1870 - 1890 1878

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Das Jahr 1878, das Bismarck die Niederlage im “Kulturkampf” brachte, bescherte ihm einen außenpolitischen Triumph: den Berliner Kongress, der ihn in den Mittelpunkt der Weltpolitik stellte. Seit langem zeigte das Osmanische Reich Auflösungserscheinungen. Die Türken versuchten ihren Besitz mit Grausamkeit zu erhalten. In Russland war der Nationalismus zum Panslawismus gewachsen. Infolgedessen warf sich das Zarenreich zum Schutzherrn der slawisch-christlichen Balkanvölker auf. Dazu kam pure Expansionspolitik: Russland wollte das Reich des Sultans zerschlagen, die europäische Türkei in Satellitenstaaten verwandeln und die türkischen Meerengen erobern, um endlich freie Fahrt ins Mittelmeer zu bekommen.

Das wollte England verhindern. Auch Österreich-Ungarn wollte Russland nicht weiter auf dem Balkan vordringen lassen, da es befürchten musste, die Adriaküste zu verlieren, an die die Italiener von der anderen Seite heranwollten.


Jetzt war der “kranke Mann am Bosporus” besiegt, Russland zur beherrschenden Balkanmacht geworden, die europäische Türkei zusammengeschmolzen. England und Österreich-Ungarn fühlten sich durch das russische Vordringen bedroht. Ein Krieg schien unvermeidlich, wenn es nicht gelang, ein Gleichgewicht der Kräfte zu erreichen. Die Russen hatten ihre starke Position behalten wollen. Nun waren sie bitter enttäuscht, dass Bismarck ihr Stillhalten in den drei Kriegen, die sein Deutschland zustandekommen ließen, nicht honorierte.


Bismarck sagte dem Kongress: “Wir sind hier nicht versammelt, um über das Glück der Bulgaren zu beraten, sondern um den Frieden Europas zu sichern.” Das war zu anspruchsvoll. Die Franzosen hatten ihre Teilnahme davon abhängig gemacht, dass Nordafrika, Syrien und Ägypten nicht zur Debatte stünden. Und Deutschland bekam die Staaten-Struktur, die Bismarck geschaffen hatte, nicht einmal gebilligt. Sie beruhte weiterhin auf Deutschlands Stärke, nicht auf der Zustimmung der Großmächte. Die Türkei wurde noch erhalten, Russland bekam die Dardanellen nicht, dafür den Besitz des Kaukasus bestätigt. England durfte Zypern besetzen und Österreich-Ungarn bekam das Recht, Bosnien und die Herzegowina zu okkupieren zum Verdruß der Italiener, die die Adria samt Hinterland für sich reklamierten.


Bismarck, der die Verhandlungen vorangetrieben hatte, um so bald als möglich nach Bad Kissingen zum Abspecken fahren zu können, soll rückblickend gesagt haben, dass dieser Kongress seine größte Dummheit war. Tatsächlich kam die Wut der Russen über ihre Niederlage in der Presse, der Diplomatie, ja sogar in der Abkühlung der dynastischen Beziehungen zum Ausdruck. Der Kanzler, der diese Entwicklung verschuldet hatte, musste befürchten, dass Russland unter der Fahne des Panslawismus die Slawen Österreich-Ungarns an sich ziehen würde.

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