1848 - 1868 1848

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„Nachmittags um 4 Uhr geschah am 18. Mai die Eröffnung des Deutschen Reichstags im alten Kaisersaal” zu Frankfurt. “Hier sah ich zum erstenmal eine Reihe der größten Männer, die unser deutsches Vaterland aufzuweisen hat, versammelt. ... Kanonendonner geleitete unseren Zug ... bis in die Paulskirche, welche zum Sitzungssaal der Nationalversammlung eingerichtet ist.”


Dies schrieb einer der 585 Abgeordneten, unter ihnen 49 Professoren, 213 Richter, Rechts- und Staatsanwälte, 50 Schriftsteller und Publizisten, 35 Geistliche, 38 Industrielle und Kaufleute, 37 Gutsbesitzer, 10 Offiziere, ein Bauer, aber kein einziger Arbeiter. Es war eine Vertretung des Bürgertums, durchsetzt mit Berühmtheiten wie Ludwig Uhland  und Jacob Grimm, die Deutschland repräsentierten. Auch der knorrige Ernst Moritz Arndt - Sohn eines Leibeigenen - war unter ihnen. Er hatte ihre Hoffnung in ein Gedicht gefasst:
Das ganze Deutschland soll es seyn! O Gott vom Himmel sieh darein!


Und gib uns rechten deutschen Muth, dass wir es lieben treu und gut.
Das soll es seyn! Das ganze Deutschland soll es seyn!


Er und die meisten der Paulskirchen-Abgeordneten waren Idealisten, keine Polit-Profis. Sie entpersönlichte noch kein Fraktionszwang, Gleichgesinnte taten sich in Klubs zusammen, die man nach den Gasthöfen benannte, in denen sie sich trafen. Parteien gab es noch nicht. Dieses “Professorenparlament” diskutierte geistreich, ideenreich, inhaltsreich. Weil sie zum erstenmal das sagen konnten, was sie sagen wollten, steigerte sich ihre Redelust oft zur Redesucht. Die Redeschlachten drehten sich vorwiegend um die Verfassung, um die “Zentralgewalt” und um das künftige Deutschland.


Zur Verfassungsfrage gab es schon einen Beschluss des Vorparlaments, der revolutionär war: Die Verfassung des künftigen Deutschland sollte allein diese Nationalversammlung beschließen. Das war die Forderung der Volkssouveränität. Leider vergaß man, dass „Freiheit ohne Macht nicht möglich sei“; man dachte nicht an ein Heer zur Durchsetzung der Beschlüsse. Die Nationalversammlung wählte lediglich einen Reichsverweser. Das wurde Erzherzog Johann von Österreich. Als Gast des Preußenkönigs beim Jubiläum des Kölner Dombaus 1842 hatte sein Toast gelautet: “Kein Preußen, kein Österreich, ein einiges Deutschland, so fest und frei wie seine Berge!”


Paragraph eins der Grundrechte sollte lauten: “Jeder Deutsche hat das allgemeine deutsche Staatsbürgerrecht.” Doch wer sollte ein Deutscher sein? Man konnte nicht einfach bestimmen: Deutscher ist, wer deutsch spricht. Man hätte dann auch das Elsass und den Großteil der Schweiz, Teile des Baltikums und des Balkans in dieses Deutschland einbeziehen müssen. Andererseits wurde die Eingliederung Nicht-Deutscher keineswegs ausgeschlossen. Ein Prominenter sagte: “Alle, die Deutschland bewohnen, sind Deutsche, wenn sie auch nicht Deutsche von Geburt und Sprache sind.“ Selbst die liberalen Volksvertreter hatten eine Selbstbestimmung nationaler Minderheiten im künftigen Deutschland nicht im Sinn. Der Parlaments-Präsident konstatierte, dass mit Ausnahme Ungarns “in den anderen außerdeutschen Provinzen Österreichs weder Berechtigung noch Bedingung noch Anspruch auf selbständige, nationale Entwicklung besteht.”


Was die französischen Revolutionsheere auf ihre Eroberungszüge gebracht hatte und was die Völker Europas gegen sie zum Aufstand trieb, war jetzt überall, bei Tschechen, Italienern und Ungarn, bei Polen und Dänen, wie bei den Deutschen der alles beherrschende Zeitgeist: Das Zeitalter des Nationalismus war da. Obwohl das Streben nach Verfassung und Volkssouveränität weitergeht, ist seine Kraft größer und weltbewegender. “Die Einführung des Nationalitätsprinzips in die praktische Politik war eine Umwälzung aller Staatsform, und zwar in höchster Potenz, viel mehr als ein einfacher Wechsel zwischen Monarchie und Republik.”


Die Frankfurter Abgeordneten sahen nicht, dass die Welt nicht so war, wie sie sie haben wollten. Einer schrieb später: “Der Sommer 1848 sah uns auf dem Gipfel unseres Idealismus. Dieser Idealismus ... war so berauschend, ... dass er den Aufbau einer wirklich haltbaren Zukunft tief erschweren musste.” Der englische Gesandte aber schrieb nach Hause: „Wir befinden uns hier in einem traurigen Zustand: Eine Kammer, die zugleich verfassunggebend und exekutiv sein will – eine Regierung mit nichts zu regieren. Ein Reichsverweser ohne Reich. Was für eine Kinderei!“ Tatsächlich hatten die Abgeordneten keinen Taler und keinen einzigen Soldaten, um ihre Beschlüsse durchzusetzen. Disraeli, der britische Oppositionsführer, der sein Parlament vor diesen Einigunsbestrebungen warnte – „that dreamy and dangerous nonsense called ‚German nationality‘“ – konnte also unbesorgt sein.


Schon über den Umfang ihres neuen Deutschland gingen die Meinungen quer durch alle Richtungen. Die “Kleindeutschen”, unter denen die rechten Protestanten Preußens dominierten, wollten einen Staatenbund ohne Österreich. Die Führung sollte Preußen übernehmen. Das Kaisertum sollte erblich sein. Dieses “Kleindeutschland” wird Bismarck unter dem zu großen Titel “Deutsches Reich” zusammenschließen.


Gegen den Ausschluss der Deutschen Österreichs aus Deutschland, für die der Zusammenschluss aller deutschen Staaten mit Einschluss Österreichs das Ziel war, kämpften die großdeutschen Föderalisten einen vergeblichen Kampf. Ihr Modell war der schon bestehende Deutsche Bund. Schwierigkeiten bereitete die Reichsspitze. Ein starkes Erbkaisertum, das entweder Preußen oder Österreich hätte zufallen müssen, war ausgeschlossen. Der Wechsel des Präsidiums wäre unbefriedigend gewesen, und ein Wahlkaisertum hätten die beiden Großen kaum hingenommen. Als zusätzliche Hürde erwies sich der Konfessionsgegensatz. “Die große nationalpolitische Alternative, groß- und/oder kleindeutsche Lösung, ist ganz eng mit konfessionellen Orientierungen verbunden, ..., auch wenn das im Parlament nicht gesagt wurde. ... Man versteht die deutsche Revolution nicht, wenn man nicht die Tiefe des Konfessionsgegensatzes und die Tatsache, dass er weiter reichte als Parlament und Parteien, voll in Rechnung stellt. Das blieb eine entscheidende Belastung für eine liberal-demokratische wie für eine nationale Lösung der deutschen Frage.”


Die großdeutschen Republikaner forderten eine zentralistische Republik, die die deutschen Staaten und die deutschen Gebiete der österreichischen Monarchie umfassen sollte. Dieser Plan setzte die Auflösung aller Fürstentümer voraus. Daran war jetzt weniger zu denken als vorher. Die Fürsten hatten sich von ihrem Erschrecken über die März-Unruhen erholt. Sie sahen, dass die Nationalversammlung die politischen Verhältnisse völlig ignorierte und nur an ihrem Wolkenkuckucksheim baute.


In Österreich war am 25. April 1848 eine Verfassung erlassen worden. Bevor jedoch der Reichstag gewählt werden konnte, brachen Unruhen aus. Wieder baute man Barrikaden. In Prag floss Blut. Der dort tagende Slawenkongress mobilisierte gegen den deutschen Reichsgedanken, um den es in Frankfurt ging. Man rief zu Demonstrationen auf. Die Fürstin Windischgrätz, die Frau des Militärbefehlshabers, wurde erschossen. Ihr Mann ließ daraufhin die Stadt beschießen.


In Dänemark reklamieren die nationalistischen “Eiderdänen” Schleswig als zur dänischen Monarchie gehörig. Im Auftrag der Frankfurter Bundesregierung geht Preußen gegen die Dänen vor. Es besetzt Jütland. Das erzeugt internationale Verwicklungen. Der eigenmächtige preußische Waffenstillstand im August 1848 erhitzt die Nationalversammlung, die die Exekution befohlen hatte. Dem Paulskirchenparlament wird damit demonstriert: Während es debattiert, machen die politischen Mächte Politik ohne und sogar gegen diese Legislative.


In Wien entzündet sich der neuerliche Aufstand Anfang Oktober 1848 am Abmarsch eines Bataillons nach dem ebenfalls revoltierenden Ungarn. Der Kriegsminister wird  abgeschlachtet. Der Hof geht in die mährische Bischofsstadt Olmütz. Der Reichstag tagt im Schloss des Bischofs im Städtchen Kremsier.


Inzwischen ist Wien von einer Armee unter Jellacic und einer unter Windischgrätz eingeschlossen. Die Metropole kapitulierte. Als die Truppen die Stadt besetzen wollten, marschierten sie in das Feuer der Aufrührer, die einer Falschmeldung zum Opfer gefallen waren. Wien musste es büßen. Unter den Opfern war der Kölner Robert Blum, Abgeordneter der Nationalversammlung. Die hatte ihn als Beobachter nach Wien geschickt.


Die Wiener Ereignisse beeinflussten die Entwicklung in Berlin. Dort gab es seit März eine Nationalversammlung und einen Verfassungsentwurf. Jetzt plünderte das Volk das Zeughaus. Ministerpräsident war Graf Brandenburg, der außereheliche Sohn Friedrich Wilhelms II. Auch Bismarck hatte zur Diskussion gestanden, doch der König hielt ihn für einen Gewaltmenschen. Die preußische Nationalversammlung sollte in Brandenburg weitertagen. Die Abgeordneten protestierten gegen den Abschiebeversuch. Sofort wird Berlin von Militär besetzt. Die Nationalversammlung wurde aufgelöst und der König “oktroyierte” seinem Volk eine Verfassung. Überrascht berichtete der österreichische Gesandte nach Wien: “Wie ist es möglich, dass die preußische Regierung im Vollbesitz ihrer Macht eine Verfassung gibt, die ... kaum ... hätte liberaler gegeben werden können ...” Wut und Bestürzung bei den Junkern. Sie sollten auf ihren Gütern nun nicht mehr die Gerichtsherren sein.


Im österreichischen Reichstag erstritt der Bauernsohn und Medizinstudent Hans Kudlich die Aufhebung der noch bestehenden Arbeitspflichten der Bauern. Die  Regierung verwirklichte den Parlamentsbeschluss prompt, so dass “nirgends in Europa die Bauernbefreiung so schnell, so kraftvoll, erfolgreich und so gerecht durchgeführt wurde wie in Österreich.” Freilich mussten den Magnaten ihre Rechte abgekauft werden. Die Familie Schwarzenberg etwa, die allein in Böhmen ein Herzogtum von über 600.000 Hektar besaß, konnte dafür 1.870.000 Gulden kassieren.


Diese Familie stellte jetzt den Ministerpräsidenten der k.k. Monarchie. Fürst Felix von Schwarzenberg hatte den Ehrgeiz, Österreich im neuen Deutschland zur Vorherrschaft zu führen. Er wollte die Donaumonarchie zu einem Gesamtstaat verschmelzen. Diesen zentralistischen Staat wollte er an das Gebiet des Deutschen Zollvereins anschließen.


Die Frankfurter Nationalversammlung hatte aber Österreich bereits ausgegrenzt. Ihr Verfassungsentwurf stammte größtenteils von Dahlmann, einst einer der “Göttinger Sieben”, der von Preußen aufgenommen worden war. Er hatte sich als so dankbar erwiesen, dass er von der preußischen Regierung als Vertrauensmann nach Frankfurt geschickt worden war. Er und der Vorsitzende des Verfassungsausschusses, Droysen, der von der Berufung Preußens durchdrungen war und der auch zum Vater der preußisch-kleindeutschen Geschichtsschreibung wurde, brachten die “kleindeutsche” Lösung hoch. Für sie sollte es nicht “das ganze Deutschland” Arndts sein. Die entscheidenden Paragraphen ihrer Reichsverfassung lauteten nämlich: “Das Deutsche Reich besteht aus dem Gebiet des bisherigen Deutschen Bundes. Kein Teil des Deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen Ländern zu einem Staat vereinigt sein. ...” Der Anschluss an dieses Deutschland hätte für Österreich bedeutet, sich in zwei Teile zu zerreißen. Der Rückblick verkleinert allerdings diese Problematik: Nur achtzehn Jahre später wird das von Preußen geschlagene Österreich die Monarchie faktisch teilen müssen.


Was die bewegte, für die es “das ganze Deutschland” sein sollte, sagte Ludwig Uhland: “Aber jetzt soll Österreich von uns losgerissen werden? ... Österreich hat sein Herzblut gemischt in den Mörtel zum Neubau der deutschen Freiheit, Österreich muss mit uns sein und bleiben ... Meine Herren, ... wollen Sie zustimmen, dass anderthalbhundert österreichische Volksvertreter vor Ihren Augen hinweggeführt werden in die Verbannung?”


Am 13. Dezember forderte Schwarzenberg, dass Österreich mit allen Ländern dem neuen Staatenbund angehören müsse. Doch weil Österreich ein Staat mit vielen widerstreitenden Nationen, daher auch mit vielen außerdeutschen Problemen war, wäre Deutschland mit fremden Problemen belastet worden. Preußen dagegen war eine beinahe rein deutsche Macht. Seine Verhältnisse waren denen des übrigen Deutschland ähnlicher, deshalb schien es als Führungsmacht geeigneter. Viele großdeutsch gesinnte Abgeordnete gerieten in einen Entscheidungsnotstand, der sie schließlich zur Zustimmung für Kleindeutschland drängte: „Ich wünsche sehnlichst das Gegenteil, aber besser ein kleines Deutschland als keines.“ Mit 261 gegen 224 Stimmen siegte daher “Deutschland über die undeutschen Tendenzen Österreichs”, giftete Droysen. Obwohl „die Paulskirche” sonst nicht viel bewegt hat, diese folgenschwere deutsche Teilung hat sie initiiert. „Weil das Kleindeutsche am Ende über das Großdeutsche siegte, haftete ihm von Anfang an … das Problem der Unvollendetheit als dauerhafte Bürde an. Wie ein langer Schatten begleitete die existentielle Frage nach Maß und Ziel, nach Grenzen und Gestalt den deutschen Nationalstaat.“ Wie wichtig diese Entscheidung war, zeigt die Langlebigkeit des großdeutschen Gedankens. Er wird die politische Szene nicht nur 1866 , sondern auch nach dem Ersten Weltkrieg und besonders laut 1938 auf dem Wiener Heldenplatz beim “Anschluss” Österreichs beherrschen.


Mit der Festlegung auf “Kleindeutschland” und damit für Preußen ging die Bedeutung der Nationalversammlung sofort zurück. Doch das dort Diskutierte blieb bei nicht wenigen unvergessen. Seit Jahresbeginn 1849 verhandelten jedoch die deutschen Staaten miteinander über eine Revision der Bundesverfassung. Sie kümmerten sich dabei keinen Deut mehr um die Nationalversammlung und ihre Reichsverfassung.

Österreich brauchte einen neuen Kaiser. Der beinahe schwachsinnige Ferdinand, vom Volk „Nandl, der Trottel“ geheißen, galt zwar als Volksfreund, tatsächlich aber wurde die Regierung von einem Kollegium ausgeübt. Die Wiener Schandmäuler ulkten: Das Kaiserreich würde von dreißig Personen regiert: von Erzherzog Ludwig, Metternich, Innenminister Kolowrat und einer Null – dem Kaiser. Den rettenden Einfall hatte Erzherzogin Sophie. Ihre Initiative machte ihren Sohn zum Kaiser. Der achtzehnjährige brave, rücksichtsvolle, pflicht- und dynastiebewusste, mutterorientierte, weder übermäßig temperament- noch geistvolle Erzherzog wurde Kaiser der Donaumonarchie, um deren Existenz in Ungarn und in Italien gekämpft wurde. Seinem Vornamen Franz wurde der des “Volkskaisers” Joseph angehängt. Das sollte ein Signal für die Liberalen sein. Dieser Kaiser hat fast bis zum Zerbrechen der Habsburgermonarchie versucht, zwischen vorwärtsdrängenden und konservierenden Kräften die Mitte zu halten.


Die Verwirklichung des Kremsierer Verfassungsentwurfs hätte die Donaumonarchie zum fortschrittlichsten Staat Europas gemacht. Ein Programm für eine neue Zeit war schon der erste Paragraph: “Alle Staatsgewalten gehen vom Volk aus ...” Außerdem: “Adelsbezeichnungen jeglicher Art dürfen vom Staat weder verliehen noch anerkannt werden.” Das Fortschrittskonzept fiel jedoch der Aktenverbrennung zum Opfer.


Nachdem der alte Feldmarschall Radetzky im Sommer 1848 in Italien gesiegt hatte, empfand es Österreich als Zumutung, dass die Frankfurter Nationalversammlung den Preußenkönig zum Erbkaiser des neuen Deutschland wählte. Es beorderte seine Abgeordneten zurück. Das kleinere, von ihm verachtete “Tagelöhner-Parlament” bemühte sich im April 1849, dem Preußenkönig die Kaiserkrone anzudienen. Die Abgeordneten mussten es tun, obwohl sie seine Meinung kannten, dass es nur seinesgleichen zustehe, die Kaiserkrone zu vergeben, “aber keiner sogenannten Nationalversammlung, denn die kann nur eine neugebackene Revolutionskrone bieten, ... geknetet aus Dreck und Letten der Treulosigkeit, des Eidbruchs und des Hochverrats.”

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