1870 - 1890 1884-1885

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Dem “Kolonialrausch” hatte sich Deutschland doch nicht entziehen können, obwohl Bismarck schon 1871 klargestellt hatte: "Ich will ... gar keine Kolonien. Die sind bloß zu Versorgungsposten gut." Und sie kosteten nur, waren jedoch weder Rohstoffliferanten noch Absatzmärkte. Außer Sisal und Kokosnüssen warfen sie kaum etwas ab und als Exportgebiete waren sie höchstens für die ostelbischen Großagrarier von einiger Bedeutung: Nicht weniger als drei Fünftel der deutschen Ausfuhr von "Klarem" nach West-Afrika kamen von ihnen. 1887 bot deshalb Bismarck die Kolonien dem italienischen Ministerpräsidenten zum Kauf an. Das waren Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika. Nachdem die Briten Napoleon besiegt hatten, hatten sie den Globus mit ihren Kolonien überdeckt. War man irgendwo gelandet, erklärte man sich zum Eigentümer dieses Gebietes. Es galt als herrenlos, auch wenn dort Ureinwohner lebten. Weitere Gründe für den Kolonienerwerb waren die christliche Bekehrungssucht und die zivilisatorische Überheblichkeit. Man sah im schwarzen, braunen oder gelben Eingeborenen nur den “Wilden”, für den es nur gut sein konnte, wenn sich der „weiße Mann“ endlich seiner annahm. Für die Missionare war er gar ein “Heide”, der bekehrt werden musste.


Oft wurden Handelsstützpunkte mit Drohung, Gewalt oder mit Täuschung in Besitz genommen. Beispielsweise kaufte am Rande des heutigen Namibia der Bremer Tabak-Kaufmann Adolf Lüderitz einem Nama-Häuptling die spätere Lüderitz-Bucht für 260 Gewehre und 600 Pfund ab, dazu noch einen Küstenstreifen von 20 geografischen Meilen. Der Häuptling hatte geglaubt, er habe nautische oder englische Meilen von 1,6 Kilometern verkauft. Als er sah, dass er stattdessen jeweils 7,4 Kilometer verkauft haben sollte, nutzte sein Protest nichts mehr.

Unter den Männern, die sich in diese fremden Welten wagten, war auch Carl Peters, Pastorensohn, Historiker, ehrgeizig, mutig, zäh. Er wollte in Ostafrika ein Kolonialreich gründen. Er erwarb Tanganjika und Sansibar, 1889 auch Uganda, als deutsches Sprungbrett nach Indien. Diese Aktivitäten kollidierten bald mit französischen und britischen. Man lud also wieder zu einer Konferenz nach Berlin ein. Der völkerrechtliche Kodex, der ohne jede Beteiligung der Ureinwohner ausgehandelt wurde, verhinderte weder das grausame Regime in der Privat-Kolonie des königlich-belgischen Ausbeuters Leopold, noch hielten sich später die anderen Mächte an die Abmachung, die Kolonien bei einem europäischen Krieg als neutrale Gebiete zu betrachten. Der einzige Gewinn der “Kongo-Konferenz” war das endgültige Verbot des Sklavenhandels.


Der Palazzo Vendramin in Venedig hatte dem Tod Richard Wagners  den standesgemäßen Rahmen gegeben. Das Musikgenie hatte es verstanden, sich zum “mit Inbrunst geliebten einzigen Freund” des Bayernkönigs zu machen. Was dabei herauskam, konnte sich hören lassen. Nietzsche  nannte seinen Ring der Nibelungen “die erste Weltumsegelung im Reiche der Kunst”. Wagner wie Nietzsche huldigten dem Kraft- und Herrenmenschentum. Nietzsche warf Wagner vor, er sei in Sachen Christentum “zu Kreuze gekrochen”. Mitleid sei Schwäche und damit keine “Herrenmoral”. Der “Wille zur Macht” und der “Übermensch” sind zwei weitere Begriffe Nietzsches. Wagner und er haben Geist und Kultur der Deutschen stark beeinflusst.


Der dem Pump-Genie Wagner hörige Ludwig II.  war alles andere als ein “Übermensch” dieser Art. Während der Preußenkönig mit seinen Truppen in den Krieg von 1870 zog, versteckte sich der “Märchenkönig” auf der Roseninsel oder ergötzte sich an einem Feuerwerk. Als der schwule “Kini” “durch Bauten und Theater” über vierzehn Millionen Schulden gemacht hatte, rückte sein Finanzminister nichts mehr heraus. Ludwig wollte ihn darum blenden und nach Amerika verbannen lassen. Seine Regierung ließ Ludwig entmündigen und auf Schloss Berg festsetzen. Eines Juni-Abends 1886 zog man ihn und seinen Irrenarzt-Bewacher tot aus dem Starnberger See, beide wahrscheinlich hinterrücks erschossen von zwei vom eigenen Kabinett gedungenen Heckenschützen. Er war zwar ein Spinner, aber kein Verrückter. Er gab zwar viel für Wagner-Opern und Schlösser, aber wenig Geld für Kriege aus. Diese Schlösser werden heute von Millionen besucht, sie entsprachen dem Geschmack der Zeit. Damals ließen sich Reiche sogar Burgruinen bauen.


Nicht nur der spinnerte Ludwig, die ganze Zeit drängte zum Kolossalen. Die Städte befreiten sich von der beengenden Ummauerung des Mittelalters. In Wien ließ der Kaiser ab 1857 Bastionen und Gräben einebnen, Köln begann 1881 damit. Die entstandenen “Ringe” dienten nicht nur dem Verkehr, sie wurden sogleich von der bürgerlichen Selbstdarstellung vereinnahmt. Nach der Wiener Ringstraße wurde ein ganzer Stadtbaustil benannt.


Kolossal vor allem die Denkmäler. Hermann der Cherusker etwa, der aussieht wie Lohengrin ohne Schwan. Der nationale Aspekt ist überstark. Das Niederwalddenkmal über Rüdesheim wird zum Nationaldenkmal: Hundertdreiunddreißig fast lebensgroße Fürsten und Soldaten aus 75.000 Kilo Kanonen von 1870/71, das Ganze gekrönt von der Germania mit sieben Meter langem Schwert und ein Meter hoher und 600 Kilo schwerer Krone. Zum “Fest des Vaterlandes”, den Einweihungsfeierlichkeiten, waren auch drei Attentäter gekommen. Der Herbstregen hatte zwar so rechtzeitig aufgehört, dass der Kaiser und die versammelten Fürsten nicht nass wurden, bereits feucht aber war die Zündschnur, die die Drei zu einem Krug mit Nitroglyzerin gelegt hatten. Die Fürsten blieben so ihrem Volk erhalten, das ehrfürchtiger denn je zu ihnen aufblickte.


Deutscher Erfindergeist bietet jetzt ganz neue Transportmittel: Schon 1816 war dem späteren Erfinder einer Fleischhackmaschine, einer “wohlfeilen Schießmaschine“, des “dyadischen Rechensystems“ und eines “Schnellschreibclaviers” der Gedanke gekommen, “einen auf zwei Rädern befestigten Sitz mittels der Füße fortzubewegen.” Den Erfinder dieses “Velocipeds”, den Forstmeister Baron Drais von Sauerbronn, entließ man jedoch als “geistesverwirrt“ aus dem Staatsdienst, weil er seine Erfindung gegen die Gassenjungen handgreiflich verteidigte, wenn er auf seiner “Draisine” bejohlt wurde. Doch dieses Laufrad entwickelte sich bald zum Fahrrad.

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