1814 - 1848 1835

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Diesem Deutschland hatte Goethe prophezeit: “Mir ist nicht bang’, dass Deutschland nicht eins werde, unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden das Ihrige tun ...” Was die Straßen anlangt, war er in dem 6.000-Nasen-Städtchen Weimar, das nicht einmal an einer Straße lag, auf der Post befördert wurde, sensibilisiert. Der Zwergstaat, der von dieser Hauptstadt aus regiert wurde, war wie viele seiner Art wegen seiner Zersplitterung auch nur mühsam zu verwalten: Das Zaunkönigtum war noch in drei winzige Territorien mit eigenen Landständen zerteilt. Goethe hatte nur die weimarischen und jenaischen, doch nicht die eisenachischen Straßen zu verwalten, statt dessen die Straßen Erfurt-Eckartsberga und Erfurt-Ilmenau, die großenteils nicht auf Weimarer, sondern auf Mainzer Gebiet verliefen. Bezüglich der Eisenbahnen hatte er recht. Wagen auf Schienen gab es schon. 1827 baute man die erste “Holz- und Eisenbahn” von Budweis in Südböhmen nach Linz an der Donau. Sie wurde von Pferden gezogen und war der Vorläufer vieler Pferdebahnen, die später zu elektrischen Straßenbahnen wurden. Die erste richtige Eisenbahn dampfte am 7. Dezember 1835 vom bayerischen "Technologiezentrum" Nürnberg nach Fürth. Die Lokomotive war in England gebaut worden. Von dort war auch der in Frack und Zylinder gewandete Lokführer importiert worden. Die medizinische Fakultät Erlangen hatte gegutachtet, dass die rasende Geschwindigkeit Gehirnkrankheiten erzeugen würde. Schon der Anblick des Zuges könne sie verursachen. Der mindeste Schutz seien Bretterwände zu  beiden Seiten der Bahn.


Der Initiator des Eisenbahnbaus war der aus Amerika zurückgekehrte Friedrich List. Nach seinem Plan ist das deutsche Eisenbahnnetz dann verwirklicht worden. Sein Bau wirkte als Katalysator für die Industrialisierung. Die Fahrt geht schnurstracks in den Frühkapitalismus. Wer Geld hat, will es “anlegen”, um es “arbeiten” zu lassen. Der Eisenbahnbau Leipzig-Dresden, 1833 erst eine Idee, ist 1835 schon voll finanziert. Aktienzeichner sind reiche Bürger und der Hochadel. Überall werden “Arbeiter” angeworben, die sich zu Tausenden an der Arbeitsstelle drängen. Ist die Strecke fertig, ist auch ihre Arbeit beendet.


Diese Entwicklung schafft ein wohlhabendes und selbstbewusstes Bürgertum, sie schafft auch eine neue Gesellschaftsschicht: die Arbeiterklasse, das Proletariat. Diese Arbeiter unterscheiden sich grundlegend von den bisher Arbeitenden. Das waren Bauern, Landarbeiter, Handwerker und Diener, Kutscher und anderes “Gesinde”. Mochten die leibeigenen Bauern jahrhundertelang unter der harten Frohn gestöhnt haben, kein Gutsherr hatte sie verhungern lassen, denn er lebte ja von ihrer Arbeitskraft. Oft war die Fürsorge gesetzlich geregelt. Auch der verschriene Metternich hat in einer “Instruction für die Fürstlich von Metternich’schen Weinbergs-Hofleute der Domaine Johannisberg am Rhein” die “Belohnung” seiner Arbeiter detailliert festgeschrieben.


Der Arbeitstag der Diener, Köchinnen, Wäscherinnen und des anderen Hauspersonals hatte von jeher vom Morgengrauen bis in die Nacht gedauert. Sie waren vollkommen abhängig, aber sie hatten zu essen, wurden bekleidet und wussten, wohin sie abends ihren Kopf legen konnten. Die Handwerksgesellen gehörten ebenfalls zur Familie des Meisters, bekamen zu essen und meist etwas Geld. Für das Proletariat des Kapitalismus ist dagegen der Arbeiter nur eine Nummer. Wenn er keine Arbeit hat, hat er kein Geld, nichts zu essen, er hat praktisch seine Existenz verloren. Not, Hunger und die Wut der Verzweiflung können sich jetzt zu Gewitterwolken ballen, die die Kapitalisten und die Regierenden das Fürchten lehren. Das ist die “soziale Frage”, die sich für die damalige Industriegesellschaft besonders eindringlich stellte.


Die Maschinen in den Fabriken sind die Herren des Arbeiters. Ist er ein einziges Mal zu langsam oder macht er eine falsche Bewegung, hackt ihm das Monster einen Finger ab oder reißt ihm den Arm aus. Hinzu kommt, dass die Arbeitszeit sehr lang ist - bis zu sechzehn Stunden täglich, 80 bis 85 wöchentlich. Gegessen wurde während der Arbeit und viele Arbeiter schliefen in den Fabriken, um nicht durch den oft langen Hin- und Herweg ihre Ruhezeit zu verkürzen. Kinderarbeit war normal, da man ihnen nur die Hälfte oder weniger zu zahlen brauchte. In der schlesischen Leinenindustrie arbeiten in den vierziger Jahren bereits vierjährige Kinder, obwohl es seit 1839 ein preußisches Kinderschutzgesetz gab, das Kinderarbeit unter neun Jahren verbot.


Bei diesen Verhältnissen war die allgemeine Schulpflicht nur ein Traum. In Aachen etwa gingen nur 37 Prozent der Kinder in die Schule. Die anderen mussten in den Fabriken arbeiten, um zu überleben. Friedrich Engels  schreibt, dass in Elberfeld von 2.500 Kindern 1.200 nicht zur Schule kamen, weil sie Tag und Nacht in den Fabriken waren. Engels wusste das, weil er der Sohn eines Elberfelder Fabrikanten war, in dessen Spinnereien diese Arbeitssklaven das Geld verdienten, das ihm und Marx ein Leben ohne berufliche Zwänge ermöglichte. Deshalb wurde Marx 65 und Engels 75 Jahre alt, während Fabrikarbeiter nur 35 bis 47 Jahre lebten. Ab und zu bricht sich die Verzweiflung Bahn; zwischen 1835 und 1846 gibt es über hundert Streiks. Sie bleiben wirkungslos, es gibt genug, die Arbeit suchen.


Einer meist noch schlimmeren Ausbeutung unterlagen die Heimarbeiter in den Mittelgebirgen, wo es kaum Verdienstmöglichkeiten gab. 1844 rebellieren in zwei schlesischen Dörfern die Weber. Militär kommt. Es gibt Tote. 150 Weber werden verhaftet. Der Großteil erhält 20 bis 30 Peitschenhiebe. Einige müssen ins Zuchthaus - bis zu neun Jahre. Heine verflucht in seinem “Weberlied” diese Zustände. Sein Gedicht erscheint im VORWÄRTS, der Emigranten-Zeitung in Paris. Später schreibt Gerhart Hauptmann  darüber das bedeutendste soziale Drama: “Die Weber”.


Zwischen 1845 und 1847 steigt das Massenelend auf Rekordhöhe. Missernten verteuern die Nahrungsmittel, die Gewerbekrise produziert Arbeitslose, Fürsorge gibt es nicht. Die Heirats- und Geburtenziffern fallen, die Sterbezahlen steigen, Diebstahl und Vagabundieren nehmen zu. 50 bis 60 Prozent der preußischen Bevölkerung lebten 1846 am Rande des Verhungerns. Ruhr und Typhus rafften Tausende dahin. Die grauenhafte Not sucht sich ein Ventil. Es ist die Auswanderung. Was es für eine Überwindung kostete, in das absolut Unbekannte zu gehen, ist heute nicht mehr vorstellbar. Trotzdem wanderten 1830 1.976 Deutsche nach Amerika aus. 1837 sind es 23.704, 1841 15.291, 1847 schließlich 74.281. Bis 1945 werden es elf Millionen sein.

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