1870 - 1890 1871

postheadericon 1871

Zuvor hatte es Verbote geregnet. Die Geistlichen mussten ein “Kulturexamen” machen, um angestellt zu werden. Dahinter verbargen sich Gewissensqualen, denn in den Prüfungskommissionen saßen viele kirchenfeindliche Professoren. Die Priesterseminare wurden der Staatsaufsicht unterstellt. Die Oberpräsidenten der preußischen Provinzen konnten gegen die Besetzung geistlicher Stellen Einspruch erheben. Die kirchliche Disziplinargewalt wurde eingeschränkt, der Austritt aus der Kirche erleichtert. Der Pfarrer durfte erst trauen, nachdem die Ehe standesamtlich beurkundet war. Pfarrer, die sich nicht daran hielten, landeten im Gefängnis. Selbst freigewordene Bistümer wurden in staatliche Verwaltung genommen, wenn der Kandidat dem Kanzler nicht passte. Preußen verbot alle Orden, die nicht der Krankenpflege dienten, und alle Priester und Bischöfe wurden mit der Ausweisung bedroht, die gegen die staatlichen Maßnahmen aufbegehrten. Die materielle Bedrohung folgte durch das “Brotkorbgesetz”: Es verfügte die Sperrung aller staatlichen Zuschüsse an die Bistümer und Pfarreien, die sich nicht zum Gehorsam verpflichteten.


Bismarck, der mit seinem Wort “Nach Canossa gehen wir nicht!” im Reichstag antikatholische Ovationen erhielt, hatte bald Gelegenheit, die Verwüstungen in der religiösen Landschaft zu betrachten: Mehrere Bischöfe, darunter die Erzbischöfe von Köln und von Posen-Gnesen, waren eingesperrt, zeitweise waren alle preußischen Bistümer und rund ein Viertel der katholischen Pfarreien verwaist. Dort gab es keinen Gottesdienst, keine Taufen, keine Trauungen. Der Bischof von Breslau war noch rechtzeitig nach Österreich geflohen. Die Kaiserin hatte ihn gewarnt. Der Kanzler hatte damit die katholische Bevölkerung - neben 25,6 Millionen Protestanten 14,8 Millionen - in unnötige Opposition gegen Preußen und das gemeinsame Reich getrieben. Der Gründer hatte sein Reich in zwei Hälften gespalten, die nicht einmal in den folgenden zwei Generationen wieder zusammenwuchsen.


Selbst gewichtige protestantische Kreise, Kaiser und Kronprinz eingeschlossen, wandten sich gegen die Unterdrückung der Gewissensfreiheit und drängten auf Einstellung dieses Staatsterrorismus. Als Pius 1878 starb, fiel der Rückzug leichter. Von den einschlägigen Gesetzen blieb nur die Zivilehe und die weltliche Schulaufsicht bestehen. Gewinner war das Zentrum. Ab jetzt hat es in der Politik eine Schlüsselstellung.


Auch die Sozialdemokratie ist auf dem Weg zur Volkspartei. In den norddeutschen Reichstag von 1867 waren nur zwei sozialistische Abgeordnete eingezogen: Wilhelm Liebknecht und August Bebel. Abgeordnetendiäten hatte Bismarck - von Marx gelegentlich “Pißmarck” genannt - nicht vorgesehen, um Minderbegüterte auszuschließen. Immunität gab es auch nicht. Aber die Partei wächst. Ihr Gründer Lassalle war in der Schweiz bei einem Duell umgekommen. Karl Marx saß in London. Die Nöte der Arbeiter kannte er nicht.

“Arbeiter” aber war ein Synonym für die Armen. Die proletarische Not ließ jedoch die Sammlung immer stärker werden. Der “Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” Lassalles war großdeutsch und antipreußisch gewesen. 1869 hatten Liebknecht und Bebel die “Sozialistische Arbeiter-Partei” gegründet. Sie war kleindeutsch und bismarckisch. 1875 vereinigten sich die feindlichen Brüder gegen den Willen von Marx und Engels, die nur die Weltrevolution im Sinn hatten, zur “Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands”, der Mutter unserer SPD.


Ihr Ziel war eine sozialistische Gesellschaft. Wichtiger war für die Arbeiter zunächst die Forderung von nur zehn Arbeitsstunden pro Tag, unentgeltlicher Schulbildung und dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht. Die Partei bekam solchen Zulauf, dass 1877 bereits zwölf sozialistische Abgeordnete in den Reichstag kamen, trotz einer Wahlkreiseinteilung, die sie stark benachteiligte.

zurück weiter