1870 - 1890 1888

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Das Jahr 1888 wurde das “Dreikaiserjahr”: Der neunzigjährige Wilhelm, der sich gegenüber seinem Kanzler in sein Schicksal gefügt hatte - “Es ist nicht immer leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein” -, entschlummerte sanft. Der neue Kaiser war bereits vom Tode gezeichnet. Seinen verkrebsten Kehlkopf hatte man wegoperiert, bei seinem Regierungsantritt konnte er schon nicht mehr sprechen. Auf diesen Friedrich III. warteten viele Liberale. Er hatte eine Tochter der Queen Victoria zur Frau. Der Kanzler hasste die “Engländerin” und verachtete ihren Mann, weil der sich von ihr beherrschen ließe. Tatsächlich war Kaiserin Victoria eine emanzipierte Frau. Da die tonangebenden Kreise eine Liberalisierung befürchteten, wenn Friedrich Kaiser werden würde, hatte man sie verketzert. Auch Bismarck mag befürchtet haben, dass der neue Kaiser einen liberalen Kanzler berufen würde. Er hatte jedoch die Auskunft erhalten, dass der Kaiser den Sommer nicht überleben würde. Nach 99 Regierungstagen war er tatsächlich tot.


Für Bismarck war Friedrichs Liberalismus “unglaubliche politische Schwachköpfigkeit”. Dieser Meinung waren auch die meisten Repräsentanten des Preußentums und die Nationalliberalen, die stärkste Reichstagspartei. Dort herrschte seit 1879 “die Koalition von Landjunkern und Schlotbaronen, von Rittergut und Hochofen, von Großgrundbesitz und Schwerindustrie“. Dieses Bündnis hat die demokratische Entwicklung um Jahrzehnte verzögert.


Der neue Kaiser, Wilhelm II. , begann seine Regierung mit einer Ungeheuerlichkeit. Überfallartig ließ er den Wohnsitz seiner Eltern, das heutige Schloss Charlottenburg, von Gardesoldaten besetzen. Ein Generaladjutant durchwühlte Schubladen nach “geheimen” Papieren. Der junge Regent wollte verhindern, dass seine Großmutter, die Queen, noch mehr über ihn erfuhr, als sie schon wusste.


Wilhelm hatte einen zu kurzen linken Arm und deshalb Minderwertigkeitskomplexe. Kein Wunder in einer Zeit, die selbst für unwesentliche Behinderungen nur die Bezeichnung “Krüppel” kannte. Seine Mutter wollte einen starken, glanzvollen Kaiser aus ihm machen, er selbst wollte auch so sein. Seine Jugend war entsprechend hart, er hat die Frühschäden nie auskurieren können, hat sie deshalb umso mehr zu kompensieren versucht durch großsprecherisches und kraftprotziges Gehabe. Er war hochintelligent und phantasievoll, aber unstet, oft charmant und liebenswürdig, dann wieder instinkt- und taktlos, stets zur angeberischen Selbstdarstellung neigend. “Eine zerrissene Natur, die den Riss nicht spürt; er geht dem Verhängnis entgegen ...” In manchen Jahren war er bis zu zweihundert Tagen unterwegs, allenfalls telegrafisch erreichbar. Die Kaiserhymne “Heil Dir im Siegerkranz” wurde von den Berlinern in “Heil Dir im Sonderzug” umgetextet. Auf seine erste Reise nahm er neben anderem 80 Diamantringe, 150 Orden, 30 goldene Uhren und 100 juwelenbesetzte Tabaksdosen als Geschenke mit.


Wenn Wilhelm I. das wöchentliche Bad nehmen wollte, hatten Gardesoldaten den hölzernen Badezuber mit warmem Wasser aus dem gegenüberliegenden Hotel de Rome ins Schloss getragen. Sein Enkel ließ sich erst einmal sein Unterhaltsgeld auf sechs Millionen erhöhen. Die Hofbeamten und Lakaien bekamen goldbetresste Uniformen. An Uniformen nämlich hing des Kaisers Herz. Bei entsprechenden Anlässen posierte er als österreichischer General oder als dänischer Admiral. Durch die Erfindung vieler neuer übersteigerte er diesen Uniformfimmel ins Operettenhafte. Im Gegensatz dazu waren die, die auf den Latifundien der Fürsten und des Adels deren Pomp erarbeiten mussten, oft nicht einmal ausreichend bekleidet.


Als Kronprinz war er in den Händen Bismarcks Wachs gewesen. Jetzt wollte Wilhelm selbst regieren. Bismarcks Sozialistengesetze waren gescheitert, die Sozialdemokraten hatten bei den Reichstagswahlen großen Zulauf gehabt. Wilhelm wollte schnelle Reformen, um diesen Trend zu stoppen. Er wollte eine Botschaft an die Arbeiterschaft richten, er wollte “ein König der armen Leute sein”. Der altersstarre Kanzler lehnte das alles ab. Die Konsularberichte aus Russland klangen bedrohlich. Der selbstherrliche Kanzler informierte seinen Kaiser aber nicht einmal. Während der russische Unterhändler schon in Berlin wartete, stritt man um die Verlängerung des Rückversicherungsvertrages.

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