1870 - 1890 1885

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Eine Revolution des Individualverkehrs kündigte sich mit Geknatter und Gestank an: Carl Benz führte mit seiner dreirädrigen “Kraftdroschke”, seinem “Patent-Motorwagen”, erste Testfahrten durch. Das tat auch Gottlieb Daimler auf seinem hölzernen Motorrad, das er mit Wilhelm Maybach gebaut hatte. Für das “Automobil Nr. 1” erhielt Benz 1886 das Deutsche Reichs-Patent 37.435. In diesem Jahr brachte auch Daimler eine vierrädrige “Droschke ohne Pferd und Deichsel” auf die Straße. Der Ingenieur Otto Lilienthal hatte sich in Berlin-Lichterfelde gar Flugmaschinen gebaut. Er schaffte damit Flüge von über dreihundert Metern. Ein Menschheitstraum hatte sich erfüllt.


Diese und viele andere Erfindungen und ihre Umsetzung in erstklassige Handelsprodukte öffneten Deutschland die Weltmärkte. Ein Jahrhundert lang war das britische Empire die führende Wirtschaftsmacht gewesen. Jetzt eroberten deutsche Produkte sogar den bitischen Binnenmarkt. Dabei handelte es sich nicht nur um die High-Tech-Produkte von damals, die elektrotechnischen Erzeugnisse. Sogar die englischen Stahlprodukte waren nicht mehr konkurrenzlos. Die Sheffielder Fabrikanten beschwerten sich daher bei ihrer Parlaments-Lobby. Die veranlasste 1887 den Merchandise Act: Alle Waren, die in das britische Weltreich, das ein Fünftel der Weltbevölkerung einschloss, eingeführt wurden, mussten das Ursprungsland erkennen lassen. Das war als Diskriminierung deutscher Waren gedacht und als Verpflichtung: Buy british! Doch was als Abwertung geplant war, wurde zum Gütezeichen. “Made in Germany” wurde deshalb oft von britischen Herstellern gefälscht.


Die deutsche Chemie führte weltweit. Die Regierenden kannten zwar Krupp und Stumm, Hoesch und Röchling, die “Stahlbarone”. In ihrer Kanonenideologie hatten dagegen die neuen Teerfarben keinen Platz. Die Farbenfabriken Bayer waren 1863, die BASF, die Badische Anilin- und Soda-Fabrik, war 1861 gegründet worden. War früher die Krapp-Färberei ein bedeutender Wirtschaftsfaktor gewesen, so hatte man jetzt bessere synthetische Farbstoffe.


Die Woge der Prosperität, die die Schönen und Reichen schaukelte, spült auch eine noch nicht dagewesene Perversität unter die Eliten. Während sich bis dahin die Armen mit Fusel und die Reichen mit “Schampus” berauscht hatten, kann man es jetzt auch mit einer Droge. Angefangen hatte es eher komisch. Um die Manöverleistung zu steigern, kippte ein bayerischer Militärarzt seiner Truppe ein Pülverchen ins Trinkwasser - Kokain. Über den Tatendrang der Gedopten berichteten danach die Zeitungen. Das las in Wien ein junger Arzt. Sein künftiger Schwiegervater wollte einen reichen oder wenigstens bekannten Schwiegersohn. Also kaufte sich der Jungarzt für fünfeinhalb Reichsmark, damals der Wochenlohn eines Arbeiters, ein Gramm des Wundermittels. Seine Selbstversuche veröffentlichte er in einem Fachblatt. Er wurde bekannt und heiratsfähig. Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, hat es jedoch später sorgsam vermieden, davon zu sprechen. A propos Psychoanalyse: Auch wenn sie von vielen als “die horrendeste Bauernfängerei des 20. Jahrhunderts", so Medizin-Nobelpreisträger Medawar, oder einfach als Scharlatanerie angesehen wird, hat der Seelenheiler doch gegen den himmelstürmenden Fortschrittsglauben seiner Zeitgenossen die Einsicht durchgesetzt, “dass der homo sapiens nicht vom Licht der Vernunft geleitet, sondern am Narrenseil seiner Triebe durchs Leben und durch die Geschichte gezogen” wird.

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