1870 - 1890 1878

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Im Frühsommer 1878 hatte man auf den Kaiser geschossen. Die zwei Attentatsversuche lieferten Bismarck wieder einen Vorwand zur Auflösung des Reichstags. Er sah die Chance, sein “Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie” durchzubringen, das der Reichstag abgelehnt hatte. § 1 dieser “Sozialistengesetze” kennzeichnet die Richtung: “Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung bezwecken, sind zu verbieten.” Es ging weiter mit dem Verbot aller Parteiorganisationen und Gewerkschaften, sozialistischen Zeitungen, Versammlungen und Kundgebungen. “Personen, von denen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu besorgen ist,” konnten aus ihren Heimatorten ausgewiesen werden. Die Bürger waren für diese Gesetze und gegen den “sozialdemokratischen Schwindel” der “vaterlandlosen Gesellen”, womit die rote “Internationale” gemeint war. Sie hatten Angst vor denen, die sagten: “Eigentum ist Diebstahl”. In dieser Furcht hatte sie Bebel, der Führer der Sozialdemokraten, bestärkt: “... , dass der Kampf (der Kommune) in Paris nur ein kleines Vorpostengefecht ist, dass ..., ehe wenige Jahre vergehen, der Schlachtruf des Pariser Proletariats; Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang, der Schlachtruf des Proletariats sein wird!” Mehr noch als für das Bürgertum mussten solche Reden für Adel und Aristokratie eine Kriegserklärung sein. Bismarck sagte, dass ihm die Rede Bebels einen Feind vor Augen stellte, gegen den der Staat in Notwehr handeln musste. Deshalb versuchte er, sich mit den anderen Großmächten über die Abwehr der Sozialdemokratie zu verständigen.


Die Sozialistenverfolgung erhöhte die Zahl der Gefängnisinsassen um 1.500 Sozialdemokraten. Lehrer, Buchhändler, Drucker und Gastwirte, die sich sympathisierend oder auch nur kritisch geäußert hatten oder auch nur dabei anwesend waren, waren gefährdet. Fabrikanten, Handwerker und Vermieter entließen oder kündigten sozialdemokratischen Arbeitern und Mietern. Betriebe, die Sozialdemokraten beschäftigten, spürten das an der Abnahme der Aufträge. Dabei waren die Wünsche der Arbeiter nur zu berechtigt: Als beispielsweise die Hamburger Bäckergesellen streikten, forderten sie außer der Verkürzung der Nachtarbeit und der Erhöhung des Wochenlohns um zwei Mark auch, von den Meistern mit “Sie” angeredet zu werden und bei Tisch Messer und Gabel zu erhalten.


Wie der Kulturkampf, erzeugte auch die Sozialistenverfolgung Hass und Unnachgiebigkeit. Die Idee und die von ihr ausgehende Bewegung aber wuchs und wuchs. Bismarck erlitt seine zweite innenpolitische Schlappe.

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