1870 - 1890 1871

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Unter den Belagerten befanden sich 360.000 – freiwillige - Nationalgardisten. Sie wurden zu Sturmtruppen der „Kommune“ . Ihr Aufstand entzündete sich an 200 Kanonen, die sie auf den Montmartre geschleppt hatten. Die reguläre Armee sollte sie wieder herunterholen. Deshalb wurden zwei Generäle vom erzürnten Mob erschossen. Bürgermeister Clemenceau: "Dann beobachtete ich jenes pathologische Phänomen, das man Blutrausch nennt.” Es waren Arbeiter und Arme, Künstler und Kleinbürger, die sich im Protest gegen die Niederlage, aber auch gegen ihre eigene Misere vereinigt hatten. Mit dem Kommunismus des Karl Marx hatte das nichts zu tun. Diese Kommune verbot Glücksspiele, proklamierte die Trennung von Staat und Kirche, kürzte die Beamtengehälter und erklärte: “Das Konkubinat ist ein soziales Dogma.”


Als die französische Regierungs-Armee in die Stadt eindrang, brannten rote “Petroleusen” - mit Petroleum - die Repräsentationsgebäude nieder, der Erzbischof und vier Pfarrer wurden erschossen. Das sprichwörtliche “letzte Gefecht” fand am 28. Mai auf dem Friedhof Père-Lachaise statt. “Noch nie hat Paris eine solche Gelegenheit gehabt, sich selber vom moralischen Aussatz zu heilen”, lobte der FIGARO. Die einwöchige “Heilung” bestand in etwa 25.000 Hinrichtungen. Der Aufstand war eine rein französische Angelegenheit.

Marx und Lenin haben der Kommune angekreidet, sie hätten die Rothschild-Bank, die sich mit 1,05 Millionen Franc von der Erstürmung losgekauft hatte, trotzdem plündern sollen. Mit den dortigen zwei Milliarden Franc hätten sie die Regierung zwingen können, mit den Roten Frieden zu machen.


Obwohl der preußische Generalstab viel mehr wollte und obwohl Frankreichs Außenminister Favre zu den Verhandlungen leidend bleich geschminkt erschien, verlangte Bismarck im Frieden von Frankfurt nur das Elsass und etwa ein Fünftel   Lothringens.


Deutschland holt jetzt das nach, was die anderen großen Völker Europas längst erreicht haben: die nationale Einheit - zumindest der meisten Deutschen. Nachdem das erste Reich durch den ersten Napoleon zerstört worden war, bot der gemeinsame Krieg gegen den dritten die Möglichkeit, auch noch Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt in den Norddeutschen Bund zu ziehen. Dafür musste man ihnen Sonderrechte einräumen. Bayern durfte sogar seine Post und Eisenbahn, die Bier- und Branntweinsteuer sowie das eigene Heer behalten. Es durfte auch eigene Gesandtschaften im Ausland betreiben. Deshalb wurde Deutschland kein Einheitsstaat, sondern ein Staatenbund.


Vor der Reichsgründung gab es “noch a Durcheinand”, so der bayerische Oberstallmeister Graf Holnstein. Der schwermütige Bayern-”Kini” Ludwig II. schwankte nämlich “in chaotischer Unentschiedenheit”, ob er die Souveränitätsrechte seiner Dynastie aufgeben solle. Mit den Schlossbauten Linderhof, Herrenchiemsee und Neuschwanstein und der Finanzierung Richard Wagners hatte er sein Land in den Bankrott gestürzt. Da es auch für König Wilhelm undenkbar war, die Kaiserkrone aus Parlamentarierhänden anzunehmen, war man auf den ranghöchsten Fürsten angewiesen. Bismarck wollte, dass der “Märchenkönig” seinen preußischen Vetter namens aller deutschen Fürsten ersuchen sollte, die Kaiserkrone anzunehmen. Um ihn zu ködern, lobhudelte er grotesk. Sein Brief begann mit “Allerdurchlauchtigster Großmächtiger König!” und endete mit “In tiefer Ehrfurcht ersterbe ich Euer Majestät untertänigster treugehorsamster Diener v. Bismarck.” Mit diesem Brief und dem von Bismarck aufgesetzten Entwurf eines Bittbriefes an den Preußenkönig sowie mit der Zusicherung von 5,2 Millionen Goldmark aus Bismarcks “Reptilienfonds”  reiste Graf Holnstein nach Hohenschwangau zu Ludwig. Der schrieb dann auch das von Bismarck verfasste “Kaiser-Billet”, und Holnstein, mit zehn Prozent an der “großartigen Schmiererei” beteiligt, requirierte eine Lokomotive, um den Brief noch rechtzeitig in Versailles abzuliefern.


Die Zeit drängte. Russland und England wurden neidisch und Italien hatte längst vergessen, dass es seine Einheit Preußen verdankte. Ebenso wichtig war, dass das Gefühl der Einheit nach diesen Siegen alle Deutschen beseelte. Schwierigkeiten machte Bismarcks “allergnädigster Herr ... in der sehr einfachen Kaiserfrage”. Er wollte  gar kein gemeinsames Reich. Als er einsah, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten war und er an die Spitze gestellt werden musste, wollte er “Kaiser von Deutschland” sein. Damit wäre aber ein Anspruch auf nicht-preußische Gebiete angemeldet worden. Möglich gewesen wäre “Kaiser der Deutschen”. Napoleon war “Kaiser der Franzosen” gewesen. Das hätte bedeutet, dass das Kaisertum vom Volk vergeben würde. Das aber lehnte Wilhelm ab. Bismarck konnte ihm daher nur den Titel “Deutscher Kaiser” anbieten. Am Vorabend jammert Wilhelm: “Morgen ist der unglücklichste Tag meines Lebens, morgen tragen wir das preußische Königtum zu Grabe ...” Während sich Österreichs Kaiser als deutscher Fürst fühlt, bedeutet Wilhelm Deutschland fast nichts, Preußen alles. Selbst der Stockpreuße Bismarck nannte seinen Herrn denn auch den "unbelehrbarsten Particularisten von allen."


Am 18. Januar 1871 wurde Paris noch beschossen und die französische Ost-Armee musste erst niedergekämpft werden. Doch Zeit und Ort waren bewusst gewählt. Der Sieger Preußen, emporgekommen aus dem Gemengsel der Kleinstaaten, denen der Erbauer des Versailler Prunkschlosses nach dem “teutschen Krieg” 1648 gnädig ihre Existenz garantiert hatte, dieser Sieger triumphiert hier über Frankreich und gründet obendrein sein neues Reich.


Die Repräsentiergesellschaft wurde in Öl festgehalten: Die deutschen Fürsten - die Könige waren nicht gekommen -, die kommandierenden Generäle, Abordnungen von sechzig Eliteregimentern, alle im Schmuck ihrer ordenüberkrusteten Paradeuniformen. Auf einem Podium Wilhelm, zu seinen Füßen Moltke und Bismarck. Nach der Predigt des Divisionspfarrers Rogge verliest Bismarck die Proklamation für den künftigen Kaiser: “ ... bekunden hiermit, dass Wir es als eine Pflicht gegen das gemeinsame Vaterland betrachtet haben, diesem Rufe der verbündeten deutschen Fürsten und Städte Folge zu leisten und die Deutsche Kaiserwürde anzunehmen. ... und hoffen zu Gott, dass es der deutschen Nation gegeben sein werde, unter dem Wahrzeichen ihrer alten Herrlichkeit das Vaterland einer segensreichen Zukunft entgegenzuführen.”  Darauf ruft der Großherzog von Baden: “Seine Kaiserliche und Königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch, hoch, hoch!”


Für den Briten Disraeli  war die Vereinigung der deutschen Länder bedeutsamer als die Französische Revolution. Das neue preußisch-deutsche Reich erregte vor allem bei Russland und Österreich Misstrauen. Die zehn Millionen Deutschen Österreichs wollten sich mit ihrer Aussperrung aus dem Bund der 41 Millionen “Reichsdeutschen” nicht abfinden. “Das Deutschland des Bismarckschen Kaiserreiches von 1871 verwandelte sich deshalb für sie im Laufe der folgenden Jahrzehnte zur verschwiegen geliebten, verschwiegen ersehnten wahren nationalen Heimat.” Deshalb wird sie ein Österreicher für “ein Volk, ein Reich” und für den “Anschluss” an das Bismarck-Reich begeistern können.- Viele Bünde und Vereine wirkten in Österreich im großdeutschen Sinne weiter, Studentenverbindungen und Akademikervereinigungen nährten den Traum vom größeren Reich. Dazu hätte die Donaumonarchie von der Landkarte verschwinden müssen. Der Drang vieler Deutschösterreicher zur Vereinigung mit dem größeren Teil der Deutschen war ja auch eine der Ursachen der Neutralität Österreichs im deutsch-französischen Krieg gewesen.


Kaiser Wilhelm gab ebenso wie Bismarck dem neuen Deutschen Reich alsbald den Charakter eines evangelischen Reiches. Der neue Kaiser sah es als seine Aufgabe an, "die Reformation zu vollenden." Für das neue Reich gehörte dazu auch die Gleichsetzung von deutsch mit protestantisch. Katholisch war undeutsch.


Alle Sieger von 1870/71 wurden beschenkt. Bismarck wird Fürst und erhält, nachdem er schon nach dem Sechswochenkrieg gegen Dänemark mit einem riesigen Besitz belohnt worden war, den Sachsenwald bei Hamburg, 27.665 Morgen, aber nicht nur Wald. Heute wird der Besitz auf über zwei Milliarden Euro geschätzt.


Das Deutsche Reich hatte von Frankreich als Reparationszahlungen vier Milliarden Mark erhalten. Ausgehandelt hatten dies der Bismarck-Bankier Bleichröder und Graf, darauf Fürst, Henckel von Donnersmarck. Die Goldwogen, die in schwer bewachten Zügen aus Frankreich anrollten, bescherten Deutschland die “Gründerzeit”. Eine Milliarde diente der Tilgung der Kriegsschulden, eine halbe Milliarde bekamen die Bundesstaaten, 561 Millionen Mark gab man Invaliden und Hinterbliebenen, eineinviertel Milliarden wurden zur Behebung von Kriegsschäden und für die Armee reserviert und 120 Millionen wurden in den Juliusturm der Spandauer Festung eingelegt als “Reichskriegsschatz” für den nächsten Krieg.


Schon vor dem Krieg hatten Handel und Industriewachstum kräftig zugelegt. Auch in Österreich prosperierte die Wirtschaft, nahm der Wohlstand zu, baute man im protzigen Wiener “Ringstraßen-Stil". In Deutschland quollen die Banken über vom Gold. Das französische Geld wurde zu hastig in den Geldkreislauf gebracht. Verschlimmert wurde die Entwicklung durch das neue Aktiengesetz. Jetzt konnte jeder ein Unternehmen gründen und seine Aktien an der Börse verkaufen. Um einen “schnellen Taler” zu machen, verwandelten viele ihren Besitz in eine AG, machten sich selbst zu teuren Direktoren und gaben so viele Aktien aus, dass das Grundkapital viel höher war als der tatsächliche Wert des Unternehmens.


Berlin war die am schnellsten wachsende Hauptstadt Europas. Um 1870 hatte es erst gut eine halbe Million Einwohner, 1873 bereits über 900.000. Vor allem Landarbeiter und “Gesinde” von den großen Gütern Ostelbiens strömten in die Hauptstadt, um als Arbeiter, Handwerker, Lastträger, als Dienstmädchen oder Wäscherin ihr Glück zu machen. Um erst einmal ein Dach über den Kopf zu bekommen, bauten sie vor der Stadt notdürftige Bretterbuden.
Die kleinadeligen Rittergutsbesitzer kamen jetzt, in der Zeit des reicher werdenden Bürgertums, immer stärker ins Hintertreffen. Von jetzt ab wird ihr Ruf nach staatlichen Hilfen nicht mehr verstummen. Auch gesellschaftlich nähert sich die Zeit des Adels dem Ende. Zwar fühlen sich die Leutnants junkerlicher Herkunft den “Zivilisten” - auch Industriellen, Bankiers und Universitätsprofessoren - noch immer überlegen, doch wird diese Selbstüberschätzung immer weniger hingenommen. Fontane  schrieb: “Über unseren Adel muss hinweggegangen werden; ... Worin unser Kaiser die Säule sieht, das sind nur tönerne Füße. Wir brauchen einen anderen Unterbau.”


Die wirtschaftliche Veränderung erfolgte in schnellem Tempo, ohne Kaiser und Kanzler, der für die Industrie und ihre Probleme keine Antenne hatte. Diese Industrie erhöhte allein von 1870 bis 1872 ihre Produktion um rund ein Drittel, die Roheisenerzeugung um mehr als 40 Prozent, die von Stahl um 90 Prozent. Von 1876 bis 1886 wird die Industrieproduktion um nochmals 36 Prozent steigen, bis 1893 um weitere 42 Prozent. Kein Wunder, dass dieses Wirtschaftswachstum zu Auswüchsen und zum Protzentum führte. Trotzdem blieb nach Abzug aller Missstände das Bewusstsein, etwas zu sein, etwas zu gelten.


Der massenhafte Zuzug in die Ballungszentren hatte die Bodenspekulation angeheizt. Jeder Quadratmeter wurde ausgenutzt: So viele Wohnungen wie möglich, so wenig Straßen und Innenhöfe wie möglich. Die berüchtigtste Wohnkaserne in Berlins Arbeiterviertel Wedding bestand aus einem Vorderhaus und sechs hintereinanderliegenden Quergebäuden mit je fünf Stockwerken, darin 225 Mietparteien mit über 1.000 Personen. Zwischen den Hinterhäusern lag jeweils ein winziger Hof. Er brauchte nur 28 Quadratmeter groß zu sein. Die Arbeitergören, die in ihren geflickten Klamotten nicht auf der Straße spielen durften, denn dort musste man “ordentlich” angezogen sein, sahen kaum je einen grünen Baum und selten die Sonne. Die Tuberkulose grassierte. Nach einer behördlichen Verfügung standen dem Erwachsenen drei Quadratmeter Bodenfläche und zehn Kubikmeter Luft zu, Kindern ein Drittel davon. “Zwei Drittel der Berliner, etwa 600.000 Personen, lebten 1871 in Wohnungen mit höchstens zwei heizbaren Räumen, davon über 160.000 in Kleinwohnungen, die aus einer heizbaren Wohnküche mit unbeheizter Schlafkammer bestanden und im Durchschnitt mit sieben Personen belegt waren. Rund 90.000 Einwohner Berlins waren bereits 1871 als ‘Schlafbursche’ oder ‘Schlafmädchen‘  gemeldet.” Das waren Arbeiter oder Gelegenheitsarbeiter, die sich kein eigenes Zimmer, geschweige denn eine eigene Wohnung leisten konnten. Ihre Schlafstelle konnten sie jedoch nur vom Schlafengehen bis zum Aufstehen beanspruchen, tagsüber durften sie nicht in die Wohnung.

Die, die sich selbst so eine Schlafstelle nicht leisten konnten, konnten ins Obdachlosen-Asyl, aber innerhalb von vier Wochen nicht öfter als viermal hintereinander. In den anderen Nächten schliefen sie auf Parkbänken. Diese Not, diese Ausbeutung erklärt die ungeheuren Ausmaße der Prostitution. Liebe war das Brot der Armen, auch der meisten Fabrikarbeiterinnen und Dienstmädchen.


Das war in den “besseren Kreisen” ganz anders: Die “höheren Töchter” aus “gutem Hause” hatten kein anderes Lebensziel als einen Mann zu ergattern. Eine unverheiratete Frau war eine gesellschaftliche Unperson. Reich sollte er schon sein, denn man musste ja “standesgemäß” leben. Berufstätigkeit war für Frauen “unschicklich”. Auch studieren konnten Frauen nicht, wählen auch nicht und eine Lebensgemeinschaft ohne Trauschein wäre “öffentliche Unmoral” gewesen. Eine “anständige” Frau durfte mit einem Mann nicht einmal allein in einem Zimmer sein, ein Wort wie “Geschlecht” ihr nicht über die Lippen kommen. Waden und Arme durften nicht zu sehen sein. Die Prüderie war unvorstellbar, die Moral jedoch doppelbödig. Die Männergesellschaft kanalisierte ihr Triebleben kräftig.


Der Klassengegensatz und die Klassenabgrenzung waren scharf. Jeder wusste, was er durfte und was er nicht durfte. Es war der krasse Gegensatz zur “offenen” Gesellschaft von heute. Die “Gesellschaft” von damals war nur die Oberschicht. Formalitäten prägten das Leben. Zu den gesellschaftlichen Formen gehörten auch Uni-Formen, auch die des Reserveoffiziers. Sie hielt den Träger auch in Form; die österreichische Kaiserin Sissi konnte nicht umfallen, als ein Attentäter sie erstochen hatte, weil sie so stramm geschnürt war. Kurz gesagt: Die Formen der Epoche waren militärisch-zwanghaft.


Es war keine heile Welt, in der die Mehrzahl der Deutschen lebte. Zu viel Not und Elend! In den zwanzig Bismarck-Jahren suchten mehr als eine Million ihr Glück in Amerika. 1873 hatte es einen großen Börsenkrach gegeben. Trotzdem ging die Industriealisierung und das Wirtschaftswachstum weiter. Es war das erste deutsche “Wirtschaftswunder”. Dazu trug bei, dass Maße und Gewichte und das Geld vereinheitlicht wurden; 1871 gab es noch 126 verschiedene Münzen und 108 verschiedene Banknoten. Das in Norddeutschland geltende Strafgesetzbuch wurde jetzt auch in Süddeutschland gültig.


Frankreich hatte den Abfluss der vier Milliarden Mark bald verkraftet. Sie waren ja nur die Hälfte der Schadenssumme, die die aus Amerika eingeschleppte Reblaus dem französischen Weinbau zufügte. Auch der Verlust des Elsass war mehr ein Vorwand für seine Rachegelüste. Der eigentliche Grund war die Niederlage, durch die Frankreich seine Führungsposition verloren hatte. Deutschland aber, bisher nur eine mit sich selbst beschäftigte, kaum zur eigenen Verteidigung taugliche Ansammlung überwiegend kleiner Ländchen, zusammengedrückt in der Mitte Europas, hatte jetzt als geeinter Staat „die Fähigkeit gewonnen, die andere Großmächte längst besaßen, nämlich zu attackieren.“


Die Vorbehalte der Katholiken gegenüber Bismarcks Führung hatte in ihm eine starke Antipathie erzeugt. Er sah die katholische Patriotenpartei Bayerns, die katholischen Elsässer, die Polen, die sich infolge des preußisch-protestantischen Druckes an die immer stärker werdende katholische Zentrumspartei anlehnten, in einer Front gegen sich. Die Zentrumspartei in Westfalen, an Rhein, Ruhr, Mosel und Saar, in Oberschlesien und im Ermland war ihm doppelt verdächtig, weil sie auch als Interessenvertretung der Industriearbeiter auftrat. Das Zentrum wird die erste Volkspartei. Das ist dem klassebewussten Junker fremd und zuwider. Er sieht im politischen Katholizismus einen Feind, der, meint er, auch noch vom Papst ferngesteuert wird. Kurzerhand macht er den Katholizismus zum “Reichsfeind”.


Eine Erklärung für Bismarcks Blindwütigkeit war: "Der Protestantismus der damaligen Zeit war in erster Linie gar nicht gläubiges Christentum, auch nicht gläubiges Luthertum, sondern Kulturprotestantismus als Ersatz für Lutherprotestantismus. Im höchsten Maße aber war er Antikatholizismus. Bekämpfung und Unterdrückung der katholischen Kirche, gestützt auf das Bewusstsein eines überspannten Superioritätsgefühls und auf die Macht des preußischen Staates, dessen geistiger, religiöser, kultureller Träger zu sein der Protestantismus als einen Wesensbestandteil erachtete."


Die Fortschritte der Naturwissenschaften und die aufstrebende industrielle Technik brachten ein neues Weltbild. Die Unsterblichkeit der Seele wurde zweifelhaft, der Glaube an Gott war nicht mehr felsenfest. Kirche und Papsttum wurden von vielen als “mittelalterlich” abqualifiziert. Die Widersprüche bewegten zwar die ganze zivilisierte Welt, aber nur im Bismarck-Reich wurde ein ideologischer Bürgerkrieg daraus, der “Kulturkampf“. Tatsächlich ging es nicht um die Kultur, auch weniger um die Religion, sondern um den Zusammenschluss der katholischen Bevölkerung ganzer Provinzen in einer Volkspartei, die sich erkühnte, Bismarcks Politik zu kritisieren und eigene Positionen zu beziehen.

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