert mit dem “Freischütz” die Oper, die in nur drei Jahren alle deutschen Bühnen erobert und das musikalische Italienertum endgültig beendet. Doch Schubert , der linkische Wiener Vorstadtschulmeister, dem der in den dortigen Wohnvierteln endemische Typhus das dritte Syphilisstadium ersparte, übertraf ihn an spezifisch “deutscher” Musikalität: Er erhob das Lied zur Tonkunst - gleich  sechshundertfach. Da die meisten Deutschen nichts zu lachen hatten, sangen sie in den folgenden hundert Jahren mehr als vorher. Viele Friedrich-Silcher-Gesangvereine erhalten noch heute den Namen des erfolgreichen Liedermachers .Den Brüdern Grimm  ist schon die unvertonte Sprache Beruf und Berufung; sie werden die Väter der Germanistik.


Mit den Naturwissenschaften und der Technik hat die Zukunft schon begonnen: 1827 stellt Ohm sein Gesetz auf und 1827/28 hält Alexander von Humboldt in Berlin Vorlesungen, aus denen sein “Kosmos” hervorgeht, so etwas wie eine Enzyklopädie der Naturwissenschaften. Zur gleichen Zeit schreibt der Arzt Friedrich Wöhler seinem Lehrer Berzelius: “Ich muss Ihnen erzählen, dass ich Harnstoff machen kann, ohne dazu Nieren oder überhaupt ein Tier nötig zu haben.” Damit war die Grenze zwischen organischer und anorganischer Materie durchbrochen. Die Chemie und alle Naturwissenschaften erhielten mächtigen Auftrieb. Alles war neu. So fand Wöhler auch das Aluminium. Es war zuerst so selten, dass es teurer war als Gold und man nur Schmuck daraus machte. Sein geringes Gewicht ermöglichte später die Luftfahrt mit Zeppelinen und Motorflugzeugen.


In Essen war mit Gewinnen, die der Vater des Gründers während der Kontinentalsperre erschmuggelt hatte, die Krupp’sche Gussstahlfabrik eröffnet worden. Der Name wird zum Begriff für die deutsche Schwerindustrie, zugleich auch für die preußische Rüstungsindustrie. Dass Dampf Arbeit leisten kann, hatte sich die amerikanische Schifffahrt bereits 1807 zunutze gemacht. Dagegen befuhr der erste “Dampfer” den Rhein erst 1825. Zwei Jahre darauf erfindet der Förster Ressel im Adria-Hafen Triest die Schiffsschraube. Die Polizei verbietet Probefahrten. Zehn Jahre später bauen die Briten den ersten Schraubendampfer.


In der Pfalz kriselte es. Sie war seit 1778 “Rheinbayern”. Der König im fernen München hatte seinem Königreich zwar eine Verfassung gegeben, war aber zu einem Tyrannen geworden, vor dessen Bild Majestätsbeleidiger kniend Abbitte leisten mussten. Die Pfälzer hatten, wie alle linksrheinischen Deutschen, von den Ideen der französischen Revolution genascht. Die Verfassung garantierte ihnen auch weiterhin die Rechte des Code Napoleon. Man fühlte sich aber ausgeplündert: die Pfalz hatte die höchsten Steuern in Bayern. Außerdem war sie von hohen Zollmauern eingeschlossen, so dass man nicht einmal den Wein verkaufen konnte. Deshalb kam Neustädter Gastwirten die Idee, das Geschäft durch ein “Allgemeines Konstitutionsfest” aus Anlass des 14. Geburtstages der Verfassung zu beleben. Sie warben mit einer Zeitungsanzeige für ein Fest auf dem Hambacher Schloss.

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