1848 - 1868 1858-1859

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Im Juli 1858 trafen sie sich in einem kleinen Vogesen-Badeort. Napoleon wollte Nizza und Savoyen für die Beteiligung von 200.000 französischen Soldaten am Krieg gegen Österreich. Er versprach ihm dafür die Vergrößerung von Sardinien-Piemont um die Lombardei und Venetien. Von Napoleon fuhr Cavour nach Baden-Baden. Er plauderte dort über seinen mit Napoleon besprochenen Aktionsplan. Bald wusste jede Regierung in Europa, dass es Krieg geben würde. England signalisierte Wohlwollen für die italienische Aktion und das nun österreichfeindliche Russland wollte Österreich in seine Schranken weisen. Im April 1859 schickte Wien ein Ultimatum an Piemont, das die Abrüstung forderte. Turin lehnte ab. Der Krieg begann. Frankreichs Rüstungen waren noch nicht beendet. Eine durchgehende Bahnlinie gab es noch nicht. Truppen und Nachschub mussten über den Mont Cenis.

Normalerweise wären sie zu spät gekommen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die Italiener ihre frühe Einheit weniger Cavour und Napoleon als der Unfähigkeit des österreichischen Oberkommandierenden zu verdanken haben. Bei Magenta kommt es zur Schlacht. Der österreichische Feldherr gibt sie verloren und die ganze Lombardei preis.


Die Katastrophe trieb den jungen Kaiser Franz Joseph zu seiner Armee. In brütender Juni-Hitze trifft man bei Solferino südlich des Gardasees auf die französisch-piemontesische Armee. Die Schlacht war blutig: 30.000 Tote! Es spricht für Franz Joseph, dass er die Schlacht abbrechen ließ. Zeuge des Gemetzels war der Schweizer Henri Dunant. In Erinnerung daran gründete er das Rote Kreuz. Fünf Jahre nach Solferino wurde die Genfer Konvention zum Schutz der Verwundeten, der Kriegsgefangenen und der Zivilbevölkerung geschlossen.


Wenige Tage nach dieser Schlacht beendet der Kaiser den Krieg in persönlicher Aussprache mit Napoleon. Immer mehr italienische Kleinstaaten schließen sich an Piemont-Sardinien an. Garibaldi, Revolutionär von 1834, der nach Südamerika geflohen war, dort keinen Bürgerkrieg ausgelassen hatte und von der südbrasilianischen Republik Rio Grande mit einem Kaperbrief ausgestattet worden war, besetzt mit seinen “Tausend” ("Rothemden"; H.D.) Sizilien.


In Bayern, Württemberg, in Baden und im Rheinland forderte man den Kriegseintritt auf seiten Österreichs, um “den Rhein am Po zu verteidigen”. Friedrich Engels schrieb: “Ob Österreich in Italien recht oder unrecht, ob Italien Anspruch auf Unabhängigkeit habe, ... war ihr (der in Deutschland aufbrandenden Volksbewegung; H.D.) völlig gleichgültig.

Einer von uns wurde angegriffen, und zwar von einem Dritten, der mit Italien nichts zu schaffen, aber desto mehr Interesse an der Eroberung des linken Rheinufers hatte - und diesem gegenüber ...müssen wir alle zusammenstehen. Das fühlte der Volksinstinkt, und er hatte recht.”


Österreich ist besiegt. Das hat Folgen: Der Nationalismus der Ungarn, Tschechen, Kroaten und Slowenen meldet seine Forderungen an. Kaiser Franz Joseph beklagte sich in einem Manifest an seine Völker, dass sich seine “ältesten und natürlichsten Bundesgenossen hartnäckig der Erkenntnis verschlossen hatten, welche die große Frage in sich schloss.” Preußen war nämlich sofort um Beistand gebeten worden, hatte aber zu hohe Zugeständnisse gefordert. Bismarck hatte an den späteren Generaladjutanten des Königs geschrieben: “Die gegenwärtige Lage hat wieder einmal das große Los für uns im Topf, falls wir ... mit unseren ganzen Armeen nach Süden aufbrechen, die Grenzpfähle mitnehmen und sie entweder am Bodensee oder da, wo das protestantische Bekenntnis aufhört vorzuwiegen, wieder einschlagen.”


Der Krieg in Italien hatte bewiesen, dass der Deutsche Bund zu existieren aufhörte, sobald die Interessen der beiden größten Staaten auseinandergingen. Der alte Metternich sieht die Zukunft klar: “Österreich und Preußen - die beiden deutschen Großmächte - werden um die Vorherrschaft ringen müssen, und Österreich muss unterliegen. Aber wenig später muss Deutschland mit Frankreich um die Vorherrschaft auf dem Kontinent kämpfen und siegen. Deutschlands Aufstieg kann aber nur wenige Jahrzehnte dauern - ein Weltkrieg wird aller Herrlichkeit ein Ende machen, eine Weltrevolution wird auf dem Fuße folgen ... dann gute Nacht, Europa!”


Die Vorstellungen der Menschen waren noch in Vielem mittelalterlich. Noch immer glaubten selbst naturwissenschaftliche Koryphäen, Frösche würden sich aus dem Flussschlamm, Mäuse aus Mehl und Schmutz “spontan”, von selbst, bilden. Der Nachweis des Italieners Redi, dass die Maden im faulenden Fleisch aus Eiern kommen, die die Fliegen dort ablegen, war genausowenig ins allgemeine Bewusstsein gedrungen wie die Beweise, dass Hefe die Gärung, Essigbakterien den Essig erzeugen. Selbst die Chemie-Autorität der Zeit, Justus von Liebig, vom Bayernkönig nach München berufen und geadelt, konnte so etwas nur lächerlich finden. Ein epochales Werk, das wie kaum ein anderes Biologie, aber auch Religion, Soziologie und Politik bewegen wird, erscheint 1859: “On the origin of species by means of natural selection, ...” Den Autor Charles Darwin bejubelten seine Anhänger als “Kopernikus der organischen Welt”. Für manche jedoch hat das Mittelalter bis heute noch nicht aufgehört. "Nach einem guten Jahrhundert wissenschaftlicher Erkenntnis über das Alter des Lebens und das noch höhere Alter der Erde glaubt mehr als die Hälfte  unserer (amerikanischen, H. D.) Nachbarn, dass der gesamte Kosmos vor 6.000 Jahren geschaffen worden sei - also 1.000 Jahre nachdem die Sumerer den Klebstoff erfunden hatten."* Das macht begreiflich, dass die Amerikaner und der von ihnen gewählte Präsident (Bush, H. D.) "keinen Zweifel daran haben, dass Dinosaurier, Termiten und Blauwale paarweise auf Noas Arche lebten."*


Hatte Darwin seine Einsichten auf einer Weltreise gewonnen, wurde der enge Klostergarten des Augustiner-Chorherrenstifts der mährischen Hauptstadt Brünn zum Geburtsort einer Wissenschaft, die heute nicht nur tragende Säule der Biologie ist und epochale Fortschritte zur Verhütung vieler Krankheiten verspricht, sondern auch durch Missdeutungen und Entstellungen Ideologie-Geschichte machte: 1865 begründete Abt Gregor Mendel die Vererbungswissenschaft, die Genetik.


Die Bürger waren vollauf mit Soll und Haben beschäftigt. Der Lebensstil derer, die es sich leisten konnten, war neureich protzig. Die Frau spielt die schöne Helena. Sie rauscht in Seide, Taft und Tüll einher, in einem ausladenden Reifrock, der mit Volants, Rüschen und Spitzen besetzt ist und von Stahlfedern in Form gehalten wird. Der situierte Bürger schwitzt in seinem Bratenrock, unter dem Zylinder oder der “Melone”. Hinzugekommen ist der revolutionäre Schlapphut. Der Bart, dieses “Geschlechtszeichen mitten im Gesicht”, wie Schopenhauer  miest, ist als napoleonischer Knebelbart oder als “Kaiserbart” zu bewundern, wie Franz Joseph und Wilhelm ihn tragen. Diese Gesellschaft ist hingerissen von den Melodien des Kölner Jacques Offenbach, tanzt Galopp und Cancan. Von Wien, wo Lanner und Johann Strauß Vater und Sohn aufspielen, breitet sich der Walzer-Rausch aus.


Auf glänzenden Bällen tanzen konnten freilich nur wenige. 1850 waren 96 Prozent der Einwohner Preußens unbemittelt oder arm, 72 Prozent ganz arm. Die landwirtschaftende Bevölkerung setzte sich zusammen aus 902.801 Besitzern und 1.863.909 Besitzlosen. Bei den städtischen Gewerben soll es 991.839 Besitzende und 1.016.569 Besitzlose gegeben haben. Die meisten Landbesitzer waren hoch verschuldet. Das “preußische Ablösegesetz” hatte zwar die Feudalabgaben und Dienstleistungen der Kleinbauern abgeschafft, aber es forderte dafür das 18- bis 20-fache des Jahreswertes dieser Leistungen. Anders als in Österreich, wo der Staat den größten Teil der Ablösung zahlte, mussten die preußischen Kleinbauern ihren Rittergutsbesitzern den Besitz überschreiben, wenn sie nicht zahlen konnten. Wer es konnte, ermöglichte den Junkern die Entschuldung heruntergewirtschafteter Betriebe oder sogar eine Werterhöhung durch den Bau von Mühlen, Sägewerken, Brennereien oder Zuckerfabriken. In Mecklenburg blieb das Prügeln noch gesetzlich geschützte Gutsherrenart. Und Großbritannien hat sogar erst 1986 auf die Prügelstrafe verzichtet.


Preußens Metropole wuchs. “Aus einem steifen Paradeplatz hat es sich (Berlin) in das geschäftige Zentrum des deutschen Maschinenbaus verwandelt”, schrieb Karl Marx. Viele drängen in die Hauptstadt, weil ihnen ihr pommersches oder schlesisches Dorf nur ein Hungerleben bieten kann. Auch 16.000 Polen kommen in die Stadt, die ab 1840 in nicht einmal dreißig Jahren von etwa 300.000 Einwohnern auf rund eine Million anwächst. Das Hamburg von 1851 mit seinen 175.000 Einwohnern wächst bis 1872 auf 300.000. 1890 leben dort 500.000 und 1899 700.000 Menschen, wobei Altona, Harburg und Wandsbeck noch nicht dazugehören. Die Einwohnerzahlen stiegen durch die ständige Zuwanderung: Die Stadtbevölkerung, die an den katastrophalen Hygieneverhältnissen und den daraus hervorbrechenden Seuchen starb, wurde aus dem Umland mehr als aufgefüllt. Ein starkes Industriewachstum gibt es im Ruhrgebiet. Die neuen Industrien, die aus dem Boden schossen, zogen gewaltige “Völkerwanderungen” an.


Die Not drängte in unfruchtbaren Gegenden viele zur Auswanderung, meist in die USA. Ihr Transport auf den Auswandererschiffen war katastrophal. Ein New Yorker Untersuchungsausschuss fand: “Es scheint, dass persönliche Rücksichten die Hamburger Behörden an einer tatkräftigen Aufsicht über die Auswandererschiffe hindern ... In einer wahren Hölle waren 150 Personen 70 Tage eingepfercht, ... Der Schmutz von dem oberen Raum floss herunter in den Menschenstall, in dem es kein Tier lange ausgehalten hätte.

... Es war also kein Wunder, dass ein Fünftel der Auswanderer an Typhus zugrundeging.” Viele noch Ärmere wandern ein. Allein in die preußischen Gebiete westlich der Elbe fast 200.000 Polen, die meisten in den Bergbau an der Ruhr. Antek-und-Frantek-Witze und polnischer Gottesdienst erinnerten noch bis in die letzte Nachkriegszeit daran. Der Bauboom und der Eisenbahnbau locken gleichfalls. 70.000 Italiener und 200.000 Slowenen, Slowaken und Tschechen kamen und blieben.


Sie und ihre deutschen Klassegenossen hatten mindestens 12 Stunden täglich schwer zu arbeiten. Das proletarische Hungerleben war nur kurz: bei Fabrikarbeitern 43,5, bei Schneidern 32,7 und bei Webern durchschnittlich 31,7 Jahre. Das frühe Sterben hatte zwei Ursachen: den Arbeitsunfall und die Tuberkulose. Von den Berliner Zimmerleuten starben 20,7 Prozent durch Unfälle, 23,3 Prozent durch Tuberkulose. Bei den Maurern stürzten 13,3 Prozent zu Tode, starben 37,0 Prozent an Tuberkulose. Von den Schneidern und Webern starben 60,3 und 70,9 Prozent an der “weißen Pest”. War die Syphilis d i e Krankheit des 16. Jahrhunderts gewesen, war die Tuberkulose die des 19. Jahrhunderts.


Diese Proletarier hatten wirklich nichts zu verlieren als ihre Ketten. Deshalb rief Karl Marx ihnen zu: “Proletarier aller Länder vereinigt Euch!.” Die Besitzenden beherrschten durch ihren Besitz die Besitzlosen. Wenige Reiche konnten die gleiche Zahl an Abgeordneten ins Parlament schicken wie eine riesige Zahl von Armen. Die praktisch nicht vorhandene parlamentarische Vertretung der Mehrzahl der Bevölkerung hielt sich in Preußen bis 1918.


Die es sich leisten können, interessieren sich jetzt auch für schöne Gegenden. Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Sissi bestaunen 1856 den Pasterzengletscher, während im Stubaital die letzten Bären geschossen werden. 1863 gräbt Heinrich Schliemann, durch Kriegsgeschäfte reich geworden, das Troja der alten Griechen aus. Der Triumph des Autodidakten über alle Fachgelehrten bewirkte, dass man alte Sagen und Dichtungen nicht mehr nur als Märchen bewertete. Seine Tat gab der Archäologie einen mächtigen Schub.

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