1814 - 1848 1848

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Im Oktober 1846 kam ein “Fräulein Montez”, ausgewiesen nur durch eine Fahrkarte durch das Fürstentum Reuß jüngere Linie. Die angebliche Spanierin, die eine zweimal geschiedene Schottin war, wurde zur bayerischen Pompadour. Der sechzigjährige König vermacht der 22-Jährigen 100.000 Gulden und ein exklusives Haus. Als er sie auch noch zur Gräfin Landsfeld macht, rebellieren die Studenten, die Münchner ziehen zur Residenz. Ein “Rock” wurde zur Fahne des Aufruhrs. Am 5. März 1848 war nämlich in München die Pariser Revolution, die Ausrufung der Republik und die Flucht des Königs bekanntgeworden. Darauf war es auch mit der königlich-bayerischen “Rua” zu Ende. Die Münchner vergalten es ihrem König schlecht, dass er aus ihrer Provinzstadt eine Weltstadt gemacht hatte. Ludwig I. dankte zugunsten seines Sohnes Max II. Joseph ab.


In Bayern hatte man bereits seit dreißig Jahren eine Verfassung. In Preußen dagegen stellte der König vor dem preußischen Landtag klar, “dass ich nun und nimmermehr zugeben werde, dass sich zwischen unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt ... als eine zweite Vorsehung eindränge.”


Im hessischen und im badischen Landtag wurde 1848 die Einberufung eines deutschen Parlaments beantragt. Eine Volksversammlung in Mannheim stellte Forderungen, die der badische Großherzog erfüllte. Dem preußischen König hatte man eine Reform des Bundes vorgeschlagen. Metternich akzeptierte sie, doch zehn Tage später ist der allmächtige Staatskanzler nur noch Privatmann, der nach England flieht, versehen mit einer prallen Börse, die ihm Baron Rothschild noch in die Kalesche reicht.


In Berlin legt am 1. März der Wirtschaftspolitiker Hansemann der Regierung das Programm des Besitzbürgertums der preußischen Rheinlande vor. Dort lassen Handel und Gewerbe, Kohle und Stahl Unternehmen aus dem Boden schießen und große Vermögen entstehen. Die wirtschaftlichen Ballungszentren an Rhein und Ruhr waren an diesem Zuwachs überproportional beteiligt. Die Gutsarbeiter in Ostpreußen, Brandenburg und Pommern sind dagegen noch immer Halbsklaven. Die Heim- wie auch die Industriearbeiter litten unter einer allgemeinen Stagnation. Sie führte zu Lohnkürzungen und Entlassungen. Der Herbst 1846 brachte eine Missernte. Der Kartoffel, die sich als Grundnahrungsmittel durchgesetzt hatte, fraßen Heere von Kartoffelkäfern die Blätter ab. Das Elend, das in Berlin im Hungerwinter 1846/47 herrschte, schlüsselt ein Bericht über “Die Ärmsten der Armen” auf: “ ... das ist nahe der vierte Theil der Einwohner der ganzen Hauptstadt!” Der nächste Winter wurde ebenso schlimm. Die Absatzkrise und die sich ausbreitende Not schlug auf “die kapitalbesitzende und industrielle Klasse” zurück, schreibt Engels.


In Wien wirkte das Bekanntwerden der Pariser Revolution wie eine Fackel, die in das Heu geworfen wird. In den Vorstädten brennen Fabriken, werden Maschinen demoliert. Man singt “O Metternich, o Metternich, ich wollte, dass das Wetter dich tief in den Boden schlüge!” Der dringende Wunsch Erzherzog Ludwigs weist ihn aus Österreich aus.


Unruhen auch in Berlin. Als die Nachrichten aus Paris durchsickerten, wurde Kavallerie in die Stadt geholt, an wichtigen Punkten Kanonen aufgefahren. Die Regierung, der König und die Besitzbürger hofften, das „Volk“ von “unbedachten Taten” abzuhalten. Aber dieses “Volk” ist empört über die Drohung. Die Vergnügungslokale werden zu Debattierklubs. In einem populären Lokal im Tiergarten strömen am 14. März Tausende zusammen. “Wo geht’s ‘n hier zur Reffluzion?” wird gefragt. Militär treibt die Ansammlung auseinander.


Am nächsten Tag meldet der Oberpräsident der Rheinprovinz, dass er die “Ruhe” nicht mehr aufrechterhalten könne, wenn der König nicht einlenke. Der Berliner Magistrat wünscht das gleiche. Am Abend schwere Ausschreitungen der Kavallerie. Der Polizeipräsident meldet der Regierung: “Die Erbitterung gegen das Militär ist furchtbar ... Noch halte ich die Bürger.” Der Oberpräsident der Rheinprovinz und der Kölner Oberbürgermeister kommen zum König. Sie bitten um sofortige Reformen, Einberufung des Landtags und Abberufung der Truppen. Andernfalls könnte die Rheinprovinz Anschluss an Frankreich suchen.


Am 18. März stehen die Berliner dicht gedrängt auf dem Schlossplatz. Um 14 Uhr gibt der König vom Balkon die Pressefreiheit, die Einberufung des Landtags und die Reform des Deutschen Bundes bekannt, nicht aber den Abzug des Militärs. Deshalb ruft jemand: “Soldaten fort!” Tatsächlich erhält das Militär den Befehl zum Abrücken. Aber dann fällt ein Schuss, dann noch einer. Eine Stunde später ist die Berliner Innenstadt ein Kampfplatz. Dachziegel und Pflastersteine werden zu Wurfgeschossen. Der Bruder des Königs, der spätere Kaiser Wilhelm I., soll zum Einsatz von Kanonen geraten haben. Das Palais des “Kartätschenprinzen”  wird deshalb von Barrikadenkämpfern besetzt, er wird nach England geschickt, um ihn vor dem Volkszorn zu schützen. Der Name “Lehmann”, mit dem er sich tarnte, hing ihm lebenslang an.


Vierundzwanzig Stunden nach den Schüssen stehen die Berliner als Sieger auf dem Schlossplatz. Die Barrikadenkämpfer haben auf Wagen und Bahren ihre 187 Toten gebracht. Der König wird aufgefordert, den gefallenen Revolutionären, die mit schwarzrotgoldenen Fahnen bedeckt sind, die letzte Ehre zu erweisen. Er muss seine Mütze abnehmen und unter dem Schluchzen der Frauen und den Verwünschungen der Männer an der Reihe der Toten vorbeigehen. Die Königin ist einer Ohnmacht nahe: “Nun fehlt bloß noch die Guillotine.”


Ob denn nun alles bewilligt sei? Fürst Lichnowsky versichert ihnen: “Ja, alles, meine Herren!” - “Ooch det Roochen?” - “Ja, auch das Rauchen.” -“Ooch im Tierjartn?” - “Ja, auch im Tiergarten darf jetzt geraucht werden, meine Herren.” Erst seit damals darf auf der Straße geraucht werden. Und Arbeiter, die bis dahin nur “Canaille”, bestenfalls “Volk” gewesen waren, werden nun auch mit “Herren” angesprochen.


Am 21. März 1848 macht der König einen Umritt durch Berlin. In seinem Aufruf “An mein Volk und an die Deutsche Nation” hieß es: “Rettung aus dieser ... Gefahr kann nur aus der innigsten Vereinigung der deutschen Fürsten und Völker hervorgehen. Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen und mich und mein Volk unter das ehrwürdige Banner des Deutschen Reiches gestellt .... Deutschland wird sich mir mit Vertrauen anschließen. Preußen geht fortan in Deutschland auf.” Für die süddeutschen Staaten und Österreich war diese Proklamation eine Provokation.


Auch in Wien wehte die deutsche Trikolore vom Stephansdom und der Hofburg. Aber   in Österreich ging es um viel mehr, nämlich um den Bestand des Staates. Für das Elf-Nationen-Reich war die Revolution ein Sprengsatz von höchster Brisanz. Anders als in den deutschen Staaten beinhaltet der revolutionäre Liberalismus in der Habsburger Monarchie auch und zuerst Nationalismus mit dem Ziel nationaler Eigenständigkeiten.


Oberitalien droht verlorenzugehen. Zwei gewonnene Schlachten stabilisieren die österreichische Herrschaft vorübergehend wieder. In Ungarn schürt Lajos Kossuth  den Hass gegen die Habsburger Landesherrn. Dieses Ungarn aber war auch das der Slowaken und Slowenen, der Kroaten und Rumänen, vieler Serben und Ruthenen und vieler Deutscher, die alle wenigstens Autonomie wollten, die ihnen aber die Ungarn verweigerten.


Am schicksalsschwersten wurden diese nationalen Gegensätze in Böhmen und Mähren. Die Randgebiete waren deutsch, doch in ihre Mitte ragte von Osten her das tschechische Sprachgebiet. Seit Barbarossa war Böhmen Reichsland. König Ottokar II. hatte Anfang des 13. Jahrhunderts die Randgebiete mit Deutschen besiedelt. Bisher war es selbstverständlich gewesen, dass jeder Tscheche deutsch konnte, während nicht alle Deutschen tschechisch sprachen. Nun verlangten die Tschechen auch in den deutschen Landesteilen bei Beamten tschechische Sprachkenntnisse.


Der tschechische Nationalismus war die Speerspitze des Austro-Slawismus. Für Juni 1848 hatte man in Prag den ersten Slawenkongress einberufen. Die Hauptperson des Kongresses, der in deutscher Sprache beriet, war der tschechische Historiker Palacky (sprich: Palatzki). Er warnte vor den russischen Expansionsgelüsten und schrieb an die Frankfurter Nationalversammlung: “Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müsste im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen.” Den Prager Vordenkern ist das Verbleiben im österreichischen Staat wichtig. Ein Eingehen der Länder Österreichs in ein vereintes Deutschland lehnen sie dagegen ab.


Das nämlich waren die Alternativen, die 1848 im ersten deutschen Parlament heftig und gegensätzlich diskutiert wurden. Sollte Deutschland alle Deutschen umfassen, also “großdeutsch” sein, oder sollte es ein “kleindeutsches” Deutschland ohne Österreich werden?

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