1870 - 1890 1870

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König Wilhelm von Preußen war im Sommer 1870 in Bad Ems zur Kur. Dort wurde er vom französischen Botschafter Graf Benedetti ersucht, dem Prinzen die Annahme der spanischen Krone zu verbieten. Wilhelm antwortete ihm, dass er seine Autorität nicht missbrauchen wolle, um den Prinzen Leopold zum Widerruf seiner Zusage zu drängen. Wenn er aber widerriefe, würde er diesen Entschluss billigen. Drei Tage später gab der Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen den Thronverzicht seines Sohnes bekannt. Dieser wünsche nicht, “Deutschland in einen Krieg zu stürzen und Spanien einen blutigen Kampf als Mitgift zu bringen.” “Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen”, schrieb Wilhelm seiner Frau. Doch in der französischen Presse herrschte Wut, weil “Preußen kneift”. Ganz Frankreich schrie: “À Berlin, à Berlin!” - nach Berlin, nach Berlin!


Der Thronverzicht des Sigmaringer Prinzen stellte jetzt in Frankreich niemanden mehr zufrieden. Deshalb schickt der Außenminister seinen Botschafter ein zweites Mal zum preußischen König: Der König solle Frankreich zusichern, dass er sich dem Thronverzicht anschließe und dass er diese Kandidatur nie wieder zulassen werde. Fast bittend macht der König dem Vertreter Frankreichs klar, dass man Unmögliches verlange. Den Hergang schildert die Depesche, die der Geheimrat, der den König begleitete, an Bismarck schickt. Bismarck lässt ihren Text verschärfen und diese “Emser Depesche” in der Presse veröffentlichen:


“Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlichen französischen Regierung von der königlich-spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der französische Botschafter in Ems an Seine Majestät den König noch die Forderung gestellt, ihn zu autorisieren, dass er nach Paris telegraphiere, dass seine Majestät der König sich für alle Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen, und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, dass Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter mitzuteilen habe.”


Als dies König Wilhelm am nächsten Tag in der Zeitung las, war er bestürzt: “Das ist der Krieg!” In Frankreich war man gleicher Meinung. Dabei kannte das französische Parlament, das am 15. Juli die Mobilmachung beschloss, den genauen Wortlaut der ursprünglichen Depesche noch gar nicht. Der Außenminister hatte auch verschwiegen, dass König Wilhelm in einem weiteren Gespräch Verhandlungsbereitschaft signalisiert hatte.


“Die Ursache des Krieges”, so der britische Gesandte, “ist die Volksstimmung.” Selbst Intellektuelle wie Victor Hugo  hatten den Verstand verloren: “Die Straßen der Städte sollen den Feind verschlingen, die Fenster sich wütend öffnen ..., die Gräber schreien.” Die Königin wollte den Krieg für ihren Sohn; sein Thron sollte durch den Sieg über Deutschland fester und höher stehen. Eine Zeitung versprach, die Soldaten würden “Wagen voller Frauen” aus Deutschland nach Paris bringen. Natürlich wollte ihn auch das Offizierskorps, das das neue Chassepotgewehr und die Mitrailleuse, eine Vorform des Maschinengewehrs, ausprobieren und selbstverständlich gloire, gloire und nochmals gloire wollte.


In Deutschland wollte den Krieg niemand außer Bismarck. Er hatte schon 1869 geschrieben: “Dass die deutsche Einheit durch gewaltsame Ereignisse gefördert werden würde, ….” Als dann am 19. Juli Napoleon III. dem Norddeutschen Bund den Krieg erklärte, war das für Deutschland der erste Nationalkrieg. Über Nacht bekam Bismarck aus allen Kreisen ganz Deutschlands und auch Österreichs begeisterte Gefolgschaft gegen den “Kriegstreiber” Frankreich. Die Deutschen waren empört, weil sich das Nachbarvolk nicht nur in deutsche Angelegenheiten gemischt, sondern auch deutschen Besitz gefordert hatte. Marx schrieb an Engels: “Franzosen brauchen Prügel!”


Napoleon rechnete nicht nur mit dem Beistand des gedemütigten Österreich, er setzte auch auf die Sympathie der süddeutschen Waffengefährten von einst. Deshalb sollte eine große Rheinarmee in raschem Vorstoß über den Schwarzwald Süd- von Norddeutschland trennen. Für alle Franzosen stand fest, dass der Krieg nur auf deutschem Boden stattfinden würde. Deshalb hatten nicht einmal die Stäbe Landkarten Frankreichs, und die französischen Festungen waren nicht verteidigungsbereit. Schon die Mobilmachung war ein Chaos. Marschall Canrobert: “Wir hoben Rekruten in Dünkirchen aus, schickten sie zur Einkleidung nach Perpignan oder gar nach Algerien, um sie von dort zu ihren Einheiten nach Straßburg in Marsch zu setzen.”


Bei den Preußen und ihren Bundestruppen lief alles nach Moltkes Aufmarschplan ab. Die Truppentransportzüge rollten mit durchschnittlich 22,5 km/h Richtung Westen. Die “Wacht am Rhein” wurde mit Überzeugung gesungen.


Am 2. August überschritten die deutschen Truppen die Grenze. Am ersten Tag fiel Weißenburg im Elsass, einen Tag danach siegten sie bei Wörth. Am folgenden Tag wurden die stark befestigten Spicherer Höhen bei Saarbrücken gestürmt. Die Deutschen lieferten den Franzosen bei Vionville-Mars la Tour und bei Gravelotte-Saint Privat große Schlachten.

Die Armee Mac Mahon wurde nach Sedan hineingetrieben. Sein Stellvertreter vermutete richtig: “Wir sitzen hier in einem Nachttopf, in den man uns von allen Seiten hereinscheißen wird.” Noch keine eineinhalb Monate nach Kriegsbeginn musste diese Armee mitsamt dem Kaiser kapitulieren. Er wurde nach Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel in die Gefangenschaft gebracht. Seine Franzosen hatten ihn sofort abgesetzt. Der “Sedantag”, der 2. September, wurde in Preußen zu einer Art Staatsfeiertag.


Nach Abzug späterer Hurra-Legenden erweist sich, dass dieser Sieg den Preußen nur teilweise, größtenteils vielmehr der französischen Kaiserin zu verdanken war. Sie bestand auf getrenntem Operieren der beiden Armeen. Auch sonst lief vieles nicht nach Moltkes Plan. In ihrer “Immer-feste-druff”-Mentalität vergaßen viele Generäle die Generalstabsweisungen. Auch das Kriegsglück war parteiisch: Als Preußens Kronprinz die Fühlung mit der abziehenden Mac-Mahon-Armee verlor, fand er sie in der TIMES wieder.

Die hatte die Pariser TEMPS zitiert: Mac Mahon sei durch die Argonnen nach Sedan marschiert. Am 27. September kapitulierte Straßburg und einen Monat später auch Metz. Allein hier ergaben sich drei Marschälle und 84.000 Mann, fast so viele wie Deutsche in Stalingrad im Zweiten Weltkrieg. Frankreich hatte keine reguläre Feldarmee mehr.


Inzwischen hatte  Frankreich eine “Regierung der nationalen Verteidigung”. Mit Durchhalteparolen wie “Krieg bis aufs Äußerste” wurden die eingeleiteten Friedensverhandlungen zum Scheitern gebracht. Der Innenminister Gambetta flog mit einem Luftballon aus Paris aus und organisierte den Volkskrieg. 800.000 Mann soll er mobilisiert haben. Sie verlangten den Deutschen noch zwölf große Schlachten ab, bevor es Frieden gab.- Während der alte Garibaldi mit gegen die Deutschen kämpfte, verschafften deren Siege seinen Italienern nun endgültig den Nationalstaat; Frankreich zog seine Soldaten aus dem Kirchenstaat ab.


Die Prostituierten hatte man zum Uniformnähen in Arbeitshäuser gesteckt. Im Bois de Boulogne  grasten 250.000 Schafe und 40.000 Ochsen. Sie verminderten sich schnell, als Paris eingeschlossen wurde. Im deutschen Hauptquartier gab es zwei Parteien: Die eine, die “Schießer”, war für Beschießung, die andere, die “Scheißer”, war für Aushungern.

Ihre Anhänger meinten, man könne das “Mekka der Zivilisation” nicht beschießen. Als man dann doch damit begann, hatten die Pariser die Pferde, Hunde und Katzen bereits dezimiert. Das deutsche “Große Hauptquartier “ in Versailles wollte ein Erfinder mit einem tonnenschweren Hammer zermalmen, der an einem Ballon niederkommen sollte. Die noch nicht aufgegessenen Löwen, Tiger und Panther sollten auf die Deutschen losgelassen werden. Ein anderer Plan sah vor, die Deutschen mit Pocken-Erregern zu bombardieren.

Durchaus ernst zu nehmen war ein öffentlicher "Aufruf zur Spendenzeichnung zwecks Stiftung von Geldpreisen für den - oder diejenigen -, welche den feindlichen König und (oder) seinen Kanzler und (oder) dessen Armeeführer tödlich verwunden." Das wäre fast gelungen: Ein als Koch getarnter Attentäter hätte beinahe die illustre Festgesellschaft bei einem glanzvollen Diner ermordet.

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